Archiv der Kategorie: Titel: N

Ragnar Jónasson: Nebel [Rezension]

Von Dunkelheit und Einsamkeit. 

Als Erna sich ent­schei­det, ihren Mann zu hei­ra­ten, ent­schei­det sie sich auch für sei­nen Hof. Abge­le­gen, über vie­le Mona­te im Jahr stock­fins­ter, Ker­zen gegen die stän­di­gen Stromausfälle. 

Erla ist nicht für die­ses Leben gemacht, doch ihren Mann wür­de sie nicht im Stich las­sen. Des­sen Fami­lie küm­mert sich bereits seit so vie­len Genera­tio­nen um den Hof, dass sie weiß, dass er ihn nie ver­kau­fen wird. Nur drei Din­ge hel­fen ihr, damit klar­zu­kom­men: Roma­ne, das Radio und der Gedan­ke an ihre Toch­ter Anna. 

Auch die­ses Weih­nach­ten soll ruhig wer­den. Nur sie und ihr Mann, spä­ter viel­leicht noch Anna. Doch als es an der Tür klopft und ein Frem­der um Ein­lass bit­tet, ist es damit vorbei.

»Sie wuss­te, dass für Einar die Fami­li­en­eh­re auf dem Spiel stand. Er hat­te ein schwe­res Erbe ange­tre­ten, und es war, als wären die Geis­ter sei­ner Ahnen stän­dig anwe­send und beob­ach­te­ten ihn aus den dunk­len Ecken heraus.«

Mit dem Frem­den zieht für Erla die Furcht in das eige­ne Haus ein. Das Tele­fon ist tot, der Strom lässt sie im Stich. Und in der Nacht hört sie Geräu­sche, die nicht da sein soll­ten. Doch abge­schot­tet jeder wei­te­ren Men­schen­see­le, sich Erna, ihr Mann und der Frem­de auf sich allein gestellt.

»Durch den Strom­aus­fall war die Atmo­sphä­re ohne­hin schon son­der­bar genug: Es herrsch­te eine Art düs­te­res Zwie­licht, das Erla an die Tages­zeit erin­ner­te, die sie immer als beson­ders unheim­lich emp­fand, die Zeit, in der Geis­ter aus den Schat­ten tra­ten und mensch­li­che Gestalt anneh­men konn­ten, ohne dass man es merkte.«

Nebel‹, der drit­te Teil der ›Hul­da‹-Tri­lo­gie kann pro­blem­los an die Qua­li­tät des ers­ten Ban­des, ›Dun­kel‹, und zwei­ten Ban­des, ›Insel‹, anzu­knüp­fen. Der drit­te Band baut zwar nicht auf den Gescheh­nis­sen des zwei­ten Ban­des auf, was durch die achro­no­lo­gi­sche Anord­nung der Tri­lo­gie auch nicht mög­lich wäre, doch lässt er Hul­das Ent­wick­lung mit­er­le­ben. Eini­ge der Ereig­nis­se, die im drit­ten Band gesche­hen, hat­ten auf den ers­ten und zwei­ten Band Auswirkungen.

Was ein fried­li­ches und besinn­li­ches Weih­nachts­fest hät­te wer­den sol­len, wird in ›Nebel‹ durch Dun­kel­heit und Iso­la­ti­on zu einem Grauen.

Wie ›Dun­kel‹ und ›Insel‹ kommt ›Nebel‹ ohne mög­lichst blu­ti­ge und bes­tia­li­sche Mor­de aus. Das Grau­en und die Span­nung wach­sen aus dem, was im Inne­ren des Men­schen schlum­mert. Jónas­son zeigt in sei­ner ›Hul­da‹-Tri­lo­gie, was Geheim­nis­se, Schuld und Dun­kel­heit mit dem Men­schen, Fami­li­en oder Part­ner­schaf­ten machen kann. 

Fazit zu ›Nebel

Nebel‹ ist ein wür­di­ger Abschluss – oder Auf­takt? – der ›Hul­da‹-Tri­lo­gie. Für mich per­sön­lich sogar der liebs­te Teil der Tri­lo­gie, die sich von Band zu Band noch wei­ter gestei­gert hat. Für alle Kri­mi-Fans, die Lust auf unauf­dring­li­che­re Span­nung haben.

