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H. P. Lovecraft: Cthulhus Ruf [Rezension]

Von einem uralten Wesen in den Tiefen dieser Welt, das ruht und wartet. 

Die Ahnung von etwas Uralten, Mons­trö­sen erfüllt die Geschich­te ›Cthul­hus Ruf‹. Ist es zu Beginn noch der plötz­li­che Tod des Onkels des Icher­zäh­lers, der Rät­sel auf­gibt, ver­dich­tet sich das düs­te­re Netz aus Geheim­nis­sen und Vor­ah­nun­gen bald. 

Im Nach­lass des Onkels, einem ange­se­he­nen Pro­fes­sor, stößt der Icher­zäh­ler auf Auf­zeich­nun­gen und Unter­la­gen, die Zwei­fel am natür­li­chen Tod sei­nes Onkels auf­kom­men las­sen. Doch was war es, dem der Pro­fes­sor noch bis kurz vor sei­nem Able­ben auf der Spur war? Und war­um hat er davon nichts gewusst?

Der Icher­zäh­ler von ›Cthul­hus Ruf‹ kämpft mit sich und sei­ner Wahr­neh­mung der Welt. Er will ratio­na­le Erklä­run­gen fin­den, die Geheim­nis­se sei­nes Onkels auf Betrug ande­rer zurück­füh­ren, doch je tie­fer er sich in sei­ne Nach­for­schun­gen begibt, des­to stär­ker wird das Gefühl des lau­ern­den Grau­en­haf­ten. Uralte Ritua­le und mons­trö­se Anru­fun­gen, nicht nur in der Fer­ne, son­dern Tief im Her­zen des mensch­li­chen Bewusstseins.

»Ein Fall, dem sich die Anmer­kun­gen mit Nach­druck wid­me­ten, war tra­gisch.
Die betref­fen­de Per­son, ein sehr bekann­ter Archi­tekt mit Inter­es­se an Theo­so­phie und Okkul­tis­mus, wur­de am glei­chen Tag wie Wil­cox von hef­ti­gem Wahn­sinn befal­len und starb eini­ge Mona­te spä­ter nach end­lo­sem Schrei­en, jemand möge ihn doch vor den aus­ge­bro­che­nen Bewoh­nern der Höl­le retten.«

Mehr und mehr dunk­le Geheim­nis­se kreu­zen sei­ne Nach­for­schun­gen. In den unter­schied­lichs­ten Tei­len der Welt stößt er auf wei­te­re Puz­zle­tei­le. Und doch ist kaum jemand übrig, den er direkt befra­gen könn­te. Mys­te­riö­se Todes­fäl­le und Ver­schwin­den säu­men den Weg. Und wie berich­tet man etwas, das nie­mand zu glau­ben bereit ist? Love­craft zieht Leser und Lese­rin­nen sub­til und unter­schwel­lig in die Abgrün­de sei­ner Geschich­te. Sei­te für Sei­te ver­dich­tet sich eine Geschich­te, die unter die Haut geht.

»Es war ein Poli­zist aus New Orleans namens John Ray­mond Legras­se.
Er brach­te den Gegen­stand mit, um des­sent­wil­len er gekom­men war – eine gro­tes­ke, unge­heu­er­lich absto­ßen­de und augen­schein­lich sehr alte Stein­sta­tu­et­te, deren Ursprung er nicht zu bestim­men vermochte.«

Cthul­hus Ruf‹ ist mit Abstand die berühm­tes­te Erzäh­lung H. P. Love­crafts, die natür­lich auch in ›Die bes­ten Geschich­ten‹ von H. P. Love­craft nicht fehlt. Zum Teil jedoch auch in der Zeit des Autors ver­haf­tet ist.

Doch die Abbil­dun­gen von Fran­çois Bar­an­ger machen die­se Aus­ga­be von ›Cthul­hus Ruf‹ nicht nur zu etwas Beson­de­rem, son­dern zu einem Schatz in Buch­ge­stalt. Dun­kel, düs­ter und atmo­sphä­risch fan­gen sie das Unbe­ha­gen und die Ahnun­gen ein, die zwi­schen Love­crafts Zei­len lau­ern. Jede Dop­pel­sei­te ist ein Kunst­werk für sich, die Love­crafts Welt ernst nimmt. 

