Archiv der Kategorie: Titel: B

Stephenie Meyer: Biss zur Mitternachtssonne [Rezension]

Man kann Edward in ›Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne‹ nicht vor­wer­fen, dass er nicht aus­führ­lich über die Ange­le­gen­heit mit Bel­la nach­ge­dacht hät­te. Doch sind es nicht nur sei­ne Gedan­ken, die ihm zu schaf­fen machen. Auch die Gedan­ken sei­ner Mit­men­schen strö­men pau­sen­los auf ihn ein. Er ist mitt­ler­wei­le gut dar­in, frem­de Gedan­ken aus­zu­blen­den. Sei es aus Anstand wie bei sei­ner Fami­lie oder aus Lan­ge­wei­le, wie bei den meis­ten anderen. 

Wer ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ gele­sen hat, den dürf­ten die Sze­nen zwi­schen Bel­la und Edward – zumin­dest in Bezug auf die Hand­lung – nicht über­ra­schen. Nie­mand in Forks ahnt, dass eine Vam­pir­fa­mi­lie im Ort lebt. Dabei leben sie mit­ten unter den Men­schen: Arbei­ten im Kran­ken­haus oder gehen zur Schu­le. Zwi­schen den Men­schen und den Vam­pi­ren kommt es aber sel­ten zu mehr Kon­takt als nötig. Zumin­dest bis zu dem Tag, an dem Bel­la Swan auf­taucht. Denn zum ers­ten Mal in sei­nem Leben begeg­net Edward einem Men­schen, des­sen Gedan­ken er nicht lesen kann. Und der neben­bei noch so unver­schämt gut riecht, dass das mit dem sich fern­hal­ten kaum funk­tio­nie­ren will.

»Ich woll­te mich nicht wei­ter ver­geb­lich mühen – ich war es nicht gewohnt, etwas nicht zu kön­nen, es ärger­te mich. Ich woll­te nicht anfan­gen, mich für ihre ver­bor­ge­nen Gedan­ken zu inter­es­sie­ren, nur weil sie mir ver­bor­gen blie­ben. Zwei­fel­los wür­den sich ihre Gedan­ken, wenn ich sie erst ein­mal ent­schlüs­selt hat­te – und das wür­de mir gewiss noch gelin­gen –, als eben­so banal erwei­sen wie die aller ande­ren Menschen.«

Etwas Neu­es zu erfah­ren, gibt es vor allem in den Sze­nen, in denen Bel­la nicht mit Edward zusam­men ist. Denn wäh­rend ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ die Hand­lung aus Bel­las Sicht erzähl­te, zeigt ›Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne‹ nun Edwards Sicht. Dadurch erhält der Leser oder die Lese­rin erst­mals einen Ein­blick in die Sze­nen, in denen Bel­la und Edward nicht bei­ein­an­der waren. 

Der Vor­teil: Auch Edwards Fami­lie bekommt Gele­gen­heit, ande­re Sei­ten von sich zu prä­sen­tie­ren. Sei es nun Jas­pers Kampf gegen den ewi­gen Hun­ger oder Ali­ce’ beson­de­re Fähig­kei­ten. Durch Edwards Fähig­keit, Gedan­ken zu lesen, kön­nen Geschich­ten der ande­ren Vam­pi­re nun haut­nah aus ihrer Erin­ne­rung erlebt werden.

Obwohl ›Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne‹ mit neu­en Ein­bli­cken in Edwards Leben über­ra­schen kann, bleibt er hin­ter ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ zurück. Vor allem der Anfang ist durch Edwards Fähig­keit, Gedan­ken zu lesen, mit­un­ter sehr hand­lungs­arm und sehr gedan­ken­reich. Dadurch ver­liert Ste­phe­nie Mey­ers Schreib­stil zum Teil an der Leich­tig­keit, die man gewohnt war. Und dies kratzt auch an dem char­man­ten Vam­pir, der noch in ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ zu sehen war und nun sehr von sich selbst über­zeugt wirkt. Zuge­ge­ben, da ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ aus Bel­las Sicht erzählt war, blieb viel Raum, um Edward zu idea­li­sie­ren. ›Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne‹ zeigt eher einen weni­ger idea­li­sier­ten, dafür all­täg­li­che­ren Edward. Bel­la hin­ge­gen ver­liert etwas von dem Mäd­chen, mit dem man sich noch gut iden­ti­fi­zie­ren konn­te, da wir sie nun durch Edwards Blick erleben. 

