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Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa [Rezension]

Ilja hat­te nicht geplant, spä­ter ein­mal nach Vene­dig zu zie­hen. Sein Leben in Genua war toll, vor allem als er die auf­re­gen­de und anzie­hen­de Clio ken­nen­lern­te. Und doch muss er nicht lan­ge dar­über nach­den­ken, als Clio sich über­legt, wegen eines Job­an­ge­bo­tes dort­hin zu ziehen. 

Vene­dig – eine Stadt, die berühmt ist für ihre Kunst und ihre Gon­deln. Wo es an jeder Stra­ßen­ecke vene­zia­ni­sche Mas­ken für Tou­ris­ten zu kau­fen gibt, aber kaum mehr fri­sches Obst oder Gemü­se für die Bewohner. 

Doch obwohl er sich sei­ner Ent­schei­dung sicher ist, wird nicht Vene­dig in sei­ner Erin­ne­rung die schöns­te Zeit wer­den, son­dern Genua. 

Als Ilja sich schließ­lich in das Grand Hotel Euro­pa begibt, um sei­ne Geschich­te auf­zu­schrei­ben, ist es mehr als eine Welt, die der Schrift­stel­ler zu Papier bringt. Zum einen ist es sei­ne per­sön­li­che Ver­gan­gen­heit, die er teilt. Vol­ler Kunst, Mar­ken­klei­dung und alten Fami­li­en. Zum ande­ren ist es die Welt des Tou­ris­mus, die jähr­lich in Vene­dig zu spü­ren ist. Außer­dem noch jene Welt Abduls, der sei­ne Hei­mat ver­las­sen muss­te und bei die­ser Rei­se alles ande­re als schö­ne Erin­ne­run­gen gesam­melt hat. 

»Das Zim­mer war ein­fach per­fekt, nicht etwa, weil es ein per­fek­tes Hotel­zim­mer gewe­sen wäre, son­dern gera­de weil es das nicht war. An die­ser Suite hat­te sich kein Inte­rior desi­gner unter Zuhil­fe­nah­me eines anony­men und zweck­mä­ßi­gen Ent­wurfs ver­küns­telt, son­dern hier hat­te ein Über­maß an Geschich­te despe­rat seuf­zen­de Spu­ren hinterlassen.«

Sie alle kom­men in Pfei­jf­fers Roman ›Grand Hotel Euro­pa‹ zusam­men und wol­len vom Ilja der Roman­welt auf­ge­schrie­ben werden. 

Der Leser oder die Lese­rin muss sich ein­las­sen kön­nen auf die­sen Schreib­stil, der anfangs üppig und beschrei­bend wirkt. Denn durch die­sen kön­nen die Kon­tras­te umso stär­ker wirken. 

»Die Stadt wird heu­te fast nur noch von Geis­tern aus der Ver­gan­gen­heit bewohnt, dafür aber jähr­lich von acht­zehn Mil­lio­nen Tou­ris­ten über­schwemmt. Das sind 50000 pro Tag, ähn­lich vie­le Besu­cher hat Dis­ney­land im kali­for­ni­schen Anaheim.«

Fazit zu ›Grand Hotel Europa

Man soll­te sich Zeit las­sen für die­ses Buch, das die­se braucht, um sich zu ent­fal­ten. Und obwohl man­ches zu üppig wir­ken, nicht nur Iljas und Cli­os orgas­ti­sches Sex­le­ben, ist die­ses Buch nicht nur für kunst­his­to­risch inter­es­sier­te Leser und Lese­rin­nen lesenswert.

Buchinfo

Ilja Leo­nard Pfei­jf­fer:
Grand Hotel Euro­pa

Roman
Über­setzt von: Ira Wil­helm
Piper, Mün­chen 2020
560 S., EUR (D) 25,- inkl. MwSt.
Hard­co­ver mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−492−07011−9

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John Strelecky: Das Café am Rande der Welt [Rezension]

Von Staus, fehlender Orientierung und anderen Chancen im Leben. 

John braucht in ›Das Café am Ran­de der Welt‹ eine Pau­se. Nach der gan­zen Arbeit muss er ein­fach mal wie­der Urlaub machen, raus­kom­men und abschalten. 

Scha­de nur, dass sich sein Weg in den Urlaub als eben­so stres­sig ent­puppt wie sei­ne Arbeit selbst. Auf dem High­way bewe­gen sich die Autos kei­nen Meter mehr nach vorn, tan­ken könn­te er auch mal wie­der und was zu essen wür­de sicher­lich auch nicht schaden. 

Mehr vor Wut und Anpas­sung als nach reif­li­cher Über­le­gung ver­lässt John den High­way. Nur um sich zur Krö­nung sei­nes Urlaubs­be­ginns hoff­nungs­los zu ver­fah­ren. Zumin­dest so lan­ge, bis er im schein­ba­ren Nir­gend­wo ein Café fin­det. Ein Café, das ihn bald nicht nur froh dar­über sein lässt, dass er sich ver­fah­ren hat, son­dern auch vie­le ande­re Über­ra­schun­gen für ihn bereithält.

