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Laetitia Colombani: Das Haus der Frauen [Rezension]

Vom Traum einer Frau, die nicht bereit war, aufzugeben. 

Seit dem Tod ihres Kli­en­ten hat sich Solè­nes Leben in ›Das Haus der Frau­en‹ ver­än­dert. War sie in dem einen Moment noch eine Kar­rie­re­frau in teu­rer Klei­dung und als Anwäl­tin erfolg­reich, weiß sie nun nicht mehr recht, was sie tun soll. 

Sie hat sei­nen Tod nicht kom­men sehen. In all den Gesprä­chen, in all den vie­len Stun­den. Und dann geschieht es, an ihrer Sei­te und viel zu schnell.

Auch Solè­ne fällt, und sie fällt tief. Arbeit scheint ihr unmög­lich, das Haus ver­las­sen eben­so. Sie zieht sich zurück, nimmt Tablet­ten. Irgend­wann emp­fiehlt ihr Arzt ihr, sich eine ehren­amt­li­che Arbeit zu suchen. Solè­ne ist skep­tisch, doch als sie all die Ein­trä­ge auf einer Web­site durch­geht, sticht ihr einer ins Auge. »Öffent­li­che Schrei­be­rin«. Sie weiß zwar nicht, was sie sich unter die­sem Begriff vor­zu­stel­len hat, doch das Schrei­ben ist ihr aus frü­he­ren Zei­ten ver­traut. Und mit einem Mal kehrt eine Sache in Solè­nes Leben zurück, die sie lan­ge begra­ben hatte.

»Kind­heits­träu­me zu ver­ges­sen ist nicht schwer, man hört ein­fach auf, dar­an zu den­ken. Man bedeckt sie mit einem Schlei­er, so wie man Laken über Möbel­stü­cke wirft, wenn man ein Haus für län­ge­re Zeit verlässt.«

Solè­ne wird zur Öffent­li­chen Schrei­be­rin im Haus der Frau­en. Doch obwohl sie als Anwäl­tin oft die Schat­ten­sei­ten des Lebens zu sehen bekam, ist sie auf die­se Stel­le nicht vor­be­rei­tet. Vor ihr wer­den die Leben so vie­ler unter­schied­li­cher Frau­en sicht­bar, die ihr auch noch nach­ge­hen, wenn sie längst Fei­er­abend gemacht hat. 

Mehr als ein­mal muss sie sich den Fra­gen stel­len, ob sie für die­se Arbeit geeig­net ist und was sie tun kann, um den Frau­en zu hel­fen. Und wäh­rend Solé­ne ver­sucht, den Bewoh­ne­rin­nen des Hau­ses zu hel­fen, die im 21. Jahr­hun­dert leben, führt Colom­ba­ni mit ›Das Haus der Frau­en‹ auch in die Zeit zurück, bevor die Idee zu die­ser Ein­rich­tung über­haupt gebo­ren wur­de. Bis hin zu Blan­che, die rund ein Jahr­hun­dert zuvor leb­te, und die Armut und Not ihrer Pari­ser Mit­bür­ger und Mit­bür­ge­rin­nen nicht hin­neh­men wollte.

»Kei­ne ande­re Spe­zi­es lie­fert sich ein sol­ches Gemet­zel. Das Miss­han­deln von Weib­chen kommt in der Natur sonst nicht vor. War­um haben Men­schen die­ses Bedürf­nis, zu zer­stö­ren und zu vernichten?«

Wer ›Der Zopf‹ von Lae­ti­tia Colom­ba­ni gele­sen hat, weiß um das Talent der Autorin, meh­re­re Per­spek­ti­ven und Leben so zu ver­we­ben, dass ein gemein­sa­mes, facet­ten­rei­ches Bild ent­steht. Geschah dies in ›Der Zopf‹ durch drei Frau­en, die zur glei­chen Zeit in unter­schied­li­chen Län­dern leben, sind es in ›Das Haus der Frau­en‹ zwei Frau­en, die in Paris leben, durch ein Jahr­hun­dert getrennt.

Und das Leben der Frau­en im Haus geht unter die Haut, eben­so das von Blan­che. Sie träum­te von einem ›Haus der Frau­en‹ schon in einer Zeit, in der obdach­lo­se Kin­der noch auf den Fel­der erfro­ren, weil es kei­nen Platz für sie gab. Doch Blan­che träumt nicht nur, sie han­delt. Uner­müd­lich, über die Gren­ze jeg­li­cher Belastbarkeit.

»Hat Paris kein Herz?, ruft sie ohne Umschwei­fe ins Publi­kum. Im alten Frank­reich herrsch­te eine Hun­gers­not, heu­te ist es die Woh­nungs­not. Men­schen ster­ben, weil sie nicht wis­sen, wo sie schla­fen sollen.«

Fazit zu ›Das Haus der Frauen

Auf nicht ein­mal 300 Sei­ten gelingt es Colom­ba­ni in ›Das Haus der Frau­en‹, die Leben und die Zeit zwei­er Frau­en auf­er­ste­hen zu las­sen. Es schaut dort hin, wo oft weg­ge­se­hen wird. Zeigt das all­täg­li­che, trau­ri­ge und zugleich zum Teil hoff­nungs­vol­le Leben im Pari­ser Haus der Frau­en. Was für Solè­ne als Ehren­amt begann, nimmt bald schon grö­ße­re Dimen­sio­nen an. Ein­drück­lich, bewe­gend und zum Nach­den­ken anregend.