Fazit zu ›Cthulhus Ruf

Love­crafts ›Cthul­hus Ruf‹ ist düs­ter, atmo­sphä­risch und unglaub­lich span­nend. Der Icher­zäh­ler ist greif­bar, ver­sucht dem Unfass­ba­ren mit Ratio­na­li­tät und Fas­sung zu begeg­nen und erbaut dadurch eine Brü­cke für den Leser in die Welt von ›Cthul­hus Ruf‹.

Die­se Aus­ga­be der berühm­ten Erzäh­lung ›Cthul­hus Ruf‹ ist nicht nur für Love­craft-Ken­ner eine Emp­feh­lung – Fran­çois Bar­an­gers Abbil­dun­gen soll­ten sie sich nicht ent­ge­hen las­sen. Auch für den Love­craft-Neu­ling ist die­se schau­rig-schö­ne und biblio­phi­le Aus­ga­be eine wun­der­ba­re Ein­la­dung in die Welt von Love­craft und Cthulhu. 

»›In sei­nem Haus in R’lyeh
war­tet träu­mend der tote Cthulhu.‹«

Buchinfo

H. P. Love­craft:
Cthul­hus Ruf

Hey­ne, Mün­chen 2020
64 S., EUR (D) 25,- inkl. MwSt.
Mit 64 far­bi­gen Abbil­dun­gen von Fran­çois Bar­an­ger
Hard­co­ver mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−453−53498−8

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Klassiker, die mich überrascht haben [Buchwelt]

Drei Klassiker, die mich wirklich überrascht haben. 

Es gibt mitt­ler­wei­le so vie­le Adap­tio­nen von Klas­si­kern, sei es als Film, Serie, Game, in Lie­dern oder Thea­ter­stü­cken. Viel­fach wur­den die gro­ßen Figu­ren und mons­trö­sen Gestal­ten als Haupt- oder Neben­cha­rak­te­re für ande­re Bücher oder Fil­me ver­wen­det. So trifft man in dem Film ›Die Liga der außer­ge­wöhn­li­chen Gen­tle­men‹ auf Dori­an Gray oder in der Serie ›Once Upon a Time – Es war ein­mal‹ auf eine gan­ze Rei­he bekann­ter Gestal­ten, unter ihnen Dr. Fran­ken­stein. Auch Jane Aus­tens Roma­ne erfreu­en sich zahl­rei­cher Adaptionen.

So hat selbst jemand, der die Klas­si­ker nicht gele­sen hat, oft eine bestimm­te Vor­stel­lung von einer Figur oder von der Geschich­te, die sie umgibt. Je nach­dem, wel­che Umsetzung(en) man gese­hen oder gehört hat, ist die­se Vor­stel­lung nah am Ori­gi­nal – oder auch ziem­lich weit weg.

Ich selbst lese sehr ger­ne Klas­si­ker. Oft waren sie für ihre Zeit sehr wich­tig, haben viel­leicht etwas Neu­es in die Lite­ra­tur gebracht oder für das brei­te Publi­kum greif­bar gemacht. Über die Jah­re hat sich gewis­ser­ma­ßen vor­se­lek­tiert, was den Sta­tus als Klas­si­ker erhal­ten hat und damit gleich­falls erhal­ten geblie­ben ist und was nicht. Das muss nicht immer unum­strit­ten sein.

Im Anschluss will ich euch mei­ne Top 3 der Klas­si­ker vor­stel­len, von denen ich vor dem Lesen eine bestimm­te Vor­stel­lung hat­te und beim Lesen dann gemerkt habe, dass ich mei­len­weit davon ent­fernt war. Also Trom­mel­wir­bel für die drei Klas­si­ker, die mich am meis­ten über­rascht haben.