»Ihre Anzie­hungs­kraft hat­te kein biss­chen nach­ge­las­sen. Wann immer sie in mei­ner Nähe war, wur­den mei­ne nie­ders­ten und drän­gends­ten Instink­te geweckt. Gift schoss mir in den Mund, und mein Kör­per woll­te sie packen – woll­te sie in die Arme rei­ßen und mei­ne Zäh­ne in ihre Keh­le schlagen.«

Fazit zu ›Biss zur Mitternachtssonne

Leser und Lese­rin­nen soll­ten am bes­ten die ursprüng­li­che Rei­hen­fol­ge bei­be­hal­ten und zuerst ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ lesen. Für den ein­ge­fleisch­ten Fan bie­tet sich ›Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne‹ vor allem dafür an, um noch mehr über die viel­fäl­ti­gen Cha­rak­te­re und Hin­ter­grün­de zu erfah­ren, die das Gesche­hen in ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ mit­be­stimmt haben. 

Buchinfo

Ste­phe­nie Mey­er:
Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne
Bel­la und Edward 5
Über­setzt von Syl­ke Hach­meis­terAnnet­te von der Wep­penHen­ning Ahrens und wei­te­ren
Carl­sen, Ham­burg 2020
848 S., EUR (D) 28,- inkl. MwSt.
Hard­co­ver
Ab 14 Jah­ren
ISBN 978−3−551−58446−5

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Klassiker, die mich überrascht haben [Buchwelt]

Drei Klassiker, die mich wirklich überrascht haben. 

Es gibt mitt­ler­wei­le so vie­le Adap­tio­nen von Klas­si­kern, sei es als Film, Serie, Game, in Lie­dern oder Thea­ter­stü­cken. Viel­fach wur­den die gro­ßen Figu­ren und mons­trö­sen Gestal­ten als Haupt- oder Neben­cha­rak­te­re für ande­re Bücher oder Fil­me ver­wen­det. So trifft man in dem Film ›Die Liga der außer­ge­wöhn­li­chen Gen­tle­men‹ auf Dori­an Gray oder in der Serie ›Once Upon a Time – Es war ein­mal‹ auf eine gan­ze Rei­he bekann­ter Gestal­ten, unter ihnen Dr. Fran­ken­stein. Auch Jane Aus­tens Roma­ne erfreu­en sich zahl­rei­cher Adaptionen.

So hat selbst jemand, der die Klas­si­ker nicht gele­sen hat, oft eine bestimm­te Vor­stel­lung von einer Figur oder von der Geschich­te, die sie umgibt. Je nach­dem, wel­che Umsetzung(en) man gese­hen oder gehört hat, ist die­se Vor­stel­lung nah am Ori­gi­nal – oder auch ziem­lich weit weg.

Ich selbst lese sehr ger­ne Klas­si­ker. Oft waren sie für ihre Zeit sehr wich­tig, haben viel­leicht etwas Neu­es in die Lite­ra­tur gebracht oder für das brei­te Publi­kum greif­bar gemacht. Über die Jah­re hat sich gewis­ser­ma­ßen vor­se­lek­tiert, was den Sta­tus als Klas­si­ker erhal­ten hat und damit gleich­falls erhal­ten geblie­ben ist und was nicht. Das muss nicht immer unum­strit­ten sein.

Im Anschluss will ich euch mei­ne Top 3 der Klas­si­ker vor­stel­len, von denen ich vor dem Lesen eine bestimm­te Vor­stel­lung hat­te und beim Lesen dann gemerkt habe, dass ich mei­len­weit davon ent­fernt war. Also Trom­mel­wir­bel für die drei Klas­si­ker, die mich am meis­ten über­rascht haben.