Buchinfo

Rag­nar Jónas­son:
Nebel

Die HUL­DA-Tri­lo­gie, Band 3
Ori­gi­nal­ti­tel: Mis­tur (Ver­lag: Bjar­tur Ver­öld)
Thril­ler
Über­setzt von: Andre­as Jäger
btb, Mün­chen 2020
352 S., EUR (D) 15,- inkl. MwSt.
Paper­back, Klap­pen­bro­schur
ISBN 978−3−442−75862−3

Lust bekom­men?

Das hier dar­ge­stell­te Cover und die ange­ge­be­ne Aus­ga­be sowie die Anga­ben zum Buch kön­nen von den der­zeit erhält­li­chen Aus­ga­ben abweichen.


Bewer­tung: 4.5 von 5.


Bewer­te die­sen Post ♥
[Total: 1 Average: 5]

Marie Graßhoff: Neon Birds [Rezension]

Von Menschen, Mauern und Maschinen. 

Ihre Leben sind mit dem Tod ver­wo­ben. Flover Naka­mu­ra und Oki­jen Van Dire, weil sie in ihrem kur­zen Leben bereits zu viel töten muss­ten. Andra und Luke, weil sie alles und jeden, den sie in ihrem Leben kann­ten, ver­lie­ren mussten. 

KAMI, ein künst­lich erschaf­fe­ner, tech­ni­scher Virus, macht Men­schen und Tie­re, die sich mit ihm infi­zie­ren, in ›Neon Birds‹ zu Mojas: Cyborgs, die von KAMI gesteu­ert Men­schen angrei­fen. Weg­ge­sperrt in Sperr­zo­nen sind sie aus dem All­tag der Men­schen ver­schwun­den. Doch wäh­rend die Men­schen sich in den Gebie­ten ein­ge­rich­tet haben, die ihnen noch blei­ben, schläft KAMI nicht – es lernt.

»Die Ältes­te sag­te, dass das, was hin­ter den Mau­ern schlum­mer­te, das Kind und gleich­zei­tig der Unter­gang der Mensch­heit sei. Geschöp­fe, von ihnen selbst erschaf­fen, gekom­men, um über sie zu richten.«

Was sagt es über eine Welt, in der die gefei­erts­ten Sol­da­ten kaum zwan­zig Jah­re alt und doch schon müde sind? Mecha­ni­sche Tie­re tum­meln sich auf den Stra­ßen und in den Woh­nun­gen, die oft­mals über und über mit Pflan­zen deko­riert sind, um sich von ihnen zu ernähren. 

Sol­da­ten wer­den im Kampf gegen die Mojas aus­ge­bil­det, die mit jedem ver­strei­chen­den Jahr stär­ker und intel­li­gen­ter zu wer­den schei­nen. An den Mau­ern zu den Sperr­zo­nen woh­nen noch ver­ein­zelt Stäm­me, die ihren eige­nen Geset­zen fol­gen, oder Men­schen, die das Leben in den Zonen nicht hin­ter sich las­sen kön­nen. Sie war­ten und hof­fen, dass das, was hin­ter den Mau­ern exis­tiert, irgend­wann wie­der so sein wird, wie sie es kannten. 

»Die Tore der Zone waren das Größ­te, was sie jemals gese­hen hat­te. Die Gewalt, die allein von den Mau­ern aus­ging, war unfass­bar für sie gewe­sen. Wie mäch­tig muss­te dann erst das sein, was sie in sich bargen?«

Doch von jenen, die sich hin­ter die Mau­ern trau­en, kom­men nur die wenigs­ten zurück. Und wäh­rend KAMI in den Mau­ern gedeiht, wer­den außer­halb der Mau­ern Ent­schei­dun­gen getroffen. 

»Außer­halb der Mau­ern erzäh­len die Men­schen ein­an­der eine Geschich­te. Eine Geschich­te von Sicher­heit und davon, dass sie durch Aus­gren­zung erreicht wer­den könn­te. Sie nei­gen dazu, alles, was sie nicht ken­nen, von sich fern­zu­hal­ten, aus Angst, es könn­te ihnen schaden.«

Die Cha­rak­te­re von ›Neon Birds‹, dem Auf­takt­band zur Tri­lo­gie von Marie Graß­hoff, sind eben­so beson­ders, wie es die Welt ist, die Graß­hoff erschafft. Weder Flover noch Oki­jen ent­pup­pen sich als blo­ße Abzieh­bil­der eines Sol­da­ten, auch Andra ist kein hilf­lo­ses Mäd­chen, das stän­dig geret­tet wer­den muss. Männ­li­che wie weib­li­che Cha­rak­te­re neh­men die unter­schied­lichs­ten Posi­tio­nen in der Welt von ›Neon Birds‹ ein.