»Die­ser Tag über­traf lang­sam bei wei­tem alles, womit ich gerech­net hat­te. Erst eine stun­den­lan­ge Fahrt durch das Nichts, dann ein Café am Ran­de der Welt und jetzt eine Bedie­nung mit einem spitz­bü­bi­schen Lächeln.«

Streleckys Erzäh­lun­gen und Rat­ge­ber über den Sinn des Lebens haben für mich stets zwei Sei­ten. Zum einen die Art und Wei­se, wie er sei­ne Über­le­gun­gen ver­packt und beschreibt. Sei­ne Spra­che ist klar. Kom­ple­xe­re Gedan­ken­gän­ge stellt er mit­hil­fe mög­lichst ein­fa­cher und doch ein­gän­gi­ger Ver­glei­che und Geschich­ten dar. Doch obwohl ›Das Café am Ran­de der Welt‹ in Erzähl­form geschrie­ben ist, wirkt die Geschich­te selbst kon­stru­iert. Nicht alle sei­ner Figu­ren kön­nen Sym­pa­thie­punk­te ergat­tern. Die Bedie­nung Casey scheint all­zeit spitz­bü­bisch und schel­misch zu lächeln und es auch immer noch mal bes­ser zu wissen. 

Anne und Mike hin­ge­gen füh­len sich run­der und mensch­li­cher an. Sie laden dazu ein, im Café zu ver­wei­len und sich mit den Fra­gen der Erzäh­lung auseinanderzusetzen.

© Bogen­ber­ger Autoren­fo­tos, hono­rar­frei, Stand: Dezem­ber 2017

Die zwei­te Sei­te hin­ge­gen ist das, wor­über Strelecky schreibt. Die Fra­gen, mit denen sich der Prot­ago­nist John aus­ein­an­der­set­zen muss, sind exis­ten­zi­ell. Sie füh­ren ihn – und mit ihm die Lesen­den – nah an das eige­ne Selbst her­an. Die­se Fra­ge über den Sinn des Lebens haben Gewicht, sie ver­än­dern und sind zugleich so uni­ver­sell, dass sie wohl vie­len Erwach­se­nen bereits begeg­net sind.

»Sobald ein Mensch weiß, war­um er hier ist, warm er exis­tiert, wel­chen Grund es dafür gibt, dass er am Leben ist, wird er den Wunsch haben, dem Sinn und Zweck sei­ner Exis­tenz gerecht zu wer­den. Es ist so, als erken­ne man auf einer Kar­te, wo ein Schatz ver­steckt ist. Sobald man die Mar­kie­rung ent­deckt hat, fällt es schwer, sie zu igno­rie­ren und nicht nach dem Schatz zu suchen.«

Fazit zu ›Das Café am Rande der Welt

Wer bereit ist, sich auf die zu Anfang viel­leicht etwas kon­stru­iert wir­ken­de Erzäh­lung ›Das Café am Ran­de der Welt‹ ein­zu­las­sen, kann sicher­lich eini­ge Über­le­gun­gen und Erkennt­nis­se aus die­sem Buch mit­neh­men. Viel­leicht auch mit einem Stück saf­ti­gen Rha­bar­ber-Kuchen. Mehr von Strelecky gibt es bei­spiels­wei­se in ›Aus­zeit im Café am Ran­de der Welt‹ zu lesen.

Buchinfo

John Strelecky:
Das Café am Ran­de der Welt
Eine Erzäh­lung über den Sinn des Lebens
Mit Illus­tra­tio­nen von Root Leeb
Über­setzt von Bet­ti­na Lem­ke
dtv, Mün­chen 2007
128 S., EUR (D) 8,95 inkl. MwSt.
Soft­co­ver
ISBN 978−3−423−20969−4

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Diana Wynne Jones: Der Palast im Himmel [Rezension]

Von einem Jungen, der eine Enttäuschung war. 

Nur weni­ge Jah­re nach dem ers­ten Band der ›Howl-Saga‹, ›Das wan­deln­de Schloss‹, erschien bereits der zwei­te Band der Rei­he: ›Der Palast im Him­mel‹.

Auf den ers­ten Blick schei­nen die bei­den Roma­ne die Geschich­ten von voll­kom­men unter­schied­li­chen Per­so­nen zu erzäh­len. Abdul­lah ist ein Tag­träu­mer. Wäh­rend er sich durch den Ver­kauf wert­vol­ler und nicht so wert­vol­ler Tep­pi­che über Was­ser hält, ver­bringt er all sei­ne Frei­zeit damit, sich sein Leben so aus­zu­ma­len, wie es sein könn­te. Was wäre, wenn Abdul­lah in Wahr­heit ein Prinz wäre, der noch als Baby ent­führt wor­den ist? 

So ver­bringt der jun­ge, attrak­ti­ve Mann sei­ne Tage, bis plötz­lich ein Frem­der in sei­nem Laden steht. Er will ihm in höchs­ter Not, wie er sagt, einen magi­schen, flie­gen­den Tep­pich ver­kau­fen. Und so neh­men die selt­sa­men Bege­ben­hei­ten ihren Anfang, die Abdul­lah dem Palast im Him­mel immer näher brin­gen sollen. 

»Unglück­li­cher­wei­se – und auch dar­in waren sich alle einig – hat­te Abdul­lah den Cha­rak­ter von sei­ner Mut­ter geerbt, der zwei­ten Frau sei­nes Vaters. Sie war eine träu­me­ri­sche und ängst­li­che Frau gewe­sen und für alle eine gro­ße Enttäuschung.«

Beim Lesen stellt sich lan­ge die Fra­ge, war­um die­ser Band als Teil 2 der ›Howl-Saga‹ bezeich­net wird. Bekann­te Namen und Gesich­ter las­sen lan­ge auf sich war­ten –, zumin­dest auf den ers­ten Blick. Denn wer ›Das wan­deln­de Schloss‹ gele­sen hat, weiß Jones’ Fähig­kei­ten, das Gesuch­te oder Ver­miss­te direkt vor der eige­nen Nase zu ver­ste­cken, zu schätzen. 