Platz 3 – Theodor Storm: Ein Doppelgänger

Ein Dop­pel­gän­ger‹ war die ers­te Novel­le von Theo­dor Storm, die ich jemals gele­sen habe. Mei­ne Erwar­tun­gen waren gemischt. Ver­knüpf­te ich Storm bis­lang mit »Von drauß vom Wal­de komm’ ich her; / Ich muß euch sagen, es weih­nach­tet sehr!«, änder­te sich dies schlag­ar­tig. Obwohl ich auf die­se Novel­le in einem Semi­nar über ›Kri­mi­na­li­tät in der Lite­ra­tur‹ stieß, hat die Geschich­te um den Ex-Zucht­häus­ler John Han­sen mich tief berührt. Das Tau­meln und Strau­cheln eines Man­nes, der ver­sucht mehr zu sein, als die Stra­fe, die er in jün­ge­ren Jah­ren bekom­men hat. Sei­ne Geschich­te ist nicht hei­ter, sie ist ohne Gna­de und bewe­gend. Eine kur­ze Geschich­te, die mir vie­le, vie­le Stun­den des und dar­über Redens geschenkt hat.


Platz 2 – Friedrich Dürrenmatt: Romulus der Große

Inzwi­schen habe ich eini­ge Bücher von Dür­ren­matt gele­sen und weiß, dass mich ver­mut­lich jedes sei­ner Bücher so über­rascht hät­te. In mei­nem Fall war das ers­te Buch von ihm, das ich je las, ›Romu­lus der Gro­ße‹. Kurz dar­auf folg­te ›Der Besuch der alten Dame‹. Es gibt vie­le Arten eine Geschich­te zu erzäh­len. In den meis­ten Büchern ver­wen­den die Prot­ago­nis­ten sehr viel Zeit und Ener­gie dar­auf, einen für sie und ihre Liebs­ten posi­ti­ven Aus­gang zu errei­chen. Die Hel­den und Hel­din­nen haben ein Ziel, Stei­ne wer­den ihnen in den Weg gelegt, und oft schaf­fen sie es.

Dür­ren­matts Erzähl­stra­te­gie klingt anders: »Eine Geschich­te ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst­mög­li­che Wen­dung genom­men hat.« Und obwohl Dür­ren­matts Dra­men somit mit mei­nen Erwar­tun­gen gebro­chen haben, fühlt sich ihr Aus­gang inner­halb der Geschich­te kon­se­quent an.


Platz 1 – Mary W. Shelley: Frankenstein

Mei­ne Erwar­tun­gen an ›Fran­ken­stein‹ waren nicht sehr gnä­dig. Erwar­tet hat­te ich ein blut­rüns­ti­ges Mons­ter vol­ler Kraft und Schrau­ben, das nicht weit den­ken kann, viel­leicht nicht ein­mal den eige­nen Namen aus­spre­chen. Kraft hat Fran­ken­steins Mons­ter. Auch Blut fließt in so man­cher Sze­ne. Aber mehr stimm­te nicht mit mei­ner Vor­stel­lung überein.

Fran­ken­stein‹ ist ein Brief­ro­man. Geschrie­ben von einer jun­gen Frau, die bei der Erschei­nung des Buches kaum zwan­zig Jah­re jung war. Und Fran­ken­steins Mons­ter ist alles ande­re als dumm. Es lernt, ver­sucht sich die Welt, die Men­schen und sich selbst zu erklä­ren. Da sein Erschaf­fer ihn schon bei der ›Geburt‹ ver­lässt und Men­schen nicht gnä­dig auf sein mons­trö­ses Äuße­res reagie­ren, ist dies auch der ein­zi­ge Weg, den er hat, um zu ler­nen. Er beob­ach­tet im Gehei­men, bringt sich so die Spra­che der Men­schen bei, und könn­te sicher­lich sei­nen eige­nen Namen feh­ler­frei aus­spre­chen, wenn man ihm einen gege­ben hät­te. Doch sein Schöp­fer, Dr. Fran­ken­stein, gewähr­te ihm kei­nen. Die Gedan­ken­welt des Mons­ters und die anschei­nen­de Nor­ma­li­tät der Men­schen prä­gen den Roman. Wie wird man zum Mons­ter und wie zum Mann? Durch Taten oder kör­per­li­che Mons­tro­si­tät? Mehr dazu war­tet in Mary Shel­ley Klas­si­ker ›Fran­ken­stein‹, erschie­nen unter ande­rem im Fischer-Ver­lag.

Wel­cher Klas­si­ker hat Dich bis­lang am meis­ten überrascht?



