Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame [Rezension]

bookcoverWer sich nicht unbedingt freut, dem Ex-Freund oder der Ex-Freundin über den Weg zu laufen, der wird mit Alfred Ill mitfühlen können. Vor allem, wenn der oder die Ex in der Zwischenzeit steinreich geworden ist und man selbst keinen so luxuriösen Werdegang vorweisen kann.

Der Ort Güllen, in dem Alfred Ill lebt, ist wirtschaftlich am Ende. Doch die Bewohner sind überzeugt, dass finanzielle Hilfe von Alfreds Ex-Freundin, die in ihren jungen Jahren ebenfalls im Ort gelebt hat, ausreichen würde, um wieder in Schwung zu kommen.

Und klingt es dabei nicht nach einer guten Idee, dass Alfred seine ehemalige Verbundenheit zu Claire nutzt – immerhin ist die Trennung lange her –, um die Möglichkeit auf das Geld zu steigern?

»Vom Städtchen her der Bürgermeister, der Lehrer, der Pfarrer und Ill, ein Mann von fast fünfundsechzig Jahren, alle schäbig gekleidet.«

Bei ihren Plänen scheinen die Damen und Herren von Güllen jedoch nicht bedacht zu haben, dass die nun reiche Claire Zachanassian ihren Geburtsort damals nicht ohne Grund verlassen hat.

Und währen die Bewohner von Güllen sich von ihre Beruf finanzielle Mittel erhoffen, hat Claire eigene Vorstellungen davon, wie der Ort wieder blühen könnte. Die Bewohner von Güllen müssen sich der Entscheidung stellen, wie weit sie bereit sind zu gehen.

»Du wolltest, daß die Zeit aufgehoben würde, eben, im Wald unserer Jugend, voll von Vergänglichkeit. Nun habe ich sie aufgehoben, und nun will ich Gerechtigkeit, Gerechtigkeit für eine Milliarde.«

Als Dürrenmatt 1956 ›Der Besuch der alten Dame‹ veröffentlichte, selbst noch in seinen 30ern, war das Stück überaus erfolgreich. Mit dem Untertitel ›Tragische Komödie‹ versehen, verfügt es über beide Elemente. Die Tragik, die sich in der Gestalt von Claires und Ills gemeinsamer Vergangenheit über die Stadt legt, und nur für die beiden wirklich begreifbar scheint. Eine Komik, da die anderen Bewohner Güllens, sich schon an den Gedanken einer Milliarde zu gewöhnen scheinen, bevor die Voraussetzungen dafür geschaffen sind.

Während die Lösung für Güllen zu Beginn des Dramas auf der Hand zu liegen scheint, wird bald deutlich, dass der Ort nicht nur wirtschaftliche Probleme hat. Dürrenmatt denkt seine Stücke und Geschichten strikt zu Ende. Die Wunden und die Schuld seiner Charaktere sitzen tief.

Dürrenmatts Dramen zeichnen sich durch originelle Ideen, Tiefe und Kürze aus. Kaum ein Wort scheint belanglos, alles arbeitet auf den Höhepunkt zu. Auch 30 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers überzeugen seine Stücke und sollten unbedingt gelesen werden.

Friedrich Dürrenmatt:
Der Besuch der alten Dame

Tragische Komödie
Diogenes, Zürich 1998 (1956)
160 S., EUR (D) 10,- inkl. MwSt.
Taschenbuch
ISBN 978-3-257-23045-1


Bewertung: 5 von 5.

2 Kommentare zu „Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame [Rezension]

  1. Oh, das ist SOOOO lange her, dass ich das Werk gelesen und im Theater gesehen habe! Ich liebe Dürrenmatt – seine Stücke sind absolut klasse und extrem aktuell! Viele Grüße, Nora

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