»Der Tep­pich gehorch­te, indem er sich wie eine Schlan­ge über die hohen Mau­ern wand. Danach glitt er über die Haus­dä­cher wie eine Flun­der über den Mee­res­bo­den. Abdul­lah, der Sol­dat und auch die Kat­zen blick­ten stau­nend nach unten.«

Der Palast im Him­mel‹ lebt von Fan­ta­sie und Magie. Lie­bens­wer­te, leicht schrä­ge und in jedem Fall beson­de­re Cha­rak­te­re stel­len sich einem Aben­teu­er, das aus Träu­men gebaut sein könn­te. Ein flie­gen­der Tep­pich mit einer Schwä­che für Schmei­che­lei­en, ein Sol­dat mit einer Vor­lie­be für Kat­zen und ein Dschinn, der bereit ist, alles zu tun, um sein Leben zurückzuerlangen. 

Fazit zu ›Der Palast im Himmel

Der zwei­te Band, ›Der Palast im Him­mel‹, kommt zwar nicht ganz an den ers­ten Teil her­an, ist jedoch eines der Bücher, das man auf jeden Fall zwei­mal lesen soll­te. Das ers­te Mal, um das Aben­teu­er Abdul­lahs zu erle­ben, das zwei­te Mal, um das Wie­der­se­hen mit den Cha­rak­te­ren aus ›Das wan­deln­de Schloss‹ in vol­len Zügen genie­ßen zu können.

Buchinfo

Dia­na Wyn­ne Jones:
Der Palast im Him­mel

Die Howl-Saga, Band 2
Über­setzt von Doro­thee Haent­jes-Hol­län­der
Droemer Knaur, Mün­chen 2020
272 S., EUR (D) 12,99 inkl. MwSt.
Roman, Paper­back
ISBN 978−3−426−52539−5

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Diana Wynne Jones: Das wandelnde Schloss [Rezension]

Von einem Mädchen, das an sein Unglück glaubte. 

Als Dia­na Wyn­ne Jones (1934–2011) im Jah­re 1986 den ers­ten Band der ›Howl-Saga‹ ›Das wan­deln­de Schloss‹ ver­öf­fent­lich­te, war sie im Lite­ra­tur­be­trieb längst kei­ne Unbe­kann­te mehr. Neben eigen­stän­di­gen Wer­ken der Kinder‑, Jugend- und Erwach­se­nen­li­te­ra­tur hat­te sie bereits die ers­ten Bän­de ihrer ›Chres­to­man­ci‹- und ihrer ›Dale­mark‹-Serie ver­öf­fent­licht.

Das wan­deln­de Schloss‹ erzählt die Geschich­te der jun­gen Sophie Hat­ter, die in einem Hut­la­den arbei­tet und beson­de­re Hüte schnei­dert, bis sie eines Tages von einem bösen Fluch in eine alte Frau ver­wan­delt wird. Sophie, die über­zeugt davon ist, das nur das Unglück auf sie war­te, weil sie die ältes­te von drei Schwes­tern ist, kann sich nie­man­dem in ihrem Hei­mat­ort anvertrauen. 

Sie geht fort und ent­schließt sich, als ihr die Stra­pa­zen ihres neu­en Alters bewusst wer­den, zum Schloss des Zau­be­rers Howl zu gehen, von dem behaup­tet wird, dass er jun­ge Mäd­chen ent­füh­re und auffresse. 

Doch statt auf einen men­schen­fres­sen­den Zau­be­rer zu tref­fen, wird sie Teil der selt­sams­ten und lie­bens­wür­digs­ten Wohn­ge­mein­schaft, die man sich vor­stel­len kann. 

»Was mich her­ge­führt hat, jun­ger Mann?«, frag­te sie. Das lag doch auf der Hand, jetzt, wo sie das Schloss gese­hen hat­te. »Ich bin her­ge­kom­men, weil ich dei­ne neue Putz­frau bin, ist doch klar.«

Mit einer wohl plat­zier­ten und dosier­ten Por­ti­on Humor räumt Sophie Hat­ter in vie­ler­lei Hin­sicht in die­ser neu­en Welt der Zau­be­rei auf. Umge­ben von dem sich stets bekla­gen­den Ofen­feu­er, dem ver­lieb­ten Lehr­ling des Zau­be­rers, ver­folgt von einer flot­ten Vogel­scheu­che und stets bereit, eine neue Sei­te an Howl ken­nen­zu­ler­nen, fin­det sie weit mehr als das Unglück, das sie in ihrem Leben erwar­tet hatte. 

Klas­si­sche Ele­men­te der Fan­tas­tik wie die Sie­ben­mei­len­stie­fel, ver­zau­ber­te Gegen­stän­de und Tie­re, wer­den gemischt mit ori­gi­nel­len Figu­ren und einer zau­ber­haf­ten Schreib­wei­se und machen so ›Das wan­deln­de Schloss‹ zu einem gro­ßen Ver­gnü­gen – und dies nicht nur für jene, die bereits den gleich­na­mi­gen Film von ›Stu­dio Ghi­b­li‹ mochten. 

»Die­ser Mann und die­ses rie­si­ge, wich­ti­ge Ding, sein König­tum eben, kamen ihr in ihrem ver­wirr­ten Zustand vor wie zwei unter­schied­li­che Wesen, die nur durch Zufall den­sel­ben Ses­sel besetz­ten. Und ihr ging auf, dass sie jedes Wort der von Howl sorg­sam aus­ge­tüf­tel­ten Rede ver­ges­sen hatte.«

Der ers­te Band der ›Howl-Saga‹ lebt von dem Unaus­ge­spro­che­nem. Die Per­so­nen haben Geheim­nis­se vor­ein­an­der, nicht alles ist leicht aus­zu­spre­chen, ob durch Angst oder einen Fluch. Und obwohl die Kapi­tel­über­schrif­ten bereits einen Vor­aus­blick zulas­sen, um zu wis­sen, was das Kapi­tel brin­gen wird, trägt das Unaus­ge­spro­che­ne als Grund­span­nung über den Roman hinweg. 

