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Klassiker, die mich überrascht haben [Buchwelt]

Drei Klassiker, die mich wirklich überrascht haben. 

Es gibt mitt­ler­wei­le so vie­le Adap­tio­nen von Klas­si­kern, sei es als Film, Serie, Game, in Lie­dern oder Thea­ter­stü­cken. Viel­fach wur­den die gro­ßen Figu­ren und mons­trö­sen Gestal­ten als Haupt- oder Neben­cha­rak­te­re für ande­re Bücher oder Fil­me ver­wen­det. So trifft man in dem Film ›Die Liga der außer­ge­wöhn­li­chen Gen­tle­men‹ auf Dori­an Gray oder in der Serie ›Once Upon a Time – Es war ein­mal‹ auf eine gan­ze Rei­he bekann­ter Gestal­ten, unter ihnen Dr. Fran­ken­stein. Auch Jane Aus­tens Roma­ne erfreu­en sich zahl­rei­cher Adaptionen.

So hat selbst jemand, der die Klas­si­ker nicht gele­sen hat, oft eine bestimm­te Vor­stel­lung von einer Figur oder von der Geschich­te, die sie umgibt. Je nach­dem, wel­che Umsetzung(en) man gese­hen oder gehört hat, ist die­se Vor­stel­lung nah am Ori­gi­nal – oder auch ziem­lich weit weg.

Ich selbst lese sehr ger­ne Klas­si­ker. Oft waren sie für ihre Zeit sehr wich­tig, haben viel­leicht etwas Neu­es in die Lite­ra­tur gebracht oder für das brei­te Publi­kum greif­bar gemacht. Über die Jah­re hat sich gewis­ser­ma­ßen vor­se­lek­tiert, was den Sta­tus als Klas­si­ker erhal­ten hat und damit gleich­falls erhal­ten geblie­ben ist und was nicht. Das muss nicht immer unum­strit­ten sein.

Im Anschluss will ich euch mei­ne Top 3 der Klas­si­ker vor­stel­len, von denen ich vor dem Lesen eine bestimm­te Vor­stel­lung hat­te und beim Lesen dann gemerkt habe, dass ich mei­len­weit davon ent­fernt war. Also Trom­mel­wir­bel für die drei Klas­si­ker, die mich am meis­ten über­rascht haben.

Platz 3 – Theodor Storm: Ein Doppelgänger

Ein Dop­pel­gän­ger‹ war die ers­te Novel­le von Theo­dor Storm, die ich jemals gele­sen habe. Mei­ne Erwar­tun­gen waren gemischt. Ver­knüpf­te ich Storm bis­lang mit »Von drauß vom Wal­de komm’ ich her; / Ich muß euch sagen, es weih­nach­tet sehr!«, änder­te sich dies schlag­ar­tig. Obwohl ich auf die­se Novel­le in einem Semi­nar über ›Kri­mi­na­li­tät in der Lite­ra­tur‹ stieß, hat die Geschich­te um den Ex-Zucht­häus­ler John Han­sen mich tief berührt. Das Tau­meln und Strau­cheln eines Man­nes, der ver­sucht mehr zu sein, als die Stra­fe, die er in jün­ge­ren Jah­ren bekom­men hat. Sei­ne Geschich­te ist nicht hei­ter, sie ist ohne Gna­de und bewe­gend. Eine kur­ze Geschich­te, die mir vie­le, vie­le Stun­den des und dar­über Redens geschenkt hat.


Platz 2 – Friedrich Dürrenmatt: Romulus der Große

Inzwi­schen habe ich eini­ge Bücher von Dür­ren­matt gele­sen und weiß, dass mich ver­mut­lich jedes sei­ner Bücher so über­rascht hät­te. In mei­nem Fall war das ers­te Buch von ihm, das ich je las, ›Romu­lus der Gro­ße‹. Kurz dar­auf folg­te ›Der Besuch der alten Dame‹. Es gibt vie­le Arten eine Geschich­te zu erzäh­len. In den meis­ten Büchern ver­wen­den die Prot­ago­nis­ten sehr viel Zeit und Ener­gie dar­auf, einen für sie und ihre Liebs­ten posi­ti­ven Aus­gang zu errei­chen. Die Hel­den und Hel­din­nen haben ein Ziel, Stei­ne wer­den ihnen in den Weg gelegt, und oft schaf­fen sie es.

