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Drei Klassiker, die mich wirklich überrascht haben

Klassiker, die mich überrascht haben [Buchwelt]

Drei Klassiker, die mich wirklich überrascht haben. 

Es gibt mitt­ler­wei­le so vie­le Adap­tio­nen von Klas­si­kern, sei es als Film, Serie, Game, in Lie­dern oder Thea­ter­stü­cken. Viel­fach wur­den die gro­ßen Figu­ren und mons­trö­sen Gestal­ten als Haupt- oder Neben­cha­rak­te­re für ande­re Bücher oder Fil­me ver­wen­det. So trifft man in dem Film ›Die Liga der außer­ge­wöhn­li­chen Gen­tle­men‹ auf Dori­an Gray oder in der Serie ›Once Upon a Time – Es war ein­mal‹ auf eine gan­ze Rei­he bekann­ter Gestal­ten, unter ihnen Dr. Fran­ken­stein. Auch Jane Aus­tens Roma­ne erfreu­en sich zahl­rei­cher Adaptionen.

So hat selbst jemand, der die Klas­si­ker nicht gele­sen hat, oft eine bestimm­te Vor­stel­lung von einer Figur oder von der Geschich­te, die sie umgibt. Je nach­dem, wel­che Umsetzung(en) man gese­hen oder gehört hat, ist die­se Vor­stel­lung nah am Ori­gi­nal – oder auch ziem­lich weit weg.

Ich selbst lese sehr ger­ne Klas­si­ker. Oft waren sie für ihre Zeit sehr wich­tig, haben viel­leicht etwas Neu­es in die Lite­ra­tur gebracht oder für das brei­te Publi­kum greif­bar gemacht. Über die Jah­re hat sich gewis­ser­ma­ßen vor­se­lek­tiert, was den Sta­tus als Klas­si­ker erhal­ten hat und damit gleich­falls erhal­ten geblie­ben ist und was nicht. Das muss nicht immer unum­strit­ten sein.

Im Anschluss will ich euch mei­ne Top 3 der Klas­si­ker vor­stel­len, von denen ich vor dem Lesen eine bestimm­te Vor­stel­lung hat­te und beim Lesen dann gemerkt habe, dass ich mei­len­weit davon ent­fernt war. Also Trom­mel­wir­bel für die drei Klas­si­ker, die mich am meis­ten über­rascht haben.

Platz 3 – Theodor Storm: Ein Doppelgänger

Ein Dop­pel­gän­ger‹ war die ers­te Novel­le von Theo­dor Storm, die ich jemals gele­sen habe. Mei­ne Erwar­tun­gen waren gemischt. Ver­knüpf­te ich Storm bis­lang mit »Von drauß vom Wal­de komm’ ich her; / Ich muß euch sagen, es weih­nach­tet sehr!«, änder­te sich dies schlag­ar­tig. Obwohl ich auf die­se Novel­le in einem Semi­nar über ›Kri­mi­na­li­tät in der Lite­ra­tur‹ stieß, hat die Geschich­te um den Ex-Zucht­häus­ler John Han­sen mich tief berührt. Das Tau­meln und Strau­cheln eines Man­nes, der ver­sucht mehr zu sein, als die Stra­fe, die er in jün­ge­ren Jah­ren bekom­men hat. Sei­ne Geschich­te ist nicht hei­ter, sie ist ohne Gna­de und bewe­gend. Eine kur­ze Geschich­te, die mir vie­le, vie­le Stun­den des und dar­über Redens geschenkt hat.


Platz 2 – Friedrich Dürrenmatt: Romulus der Große

Inzwi­schen habe ich eini­ge Bücher von Dür­ren­matt gele­sen und weiß, dass mich ver­mut­lich jedes sei­ner Bücher so über­rascht hät­te. In mei­nem Fall war das ers­te Buch von ihm, das ich je las, ›Romu­lus der Gro­ße‹. Kurz dar­auf folg­te ›Der Besuch der alten Dame‹. Es gibt vie­le Arten eine Geschich­te zu erzäh­len. In den meis­ten Büchern ver­wen­den die Prot­ago­nis­ten sehr viel Zeit und Ener­gie dar­auf, einen für sie und ihre Liebs­ten posi­ti­ven Aus­gang zu errei­chen. Die Hel­den und Hel­din­nen haben ein Ziel, Stei­ne wer­den ihnen in den Weg gelegt, und oft schaf­fen sie es.

Dür­ren­matts Erzähl­stra­te­gie klingt anders: »Eine Geschich­te ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst­mög­li­che Wen­dung genom­men hat.« Und obwohl Dür­ren­matts Dra­men somit mit mei­nen Erwar­tun­gen gebro­chen haben, fühlt sich ihr Aus­gang inner­halb der Geschich­te kon­se­quent an.