Fazit zu ›Das wandelnde Schloss

Das wan­deln­de Schloss‹ ist eine Lie­bes­er­klä­rung an die Fan­tas­tik, an lie­be­voll ent­wor­fe­ne Figu­ren mit Kan­ten und an klei­ne Hel­den und Hel­din­nen, die zusam­men Gro­ßes bewir­ken kön­nen. Ich freue mich auf ein Wie­der­se­hen mit Howl und Sophie in ›Der Palast im Him­mel‹.

Buchinfo

Dia­na Wyn­ne Jones:
Das wan­deln­de Schloss

Die Howl-Saga, Band 1
Über­setzt von Dr. Gabrie­le Haefs
Droemer Knaur, Mün­chen 2019
304 S., EUR (D) 12,99 inkl. MwSt.
Roman, Paper­back
ISBN 978−3−426−52538−8

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Anke Bär: Kirschendiebe oder als der Krieg vorbei war [Rezension]

Über Kindertage einer vergangenen Zeit. 

Kir­schen­die­be‹ der Autorin Anke Bär erzählt die Geschich­te der klei­nen Lot­te, die mit ihrer Fami­lie in einem Forst­haus lebt und ihre Kind­heit in der Nach­kriegs­zeit erlebt. 

Lot­te ist ein auf­ge­weck­tes, jun­ges Mäd­chen, das lie­ber Leder­ho­sen als Klei­der trägt, bes­ser wer­fen als nähen kann und lie­bend ger­ne Zeit mit den ande­ren Kin­dern verbringt. 

Gemein­sam erle­ben sie zahl­rei­che klei­ne All­tags­aben­teu­er in der Nähe des Forst­hau­ses. Sie gehen zur Schu­le, spie­len im Schnee und fei­ern Weih­nach­ten im Kreis der Fami­lie. Genau­so wie man sich das Leben eines jun­gen Mäd­chens vor­stellt. Nur eben ganz anders. Denn Lot­te kennt Hun­ger, muss sich mit Plumps­klos anfreun­den und kann nur dann lecke­re Kir­schen naschen, wenn sie die­se der Förs­ter­fa­mi­lie Greß­mann stibitzt. 

Die­se Ähn­lich­keit und zugleich Unter­schied­lich­keit zwi­schen Lot­te und einem klei­nen Mäd­chen der heu­ti­gen Zeit macht einen gro­ßen Reiz des Buches ›Kir­schen­die­be‹ aus. Es lädt die jun­gen Lesen­den ein, Lot­tes Leben mit ihrem eige­nen zu ver­glei­chen und Fra­gen zu stel­len: an Eltern, Groß­el­tern oder ande­re, die Erin­ne­run­gen an ihre Kind­heit tei­len wollen.

Anke Bärs Kir­schen­die­be punk­tet durch zahl­rei­che lie­be­vol­le Illus­tra­tio­nen, die so aus­se­hen, als wären sie direkt mit Blei­stift auf die Sei­ten gemalt wor­den. Zusätz­lich ver­fügt das Buch über einen span­nen­den Anhang, der neben einer Über­sicht mit Ereig­nis­sen der Nach­kriegs­zeit und einer Lis­te mit Muse­en auch zahl­rei­che Farb­ab­bil­dun­gen ent­hält. Neben Spiel­zeug und Büchern der Nach­kriegs­zeit fin­den sich dort auch Fotografien.

Der Schreib­stil von ›Kir­schen­die­be‹ ist klar und an die Gedan­ken­welt von Lot­te ange­passt. Das Buch besteht aus 36 knap­pen Kapi­teln, die sich zum Vor­le­sen eig­nen, da sie zumeist für sich ste­hen kön­nen. In die­sen gibt Kir­schen­die­be epi­so­den­haft Ein­blick in Ereig­nis­se aus Lot­tes All­tag und Leben.

Fazit zu ›Kirschendiebe

Doch so lie­be­voll das Buch illus­triert ist, fehlt es der Geschich­te an Span­nung. Die Kapi­tel sind für sich genom­men gut zu lesen, doch gibt es kei­nen Bogen, der dazu ver­lei­tet, direkt das nächs­te Kapi­tel lesen zu wollen.

Das Buch ›Kir­schen­die­be‹ ist durch die Illus­tra­tio­nen der Autorin wun­der­schön gestal­tet. Es han­delt sich nicht um eine Geschich­te, die durch Span­nung auf­fällt, son­dern um einen ruhi­ge­ren, zu Unter­hal­tun­gen anre­gen­den Erzählstil.

Buchinfo

Anke Bär:
Kir­schen­die­be oder als der Krieg vor­bei war
Gers­ten­berg, Hil­des­heim 2017
240 S., EUR (D) 18,- inkl. MwSt.
ISBN 978−3−8369−5997−1

Rezen­si­on zuerst erschie­nen auf: Liz­zy­Net

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Pemerity Eagle: Das inoffizielle Harry Potter-Lexikon [Rezension]

Hitlisten, Fantheorien und vieles mehr. 

Das inof­fi­zi­el­le Har­ry Pot­ter-Lexi­kon der Autorin Peme­ri­ty Eagle lädt durch sei­ne oft nur weni­ge Sei­ten lan­gen Ein­trä­ge an den Ort ein, an dem man beim Lesen eines sol­chen Buches sein will: in die Welt der oft eige­nen Erin­ne­run­gen an die magi­sche Welt von Har­ry Potter. 