Buchinfo

Lae­ti­tia Colom­ba­ni:
Das Haus der Frau­en

Roman
Über­setzt von: Clau­dia Mar­quardt
Fischer Ver­lag, Frank­furt a. M. 2020
256 S., EUR (D) 20,- inkl. MwSt.
gebun­den mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−10−390003−3

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Victoria Mas: Die Tanzenden [Rezension]

Von Frauen und Freiheit. 

Ende des 19. Jahr­hun­derts wird wohl jede Frau in Paris den Namen einer bestimm­ten Ein­rich­tung gekannt haben. Das ›Hôpi­tal de la Sal­pê­triè­re‹ von ›Die Tan­zen­den‹ war eine Ner­ven­heil­an­stalt, in die man über Jah­re nicht nur jene Frau­en brach­te, die eine Behand­lung benötigten. 

Zumeist von ihren Vätern, Ehe­müt­tern oder Brü­dern dort hin­ge­brach­te, ging die Ein­wei­sung nicht sel­ten mit einem Aus­schluss aus der Fami­lie ein­her. Häu­fig genug, ohne das die Frau­en das selbst wollten.

Die unter­schied­lichs­ten Frau­en leben in ›Die Tan­zen­den‹ im ›Hôpi­tal de la Sal­pê­triè­re‹, ehe­ma­li­ge Pro­sti­tu­ier­te, Hys­te­ri­ke­rin­nen, Melan­cho­li­ke­rin­nen oder Frau­en, die nicht bereit sind, die ihnen zuge­dach­te Rol­le im Leben ein­zu­neh­men. Frau­en, die von sich selbst sagen, Geis­ter sehen zu kön­nen, und sol­che, die ihnen zu nah sind. 

In einer Zeit, in der Män­ner Fami­li­en­ober­häup­ter oder Ärz­te sind, wäh­rend Frau­en als Kran­ken­schwes­ter arbei­ten, sich unter­ord­nen und über sich bestim­men las­sen müssen. 

»War­um Göt­ter ver­eh­ren, wenn es Män­ner wie Char­cot gibt? Nein, das stimmt nicht ganz: Kein Mann kann es mit Char­cot auf­neh­men. Sie ist stolz, ja, stolz auf das Vor­recht, seit fast zwan­zig Jah­ren ihren Bei­trag zur Arbeit und zu den Fort­schrit­ten des berühm­tes­ten Ner­ven­arz­tes von Paris leis­ten zu dürfen.«

Und wäh­rend in ›Die Tan­zen­den‹ für vie­le Frau­en, der Gedan­ke erschre­ckend ist, im ›Hôpi­tal de la Sal­pê­triè­re‹ zu laden, gibt es ande­re, für die der Gedan­ke nicht ertrag­bar ist, dort jemals wie­der hin­aus zu müs­sen. Was ist das für eine Welt, der Frau­en die Ner­ven­heil­an­stalt vorziehen?

Vic­to­ria Mas gelingt es in ihrem Debüt­ro­man ›Die Tan­zen­den‹ einen span­nen­den Blick auf jene Frau­en zu geben, so unter­schied­lich und facet­ten­reich sie sind, und eine Ahnung des Schre­ckens zu ver­mit­teln, der der ›Sal­pê­triè­re‹ ange­haf­tet hat.

Das ›Hôpi­tal de la Sal­pê­triè­re‹ ver­kör­pert die Wün­sche vie­ler Frau­en zugleich: den Wunsch nach Sicher­heit, den Wunsch gese­hen zu wer­den und den Wunsch, mög­lichst schnell wie­der wegzukommen.

»Wer zum Aber­glau­ben neigt, könn­te mei­nen, das Mäd­chen sei von Dämo­nen beses­sen, und eini­ge im Publi­kum bekreu­zen sich tat­säch­lich verstohlen …«

Das High­light des Jah­res ist für die meis­ten Pati­en­tin­nen – und nicht nur für die­se – der Ball an Mitt­fas­ten. Die Ein­la­dun­gen für Außen­ste­hen­de sind begehrt und das, was es zu sehen gibt, ist sonst hin­ter den Mau­ern der Ein­rich­tung ver­bor­gen: die Pati­en­tin­nen, auf der einen Sei­te über­ra­schend nor­mal, auf der ande­ren Sei­te auf­re­gend anders.

Fazit zu ›Die Tanzenden

Mas macht die Frau­en der ›Sal­pê­triè­re‹ sicht­bar, ohne sie auf Schau­ob­jek­te zu redu­zie­ren, span­nend, bewe­gend und erschre­ckend zugleich. 

Buchinfo

Vic­to­ria Mas:
Die Tan­zen­den

Über­setzt von: Julia Scho­ch
Piper, Mün­chen 2020
240 S., EUR (D) 20,- inkl. MwSt.
Roman
Hard­co­ver mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−492−07014−0

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