Platz 1 – Mary W. Shelley: Frankenstein

Mei­ne Erwar­tun­gen an ›Fran­ken­stein‹ waren nicht sehr gnä­dig. Erwar­tet hat­te ich ein blut­rüns­ti­ges Mons­ter vol­ler Kraft und Schrau­ben, das nicht weit den­ken kann, viel­leicht nicht ein­mal den eige­nen Namen aus­spre­chen. Kraft hat Fran­ken­steins Mons­ter. Auch Blut fließt in so man­cher Sze­ne. Aber mehr stimm­te nicht mit mei­ner Vor­stel­lung überein.

Fran­ken­stein‹ ist ein Brief­ro­man. Geschrie­ben von einer jun­gen Frau, die bei der Erschei­nung des Buches kaum zwan­zig Jah­re jung war. Und Fran­ken­steins Mons­ter ist alles ande­re als dumm. Es lernt, ver­sucht sich die Welt, die Men­schen und sich selbst zu erklä­ren. Da sein Erschaf­fer ihn schon bei der ›Geburt‹ ver­lässt und Men­schen nicht gnä­dig auf sein mons­trö­ses Äuße­res reagie­ren, ist dies auch der ein­zi­ge Weg, den er hat, um zu ler­nen. Er beob­ach­tet im Gehei­men, bringt sich so die Spra­che der Men­schen bei, und könn­te sicher­lich sei­nen eige­nen Namen feh­ler­frei aus­spre­chen, wenn man ihm einen gege­ben hät­te. Doch sein Schöp­fer, Dr. Fran­ken­stein, gewähr­te ihm kei­nen. Die Gedan­ken­welt des Mons­ters und die anschei­nen­de Nor­ma­li­tät der Men­schen prä­gen den Roman. Wie wird man zum Mons­ter und wie zum Mann? Durch Taten oder kör­per­li­che Mons­tro­si­tät? Mehr dazu war­tet in Mary Shel­ley Klas­si­ker ›Fran­ken­stein‹, erschie­nen unter ande­rem im Fischer-Ver­lag.

Wel­cher Klas­si­ker hat Dich bis­lang am meis­ten überrascht?



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Ragnar Jónasson: Dunkel [Rezension]

Das letzte Aufbäumen einer abgeschriebenen Kommissarin. 

Seit Jahr­zehn­ten arbei­tet Hul­da Her­manns­dót­tir in ›Dun­kel‹ für die Poli­zei. Doch obwohl sie bes­ser ist als die meis­ten ihrer Kol­le­gen, ist sie nie über den Rang einer Kom­mis­sa­rin hin­aus­ge­kom­men. Wäh­rend Kol­le­gen, die weit weni­ger gründ­lich und sorg­sam arbei­te­ten, auf der Kar­rie­re­lei­ter an ihr vor­bei­zo­gen. Doch die­se hat­ten eines gemein­sam, dass Hul­da nie sein wür­de, sie waren Männer. 

Wie vie­le in ihrem Beruf erfüllt Hul­da der Gedan­ke an ihre Pen­si­on mit Unbe­ha­gen. Doch als ihr Chef ihr eines Mor­gens mit­teilt, dass sie nicht erst zum Ende des Jah­res in Pen­si­on gehen soll, son­dern in zwei Wochen, erwischt es Hul­da eis­kalt. Man bräuch­te ihr Büro. Man habe die Chan­ce, einen viel­ver­spre­chen­den Auf­stei­ger anzu­stel­len. Ihre Fäl­le sei­en bereits an die Kol­le­gen ver­teilt wor­den. Doch so ein­fach lässt sich die 64-jäh­ri­ge Kom­mis­sa­rin nicht in den Ruhe­stand schicken.

Für ihre letz­ten zwei Wochen darf Hul­da in ›Dun­kelCold Cases bear­bei­ten, auf die sie Lust hat. Und bald fin­det sie sich in einem Fall, der nicht nur jede Men­ge Feh­ler auf­weist, son­dern sie an ihre Gren­zen brin­gen wird.

