Dana Grigorcea: Die nicht sterben [Rezension]

Dana Grigorcea: Die nicht sterben [Rezension]

Die Frau, die ihr Spiegelbild verlor. 

bookcoverEine jun­ge Frau kehrt nach ihrem Kunst­stu­di­um aus Paris zurück nach Rumä­ni­en, in das Dorf B., das sie schon seit ihrer Kind­heit kennt. Doch nicht nur der Ort ist in ›Die nicht ster­ben‹ mit Erin­ne­run­gen ver­knüpft. Auch die Vil­la Auro­ra, in der sie bei ihrer Groß­tan­te Mar­got lebt und die Men­schen sind ihr ver­traut. Aber das beschau­li­che Leben in B. endet jäh, als eine Frau bei einem Sturz in die Tie­fe stirbt. 

Als die Fami­li­en­gruft der Icher­zäh­le­rin für die Bestat­tung geöff­net wird, fin­det die­se dar­in zwei­er­lei. Zum einen einen toten Mann. Gepfählt und die Augen bereits aus­ge­höhlt. Zum ande­ren, wie jedoch erst spä­ter bekannt wer­den soll, das Grab des berühm­ten Fürs­ten Vlad. Und mit die­sem Fund nimmt die Ver­än­de­rung in B. ihren zügi­gen Lauf.

Tou­ris­ten strö­men in den Ort. Ange­lockt von den Berich­ten über den mys­te­riö­sen Toten und das Grab­mal eines Fürs­ten, des­sen Ruf über die gan­ze Welt bekannt ist. Bald sind Gerüch­te über den Bau eines Dra­cu­la-Parks im Umlauf.

»Ich kann nicht umhin, die­se Geschich­te zu erzäh­len, zumal ich sie aus nächs­ter Nähe erlebt habe und alle Bericht­erstat­tung dar­über als falsch erkenne.«

Doch wäh­rend B., allen vor­an der Ober­bür­ger­meis­ter und des­sen Sohn, vor allem wegen des Grab­fun­des des legen­dä­ren Fürs­ten in Auf­re­gung schei­nen, ist die Icher­zäh­le­rin an bei­den Fun­den inter­es­siert. Denn der Tote ist kein Unbe­kann­ter in B. und auch die Icher­zäh­le­rin ver­bin­det mit die­sem eine Geschichte. 

Vor dem Hin­ter­grund des Mor­des am Toten und dem Fund des Gra­bes ver­webt Gri­go­r­cea eine Geschich­te, die vol­ler schau­ri­ger Mär­chen­ele­men­te ist. ›Die nicht ster­ben‹ wirkt wie aus der Zeit gefal­len. Der Spra­che der Icher­zäh­le­rin und ihrer Art, die Geschich­te zu erzäh­len, haf­tet etwas Alter­tüm­li­ches an. Zugleich erscheint der Roman selt­sam in der Gegen­wart ver­or­tet, auch wenn Inter­net nur auf einem bestimm­ten Hügel zu fin­den ist.

»Nach der Dik­ta­tur, bald nach 1989, wur­de die Vil­la an uns zurück­er­stat­tet. Mar­got ließ das Schild­chen mit der Gra­vur ›Vil­la Dia­na‹ aus­wech­seln, neu stand da nun in geschwun­ge­ner Schrift ›Vil­la Aurora‹.«

Ele­men­te bekann­ter Vam­pir­ro­ma­ne fin­den in ›Die nicht ster­ben‹ Ein­lass, allen vor­an Bram Sto­kers ›Dra­cu­la‹, doch auch Ste­phe­nie Mey­ers ›Twi­light‹-Saga fin­det am Ran­de Erwäh­nung. Wir fin­den nicht die aus ›Dra­cu­la‹ ver­trau­te Brief­form und doch erscheint ›Die nicht ster­ben‹ im Gewand eines Berich­tes. Bis­wei­len ist es schwie­rig zu sagen, wo das Gesche­hen in Träu­me und Erin­ne­run­gen glei­tet, sodass die Icher­zäh­le­rin unzu­ver­läs­sig erscheint. 

Die nicht ster­ben‹ fragt nach dem Frü­her. Das Frü­her der Groß­tan­te Mar­got, die den Kom­mu­nis­mus und Ent­eig­nung kann­te. Das Frü­her der Icher­zäh­le­rin, in dem der Tote noch gelebt hat und B. für sie ein wun­der­ba­rer Ort gewe­sen war. Ein Zustand, dem sie zum Teil fremd zu wer­den und zu ent­wach­sen scheint, und dem sie den­noch gerecht wer­den will. Und das Frü­her eines gan­zen Lan­des, des­sen Geschich­te eng mit dem Schick­sal des Fürs­ten Vlad ver­bun­den ist, der im 15. Jahr­hun­dert lebte. 

»In man­cher Nacht wähn­te ich mich im B. von frü­her, als es hier ruhig war und beschau­lich.
Als ich den Weg hin­auf­ging, roch es wie­der stark nach Gras und nach Erdi­gem, auch nach die­ser har­zi­gen Feuch­te, die mich beim Atmen beben ließ, ich hör­te man­che Vogel­art, den ich aus der Kind­heit kannte.«

Fazit zu ›Die nicht sterben

Die nicht ster­ben‹ erzählt von Brü­chen. Von frü­her und heu­te, von dem, was die­se unter­schei­det und dem, was sie eint. Kor­rup­ti­on, Tra­di­ti­on und Schau­er ver­bin­den sich zu The­men einer beson­de­ren Geschich­te, die Gri­go­r­cea mit einem ganz eige­nen Klang erzählt. Ein inter­es­san­ter, ver­wo­be­ner und atmo­sphä­ri­scher Roman mit vie­len lite­ra­ri­schen Bezü­gen. 2021 ist ›Die nicht ster­ben‹ auf der Lon­g­list des Deut­schen Buch­prei­ses.

Buchinfo

Dana Grigorcea: Die nicht sterben [Cover]

Dana Gri­go­r­cea:
Die nicht ster­ben

Roman
Pen­gu­in Ver­lag, Mün­chen 2021
272 S., EUR (D) 22,- inkl. MwSt.
Hard­co­ver mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−328−60153−1

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Bewer­tung: 3.5 von 5.


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