Platz 3 – Theodor Storm: Ein Doppelgänger

Ein Dop­pel­gän­ger‹ war die ers­te Novel­le von Theo­dor Storm, die ich jemals gele­sen habe. Mei­ne Erwar­tun­gen waren gemischt. Ver­knüpf­te ich Storm bis­lang mit »Von drauß vom Wal­de komm’ ich her; / Ich muß euch sagen, es weih­nach­tet sehr!«, änder­te sich dies schlag­ar­tig. Obwohl ich auf die­se Novel­le in einem Semi­nar über ›Kri­mi­na­li­tät in der Lite­ra­tur‹ stieß, hat die Geschich­te um den Ex-Zucht­häus­ler John Han­sen mich tief berührt. Das Tau­meln und Strau­cheln eines Man­nes, der ver­sucht mehr zu sein, als die Stra­fe, die er in jün­ge­ren Jah­ren bekom­men hat. Sei­ne Geschich­te ist nicht hei­ter, sie ist ohne Gna­de und bewe­gend. Eine kur­ze Geschich­te, die mir vie­le, vie­le Stun­den des und dar­über Redens geschenkt hat.


Platz 2 – Friedrich Dürrenmatt: Romulus der Große

Inzwi­schen habe ich eini­ge Bücher von Dür­ren­matt gele­sen und weiß, dass mich ver­mut­lich jedes sei­ner Bücher so über­rascht hät­te. In mei­nem Fall war das ers­te Buch von ihm, das ich je las, ›Romu­lus der Gro­ße‹. Kurz dar­auf folg­te ›Der Besuch der alten Dame‹. Es gibt vie­le Arten eine Geschich­te zu erzäh­len. In den meis­ten Büchern ver­wen­den die Prot­ago­nis­ten sehr viel Zeit und Ener­gie dar­auf, einen für sie und ihre Liebs­ten posi­ti­ven Aus­gang zu errei­chen. Die Hel­den und Hel­din­nen haben ein Ziel, Stei­ne wer­den ihnen in den Weg gelegt, und oft schaf­fen sie es.

Dür­ren­matts Erzähl­stra­te­gie klingt anders: »Eine Geschich­te ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst­mög­li­che Wen­dung genom­men hat.« Und obwohl Dür­ren­matts Dra­men somit mit mei­nen Erwar­tun­gen gebro­chen haben, fühlt sich ihr Aus­gang inner­halb der Geschich­te kon­se­quent an.


Platz 1 – Mary W. Shelley: Frankenstein

Mei­ne Erwar­tun­gen an ›Fran­ken­stein‹ waren nicht sehr gnä­dig. Erwar­tet hat­te ich ein blut­rüns­ti­ges Mons­ter vol­ler Kraft und Schrau­ben, das nicht weit den­ken kann, viel­leicht nicht ein­mal den eige­nen Namen aus­spre­chen. Kraft hat Fran­ken­steins Mons­ter. Auch Blut fließt in so man­cher Sze­ne. Aber mehr stimm­te nicht mit mei­ner Vor­stel­lung überein.

Fran­ken­stein‹ ist ein Brief­ro­man. Geschrie­ben von einer jun­gen Frau, die bei der Erschei­nung des Buches kaum zwan­zig Jah­re jung war. Und Fran­ken­steins Mons­ter ist alles ande­re als dumm. Es lernt, ver­sucht sich die Welt, die Men­schen und sich selbst zu erklä­ren. Da sein Erschaf­fer ihn schon bei der ›Geburt‹ ver­lässt und Men­schen nicht gnä­dig auf sein mons­trö­ses Äuße­res reagie­ren, ist dies auch der ein­zi­ge Weg, den er hat, um zu ler­nen. Er beob­ach­tet im Gehei­men, bringt sich so die Spra­che der Men­schen bei, und könn­te sicher­lich sei­nen eige­nen Namen feh­ler­frei aus­spre­chen, wenn man ihm einen gege­ben hät­te. Doch sein Schöp­fer, Dr. Fran­ken­stein, gewähr­te ihm kei­nen. Die Gedan­ken­welt des Mons­ters und die anschei­nen­de Nor­ma­li­tät der Men­schen prä­gen den Roman. Wie wird man zum Mons­ter und wie zum Mann? Durch Taten oder kör­per­li­che Mons­tro­si­tät? Mehr dazu war­tet in Mary Shel­ley Klas­si­ker ›Fran­ken­stein‹, erschie­nen unter ande­rem im Fischer-Ver­lag.

