Theodor Storm: Ein Doppelgänger [Rezension]

Theodor Storm: Ein Doppelgänger [Rezension]

Vom Versuch eines Mannes, seinen Namen zurückzubekommen.

bookcoverEin Mann trifft auf seiner Reise auf einen älteren Mann, dessen Frau aus dem gleichen Heimatort zu kommen scheint. Doch als er nach der Familie der Frau fragt, wundert er sich, dass er dem Familiennamen ›Hansen‹ niemandem zuordnen kann.

Doch die Verwunderung legt sich, als bekannt wird, dass der Vater der Frau nicht unter dem Namen John Hansen im Ort bekannt war, sondern unter dem Namen John Glückstadt – benannt nach dem Ort, an dem er einst seine Zuchthausstrafe verbüßte.

Auf Grundlage dieses Missverständnisses entfaltet Theodor Storm (1817–1888) die Lebensgeschichte eines Mannes, der sein Leben lang zu kämpfen hat. Der Erzähler dieser ist jedoch nur bedingt zuverlässig.

»Ich möchte nun auch Ihnen, meinem Landsmann, etwas Weiteres vertrauen; es ist seltsam, aber es kommt mir immer wieder: mir ist oftmals, als hätte ich vorher, bei Lebzeiten meiner Mutter, einen anderen Vater gehabt –, den ich fürchtete, vor dem ich mich verkroch, der mich anschrie und mich und meine Mutter schlug … und das ist doch unmöglich! Ich habe später selbst das Kirchenbuch aufschlagen lassen; meine Mutter hat nur diesen einen Mann gehabt. Wir haben zusammen Noth gelitten, gefroren und gehungert; aber an Liebe war niemals Mangel.«

Nachdem John Hansen in seiner Jugend straffällig geworden ist, wird er aus der Haft entlassen. Er ist wild entschlossen, seinen Lebensunterhalt nun mit ehrlicher Arbeit zu verdienen und sich nichts mehr zu schulden kommen zu lassen. John ist kräftig und durch sein grimmiges Aussehen scheint er für eine Arbeit als Aufseher wie gemacht. Hier lernt er auch seine zukünftige Frau kennen, die einst für ihren Lebensunterhalt betteln musste.

Doch als die Arbeit allgemein knapper wird, ist John der Erste, der dies zu spüren bekommt. Ob er eine Anstellung bekommt, ist von der Gnade seiner Mitmenschen abhängig. Und ganz gleich, wie sehr John versucht, zu beweisen, dass er ein rechtschaffener Bürger ist, kann er das Stigma seiner frühen Schuld nicht loswerden. Im Kopf der meisten Menschen um ihn herum ist er noch immer John Glückstadt, der nur einen Schritt davon entfernt ist, wieder ein Verbrechen zu begehen. Besonders hart wird das Leben für John, als ein harter Winter kommt und auch als ein Mann in den Ort zurückkommt, mit dem John einst sein Verbrechen verübte. So sehr er versucht, dem Mann aus dem Weg zu gehen, sucht dieser seine Gegenwart. Und die Augen der Mitbürger ruhen bei jedem Schritt auf John.

»John hatte sein Kind auf dem Schoß; er sann wohl darüber nach, warum in solcher Zeit das Mitleid nicht den Armen Arbeit schaffe; er wußte nicht, daß es an ihm vorbeigegangen war. Die lange nicht gestutzten Haare hingen über seine eingefallenen Wangen; die Arme hielt er um sein Kind geschlungen.«

Über die Jahre ist Storms Novelle ›Ein Doppelgänger‹ in zahlreichen Ausgaben erschienen. Erstmals erschien sie 1887, als Storm bereits um die 70 Jahre alt war. Im Jahr darauf erschien seine berühmte und letzte Novelle ›Der Schimmelreiter‹, bevor er 1888 starb.

bookObwohl vieles an der Figur John Hansen in ›Ein Doppelgänger‹ aus heutiger Perspektive kritisch gesehen werden muss – vor allem die häusliche Gewalt –, rührt Johns Schicksal. Storm zeigt einen Mann, der sein Leben dem Wunsch gewidmet hat, sich und seine Familie mit rechtschaffener Arbeit durchs Leben zu bringen und sein Ansehen wieder herzustellen. Und der so wenige Möglichkeiten dafür erhält. Theodor Storm, der heute als deutscher Schriftsteller des sogenannten ›bürgerlichen Realismus‹ bekannt ist, war seiner Zeit hauptberuflich Jurist und arbeitete unter anderem als Richter und Rechtsanwalt. Bereits zur Entstehungszeit der Novelle hatte sich das Strafgesetz in so weit verändert, dass ein Zuchthausaufenthalt unter anderem dazu diente, die Schuld zu büßen und die Rückkehr in die Gesellschaft zu ermöglichen.

»Der Bürgermeister, der bisher kein Wort dazu geredet hatte, nahm erst bedächtig eine Prise. ›Hm‹, sagte er, ›was soll ich meinen? – Nachdem dieser John von Rechtes wegen seine Strafe abgebüßt hatte, wurde er, wie gebräuchlich, der lieben Mitwelt zur Hetzjagd überlassen. Und sie hat ihn nun auch zu Tode gehetzt; denn sie ist ohn’ Erbarmen. Was ist davon zu sagen? Wenn ich was meinen soll, so solltet Ihr ihn jetzt in Ruhe lassen, denn er gehört nun einem andern Richter.‹«

Storm wird durch seinen Beruf aus erster Hand erfahren haben, wie weit diese Auffassung durch das Gesetz von den Köpfen und dem Wirken der Menschen entfernt war. In den Augen der meisten seiner Mitmenschen ist John Hansen nicht wegen seiner Strafe wieder gesellschaftsfähig. Im Gegenteil, weil diese bekannt ist, wird er konsequent aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Seine Strafe verleibt sich den Mann ein; in der Erinnerung der Menschen ist nicht mehr sein richtiger Name bekannt, sondern nur der Schmähname, der an seine Strafe erinnert. Am Schicksal der Figur John Hansen wird deutlich, wie wichtig die Rolle der Gesellschaft bei der Resozialisierung ehemaliger Häftlinge ist.

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Fazit zu ›Ein Doppelgänger

Ein Doppelgänger‹ gehört zu den Novellen, die mich am meisten zum Denken angeregt haben. Johns Leben ist ein Kampf, sein Schicksal ist grausam und er mitunter gewalttätig. Storm wendet sich mit ›Ein Doppelgänger‹ einer Figur zu, die zur Arbeiterklasse gehört – mehr noch, John ist ein gesellschaftlicher Außenseiter. Dennoch zeugt die Novelle von einer Mehrdimensionalität in Hinblick auf Verbrechen und Verbrecher, die im deutschsprachigen Raum vielleicht erst knapp 100 Jahre früher durch Schillers ›Der Verbrecher aus verlorener Ehre‹ (1786) ihren Anfang nahm. ›Ein Doppelgänger‹ ist meine liebste Novelle, gehört zu meinen liebsten Klassikern und bietet jede Menge Gesprächsstoff.

Buchinfo

Theodor Storm:
Ein Doppelgänger
(1887)
Novelle
Hamburger Lesehefte Verlag, Husum
56 S., EUR (D) 1,60 inkl. MwSt.
geheftet
ISBN 978-3-87291-144-5

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Bewertung: 5 von 5.


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