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Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame [Rezension]

Die Sünden der Vergangenheit. 

Wer sich nicht unbe­dingt freut, dem Ex-Freund oder der Ex-Freun­din über den Weg zu lau­fen, der wird mit Alfred Ill in ›Der Besuch der alten Dame‹ mit­füh­len kön­nen. Vor allem, wenn der oder die Ex in der Zwi­schen­zeit stein­reich gewor­den ist und man selbst kei­nen so luxu­riö­sen Wer­de­gang vor­wei­sen kann. 

Der Ort Gül­len, in dem Alfred Ill lebt, ist wirt­schaft­lich am Ende. Doch die Bewoh­ner sind über­zeugt, dass finan­zi­el­le Hil­fe von Alfreds Ex-Freun­din, die in ihren jun­gen Jah­ren eben­falls im Ort gelebt hat, aus­rei­chen wür­de, um wie­der in Schwung zu kommen. 

Und klingt es dabei nicht nach einer guten Idee, dass Alfred sei­ne ehe­ma­li­ge Ver­bun­den­heit zu Clai­re nutzt – immer­hin ist die Tren­nung lan­ge her –, um die Mög­lich­keit auf das Geld zu steigern?

»Vom Städt­chen her der Bür­ger­meis­ter, der Leh­rer, der Pfar­rer und Ill, ein Mann von fast fünf­und­sech­zig Jah­ren, alle schä­big gekleidet.«

Bei ihren Plä­nen schei­nen die Damen und Her­ren von Gül­len jedoch nicht bedacht zu haben, dass die nun rei­che Clai­re Zachanas­si­an ihren Geburts­ort damals nicht ohne Grund ver­las­sen hat.

Und wäh­ren die Bewoh­ner von Gül­len sich durch Clai­re finan­zi­el­le Mit­tel erhof­fen, hat Clai­re eige­ne Vor­stel­lun­gen davon, wie der Ort wie­der blü­hen könn­te. Die Bewoh­ner von Gül­len müs­sen sich in ›Der Besuch der alten Dame‹ der Ent­schei­dung stel­len, wie weit sie bereit sind zu gehen.

»Du woll­test, daß die Zeit auf­ge­ho­ben wür­de, eben, im Wald unse­rer Jugend, voll von Ver­gäng­lich­keit. Nun habe ich sie auf­ge­ho­ben, und nun will ich Gerech­tig­keit, Gerech­tig­keit für eine Milliarde.«

Als Dür­ren­matt 1956 ›Der Besuch der alten Dame‹ ver­öf­fent­lich­te, selbst noch in sei­nen 30ern, war das Stück über­aus erfolg­reich. Mit dem Unter­ti­tel ›Tra­gi­sche Komö­die‹ ver­se­hen, ver­fügt es über bei­de Ele­men­te. Die Tra­gik, die sich in der Gestalt von Clai­res und Ills gemein­sa­mer Ver­gan­gen­heit über die Stadt legt, und nur für die bei­den wirk­lich begreif­bar scheint. Eine Komik, da die ande­ren Bewoh­ner Gül­lens, sich schon an den Gedan­ken einer Mil­li­ar­de zu gewöh­nen schei­nen, bevor die Vor­aus­set­zun­gen dafür geschaf­fen sind.

Wäh­rend die Lösung für Gül­len zu Beginn des Dra­mas ›Der Besuch der alten Dame‹ auf der Hand zu lie­gen scheint, wird bald deut­lich, dass der Ort nicht nur wirt­schaft­li­che Pro­ble­me hat. Dür­ren­matt denkt sei­ne Stü­cke und Geschich­ten strikt zu Ende. Die Wun­den und die Schuld sei­ner Cha­rak­te­re sit­zen tief.

Fazit zu ›Der Besuch der alten Dame

Dür­ren­matts Dra­men zeich­nen sich durch ori­gi­nel­le Ideen, Tie­fe und Kür­ze aus. Kaum ein Wort scheint belang­los, alles arbei­tet auf den Höhe­punkt zu. Auch 30 Jah­re nach dem Tod des Schrift­stel­lers über­zeu­gen sei­ne Stü­cke und soll­ten unbe­dingt gele­sen wer­den. Mehr zu Klas­si­kern fin­det sich in mei­nem Post ›Klas­si­ker, die mich wirk­lich über­rascht haben‹.