Dür­ren­matts Erzähl­stra­te­gie klingt anders: »Eine Geschich­te ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst­mög­li­che Wen­dung genom­men hat.« Und obwohl Dür­ren­matts Dra­men somit mit mei­nen Erwar­tun­gen gebro­chen haben, fühlt sich ihr Aus­gang inner­halb der Geschich­te kon­se­quent an.


Platz 1 – Mary W. Shelley: Frankenstein

Mei­ne Erwar­tun­gen an ›Fran­ken­stein‹ waren nicht sehr gnä­dig. Erwar­tet hat­te ich ein blut­rüns­ti­ges Mons­ter vol­ler Kraft und Schrau­ben, das nicht weit den­ken kann, viel­leicht nicht ein­mal den eige­nen Namen aus­spre­chen. Kraft hat Fran­ken­steins Mons­ter. Auch Blut fließt in so man­cher Sze­ne. Aber mehr stimm­te nicht mit mei­ner Vor­stel­lung überein.

Fran­ken­stein‹ ist ein Brief­ro­man. Geschrie­ben von einer jun­gen Frau, die bei der Erschei­nung des Buches kaum zwan­zig Jah­re jung war. Und Fran­ken­steins Mons­ter ist alles ande­re als dumm. Es lernt, ver­sucht sich die Welt, die Men­schen und sich selbst zu erklä­ren. Da sein Erschaf­fer ihn schon bei der ›Geburt‹ ver­lässt und Men­schen nicht gnä­dig auf sein mons­trö­ses Äuße­res reagie­ren, ist dies auch der ein­zi­ge Weg, den er hat, um zu ler­nen. Er beob­ach­tet im Gehei­men, bringt sich so die Spra­che der Men­schen bei, und könn­te sicher­lich sei­nen eige­nen Namen feh­ler­frei aus­spre­chen, wenn man ihm einen gege­ben hät­te. Doch sein Schöp­fer, Dr. Fran­ken­stein, gewähr­te ihm kei­nen. Die Gedan­ken­welt des Mons­ters und die anschei­nen­de Nor­ma­li­tät der Men­schen prä­gen den Roman. Wie wird man zum Mons­ter und wie zum Mann? Durch Taten oder kör­per­li­che Mons­tro­si­tät? Mehr dazu war­tet in Mary Shel­ley Klas­si­ker ›Fran­ken­stein‹, erschie­nen unter ande­rem im Fischer-Ver­lag.

Wel­cher Klas­si­ker hat Dich bis­lang am meis­ten überrascht?



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Mary Shelley: Frankenstein [Rezension]

Von einem Monster ohne Namen und einem Mann. 

Als Mary Woll­stone­craft Shel­ley ihren Roman ›Fran­ken­stein oder Der moder­ne Pro­me­theus‹ schrieb, war sie kaum 20 Jah­re alt. 

200 Jah­re sind ver­gan­gen, doch Fran­ken­stein scheint nicht in Ver­ges­sen­heit gera­ten zu sein. 

Mary Shel­leys Debüt­ro­man erzählt die Geschich­te des jun­gen Wis­sen­schaft­lers Vik­tor Fran­ken­stein und sei­nes Mons­ters. Aus den Lei­chen­tei­len ver­schie­de­ner Ver­stor­be­ner sucht sich Fran­ken­stein die Tei­le für den Men­schen zusam­men, den er erschaf­fen will, wie Pro­me­theus der Sage nach einst den Men­schen erschuf.

Doch Vik­tor ver­wen­det für die Erschaf­fung sei­nes Men­schen kei­ne durch­schnitt­li­chen Leichenteile. 

»Da die Fein­heit der ein­zel­nen Tei­le lan­ge Zeit zu ihrer Nach­bil­dung erfor­dert hät­te, beschloß ich, ent­ge­gen mei­ner ursprüng­li­chen Absicht, dem Wesen eine gigan­ti­sche Sta­tur zu geben.«

Und mit die­ser Ent­schei­dung nimmt der Roman den Ver­lauf hin zu jener Schre­ckens­fi­gur, die auch heu­te noch aus zahl­rei­chen Gru­sel­fil­men bekannt ist. Vik­tor woll­te einen Men­schen erschaf­fen, doch erschuf er etwas, des­sen Aus­se­hen Grau­en und Abscheu in den Men­schen hervorrief.

