Helge Hesse: Die Welt neu beginnen [Rezension]

Helge Hesse: Die Welt neu beginnen [Rezension]

Geschichte als Geschehenszusammenhang.

»In jedem Moment kann man die Welt neu beginnen. An jedem Tag können sich neue Wege auftun. Wir können sie beschreiten, oder auch nicht.«

bookcoverIn ›Die Welt neu beginnen‹ widmet sich der Publizist Helge Hesse der historischen Darstellung und Einordnung des Lebens und Wirkens berühmter Persönlichkeiten der Zeitgeschichte. Dabei entführt er seine Leser:innen in die letzten 25 Jahre des 18. Jahrhunderts. Dass Hesse ein Händchen für solchen Stoff hat, konnte er bereits mit ›Hier stehe ich, ich kann nicht anders‹ und ›Ich habe einen Traum‹ unter Beweis stellen. Ersteres wurde in 14 Sprachen übersetzt und zu einem internationalen Bestseller.

In ›Die Welt neu beginnen‹ wendet sich Hesse erneut der Vergangenheit zu und gewährt den Leser:innen Einblicke in das Seelenleben und die Handlungen seiner Protagonist:innen.

»Wir erfahren, was sie erlebten, dachten, fühlten, und wonach sie strebten. Wir erfahren, wer wen kannte, mochte, liebte, bekämpfte, verachtete. […] Wir schauen über ihre Schultern, als wären wir für einen Moment lang Zeitgenossen.«

Der geschichtliche Abschnitt, dem er sich zuwendet, hat zwei große historische Ankerpunkte: die amerikanische Unabhängigkeit von 1776 und die Französische Revolution 1789. Beide Ereignisse stehen in großem Maße sinnbildlich für Neuanfang und Aufbruch. Für die Vereinigten Staaten von Amerika war es die Emanzipation vom Mutterland England und der Weg in eine selbstbestimmte Zukunft. Für Frankreich war es die Abkehr vom Absolutismus und die Hinwendung zu einem von der Aufklärung getragenen Verfassungsstaat. Damit wird der Rahmen des Buches abgesteckt: Hesse verpackt seine Geschichte in einer Aufbruchserzählung. Und diese wird nicht nur in einer großen, historischen Darstellung vermittelt; der Aufbruch ereignet sich für jede der Figuren, über die der Autor schreibt.

»In Friedrich Schiller tobte das Sendungsbewusstsein eines Jugendlichen, der den Ernst des Erwachsenenlebens ahnte, aber vieles anders machen wollte als vorangegangene Generationen. Die Welt musste eine bessere werden. Mit diesem vielleicht ihm selbst noch nicht im ganzen Ausmaß bewussten Willen arbeitete der Medizinstudent insgeheim an den ersten Szenen seines Dramas.«

Hesse erzählt keine Geschichte, die ausschließlich einem Nacheinander folgt. Natürlich ist sie im Großen chronologisch angelegt und durchläuft das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts, beginnend mit dem Jahr 1775. Das Werk präsentiert sich jedoch als Textfläche, auf der sich eine Gleichzeitigkeit der Ereignisse abbildet. So gehen die Leser:innen mit James Cook an Bord und erkunden mit ihm die Südsee. Marie Antoinette beobachten wir dabei, wie sie zur Königin Frankreichs gekrönt wird und sich nach und nach einem ausschweifenden Leben hingibt, bis jenes unter der Guillotine ein jähes Ende findet. Goethe wiederum versucht, sein von starken Emotionen geprägtes Leben zu ordnen, indem er sich auf eine Reise durch Europa begibt. An diesen und weiteren Begebenheiten partizipieren die Leser:innen in ›Die Welt neu beginnen‹. Solche Begebenheiten sind es, die das Buch zu einer interessanten Kompilation verschiedener und vor allem diverser Lebenswege macht, die aufzeigt, wie verstrickt Geschichte ist und dass diese nicht als ein für sich allein stehendes Ereignis begriffen werden kann. Geschichte ist ein Fluss, ein Zusammenwirken von Ereignissen und geprägt von aufeinander gerichteten Verweisen.