Buchinfo

Fried­rich Dür­ren­matt:
Der Besuch der alten Dame

Tra­gi­sche Komö­die
Dio­ge­nes, Zürich 1998 (1956)
160 S., EUR (D) 10,- inkl. MwSt.
Taschen­buch
ISBN 978−3−257−23045−1

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Daniel Kehlmann: Beerholms Vorstellung [Rezension]

Von einem Mann, der auszog, um Theologie zu studieren, und zu einem Magier wurde. 

Ein jun­ger Mann ›Beer­holms Vor­stel­lung‹ will Theo­lo­gie stu­die­ren und Pries­ter sein, bis er es nicht mehr sein will. Ein jun­ger Mann will sich der Zau­be­rei wid­men und Magi­er wer­den, bis er es nicht mehr will. 

Arthur Beer­holm hat die­se bei­den Leben gelebt. Und umso unter­schied­li­cher sie in ihrem Wesen auch klin­gen, des­to stär­ker fal­len die Din­ge auf, die bei Beer­holm über bei­de Beru­fe hin­weg kon­stant geblie­ben sind. 

Zum einen Beer­holms Vor­lie­be für Schlaf­ta­blet­ten. Manch­mal scheint es, als wäre sei­ne Lebens­ge­schich­te von nichts so stark beglei­tet, als von sei­nem Tablet­ten­miss­brauch. Zum ande­ren gesund­heit­li­che Pro­ble­me, die mehr­mals mit sei­ner Wahr­neh­mung zu spie­len scheinen. 

»Weißt du eigent­lich, daß man unun­ter­bro­chen auf sich selbst ein­re­det? In einem Win­kel unse­res Kop­fes sitzt ein Schwät­zer und spricht, spricht, spricht vom Augen­blick unse­res Auf­wa­chens bis in die letz­ten im Dun­kel ver­schwim­men­den Regun­gen vor dem Einschlafen.«

Kehl­manns Debüt­ro­man ›Beer­holms Vor­stel­lung‹ ist ein Kipp­bild: In man­chen Momen­ten ist er voll wun­der­sa­mer Ereig­nis­se, der Zau­be­rei scheint ech­te Magie inne­zu­woh­nen. In ande­ren Momen­ten tauscht er sei­nen Zau­ber gegen Alter­na­tiv­erklä­run­gen, wie Träu­me, Fie­ber­wahn, Tablet­ten­miss­brauch. Exis­tiert Magie in ›Beer­holms Vor­stel­lung‹ oder han­delt es sich in vie­len Momen­ten ledig­lich um außer­ge­wöhn­li­che Zufäl­le, die den Anschein von Bedingt­heit und Vor­be­stim­mung erwe­cken? Schafft Wahr­schein­lich­keit Realität?

»Ich setz­te ein iro­ni­sches Lächeln auf – was außer den unbe­ein­druck­bar schwei­gen­den Mön­chen kei­ner sah – und beschloß, die Sei­te von ihrer komi­schen Sei­te zu betrach­ten. Dann, nach und nach, fand ich her­aus, daß sie kei­ne komi­sche Sei­te hatte.«

Fazit zu ›Beerholms Vorstellung

Bereits in sei­nem Erst­lings­werk sind eini­ge der The­men ange­legt, die auch für Kehl­manns spä­te­res Werk maß­ge­bend sein wer­den, wie ›F‹ oder ›Tyll‹. Die Wirk­lich­keit und ihre Wahr­neh­mung wer­den spie­le­risch auf die Pro­be gestellt. Doch scheint es ›Beer­holms Vor­stel­lung‹ im Ver­gleich zu sei­nen spä­te­ren Wer­ken noch an Schliff zu feh­len, die­se The­men sind noch nicht so prä­zi­se her­aus­ge­ar­bei­tet, wie es ihm in spä­te­ren Roma­nen gelin­gen wird, ohne, dass sein vir­tuo­ser Umgang mit Wirk­lich­keit dar­un­ter zu lei­den hät­te. Doch ver­fliegt dies nach 50 Sei­ten wie­der und übrig bleibt ein Roman, der sich auch am Ende nicht in die Enge drän­gen lässt.