Vik­tors Vor­ha­ben glückt. Doch er kann sei­nen Erfolg nicht genie­ßen. Ihm graut vor dem, was er geschaf­fen hat.

»Und da – da stand im blei­chen, gelb­li­chen Lich­te des Mon­des, das durch die Fens­ter­vor­hän­ge drang, das Unge­heu­er, das ich geschaf­fen hatte.«

Vik­tor flieht, als sein Mons­ter zum Leben erwacht. Und ab die­sem Moment erin­nert nur noch wenig im Roman an die zum Kli­schee ver­kom­me­ne Fran­ken­steins Mons­ter-Gestalt vie­ler Filme.

Vik­tors Leben wird sich von die­sem Moment an ver­än­dern, Tote beglei­ten von nun an sei­nen Weg. Doch sind die Tref­fen von Fran­ken­stein und sei­nem Mons­ter im Roman hin­ge­gen zumeist von Gesprä­chen beglei­tet, deren Sub­stanz sowohl über das jun­ge Alter der Autorin als auch über das Innen­le­ben des Mons­ters stau­nen lässt.

Denn bevor Vik­tors Unge­heu­er in die Fuß­stap­fen des Mons­ters tritt, und sich dem nähern wird, was Vik­tor Fran­ken­stein und sei­ne Zeit­ge­nos­sen bereits von Geburt an in ihm sehen, ist er eine Krea­tur, die sich ein Leben zu gestal­ten sucht. Doch da Vik­tor noch vor einem ers­ten Gespräch vor ihm flieht, muss das Mons­ter sich allein in der Welt zurecht­fin­den, es muss ler­nen, wie die Men­schen sind und wie sie sprechen. 

»Alle Men­schen ver­fol­gen mich mit ihrem Haß. Und war­um muß ich gera­de so geh­aßt wer­den, der ich doch selbst so über alle Maßen elend bin?«

Doch da das Mons­ter bei den Men­schen kei­nen Platz fin­den kann, die es wegen sei­ner mons­trö­sen Gestalt ableh­nen, wünscht er sich von Vik­tor Fran­ken­stein, dass er ihm eine Frau erschaf­fen soll: Das Mons­ter will nicht allein sein. Doch Vik­tor lehnt ab.

Und da Vik­tor nicht bereit ist, sei­nem Mons­ter ein Leben in Zwei­sam­keit und mit poten­zi­el­len Nach­kom­men zu gewäh­ren, lässt das Mons­ter ein sol­ches Leben auch für Vik­tor Fran­ken­stein nicht mehr zu. Die bei­den Geschöp­fe wer­den ein­an­der ähn­lich in ihrem Los, auf sich allein gestellt zu sein und wäh­rend sie sich anein­an­der annä­hern, ist auch Fran­ken­steins Name im heu­ti­gen Aus­tausch auf das namen­lo­se Mons­ter übergegangen.

Fazit zu ›Frankenstein

Lan­ge hat ein Buch mei­ne Erwar­tun­gen und Vor­stel­lun­gen nicht mehr so stark über­stie­gen wie Mary Shel­leys ›Fran­ken­stein‹. Statt einen schau­ri­gen Gru­sel­ro­man, der über die Ebe­ne des guten Dok­tors gegen ein böses Mons­ter nicht hin­aus­kommt, stieß ich auf einen Roman, der sich mit dem Mensch­li­chen in sei­ner Ursprüng­lich­keit befasste.

Auch heu­te lohnt es sich noch, die­sen über 200 Jah­re alten Roman zu lesen und Fran­ken­steins Mons­ter auf eine ganz neue Art kennenzulernen.

Buchinfo

Mary Shel­ley:
Fran­ken­stein oder Der moder­ne Pro­me­theus (1818)
Roman
Fischer Taschen­buch Ver­lag, Frank­furt a. M. 2009
224 S., EUR (D) 12,- inkl. MwSt.
Taschen­buch
ISBN 978−3−596−90187−6

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