»Man hat­te die Lei­che der jun­gen Frau an einem dunk­len Win­ter­mor­gen in einer fel­si­gen Bucht am Vatns­ley­sus­trönd gefun­den, einem dünn besie­del­ten Küs­ten­strei­fen im Nor­den der Halb­in­sel Reykja­nes etwa drei­ßig Kilo­me­ter süd­lich von Reykjavík.«

Hul­da hat sich bei der Poli­zei stets aus­ge­schlos­sen und auf sich allein gestellt gefühlt. Am Ende nun so grob und plötz­lich in den Ruhe­stand beför­dert zu wer­den, macht das nicht bes­ser. Viel­leicht fühlt sich die Kom­mis­sa­rin sich des­we­gen der toten jun­gen Frau schnell ver­bun­den: Wenn Hul­da nicht den Fall wie­der für sie auf­greift, wird es nie­mand tun. Ihre Kol­le­gen und auch die Öffent­lich­keit haben mit ihrem Fall bereits abge­schlos­sen, genau­so wie mit Hulda.

»Sie ver­miss­te ihr altes Leben, die gute alte Zeit, und obwohl sie mit Pétur einen neu­en Freund gefun­den hat­te, fühl­te sie sich allein auf die­ser Welt. Nie hat­te sie das stär­ker emp­fun­den als in die­sem Augenblick.«

Die ›Hul­da‹-Tri­lo­gie weist ein Merk­mal auf, das sie stark von ande­ren Tri­lo­gien unter­schei­det: Hul­das Geschich­te wird nicht chro­no­lo­gisch, son­dern achro­no­lo­gisch erzählt. In ›Dun­kel‹ erle­ben wir Hul­da in ihrem letz­ten Fall, bevor der Ruhe­stand ihre Kar­rie­re been­den soll. In den Fol­ge­bän­den ›Insel‹ und ›Nebel‹ hin­ge­gen erle­ben wir sie auf der Höhe ihrer Kar­rie­re in ihren pro­mi­nen­tes­ten Fällen.

Bereits der ers­te Band ›Dun­kel‹ macht deut­lich, dass Hul­da mehr ist als eine Kom­mis­sa­rin. Was sie vor ihrem Freund Pétur ver­birgt, weiß auch nie­mand sonst auf die­ser Welt. Nach und nach erzählt sie ihm von ihrer Kind­heit, ihrem schwie­ri­gen Ver­hält­nis zu ihrer Mut­ter und dem Tag, an dem sie ihre gan­ze Fami­lie verlor.

»Aber hier war sie nun, allein mit ihrem Kind, und konn­te nachts vor Sor­ge um die Zukunft kaum schlafen.«

Fazit zu ›Dunkel

Obwohl Hul­da kein strah­len­der Son­nen­schein ist, ist sie sym­pa­thisch, auf ihre eige­ne, in die Jah­re gekom­me­ne Art, die sich selbst treu bleibt. Die Atmo­sphä­re, die Jónas­son in ›Dun­kel‹ ver­dich­tet, ist auf jeder Sei­te spür­bar. Hul­das Island ist düs­ter, schön und geheimnisvoll. 

Auch das Ende des ers­ten Ban­des der Tri­lo­gie kann über­ra­schen, ob auf eine gute oder schlech­te Wei­se wird wohl jeder Leser und jede Lese­rin für sich selbst ent­schei­den müs­sen. Doch einst ist ›Dun­kel‹ auf jeden Fall: span­nend, auf eine düs­te­re, unauf­dring­li­che und ruhi­ge Art.

Buchinfo

Rag­nar Jónas­son:
Dun­kel

Die HUL­DA-Tri­lo­gie, Band 1
Thril­ler
Über­setzt von: Kris­ti­an Lut­ze
btb, Mün­chen 2020
384 S., EUR (D) 15,- inkl. MwSt.
Paper­back
ISBN 978−3−442−75860−9

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Edward Brooke-Hitching: Der goldene Atlas [Rezension]

Von Seefahrern, Forschern und Entdeckungen. 

Die Geschich­te von Kolum­bus, der Ame­ri­ka ent­deck­te und sich dabei in Indi­en wähn­te, kennt auch ohne ›Der gol­de­ne Atlas‹ heu­te jedes Kind. Weni­ger bekannt ist, dass Kolum­bus nicht der ers­te Euro­pä­er war, der sei­nen Fuß auf ame­ri­ka­ni­schen Boden setz­te. Auch nicht, wie Ame­ri­ka über­haupt zu sei­nem Namen kam. 

Die Geschich­te der Ent­de­ckun­gen ist eine Geschich­te vol­ler Aben­teu­er, hoff­nungs­vol­ler Erwar­tun­gen, küh­ner Auf­brü­che und tra­gi­scher Schick­sa­le. Die Stra­pa­zen und Risi­ken, die mit einer Rei­se ins Unge­wis­se ver­bun­den waren, sind heu­te kaum noch vor­stell­bar. Erst all­mäh­lich form­te sich aus den Erfah­run­gen unzäh­li­ger Expe­di­tio­nen und Rei­sen jene Gewiss­heit, die uns heu­te selbst­ver­ständ­lich ist. Wie ein gewal­ti­ges Puz­zle füg­te sich für die Mensch­heit über Jahr­tau­sen­de das Bild unse­rer Welt zusam­men. Zahl­lo­se Irr­tü­mer beglei­te­ten die­sen Weg.