In die­ser Welt, die von Kyber­ne­tik, künst­li­cher Intel­li­genz und Fort­schritt geprägt ist, zeich­nen sich die Figu­ren vor allem durch eines aus: Menschlichkeit.

»Die Welt stand vor dem Ende. Er hat­te die­ses Gefühl gehabt, seit er den­ken konn­te. Das Gefühl, dass es endete.«

Fazit zu ›Neon Birds

Die­se beson­de­ren, ans Herz wach­sen­den Figu­ren machen es leicht, die Ein­la­dung in die Tri­lo­gie um ›Neon Birds‹ anzu­neh­men, obwohl der Sog der Gesam­terzäh­lung, der mich förm­lich zwang, das Buch bis zum Ende zu lesen, erst im spä­te­ren Ver­lauf des Romans ein­setz­te. Mit jedem wei­te­ren Kapi­tel wird bei ›Neon Birds‹ eines siche­rer: Man darf auf die bei­den Fol­ge­bän­de ›Cyber Trips‹ und ›Beta Hearts‹ der ›Neon Birds‹-Tri­lo­gie mehr als gespannt sein.

»Super­sol­da­ten kämp­fen gegen Zom­bie-Cyborgs«, lau­te­te Graß­hoffs Dank­sa­gung im Roman zufol­ge die ursprüng­li­che Plot­idee zu ›Neon Birds‹. Und es ist wirk­lich erstaun­lich, was die Autorin aus die­ser Idee erschaf­fen hat: Eine Emp­feh­lung, nicht nur für Science-Fiction-Fans.

Buchinfo

Marie Graß­hoff:
Neon Birds

Roman: Sci­ence Fic­tion
Bas­tei Lüb­be, Köln 2019
463 S., EUR (D) 15,- inkl. MwSt.
Paper­back
Alters­emp­feh­lung: ab 16 Jah­ren
ISBN 978−3−404−20000−9

Lust bekom­men?

Das hier dar­ge­stell­te Cover und die ange­ge­be­ne Aus­ga­be sowie die Anga­ben zum Buch kön­nen von den der­zeit erhält­li­chen Aus­ga­ben abweichen.


Bewer­tung: 4 von 5.


Bewer­te die­sen Post ♥
[Total: 1 Average: 5]

Neil Gaiman: Nordische Mythen und Sagen [Rezension]

Vom Ende und vom Anfang der Götter. 

Spä­tes­tens seit der Ver­fil­mung der Mar­vel-Comics sind Thor, Loki, Odin und wei­te­re Ver­tre­ter der nor­di­schen Göt­ter wie­der im Bewusst­sein von vie­len. ›Nor­di­sche Mythen und Sagen‹ erscheint somit zur pas­sen­den Zeit.

Doch schon mit der ›Edda‹ lie­gen lite­ra­ri­sche Wer­ke vor, die in alt­is­län­di­scher Spra­che über die Göt­ter und Hel­den erzäh­len: von Odin, Loki, Bal­der und vie­len wei­te­ren, zum Teil heu­te noch bekann­ten Figu­ren der Welt der nor­di­schen Mythen. 

Zwi­schen den Schrif­ten der ›Edda‹ und den Comics von Mar­vel lie­gen vie­le, vie­le Jahr­hun­der­te. Wie lan­ge die münd­li­che Über­lie­fe­rung der Geschich­ten der nor­di­schen Göt­ter zuvor bereits exis­tiert hat, weiß viel­leicht nur Odin selbst. Doch auch in den Jahr­hun­der­ten zwi­schen der Ver­schrift­li­chung der ›Edda‹ und der Wie­der­auf­er­ste­hung der nor­di­schen Göt­ter durch Tom Hidd­les­ton, Chris Hems­worth und Antho­ny Hop­kins war es um die Göt­ter nicht still.