Peme­ri­ty Eagles inof­fi­zi­el­les Har­ry Pot­ter-Lexi­kon ver­spricht bereits auf dem Cover, alles zu ent­hal­ten, was ein Fan wis­sen muss. Eine gewal­ti­ge Erwar­tung, die die­ses Buch somit zu erfül­len hat, das so gar nichts mit einem her­kömm­li­chen Lexi­kon gemein hat.

Gleich zu Beginn ist der Ein­satz des Lesers gefragt: mit­hil­fe eines Quiz wird der Leser in eine von vier Kate­go­rien ein­ge­stuft, vom ›Har­ry Potter‹-Novizen, bis zum wasch­ech­ten abso­lut all­wis­sen­den Potter­head. Auch das Lexi­kon an sich folgt nicht der Stan­dard­ein­tei­lung von A–Z. Statt­des­sen führt Peme­ri­ty Eagle den Leser mit Hit­lis­ten ein­mal quer durch die ›Har­ry Potter‹-Bücher und Fil­me und wie­der zurück. So darf sich der Leser unter ande­rem auf die meist­ge­hass­ten Cha­rak­te­re, die trau­rigs­ten Tode oder auch auf die ver­rück­tes­ten Fan­theo­rien freuen.

»Eins gleich vor­weg: Die­ses Buch ist kein simp­les Nach­schla­ge­werk mit grund­le­gen­den Zah­len, Daten und Fak­ten, die jeder ein­ge­fleisch­te Har­ry-Pot­ter-Fan kennt.«

Peme­ri­ty Eagles Quiz­aus­wer­tung emp­fiehlt dem ›Har­ry Potter‹-Novizen, flei­ßig die Bücher zu lesen oder die Fil­me zu schau­en. Ein sinn­vol­ler Tipp, denn voll auf ihre Kos­ten kom­men durch Das inof­fi­zi­el­le Har­ry Pot­ter-Lexi­kon vor allem die Leser, die mit der magi­schen Welt von J. K. Row­ling ver­traut sind.

Eagle greift sich mit ihren Hit­lis­ten die wich­tigs­ten und span­nends­ten Zuta­ten aus den ver­schie­dens­ten Berei­chen und mischt Wis­sen über die magi­schen Geschöp­fe mit Beschrei­bun­gen der span­nends­ten Schlach­ten und vie­lem mehr. Aus auf­fäl­li­gen und weni­ger auf­fäl­li­gen Momen­ten der Bücher und Fil­me braut sie einen Sud, aus des­sen Essenz Pere­mi­ty Eagles Lexi­kon besteht.

An vie­len Stel­len erin­nert Das inof­fi­zi­el­le Har­ry Pot­ter-Lexi­kon dar­an, was beim ers­ten Lesen der Bücher damals durch den eige­nen Kopf ging. Sie räumt den eher neben­säch­lich erschei­nen­den Auf­fäl­lig­kei­ten Platz ein und schafft es inner­halb eines Ein­trags, der in der Regel nur ein bis drei Sei­ten lang ist, die Zusam­men­hän­ge über Hand­lungs­ver­läu­fe oder über Cha­rak­te­re auf­zu­zei­gen. Dabei fokus­siert sie sich häu­fig auf das Unschein­ba­re, schon Vergessene.

»Und egal, ob du die Bücher schon mehr­fach ver­schlun­gen oder die Fil­me bereits hun­dert­mal gese­hen hast (oder bei­des): Mit Sicher­heit ent­deckst du bei der Lek­tü­re noch vie­les, was dir bis­her ver­bor­gen blieb oder dir noch nicht auf­ge­fal­len ist.«

Auf rund 200 sehr locker beschrie­be­nen Sei­ten, die immer wie­der mit Illus­tra­tio­nen geschmückt sind, fasst Peme­ri­ty Eagle Wis­sen, Ver­mu­tun­gen und Erin­ne­run­gen über die Welt von Har­ry Pot­ter zusam­men, ohne einen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit zu stellen.

Fazit zu Das inoffizielle Harry Potter-Lexikon

Das Buch ›Das inof­fi­zi­el­le Har­ry Pot­ter-Lexi­kon‹ emp­fiehlt sich als Lek­tü­re vor allem für jene, die mit der Welt von Har­ry Pot­ter ver­traut sind und ger­ne ihr Wis­sen über Zusam­men­hän­ge oder schein­ba­re Neben­säch­lich­kei­ten auf­fri­schen oder ver­tie­fen wol­len. Oder für jene, die sich wün­schen, dass die Bil­der wie­der in ihnen wach­ge­ru­fen wer­den. Auch im Hin­blick auf die der­zeit erschei­nen­den ›Phan­tas­ti­sche Tierwesen‹-Filme sowie die Bücher ›Phan­tas­ti­sche Tier­we­sen und wo sie zu fin­den sind. Ein Ori­gi­nal­dreh­buch‹ und ›Grin­del­walds Ver­bre­chen‹ ein span­nen­der Zugang zur Welt von Har­ry Potter.

Buchinfo

Peme­ri­ty Eagle:
Das inof­fi­zi­el­le Har­ry Pot­ter-Lexi­kon
Alles, was ein Fan wis­sen muss – von Acro­man­tu­la
bis Zen­taur
riva ver­lag, Mün­chen 2018
208 S., EUR (D) 16,99 inkl. Mwst.
Soft­co­ver
ISBN 978−3−7423−0643−2

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Sven Frank: Speedlearning [Rezension]

Wie wir lernen und wie besser nicht mehr. 