Ist die Erde eine Schei­be? Der Indi­sche Oze­an in Wirk­lich­keit ein Bin­nen­meer? Liegt am Nord­pol ein gewal­ti­ger Magnet­berg, der Kom­pass­na­deln magisch anzieht? Und was steckt hin­ter der sagen­haf­ten Ter­ra Aus­tra­lis?

»Als die chi­ne­si­schen Kai­ser den Flot­ten­bau ein­stell­ten, begann in Euro­pa die Epo­che der gro­ßen Aben­teu­er zur See. Die Peri­ode zwi­schen dem 15. und 18. Jahr­hun­dert gilt als Zeit­al­ter der Ent­de­ckun­gen, das von euro­päi­scher Expan­si­on, Gier nach Gold und Erobe­run­gen geprägt war.«

Edward Broo­ke-Hit­ching
© Alex Anstey; Stand: April 2017

Wer sich für die Ent­de­ckung und Erfor­schung unse­rer Welt inter­es­siert, für den bie­tet ›Der gol­de­ne Atlas‹ einen idea­len Ein­stieg. In 39 kna­ckig kur­zen Kapi­teln ent­führt er Lese­rin­nen und Leser auf eine 4000-jäh­ri­ge Ent­de­ckungs­rei­se rund um die Welt. Dabei schlägt er einen Bogen von den alten Ägyp­tern und Grie­chen über die Rei­sen des Mar­co Polo hin­ein ins Zeit­al­ter der Ent­de­ckun­gen und schließ­lich der wis­sen­schaft­li­chen Erkun­dung der Welt im Zuge der Auf­klä­rung. Vor­ge­stellt wer­den auch Ent­de­ckun­gen isla­mi­scher Gelehr­ter und der chi­ne­si­schen Schatzflotte.

»Noch wich­ti­ger waren die Erkennt­nis­se der Expe­di­ti­on. Sie hat­te den Beweis erbracht, dass die Erde tat­säch­lich rund war und einen Umfang hat­te, der die bis­he­ri­gen Schät­zun­gen weit übertraf.«

Gar­niert ist das Gan­ze mit zahl­lo­sen Abbil­dun­gen his­to­ri­scher Kar­ten und Gemäl­de, die den Wis­sens­stand und die Vor­stel­lun­gen der jewei­li­gen Zeit greif­bar machen.

Wel­chen Wert sol­che Kar­ten und die dar­in ent­hal­te­ne Infor­ma­ti­on in ihrer Zeit besa­ßen, lässt ihre auf­wen­di­ge, kunst­vol­le und oft­mals präch­ti­ge Aus­ge­stal­tung erah­nen. Hier­in liegt der zwei­te Reiz die­ses Buches: Es ist ein Buch vol­ler groß­for­ma­ti­ger, manch­mal Sei­ten und Dop­pel­sei­ten fül­len­der Kunst­wer­ke der ver­schie­dens­ten Epo­chen und Kul­tu­ren. Lei­der las­sen sich klei­ne Details und Beschrif­tun­gen in vie­len Kar­ten nur mit Mühe oder gar nicht erken­nen, was in ers­ter Linie dem ver­gleichs­wei­se hand­li­chen For­mat des Buches (ca. 19 x 24,5 cm) geschul­det ist. Die wesent­li­chen Infor­ma­tio­nen und der Gesamt­ein­druck kom­men aber immer rüber.

Fazit zu ›Der goldene Atlas

Der gol­de­ne Atlas‹ bil­det eine kurz­wei­li­ge Lek­tü­re über einen fas­zi­nie­ren­den Aspekt der Mensch­heits­ge­schich­te. Durch sei­ne hoch­wer­ti­ge Ver­ar­bei­tung und die vie­len Abbil­dun­gen ist er auch optisch und hap­tisch ein Leckerbissen.

Buchinfo

Edward Broo­ke-Hit­ching:
Der gol­de­ne Atlas

Die aben­teu­er­li­chen Rei­sen der gro­ßen See­fah­rer, Ent­de­cker und For­scher
Über­setzt von Lutz‑W. Wolff
dtv, Mün­chen 2019
256 S., EUR (D) 30,- inkl. MwSt.
Hard­co­ver
ISBN 978−3−423−28207−9

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Bewer­tung: 4.5 von 5.