Hesse arbeitet mit einer Fülle an Informationen und versucht, die erzählte Zeit der mehr als 50 Protagonist:innen erfahrbar zu machen. In vielen kleinen, aufeinanderfolgenden Passagen spürt er den Frauen und Männern dieser 25-jährigen Geschichte nach. Nicht nur das Setting wird dafür wiederholt verlassen, auch zwischen verschiedenen Zeitpunkten wechselt Hesse munter hin und her. Durch die Aufzählung und Aneinanderreihung von Namen, Orten, Daten und Fakten erfordert es eine aufmerksame Lektüre, um den Überblick nicht zu verlieren. Hesse verpackt den Stoff lebhaft und detailverliebt, sodass ›Die Welt neu beginnen‹ zu keinem Zeitpunkt überladen wirkt. Er webt die Fäden der Geschichten durch seine Erzählstruktur geschickt zusammen, sodass ein Netz entsteht und sich die Gleichzeitigkeit der Ereignisse entfaltet.

»Vor dem Schafott drängten sich die Menschen so dicht, dass der Karren zum Stehen kam. Das Pferd scheute und bäumte sich auf. Schützend stellte sich Sanson mit seinem Sohn, der ihm bei jeder Hinrichtung assistierte, vor Marie Antoinette, die teilnahmslos schien. Auf dem Holzgerüst vergingen noch vier quälende Minuten der Vorbereitung. Versehentlich trat Marie Antoinette dabei ihrem Henker auf den Fuß. Sie sagte etwas wie: ›Entschuldigen Sie. Es war keine Absicht.‹ Dies waren ihre letzten Worte.«

bookHesse versucht, verschiedenen Persönlichkeiten in seiner westlich dominierten Weltgeschichte Raum zu geben. Doch trotz des Fokus auf die europäische und amerikanische Geistes-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte bezieht er interkulturelle Aspekte mit ein. Er lässt Figuren und Protagonist:innen in Erscheinung treten, die man sonst vielleicht übersehen hätte. Auch der Geschichte der People of Color gibt Hesse Raum und führt vor Augen, dass es weiße Unternehmer, Politiker und Großgrundbesitzer waren, die sich der Sklaverei nicht nur schuldig gemacht, sondern sie aktiv unterstützt haben.

Hesses Buch ›Die Welt neu beginnen‹ ist kein Fachbuch. Als Sachbuch ist es mit historischem Sachverstand geschrieben. Als studierter Geisteswissenschaftler ist dem Autor daran gelegen, dass die Darstellungen korrekt sind und einer kritischen Prüfung standhalten. Der Duktus bewegt sich abseits historischer oder philosophischer Fachliteratur. Auf textinterne Literaturverweise oder Fußnoten verzichtet er, was dem Lesefluss zuträglich ist. Die Immersion, die somit erzeugt wird, ist wesentlich stärker als bei einem historischen Fachbuch. Sollte man tiefer in die Materie einsteigen wollen, ist dem Buch ›Die Welt neu beginnen‹ ein Literaturverzeichnis angehängt.

»Goethe erwarb am 22. April ein Gartenhaus an einem Hang an der Ilm. Das Gartenhaus! Im Kaufvertrag hieß es: ›Garten auf dem Horne samt dem darinnen befindlichen Garten-Hause, nebst allen, was darinnen Erd-, Wand-, Band-, Nied-, Nagelfest ist.‹ Der leicht abschüssige Garten wies zu einer weiten Wiesenfläche der Auenlandschaft und war in verwahrlostem Zustand.«

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Fazit zu ›Die Welt neu beginnen

Die Welt neu beginnen‹ ist ein fantastisches Buch, das historisch interessierten Leser:innen einige Stunden Lesefreude bereiten wird. Hesse schreibt beschwingt ironisch und ordnet das Geschehen ein, ohne dabei die Handlungen und Ereignisse als moralische Instanz zu bewerten. Wer sich auf die 431 Seiten einlässt, bekommt eine runde und fachlich präzise Darstellung historischer Ereignisse. So geht Geschichte.

Helge Hesse hat mit diesem Buch den Bayerischen Buchpreis 2021 in der Kategorie ›Sachbuch‹ gewonnen.

Buchinfo

Helge Hesse: Die Welt neu beginnen [Cover]

Helge Hesse:
Die Welt neu beginnen

Leben in Zeiten des Aufbruchs 1775–1799
Reclam, Ditzingen 2021
431 S., EUR (D) 25,- inkl. MwSt.
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-15-011280-9

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Bewertung: 4 von 5.



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