Wel­cher Klas­si­ker hat Dich bis­lang am meis­ten überrascht?



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Benjamin Maack: Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein [Rezension]

Die Stimme des Nicht-Sagbarem. 

Wie schreibt man über ein The­ma, über das oft selbst das Reden oder Erzäh­len schwer­fällt? Wie fin­det man Wor­te für etwas, das Ben­ja­min Maack immer wie­der als Lee­re und als Nichts beschreibt? 

Bereits zu Beginn sei­ner Arbeit an ›Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein‹ ist Maack eines wich­tig: Abklä­ren, ob ein Text über Depres­sio­nen und Selbst­mord­ge­dan­ken Men­schen dazu ver­lei­ten könn­te, sich umzubringen.

»›Im Gegen­teil‹, sag­te [der Sui­zid­o­lo­ge], es wäre gut und rich­tig, dass dar­über geschrie­ben und gespro­chen wür­de. Wich­tig sei, dass man dabei nichts beschö­ni­ge oder heroisiere.«

Bereits nach den ers­ten Sei­ten von ›Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein‹ ist klar, dass die­ses Buch nicht vor­hat, zu heroisieren.

Am leich­tes­ten fäll­te es viel­leicht, sich Ben­ja­min Maacks Buch ›Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein‹ über das zu nähern, was es ›nicht‹ ist. Es ist weder ein Rat­ge­ber für Betrof­fe­ne noch einer für Ange­hö­ri­ge. Es schaut nicht von außen auf die Depres­si­on, ver­sucht nicht sie in geord­ne­te Kate­go­rien zu ordnen.

»Wenn Sie Tipps und Tricks für den Umgang mit Depres­sio­nen suchen, legen Sie die­ses Buch auch weg. Und mel­den Sie sich, wenn Sie etwas gefun­den haben, das wirkt.«

Maacks Buch ›Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein‹ lässt nicht sprach­lich auf­ge­ar­bei­tet von außen auf die Depres­si­on schau­en. Er lässt in sie schau­en. Dabei bleibt er oft frag­men­ta­risch. In ande­ren Momen­ten scheint er mit und um Spra­che zu rin­gen, um die Momen­te der Depres­si­on aus­drü­cken zu kön­nen. Dabei schaf­fen sei­ne Wor­te oft kei­ne Ord­nung mehr, kei­ne Seman­tik, sie hin­ter­las­sen Weiß­räu­me und Satzfetzen.

Durch Maacks Buch ›Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein‹ zieht sich der Wunsch, funk­tio­nie­ren zu wol­len. Das hin- und her­schwan­ken zwi­schen der Angst, zu krank für das ›nor­ma­le‹ Leben zu sein und zugleich viel­leicht nicht krank genug für das psych­ia­tri­sche Leben; die Fra­ge, wie es einem geht. Der rüh­ren­de Ver­such, den All­tag zu bewäl­ti­gen, irgend­wie an der Ober­flä­che zu blei­ben, der Ehe und den Kin­dern gerecht zu wer­den. Das Auf und Ab durch neue Medi­ka­men­te, die ihrer­seits Befürch­tun­gen mit sich brin­gen. Pfle­ger und Ärz­te, die den Kli­nik­all­tag beglei­ten. Eben­so wie Freun­de und Mit­pa­ti­en­ten, der Auf­ent­halt in einer Psych­ia­trie, beglei­tet von ›Cobra 11‹. Die Sei­ten des Buches brau­chen ihre Weiß­räu­me, um der Schwe­re des Geschrie­be­nen Raum zu geben, an weni­gen Stel­len gewährt Maack auch Momen­te des Aufatmens.