Denn die eige­ne Wahl, ob Magie in Beer­holms Lebens­wirk­lich­keit exis­tiert oder nicht, bleibt für den Roman­ver­lauf nicht folgenlos.

Buchinfo

Dani­el Kehl­mann:
Beer­holms Vor­stel­lung

Roman
rowohlt/rororo, Ham­burg 2007
256 S., EUR (D) 10,- inkl. MwSt.
Taschen­buch
ISBN 978−3−499−24549−7

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Katherine Arden: Der Bär und die Nachtigall [Rezension]

Die Kälte und ihre Kinder. 

Immer wie­der erzählt die alte Dun­ja Mär­chen über Rus und sei­ne Sagen­ge­stal­ten. Pjo­trs Kin­dern und sei­ner Frau sind sie ver­traut, und doch lau­schen sie der alten Frau stets aufs Neue, beson­ders wenn dicke Schnee­de­cken über dem Land lie­gen und die Fami­lie vor der Wär­me des Ofens näher zusammenrückt.

Obwohl Pjo­trs Frau, Mari­na, bereits drei Söh­ne und eine Toch­ter hat und aus­ge­zehrt ist vom Win­ter, will sie, als sie wie­der schwan­ger wird, das Kind auf jeden Fall behal­ten. Denn sie hat zwar eine Toch­ter, aber die­se erin­nert wenig an Mari­nas eige­ne Mut­ter, die Geheim­nis­se und Geschich­ten umranken.

So bringt sie die klei­ne Was­ja zur Welt, doch sie über­lebt nicht, um das jun­ge Mäd­chen auf­wach­sen zu sehen.

Die klei­ne Was­ja wächst in ›Der Bär und die Nach­ti­gall‹ ohne ihre Mut­ter auf, doch umge­ben von ihren Geschwis­tern, Dun­ja, ihrem Vater und Gestal­ten, die nur sie sehen kann. »Ver­giß uns nicht«, flüs­tern die Rusal­ka und der Domo­woi, alte Sagen­we­sen, für die meis­ten Men­schen nur noch in Mär­chen existent.

Und wäh­rend die­se Was­ja anfle­hen, sie nicht zu ver­ges­sen, ist auch ›Der Bär und die Nach­ti­gall‹ gefüllt von die­sem Wunsch. Lie­be­voll erzählt steckt in den Sei­ten des Buches der Zau­ber alter Erzäh­lun­gen, von Volks­glau­ben und von Beson­der­hei­ten der rus­si­schen Erzähltradition.

Erfri­schend echt sind auch die Figu­ren, die Kathe­ri­ne Arden in ihrem Roman schafft: Frau­en, die sich selbst zu hel­fen wis­sen in einer Zeit, in denen ihnen nur die Ehe oder das Klos­ter offen­stand; Män­ner, die mehr sind als Mus­keln, coo­le Sprü­che und Lovein­te­rests. Die Figu­ren in ›Der Bär und die Nach­ti­gall‹ sind mit Lie­be fürs Detail geschnitzt und laden dazu ein, das Rus aus Kathe­ri­ne Ardens Roman­welt mit ihnen kennenzulernen.

Fazit zu ›Der Bär und die Nachtigall

Wer also beson­de­re Figu­ren mag, ger­ne in Mär­chen oder Sagen­wel­ten ein­taucht, oder sich für his­to­ri­sche Phan­tas­tik inter­es­siert, kann das gelun­ge­ne Debüt ›Der Bär und die Nach­ti­gall‹ auf jeden Fall lesen und sich mit mir dar­über freu­en, dass noch wei­te­re Nach­fol­ge­bän­de kom­men wer­den. Band 2 der Rei­he trägt den viel­ver­spre­chen­den Titel ›Das Mäd­chen und der Win­ter­kö­nig‹.

Buchinfo

Kathe­ri­ne Arden:
Der Bär und die Na
chti­gall
Win­ter­nacht-Tri­lo­gie, Band 1
Über­setzt von Micha­el Pfingstl
Roman
Hey­ne, Mün­chen 2019
432 S., EUR (D) 16,99 inkl. MwSt.
Paper­back
ISBN 978−3−453−32003−1

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