Sven Franks Sach­buch ›Speed­lear­ning knöpft sich auf kaum mehr als 200 Sei­ten sowohl die Män­gel des Bil­dungs­sys­tems vor, führt theo­re­tisch und prak­tisch an alter­na­ti­ve Lern­me­tho­den her­an und bleibt dabei erfri­schend klar zu lesen. 

In nur zehn Wochen ein Instru­ment oder eine Spra­che ler­nen oder sich einen ganz ande­ren Wis­sens­be­reich erschlie­ßen. Was wag­hal­sig und schwer vor­stell­bar klingt, zer­legt Frank in sei­nem Buch Speed­lear­ning in ein­zel­ne Schrit­te, die plötz­lich gar nicht mehr so unbe­wäl­tig­bar erscheinen. 

Dafür holt er den Leser bei der Art zu ler­nen ab, die ihm aus der Schu­le, dem Stu­di­um oder ande­ren Lebens­be­rei­chen bekannt ist – und führt anhand lern­theo­re­ti­scher Annah­men deren Schwä­chen vor. Meh­re­re Stun­den am Tag ein Fach nach dem ande­ren ler­nen, obwohl das Gehirn doch bereits nach 20 Minu­ten Auf­nah­me am Stück wie­der zu über­schrei­ben beginnt – nicht bei Frank. Sei­ne in Speed­lear­ning beschrie­be­ne und gelehr­te Tech­nik nimmt eben sol­che Pro­zes­se des Ler­nens ernst und baut sich auf dem Wis­sen über Lern- und Ver­ges­sens­pro­zes­sen auf.

Die Metho­den, auf die er dabei zurück­greift, sind zum Teil modern, zum Teil alt bewährt. So greift er bei­spiels­wei­se als ers­te kon­kre­te Mne­mo­tech­nik eine Metho­de auf, die auf die Anti­ke zurück­geht und Zah­len Bil­der zuteilt. Nur die ver­wen­de­ten Bil­der sind zum Teil an die Neu­zeit angepasst.

Obwohl Frank erst nach 100 Sei­ten zum Übungs­teil über­geht und sich davor mit der Theo­rie aus­ein­an­der­setzt, lässt er immer wie­der Bei­spie­le aus sei­ner Berufs­er­fah­rung ein­flie­ßen. Dem Leser bleibt zu wün­schen, dass sich die­ser Theo­rie­teil an die 20 Minu­ten-Ein­hei­ten des Speed­lear­nings hal­ten wür­de, jedoch stellt der eigen­stän­di­ge Trans­fer wohl bereits den ers­ten Übungs­schritt dar und tut dem Buch somit kei­nen Abbruch.

Obwohl zehn Wochen ein ehr­gei­zi­ges Ziel zu sein schei­nen, um etwas so kom­ple­xes wie eine neue Spra­che zu ler­nen, ver­sucht Frank ein rea­lis­ti­sches Bild des­sen auf­zu­zei­gen, was dies für den Ler­nen­den bedeu­tet. Er bricht das zu Ler­nen­de auf das Wesent­li­che her­un­ter, das nötig ist, um sich in einem Wis­sens­be­reich zurecht­zu­fin­den und kon­zen­triert sich dar­auf. Dabei ist vor allem der Grund, war­um man etwas ler­nen möch­te im Auge zu behal­ten, um sich für die­sen Zeit­raum gegen etwai­ge Pro­ble­me und Ablen­kun­gen zu wapp­nen: Die fünf »Apo­ka­lyp­ti­schen Rei­tern«, wie Frank sie nennt.

Fazit zu ›Speedlearning

Sven Franks Speed­lear­ning rüt­telt an all jenen Metho­den, durch die der durch­schnitt­li­che Leser bis­her sein Wis­sen erwor­ben hat. Wer bereit ist, sich auf neue Lern­tech­ni­ken ein­zu­las­sen und sei­ne bis­he­ri­ge Art zu ler­nen zu hin­ter­fra­gen, dem kann Speed­lear­ning wärms­tens emp­foh­len werden.

Buchinfo

Sven Frank:
Speed­lear­ning
Die Erfolgs­tech­ni­ken für Beruf, Schu­le und mehr
Red­li­ne Ver­lag, Mün­chen 2018
224 S., EUR (D) 17,99 inkl. MwSt.
Soft­co­ver
ISBN 978−3−86881−720−1

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John Strelecky: Auszeit im Café am Rande der Welt [Rezension]

Von Unwettern und anderen nützlichen Begebenheiten. 

Ein stür­mi­scher Tag, zwei geplatz­te Rei­fen und eine Unter­füh­rung genü­gen in ›Aus­zeit im Café am Ran­de der Welt‹, um die Wege zwei­er Men­schen ein­an­der kreu­zen zu las­sen. So begeg­net der Icher­zäh­ler John nach der Beer­di­gung sei­nes Paten­on­kels der jun­gen Hannah. 

Der Sturm treibt die bei­den in die glei­che Unter­füh­rung – er mit einem geplatz­ten Auto­rei­fen und auf der Suche nach Schrau­ben, sie mit einem plat­ten Fahr­rad­rei­fen. Die jun­ge Han­nah ist miss­trau­isch gegen­über dem Frem­den, der ihr anbie­tet, sie nach dem Rei­fen­wech­sel nach Hau­se zu fahren.