»Ein paar Mona­te spä­ter geht es mir wie­der gut. Ich bin wie­der drau­ßen, noch ein paar Mona­te spä­ter arbei­te ich wie­der, bin wie­der für die Fami­lie da, tref­fe wie­der Freunde.«

An das Ende von ›Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein‹ ist Maacks Rede bei einer Preis­ver­lei­hung in Karls­ru­he ange­hängt, bei der er für sein Werk ›Mons­ter‹ aus­ge­zeich­net wur­de. Bei die­ser ging Maack bereits auf sei­ne Depres­sio­nen ein, die er damals über­wun­den glaub­te. Weder die Zuhö­rer noch Maack selbst wuss­ten, dass sie wie­der­kom­men wür­de. Doch besteht das, was die­se Rede aus­zeich­net, nicht vor­ran­gig dar­aus, dass die Depres­si­on besiegt wer­den konn­te. Es besteht dar­aus, dass dar­über gespro­chen wurde.

Maacks Schil­de­run­gen in ›Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein‹ las­sen kei­nen Zwei­fel dar­an, dass im Ver­lauf der Depres­si­on Gefüh­le der Wert­lo­sig­keit, des Ver­sa­gens und der Schuld vor­herr­schen. Doch Maack ent­schei­det sich nicht, nach­dem die depres­si­ve Epi­so­de über­wun­den ist, die­se Gefüh­le zu ver­schwei­gen oder weg­zu­drän­gen; er teilt sie. 

»…, dass mein Leben nach und nach abge­stor­ben ist, weil es nicht mehr von Gefüh­len durch­blu­tet wur­de. Dass mein Kopf, dem es schwe­rer- und schwe­r­erge­fal­len ist, zu füh­len, die Emo­tio­nen unbe­merkt immer här­ter ratio­niert hat, bis das Füh­len in gro­ßen Tei­len mei­nes Lebens ver­trock­net und ver­schwun­den ist.«

Fazit zu ›Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein

Depres­sio­nen haben vie­le Gestal­ten. ›Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein‹ bezeugt den Wunsch, zu funk­tio­nie­ren, und fin­det zugleich Wor­te für einen Zustand, in dem man oft nicht mehr funk­tio­nie­ren kann. Es ist eine Stär­ke die­ses Buches, dass es aus­hält, zuge­ben zu kön­nen, dass es Zei­ten gibt, in denen Funk­tio­nie­ren anders gewor­den ist. Es ist ein Ver­such, die Depres­si­on greif­ba­rer zu machen. Damit dar­über gespro­chen wer­den kann, in der Hoff­nung, dass so Betrof­fe­ne nicht allein damit sein müssen.

»Ich bin krank, den­ke ich und bin beru­higt, weil jemand mich von dem Leben erlöst, das aus mei­nem Leben gewor­den ist. Weil jemand sagt, das ist nicht nor­mal, es gibt da ein Leben, das du nur ver­ges­sen hast.«

Buchinfo

Ben­ja­min Maack:
Wenn das noch geht, kann es
nicht so schlimm sein

Suhr­kamp Nova, Ber­lin 2020
333 S., EUR (D) 18,- inkl. MwSt.
gebun­den
ISBN 978−3−518−47073−2

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Mary Shelley: Frankenstein [Rezension]

Von einem Monster ohne Namen und einem Mann. 

Als Mary Woll­stone­craft Shel­ley ihren Roman ›Fran­ken­stein oder Der moder­ne Pro­me­theus‹ schrieb, war sie kaum 20 Jah­re alt. 

200 Jah­re sind ver­gan­gen, doch Fran­ken­stein scheint nicht in Ver­ges­sen­heit gera­ten zu sein. 

Mary Shel­leys Debüt­ro­man erzählt die Geschich­te des jun­gen Wis­sen­schaft­lers Vik­tor Fran­ken­stein und sei­nes Mons­ters. Aus den Lei­chen­tei­len ver­schie­de­ner Ver­stor­be­ner sucht sich Fran­ken­stein die Tei­le für den Men­schen zusam­men, den er erschaf­fen will, wie Pro­me­theus der Sage nach einst den Men­schen erschuf.

Doch Vik­tor ver­wen­det für die Erschaf­fung sei­nes Men­schen kei­ne durch­schnitt­li­chen Leichenteile. 