Bram Stoker: Dracula [Rezension]

Als das Böse nach London kam. 

Der Graf, den Jona­than Har­ker in ›Dra­cu­la‹ in Trans­sil­va­ni­en ken­nen­lernt, ist höf­lich, gebil­det und wiss­be­gie­rig. Beson­ders, wenn es Eng­land betrifft – das Land, in dem der alte Mann in naher Zukunft woh­nen will. 

Doch bereits nach kur­zer Zeit merkt Jona­than, dass im Schloss des Gra­fen etwas selt­sam ist. Kei­ne ande­re Men­schen­see­le begeg­net ihm, vie­le Türen sind ver­schlos­sen und der Graf begeg­net ihm nur bei Nacht. 

Und je län­ger er beim Gra­fen bleibt, um mit ihm alle recht­li­chen Fra­gen bezüg­lich sei­nes Umzu­ges nach Eng­land zu klä­ren, ist er sich siche­rer, dass es sich dabei nicht um Zufäl­le han­deln kann.

Doch als Jona­than die Furcht beschleicht, er könn­te ihn an sei­ner Heim­rei­se hin­dern wol­len, kann er nicht mehr ruhig blei­ben. Er durch­sucht das Schloss, soweit er kommt, und über­tritt damit eine der Regeln des Gra­fen. Zum ers­ten Mal begeg­net er im Schloss jemand ande­rem als den Gra­fen, doch die­ses Tref­fen bringt alles ande­re als Erleichterung.

»Mit der schma­len Adler­na­se und den eigen­tüm­lich gebo­ge­nen Nasen­flü­geln, der hoch­ge­wölb­ten Stirn und dem an den Schlä­fen spär­li­chen, sonst recht üppi­gen Haar hat­te er etwas von einem Raub­vo­gel. Sei­ne mäch­ti­gen, buschig gekräu­sel­ten Augen­brau­en stie­ßen über der Nasen­wur­zel fast zusam­men. Der Mund, soweit ich ihn unter dem Schnurr­bart sehen konn­te, wirk­te ziem­lich hart und grausam.«

Und wäh­rend Jona­than nach Trans­sil­va­ni­en ver­reist ist, muss sich sei­ne Ver­lob­te Mina mit ganz ande­ren Din­gen aus­ein­an­der­set­zen. Die schö­ne jun­ge Lucy, mit der sie in Whit­by ein Zim­mer teilt, schlaf­wan­delt. Mit­ten in der Nacht zieht sie sich an und ver­sucht, das Haus zu ver­las­sen. Selbst als Mina das Zim­mer ver­schließt und den Schlüs­sel an ihr Hand­ge­lenk bin­det, fin­det sie sel­ten Ruhe. So auch in der Nacht, in der es Lucy schla­fend gelingt, das Haus zu ver­las­sen. Zu einer Zeit, in der auch Jona­thans Brie­fe immer befremd­li­cher wer­den und schließ­lich ganz auf­hö­ren zu kommen.

Dra­cu­la‹ ist einer jener Roma­ne, für die man Zeit und Ruhe braucht. Die Figu­ren sind anfangs manch­mal schwer aus­ein­an­der­zu­hal­ten, wer­den sie bei­spiels­wei­se an einer Stel­le nur mit Vor­na­men genannt, dann wie­der nur über den Nach­na­men. Er hat nicht die Form eines klas­si­schen Romans, son­dern ist viel mehr ein groß­teils chro­no­lo­gi­sches Sam­mel­su­ri­um aus Zei­tungs­aus­schnit­ten, Brie­fen, Tele­gram­men, Tage­bü­chern und ande­rem, die ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven wie­der­ge­ben. Doch was anfangs etwas ver­wir­ren mag, gewinnt bald an Reiz. Denn die­se zahl­rei­chen Per­spek­ti­ven las­sen die Geschich­te durch Per­so­nen unter­schied­li­cher Spe­zi­al­ge­bie­te betrach­ten, sei es der Arzt, der Psych­ia­ter, Mina, Lucy oder durch die Presse. 

»Zum Glück ist das Wet­ter so warm, dass sie sich nicht erkäl­ten kann, aber den­noch macht mir die Sor­ge und das stän­di­ge Geweckt­wer­den all­mäh­lich zu schaf­fen. Ich wer­de selbst ner­vös und fin­de immer weni­ger Schlaf.«

Vie­le bekann­ten Ele­men­te, die uns heu­te aus Vam­pir­ro­ma­nen, ‑fil­men und ‑seri­en so ver­traut sind, hat ›Dra­cu­la‹ vor über 120 Jah­ren gekannt. Sowohl Graf Dra­cu­la selbst als auch Abra­ham van Hel­sing sind nach wie vor bekannt, eben­so das Motiv der spit­zen Zäh­ne, des Pfäh­lens, der feh­len­den Spie­gel, des Knob­lauchs und der Nachtaktivität.