»Das Mäd­chen zöger­te. Offen­bar ver­such­te es zu beur­tei­len, ob es sicher war oder nicht.«

Als sie sich schluss­end­lich doch dar­auf ein­lässt, suchen sie gemein­sam in der Dun­kel­heit des Stur­mes nach einer ver­trau­ten Stra­ße oder Ecke und fin­den statt­des­sen etwas, das in John Erin­ne­run­gen weckt: das »Café der Fra­gen«. Doch wäh­rend er sich dar­über freu­en kann – das letz­te Mal hat er das Café vor über zehn Jah­ren auf Hawaii betre­ten –, wird Han­nahs Miss­trau­en – durch sei­ne plötz­li­che Ver­traut­heit mit dem Ort und den Per­so­nen dar­in – wie­der wach.

So plötz­lich sich Han­nah und John über den Weg gelau­fen waren, so schnell sind sie auch wie­der von­ein­an­der getrennt. Han­nah ver­lässt das Café, bleibt drau­ßen ste­hen und hadert mit sich, ob sie wie­der in das war­me Inne­re gehen oder ver­schwin­den soll. John hin­ge­gen trifft in ›Aus­zeit im Café am Ran­de der Welt‹ sowohl bekann­te als auch neue Gesich­ter im Innern des Cafés und macht sich bereit auf eine Aus­ein­an­der­set­zung mit sich selbst.

© Bogen­ber­ger Autoren­fo­tos, hono­rar­frei, Stand: Dezem­ber 2017

Wäh­rend John ver­traut ist mit den Eigen­hei­ten des Cafés und den Fra­gen sowie Ant­wor­ten, die dort gefun­den wer­den kön­nen, weiß Han­nah nicht, ob sie sich auf den Ort und sei­ne Besu­cher ein­las­sen soll. Ähn­lich geht es dem Leser bis­wei­len mit ›Aus­zeit im Café am Ran­de der Welt‹. Man muss sich ein­las­sen auf die Fra­gen, die John Streleckys Buch auf­wirft, auf die Wege, zu Ant­wor­ten zu kom­men, die ange­bo­ten werden.

Obwohl die­ser Besuch im Café der Fra­gen an man­chen Stel­len kon­stru­iert wirkt, vor allem in Bezug auf ein paar weni­ge Figu­ren – ein Effekt der durch die Mischung aus Unwirk­lich­keit und Wirk­lich­keit auch gewollt sein kann –, und bereits der Umschlag kaum eine Chan­ce aus­lässt, den Leser dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es sich um einen erneu­ten Besuch im Café han­delt, kön­nen sich auch Strelecky-Neu­le­ser, die ›Das Café am Ran­de der Welt‹ noch nicht gele­sen haben, an die­sen Band wagen.

Denn die Geschich­ten, die dar­in erzählt wer­den, las­sen auch den im Café noch Uner­fah­re­nen an sich teil­ha­ben, sodass der Leser Sei­te um Sei­te mit Gedan­ken ver­traut wird, die noch über das Buch hin­aus zum Nach­den­ken anregen.

»Ich war wie­der da. Aber warum?«

Fazit zu ›Auszeit im Café am Rande der Welt

Wer also sei­nen inne­ren Skep­ti­ker bei offen zu Gedan­ken anre­gen­den Tex­ten im Zaum hal­ten kann, dem kann ich John Streleckys ›Aus­zeit im Café am Ran­de der Welt‹ mit gutem Gewis­sen empfehlen.

Wer dar­über hin­aus durch ein Buch nicht nur von sich selbst abge­lenkt wer­den will, son­dern wäh­rend des Lesens sich selbst zuge­wandt sein will, der wird an die­ser »Aus­zeit« Gefal­len fin­den. Und ganz neben­bei erfah­ren, was ein Stück Iso­lier­band mit dem eige­nen Leben zu tun hat. 

Buchinfo

John Strelecky:
Aus­zeit im Café am Ran­de der Welt
Eine Wie­der­be­geg­nung mit dem eige­nen Selbst
dtv, Mün­chen 2019
160 S., Soft­co­ver, EUR (D) 9,90 inkl. MwSt.
ISBN 978−3−423−34964−2

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Benjamin Maack: Monster [Rezension]

Etwas, dessen Name nicht genannt werden kann.

Mons­ter sind all­ge­gen­wär­tig. Weder das Mons­ter unter dem Bett noch das Krü­mel­mons­ter sind aus unse­rer Erzähl­welt weg­zu­den­ken. Bereits im Deut­schen Wör­ter­buch, an dem Jacob und Wil­helm Grimm 1838 zu arbei­ten began­nen, ist es eng mit der Bedeu­tung des ›Unge­heu­ers‹ ver­wo­ben: das, was dem Men­schen nicht geheu­er ist. 

Über 170 Jah­re spä­ter wird das Mons­ter namens­ge­bend für Ben­ja­min Maacks mehr­fach aus­ge­zeich­ne­tes Werk. In die­sem kom­bi­niert er Erzäh­lun­gen über die Abwe­ge des Mensch­seins mit kür­ze­ren, ein­ge­scho­be­nen Passagen. 

»Es ist plötz­lich da«

So beginnt der ers­te der 19 kapi­tel­ar­ti­gen Abschnit­te des Buchs, die zwi­schen einer Län­ge von weni­gen Sät­zen bis hin zu über 70 Sei­ten schwan­ken. Mons­ter spielt mit dem Auf­lö­sen von For­men, sodass eine Gen­re­zu­schrei­bung erschwert wird.  Bei ›Es‹ han­delt es sich um eine Eule, die den Weg von der Stra­ße in Ben­ja­mins Kof­fer­raum fin­det und ihn fort­an beglei­tet. Die Abschnit­te wir­ken auf den ers­ten Blick von­ein­an­der unab­hän­gig. Ledig­lich der Name ›Ben­ja­min‹ zieht sich durch alle Geschich­ten, in denen der Prot­ago­nist benannt wird. Zwei der Abschnit­te bestehen gänz­lich aus einer sei­ten­lan­gen Anein­an­der­rei­hung des Buch­sta­bens X oder der Zahl 0. 