»Da die Fein­heit der ein­zel­nen Tei­le lan­ge Zeit zu ihrer Nach­bil­dung erfor­dert hät­te, beschloß ich, ent­ge­gen mei­ner ursprüng­li­chen Absicht, dem Wesen eine gigan­ti­sche Sta­tur zu geben.«

Und mit die­ser Ent­schei­dung nimmt der Roman den Ver­lauf hin zu jener Schre­ckens­fi­gur, die auch heu­te noch aus zahl­rei­chen Gru­sel­fil­men bekannt ist. Vik­tor woll­te einen Men­schen erschaf­fen, doch erschuf er etwas, des­sen Aus­se­hen Grau­en und Abscheu in den Men­schen hervorrief.

Vik­tors Vor­ha­ben glückt. Doch er kann sei­nen Erfolg nicht genie­ßen. Ihm graut vor dem, was er geschaf­fen hat.

»Und da – da stand im blei­chen, gelb­li­chen Lich­te des Mon­des, das durch die Fens­ter­vor­hän­ge drang, das Unge­heu­er, das ich geschaf­fen hatte.«

Vik­tor flieht, als sein Mons­ter zum Leben erwacht. Und ab die­sem Moment erin­nert nur noch wenig im Roman an die zum Kli­schee ver­kom­me­ne Fran­ken­steins Mons­ter-Gestalt vie­ler Filme.

Vik­tors Leben wird sich von die­sem Moment an ver­än­dern, Tote beglei­ten von nun an sei­nen Weg. Doch sind die Tref­fen von Fran­ken­stein und sei­nem Mons­ter im Roman hin­ge­gen zumeist von Gesprä­chen beglei­tet, deren Sub­stanz sowohl über das jun­ge Alter der Autorin als auch über das Innen­le­ben des Mons­ters stau­nen lässt.

Denn bevor Vik­tors Unge­heu­er in die Fuß­stap­fen des Mons­ters tritt, und sich dem nähern wird, was Vik­tor Fran­ken­stein und sei­ne Zeit­ge­nos­sen bereits von Geburt an in ihm sehen, ist er eine Krea­tur, die sich ein Leben zu gestal­ten sucht. Doch da Vik­tor noch vor einem ers­ten Gespräch vor ihm flieht, muss das Mons­ter sich allein in der Welt zurecht­fin­den, es muss ler­nen, wie die Men­schen sind und wie sie sprechen. 

»Alle Men­schen ver­fol­gen mich mit ihrem Haß. Und war­um muß ich gera­de so geh­aßt wer­den, der ich doch selbst so über alle Maßen elend bin?«

Doch da das Mons­ter bei den Men­schen kei­nen Platz fin­den kann, die es wegen sei­ner mons­trö­sen Gestalt ableh­nen, wünscht er sich von Vik­tor Fran­ken­stein, dass er ihm eine Frau erschaf­fen soll: Das Mons­ter will nicht allein sein. Doch Vik­tor lehnt ab.

Und da Vik­tor nicht bereit ist, sei­nem Mons­ter ein Leben in Zwei­sam­keit und mit poten­zi­el­len Nach­kom­men zu gewäh­ren, lässt das Mons­ter ein sol­ches Leben auch für Vik­tor Fran­ken­stein nicht mehr zu. Die bei­den Geschöp­fe wer­den ein­an­der ähn­lich in ihrem Los, auf sich allein gestellt zu sein und wäh­rend sie sich anein­an­der annä­hern, ist auch Fran­ken­steins Name im heu­ti­gen Aus­tausch auf das namen­lo­se Mons­ter übergegangen.

Fazit zu ›Frankenstein

Lan­ge hat ein Buch mei­ne Erwar­tun­gen und Vor­stel­lun­gen nicht mehr so stark über­stie­gen wie Mary Shel­leys ›Fran­ken­stein‹. Statt einen schau­ri­gen Gru­sel­ro­man, der über die Ebe­ne des guten Dok­tors gegen ein böses Mons­ter nicht hin­aus­kommt, stieß ich auf einen Roman, der sich mit dem Mensch­li­chen in sei­ner Ursprüng­lich­keit befasste.