Auch nach so vie­len Jah­ren hat Bram Sto­kers ›Dra­cu­la‹ noch sei­nen Reiz. Eine Geschich­te, in der sich das Dunk­le und Unbe­kann­te in die schein­bar nor­ma­le und schö­ne Welt, vol­ler Geschlech­ter­rol­len­vor­stel­lun­gen, schleicht.

Fazit zu ›Dracula

Wer also auf eine Ent­de­ckungs­rei­se gehen will, was es mit dem heu­te all­seits bekann­ten Namen ›Dra­cu­la‹ auf sich hat, soll­te sich auf die­sen Klas­si­ker ein­las­sen und sich über­ra­schen las­sen, wie vie­le Moti­ve wie­der­erkennt wer­den können.

Buchinfo

Bram Sto­ker:
Dra­cu­la
(1897)
Roman
Neu über­setzt von Andre­as Nohl
dtv, Mün­chen 2014
592 S., EUR (D) 12,90 inkl. MwSt.
Taschen­buch
ISBN 978−3−423−14299−1

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Holly Black: Die verlorenen Schwestern. Eine Elfenkrone-Novelle [Rezension]

Von Unterschieden und Entschuldigungen. 

Was wür­dest du tun, um geliebt zu wer­den? Wel­che Geheim­nis­se wür­dest du bewah­ren und wel­che Schwin­de­lei­en glau­ben? Taryn stellt sich mit ›Die ver­lo­re­nen Schwes­tern‹ sol­chen Fragen.

Vor allem, wenn du in einer Welt leben wür­dest, in dem sich grau­sam-schö­ne Unge­heu­er tum­meln? Elfen, die dich zu ihrem Ver­gnü­gen ver­zau­bern kön­nen. Wie groß die Unter­schie­de zwi­schen die­sen ele­gan­ten und durch­trie­be­nen Elfen und den Men­schen sind, spürst du jeden Tag.

Taryn ist dafür weit gegan­gen, viel­leicht zu weit. Sie hat sich auf den Han­del ein­ge­las­sen, den eine der Elfen ihr bot, obwohl sie wuss­te, dass an die­sen immer ein Haken ist. Sie hät­te sich jedoch nicht träu­men las­sen, dass ihre Zwil­lings­schwes­ter Jude den Preis für die­sen Han­del bezah­len muss. Was wür­dest du dei­ner Schwes­ter verzeihen?

»Es begann mit einem Zet­tel, den Locke in mei­nen Ruck­sack schmug­gel­te. Er hat es wohl auf dem Palast­ge­län­de getan, wo die Kin­der des Adels – und wir – in Geschich­te, Rät­sel­ra­ten, Wahr­sa­gen und all den ande­ren Fächern unter­rich­tet wur­den, die nütz­li­che Mit­glie­der der Elfen­ge­mein­schaft im Leben brauchten.«

Die ver­lo­re­nen Schwes­tern‹ greift die Erleb­nis­se des ers­ten Ban­des der ›Elfen­kro­ne-Rei­he‹ auf, die in der Tri­lo­gie aus Judes Sicht geschil­dert wer­den. Die­se Novel­le, die eher an einen Brief erin­nert, soll­te auch erst nach dem ers­ten Band gele­sen wer­den, um sich nicht zu spoi­lern. Sie erzählt die Ereig­nis­se, die zum Ver­rat an Jude und zu ihrer Demü­ti­gung führ­ten aus Sicht ihrer Zwil­lings­schwes­tern Taryn, die dar­in eine grö­ße­re Rol­le spiel­te, als ihr lieb gewe­sen ist.

»Aber was ist mit all die­sen Mäd­chen, die­sen gehor­sa­men Mäd­chen, die Ver­trau­en hat­ten, die lieb­ten, hei­ra­te­ten und star­ben? Waren sie denn nicht auch mutig?«

Blacks Novel­le ›Die ver­lo­re­nen Schwes­tern‹ macht greif­bar, was ›Elfen­kro­ne‹ bereits ver­mu­ten lässt. Wie groß Lockes Talent ist, sich sys­te­ma­tisch in das Leben ande­rer zu wüh­len, ihre tiefs­ten Sehn­süch­te zu nut­zen und sie so zu mani­pu­lie­ren, dass es den größt­mög­li­chen Effekt zeigt. Locke ist schön, char­mant und begabt. Er spürt Taryns Wun­sche zu gefal­len und dazu­zu­ge­hö­ren. Er schenkt ihr Näch­te, die so schön sind, wie sie sie kaum je zu erle­ben glaub­te, bevor ihr der Preis die­ser Näch­te klar wer­den kann. Und doch kann sie die Hoff­nung, dass die­se schö­nen Näch­te wie­der­kom­men könn­ten, nicht mehr loslassen.