»Ich glau­be nicht an ande­re Men­schen. Ich mei­ne, ich glau­be nicht, dass es ande­re Men­schen gibt«,

lau­tet eine jener zehn Pas­sa­gen, die Maack zwi­schen die ein­zel­nen Abschnit­te streut. Doch das, was zusam­men­hangs­los wirkt, ergibt am Ende des Buches ein facet­ten­rei­ches Bild: Maack webt sie­ben län­ge­re Geschich­ten mit­hil­fe die­ser Pas­sa­gen anein­an­der. In ihnen wen­det sich der Icher­zäh­ler unmit­tel­bar an den Leser. Die Pas­sa­gen rah­men die Erzäh­lun­gen nicht, son­dern hal­ten sie wie Kleb­stoff aus dem Inne­ren zusammen. 

Im Kon­trast zu den wirr-anmu­ten­den Sei­ten vol­ler Nul­len und X‑en erge­ben die in sich geschlos­se­nen Kurz­ge­schich­ten über­ra­schend viel Sinn. So erzählt Maack in ›Viel schlim­mer als die dunk­len Räu­me sind die spie­geln­den Fens­ter‹ die Geschich­te von Ben­ja­min und sei­ner Jugend­lie­be Kath­rin. Ben­ja­min fährt sie und ihren Mann in ihrem abge­le­ge­nen Haus besu­chen. Spür­bar liegt die Schwe­re der Erin­ne­rung auf Kath­rin und Ben­ja­min, doch die Lebens­wirk­lich­keit knüpf­te sie an ihren Mann und das, lan­ge bevor die­ser an den Roll­stuhl gebun­den war. Ledig­lich die Eule, der sym­bo­li­sche Unglücks­bo­te, beglei­tet Ben­ja­min zurück in sei­ne eige­ne Wohnung. 

In der Erzäh­lung ›Wie sehr hat Las Casas geweint?‹ ver­webt Maack die vom Kör­per­li­chen domi­nier­te Lie­bes­ge­schich­te von Ben­ja­min und Nina mit der Geschich­te ihres Groß­va­ters. Die­ser erzählt Ben­ja­min »wie ein kaput­tes Spiel­zeug« Geschich­ten von Kolum­bus und den Spa­ni­ern. Bis der Groß­va­ter stirbt. 

© Ben­ne Ochs / mairisch.de

Maacks Geschich­ten beglei­ten die Prot­ago­nis­ten in ihrem Umher­ir­ren und sind durch all­täg­li­che Beob­ach­tun­gen und Erzähl­si­tua­tio­nen in der Wirk­lich­keit ver­an­kert. Den­noch spielt der Icher­zäh­ler in den zwi­schen­ge­schal­te­ten Pas­sa­gen mit sei­ner eige­nen Glaub­wür­dig­keit. So gesteht er gegen Ende, dass eine der Figu­ren des Anfangs zum Zeit­punkt der Erzäh­lung längst ver­stor­ben ist. Und negiert damit eine der Grund­an­nah­men der anfäng­li­chen Erzäh­lung des Buches.

Der Leser wird der bedrü­cken­den Här­te der Geschich­ten bis zuletzt aus­ge­setzt. Kein Hap­py End eilt zur Erlö­sung her­bei, sodass die Stim­mung nach Abschluss des Buches anhält. Vie­le Fra­gen blei­ben unbe­ant­wor­tet: wie, ob sich die ›Ben­ja­mins‹ der Geschich­ten auf ein und die­sel­be Per­son bezie­hen, oder wo genau sich das Mons­ter in Maacks Erzäh­lun­gen ver­steckt hält. Die­ses nimmt kei­ne kon­kre­te Gestalt an, wäh­rend das Figu­ren­per­so­nal durch­aus in Situa­tio­nen gerät, in denen mons­trö­se Züge ihres Wesens zum Vor­schein kom­men. Sowohl in sexu­ell expli­zi­ter als auch in psy­cho­lo­gisch abgrün­di­ger oder gewalt­tä­ti­ger Hinsicht.

Doch das Düs­te­re und Unheil­vol­le erschöpft sei­ne Wir­kung mit dem Fort­gang des Buches. Die ver­schie­de­nen Gesich­ter des Mons­ters sind gezeigt, ihre Geschich­ten in Dru­cker­schwär­ze gebannt.

Zurück bleibt das Schei­tern des Prot­ago­nis­ten, das sich als Boden­satz durch die Geschich­ten zieht.

Bei der Preis­ver­lei­hung des Her­mann Hes­se För­der­prei­ses, den  Maack für ›Mons­ter‹ erhielt, berich­tet er von der Ent­ste­hungs­zeit des Buches: 

»Frü­her hab ich jedes Mal mit schreck­li­chen Ängs­ten gekämpft, wenn ich mich zum Schrei­ben hinsetzte.«

Eine scho­nungs­lo­se Authen­ti­zi­tät, die sich im gesam­ten Werk widerspiegelt.

Buchinfo

Ben­ja­min Maack:
Mons­ter (Cover­ab­bil­dung oben)
Mai­risch Ver­lag, Ham­burg 2012
192 S., EUR (D) 16,90 inkl. MwSt.
Erzäh­lun­gen
ISBN 978−3−938539−21−7

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Ben­ja­min Maack:
Mons­ter
btb Ver­lag, Mün­chen 2015
189 S., EUR (D) 8,99 inkl. MwSt.
Taschen­buch
ISBN 978−3−442−74811−2

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