Auch heu­te lohnt es sich noch, die­sen über 200 Jah­re alten Roman zu lesen und Fran­ken­steins Mons­ter auf eine ganz neue Art kennenzulernen.

Buchinfo

Mary Shel­ley:
Fran­ken­stein oder Der moder­ne Pro­me­theus (1818)
Roman
Fischer Taschen­buch Ver­lag, Frank­furt a. M. 2009
224 S., EUR (D) 12,- inkl. MwSt.
Taschen­buch
ISBN 978−3−596−90187−6

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Benjamin Maack: Monster [Rezension]

Etwas, dessen Name nicht genannt werden kann.

Mons­ter sind all­ge­gen­wär­tig. Weder das Mons­ter unter dem Bett noch das Krü­mel­mons­ter sind aus unse­rer Erzähl­welt weg­zu­den­ken. Bereits im Deut­schen Wör­ter­buch, an dem Jacob und Wil­helm Grimm 1838 zu arbei­ten began­nen, ist es eng mit der Bedeu­tung des ›Unge­heu­ers‹ ver­wo­ben: das, was dem Men­schen nicht geheu­er ist. 

Über 170 Jah­re spä­ter wird das Mons­ter namens­ge­bend für Ben­ja­min Maacks mehr­fach aus­ge­zeich­ne­tes Werk. In die­sem kom­bi­niert er Erzäh­lun­gen über die Abwe­ge des Mensch­seins mit kür­ze­ren, ein­ge­scho­be­nen Passagen. 

»Es ist plötz­lich da«

So beginnt der ers­te der 19 kapi­tel­ar­ti­gen Abschnit­te des Buchs, die zwi­schen einer Län­ge von weni­gen Sät­zen bis hin zu über 70 Sei­ten schwan­ken. Mons­ter spielt mit dem Auf­lö­sen von For­men, sodass eine Gen­re­zu­schrei­bung erschwert wird.  Bei ›Es‹ han­delt es sich um eine Eule, die den Weg von der Stra­ße in Ben­ja­mins Kof­fer­raum fin­det und ihn fort­an beglei­tet. Die Abschnit­te wir­ken auf den ers­ten Blick von­ein­an­der unab­hän­gig. Ledig­lich der Name ›Ben­ja­min‹ zieht sich durch alle Geschich­ten, in denen der Prot­ago­nist benannt wird. Zwei der Abschnit­te bestehen gänz­lich aus einer sei­ten­lan­gen Anein­an­der­rei­hung des Buch­sta­bens X oder der Zahl 0. 

»Ich glau­be nicht an ande­re Men­schen. Ich mei­ne, ich glau­be nicht, dass es ande­re Men­schen gibt«,

lau­tet eine jener zehn Pas­sa­gen, die Maack zwi­schen die ein­zel­nen Abschnit­te streut. Doch das, was zusam­men­hangs­los wirkt, ergibt am Ende des Buches ein facet­ten­rei­ches Bild: Maack webt sie­ben län­ge­re Geschich­ten mit­hil­fe die­ser Pas­sa­gen anein­an­der. In ihnen wen­det sich der Icher­zäh­ler unmit­tel­bar an den Leser. Die Pas­sa­gen rah­men die Erzäh­lun­gen nicht, son­dern hal­ten sie wie Kleb­stoff aus dem Inne­ren zusammen. 

Im Kon­trast zu den wirr-anmu­ten­den Sei­ten vol­ler Nul­len und X‑en erge­ben die in sich geschlos­se­nen Kurz­ge­schich­ten über­ra­schend viel Sinn. So erzählt Maack in ›Viel schlim­mer als die dunk­len Räu­me sind die spie­geln­den Fens­ter‹ die Geschich­te von Ben­ja­min und sei­ner Jugend­lie­be Kath­rin. Ben­ja­min fährt sie und ihren Mann in ihrem abge­le­ge­nen Haus besu­chen. Spür­bar liegt die Schwe­re der Erin­ne­rung auf Kath­rin und Ben­ja­min, doch die Lebens­wirk­lich­keit knüpf­te sie an ihren Mann und das, lan­ge bevor die­ser an den Roll­stuhl gebun­den war. Ledig­lich die Eule, der sym­bo­li­sche Unglücks­bo­te, beglei­tet Ben­ja­min zurück in sei­ne eige­ne Wohnung. 