Fazit zu ›Die verlorenen Schwestern

Die ver­lo­re­nen Schwes­tern‹ ist eine Ent­schul­di­gung von Taryn an ihre Schwes­ter Jude. Der Ver­such, sie ver­ste­hen zu las­sen, war­um sie bereit war, so viel für die Ehe mit Locke zu ertra­gen – und ihre Schwes­tern ertra­gen zu las­sen. Eine span­nen­de Ergän­zung, um die Hin­ter­grün­de des ers­ten Ban­des bes­ser zu ver­ste­hen und eine Außen­sicht auf Jude zu bekommen.

Buchinfo

Hol­ly Black:
Die ver­lo­re­nen Schwes­tern

Eine Elfen­kro­ne-Novel­le
Über­setzt von: Anne Brau­ner
cbj HC, Mün­chen 2019
ca. 70 S., EUR (D) 0,99 inkl. MwSt.
eBook
ISBN 978−3−641−24551−1

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Agatha Christie: Das fehlende Glied in der Kette [Rezension]

Alte Bekannte, Poirot und ein Mord. 

Das Wie­der­se­hen mit einem alten Bekann­ten gestal­tet sich in ›Das feh­len­de Glied in der Ket­te‹ für Has­tings anders als erwar­tet: Auf Hei­mat­ur­laub trifft er auf John Caven­dish, der ihn zu sich nach Hau­se nach Styles ein­lädt, um dort den Rest sei­nes Urlaubs zu verbringen. 

Obwohl er John, des­sen Bru­der Law­rence und ihre schon betag­te Mut­ter seit Jah­ren nicht gese­hen hat, sind die Erin­ne­run­gen an Styles noch lebendig. 

Doch nicht alles ist so geblie­ben, wie es Has­tings aus sei­ner Jugend erin­nert: Trotz ihres hohen Alters hat Johns und Law­rence Mut­ter noch ein­mal gehei­ra­tet – und zwar einen Mann, der bei nie­man­dem Sym­pa­thien aus­zu­lö­sen scheint.

Zum ers­ten Bruch auf dem char­man­ten Anwe­sen Styles kommt es, als die reso­lu­te Evie es nach einem Streit verlässt.

»Ich spür­te, dass zusam­men mit Evie etwas Unde­fi­nier­ba­res aus der Atmo­sphä­re ver­schwun­den war. Ihre Anwe­sen­heit hat­te Sicher­heit bedeu­tet. Jetzt war die­se Sicher­heit ver­schwun­den und nun war die Luft vol­ler Verdächtigungen.«

Was in ›Das feh­len­de Glied in der Ket­te‹ als ver­gnüg­li­ches Wie­der­se­hen von alten Freun­den beginnt, wird schnell ernst. Noch wäh­rend Has­tings sei­nen Hei­mat­ur­laub in Styles genießt, ver­stirbt eine sei­ner Jugend­be­kannt­schaf­ten und es dau­ert nicht lan­ge, bis der Ver­dacht sich regt, dass dies kein natür­li­cher Tod war.

Doch zum Glück sind die auf Styles Leben­den nicht die ein­zi­gen alten Bekann­ten, die Has­tings auf sei­nem Hei­mat­ur­laub trifft: Auch Her­cu­le Poi­rot, ein ehe­ma­li­ger Mit­ar­bei­ter der bel­gi­schen Kri­mi­nal­po­li­zei, der für sein Kön­nen bekannt ist, läuft ihm wie­der über den Weg. 

Und was lie­ge da näher, als den etwas schrul­li­gen, jedoch dis­kre­ten und fähi­gen Poi­rot dar­um zu bit­ten, sich der Auf­klä­rung des Falls anzunehmen?

»Poi­rot war ein klei­ner Mann von unge­wöhn­li­chem Aus­se­hen. Er war knapp einen Meter sech­zig groß, aber sei­ne Hal­tung ver­riet Wür­de. Sein Kopf hat­te genau die Form eines Eies, und er neig­te ihn stets ein wenig zur Seite.«

Mit ›Das feh­len­de Glied in der Ket­te‹ – im Ori­gi­nal bekannt unter dem Titel ›The Mys­te­rious Affair at Styles‹ – beglei­ten die Leser und Lese­rin­nen Poi­rot bei der Auf­klä­rung sei­nes ers­ten Falls. Dut­zen­de Roma­ne über ihn waren in den fol­gen­den Jah­ren erschienen.