Myths of the Nor­se­men: Retold from the Old Nor­se Poems and Tales‹ von Roger Lan­ce­lyn Green, erschie­nen im Jah­re 1960, und Wer­ke des 1941 gebo­re­nen Autors Kevin Cross­ley-Hol­land über die nor­di­sche Mytho­lo­gie haben nicht nur Neil Gai­man tief beeindruckt.

Es gibt sel­ten Bücher, bei denen ich mich bereits in die Ein­lei­tung ver­liebt habe. Neil Gai­man ist das mit ›Nor­di­sche Mythen und Sagen‹ gelun­gen. Eine Wir­kung, die auch im Ver­lauf des knapp 250 Sei­ten lan­gen Buches nicht nachließ.

»Odin und Vili und Ve töte­ten den Rie­sen Ymir. Es muss­te gesche­hen, denn es gab kei­ne ande­re Mög­lich­keit, die Wel­ten zu erschaf­fen. Dies war der Anfang von allem, der Tod, der alles Leben mög­lich machte.«

Neben der Wie­der­ga­be der alten, nor­di­schen Geschich­ten gelingt es Gai­man in ›Nor­di­sche Mythen und Sagen‹, weit mehr als den Inhalt der Geschich­ten wie­der­zu­ge­ben: Er gibt die Fas­zi­na­ti­on für sie wei­ter. Mög­lichst zugäng­lich, span­nend und greif­bar geschrie­ben, kön­nen die Geschich­ten der alten Göt­ter durch ihn Leser von heu­te ohne Vor­wis­sen und beson­de­re Sprach­kennt­nis­se errei­chen und abho­len in eine Welt, die noch ande­ren Geset­zen folgte.

»Thor sag­te nichts. Er dach­te an den ver­gan­ge­nen Abend, dar­an wie er mit dem hohen Alter gerun­gen und den Oze­an getrun­ken hat­te. Er dach­te an die Midgardschlange.«

Neil Gai­man legt mit ›Nor­di­sche Mythen und Sagen‹ kei­ne his­to­risch-kri­ti­sche Ver­si­on der ›Edda‹ vor, son­dern eine Nach­er­zäh­lung von Geschich­ten, die span­nend sein und unter­hal­ten will, und den­noch den alten Göt­tern der nor­di­schen Welt nah bleibt. Von Ymir bis zu Ragna­r­ök und über all die Gestal­ten, die ihre Welt bevölkern.

Eini­ge der 15 Geschich­ten des Buches zeich­nen sich durch Witz und Humor aus, wie die Geschich­ten, wie Sif ihr Haar ver­liert oder Thor sei­nen Ham­mer. Ande­re hin­ge­gen wer­den durch Span­nung und Tra­gik getra­gen, wie die Geschich­ten, wie Höd sei­nen Bru­der ver­liert oder Tyr sei­ne Hand.

»Die Tat­sa­che, dass die­se Welt und ihre Geschich­ten enden wür­den, und die Art, wie sie eines Tages enden und neu ent­ste­hen soll­ten, mach­te die Göt­ter und die Rie­sen und alle ande­ren Figu­ren zu tra­gi­schen Hel­den und zu tra­gi­schen Schurken.«

Fazit zu ›Nordische Mythen und Sagen

Doch eines eint die Geschich­ten von Neil Gai­man, obwohl ihnen allen eine Art Ende inne­wohnt: Sie sind vol­ler Leben und begeis­tern für ›Nor­di­sche Mythen und Sagen‹.

Buchinfo

Neil Gai­man:
Nor­di­sche Mythen und Sagen

Aus dem ame­ri­ka­ni­schen Eng­lisch über­setzt
von André Mum­ot
Eich­born Ver­lag, Köln 2019
253 S., EUR (D) 14,- inkl. MwSt.
Paper­back
Alters­emp­feh­lung: ab 16 Jah­ren
ISBN 978−3−8479−0667−4

Lust bekom­men?

Das hier dar­ge­stell­te Cover und die ange­ge­be­ne Aus­ga­be sowie die Anga­ben zum Buch kön­nen von den der­zeit erhält­li­chen Aus­ga­ben abweichen.


Bewer­tung: 5 von 5.


Bewer­te die­sen Post ♥
[Total: 1 Average: 5]