In der Erzäh­lung ›Wie sehr hat Las Casas geweint?‹ ver­webt Maack die vom Kör­per­li­chen domi­nier­te Lie­bes­ge­schich­te von Ben­ja­min und Nina mit der Geschich­te ihres Groß­va­ters. Die­ser erzählt Ben­ja­min »wie ein kaput­tes Spiel­zeug« Geschich­ten von Kolum­bus und den Spa­ni­ern. Bis der Groß­va­ter stirbt. 

© Ben­ne Ochs / mairisch.de

Maacks Geschich­ten beglei­ten die Prot­ago­nis­ten in ihrem Umher­ir­ren und sind durch all­täg­li­che Beob­ach­tun­gen und Erzähl­si­tua­tio­nen in der Wirk­lich­keit ver­an­kert. Den­noch spielt der Icher­zäh­ler in den zwi­schen­ge­schal­te­ten Pas­sa­gen mit sei­ner eige­nen Glaub­wür­dig­keit. So gesteht er gegen Ende, dass eine der Figu­ren des Anfangs zum Zeit­punkt der Erzäh­lung längst ver­stor­ben ist. Und negiert damit eine der Grund­an­nah­men der anfäng­li­chen Erzäh­lung des Buches.

Der Leser wird der bedrü­cken­den Här­te der Geschich­ten bis zuletzt aus­ge­setzt. Kein Hap­py End eilt zur Erlö­sung her­bei, sodass die Stim­mung nach Abschluss des Buches anhält. Vie­le Fra­gen blei­ben unbe­ant­wor­tet: wie, ob sich die ›Ben­ja­mins‹ der Geschich­ten auf ein und die­sel­be Per­son bezie­hen, oder wo genau sich das Mons­ter in Maacks Erzäh­lun­gen ver­steckt hält. Die­ses nimmt kei­ne kon­kre­te Gestalt an, wäh­rend das Figu­ren­per­so­nal durch­aus in Situa­tio­nen gerät, in denen mons­trö­se Züge ihres Wesens zum Vor­schein kom­men. Sowohl in sexu­ell expli­zi­ter als auch in psy­cho­lo­gisch abgrün­di­ger oder gewalt­tä­ti­ger Hinsicht.

Doch das Düs­te­re und Unheil­vol­le erschöpft sei­ne Wir­kung mit dem Fort­gang des Buches. Die ver­schie­de­nen Gesich­ter des Mons­ters sind gezeigt, ihre Geschich­ten in Dru­cker­schwär­ze gebannt.

Zurück bleibt das Schei­tern des Prot­ago­nis­ten, das sich als Boden­satz durch die Geschich­ten zieht.

Bei der Preis­ver­lei­hung des Her­mann Hes­se För­der­prei­ses, den  Maack für ›Mons­ter‹ erhielt, berich­tet er von der Ent­ste­hungs­zeit des Buches: 

»Frü­her hab ich jedes Mal mit schreck­li­chen Ängs­ten gekämpft, wenn ich mich zum Schrei­ben hinsetzte.«

Eine scho­nungs­lo­se Authen­ti­zi­tät, die sich im gesam­ten Werk widerspiegelt.

Buchinfo

Ben­ja­min Maack:
Mons­ter (Cover­ab­bil­dung oben)
Mai­risch Ver­lag, Ham­burg 2012
192 S., EUR (D) 16,90 inkl. MwSt.
Erzäh­lun­gen
ISBN 978−3−938539−21−7

Lust bekom­men?

Ben­ja­min Maack:
Mons­ter
btb Ver­lag, Mün­chen 2015
189 S., EUR (D) 8,99 inkl. MwSt.
Taschen­buch
ISBN 978−3−442−74811−2

Das hier dar­ge­stell­te Cover und die ange­ge­be­ne Aus­ga­be sowie die Anga­ben zum Buch kön­nen von den der­zeit erhält­li­chen Aus­ga­ben abweichen.


Bewer­tung: 4 von 5.


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