Wäh­rend Has­tings und Poi­rot nach und nach die Fra­ge nach dem ›Wie?‹ des Todes ent­schlüs­seln, hat der Leser oder die Lese­rin vom Anfang bis zum Ende die Gele­gen­heit, mit­zu­rät­seln und sich den Kopf über die Fra­ge nach dem ›Wer?‹ zu zer­bre­chen. Denn eines ist klar, ein Motiv wäre wohl bei jedem zu finden.

Fazit zu ›Das fehlende Glied in der Kette

So ver­fügt bereits die­ser ers­te Fall für Her­cu­le Poi­rot über vie­le der Ele­men­te, die an Aga­tha Chris­ties Kri­mi­nal­ro­ma­nen so geschätzt wer­den: Span­nung, Charme und eine ordent­li­che Por­ti­on Rätselvergnügen.

Buchinfo

Aga­tha Chris­tie:
Das feh­len­de Glied in der Ket­te

Poi­rots ers­ter Fall
Über­setzt von: Nina Schind­ler
Atlan­tik, Ham­burg 2020
224 S., EUR (D) 20,- inkl. MwSt.
Papp­band
ISBN 978−3−455−00883−8

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Leigh Bardugo: The Demon in the Wood [Kurzrezension]

Von einem Jungen, der zu viele Namen hatte. 

Bevor ein Mann namens ›der Dunk­le‹ die Welt der Gri­sha ver­än­der­te und nie­mand mehr sei­nen rich­ti­gen Namen kann­te, gab es einen Jun­gen, der zu vie­le Namen haben muss­te. An jedem Ort, an den sie flo­hen, muss­ten er und sei­ne Mut­ter einen neu­en Namen anneh­men. Zu vie­le Geheim­nis­se muss­ten sie wah­ren und zu gefähr­lich war ihre Welt.

Doch für den 13-jäh­ri­gen Jun­gen in ›The Demon in the Wood‹ birgt jeder neue Ort nicht nur Risi­ken, son­dern auch Hoff­nun­gen. Wür­den sie die­ses Mal län­ger blei­ben können? 

In einer Zeit, in der die Gri­sha in ganz Rav­ka in Gefahr waren und sich in Ber­gen oder Wäl­dern ver­ste­cken muss­ten, um nicht Hexen­jä­gern in die Hän­de zu fal­len. Eine Zeit, bevor es eine Zwei­te Armee unter dem Zaren gab und Orte, an denen Gri­sha offen mit­ein­an­der leben durften.

»For the readers––thank you for
wan­ting to know more«

Doch der Jun­ge und sei­ne Mut­ter sind nicht nur für otkazat’sya Frem­de, auch für die ande­ren Gri­sha sind ihre Kräf­te fremd­ar­tig. Wenn die­se nicht Angst her­vor­ru­fen, dann ist es Gier. Sel­ten tref­fen der Jun­ge und sei­ne Mut­ter auf Normalität.

»He’d once asked his mother if that was the truth, if his father was real­ly dead.
He will be, she’d said. Befo­re you can blink your eye. You’ll out­li­ve him by a hund­red years, may­be a thousand, may­be more

Und in die­ser Zeit, in der der Jun­ge und sei­ne Mut­ter stän­dig auf der Flucht sind, und dabei auf Gri­sha tref­fen, die sich ver­ste­cken müs­sen und in Ver­zweif­lung leben, wird in ›The Demon in the Wood‹ eine Idee gebo­ren. Die Idee von einem Rav­ka, in dem kein Gri­sha mehr ver­bor­gen leben muss.

Fazit zu ›The Demon in the Wood

Für Fans von Leigh Bar­d­u­go und ihrer Tri­lo­gie ›Legen­den der Gri­sha‹ – ›Gol­de­ne Flam­men‹, ›Eisi­ge Wel­len‹ und ›Lodern­de Schwin­gen‹ – defi­ni­tiv ein must-read. ›The Demon in the Wood‹ ist eine span­nen­de Kurz­ge­schich­te mit stim­mungs­vol­lem Set­ting, die mehr über ›den Dunk­len‹ und Baghra verrät. 

Buchinfo

Leigh Bar­d­u­go:
The Demon in the Wood

A Dar­k­ling Pre­quel Sto­ry
Legen­den der Gri­sha
Spra­che: Eng­lisch
Hen­ry Holt and Co. 2015
Ebook
Kurzgeschichte/Erzählung
ISBN 9781627796620

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Bewer­tung: 5 von 5.


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