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Daniela Kehlmann: Beerholms Vorstellung [Rezension]

Daniel Kehlmann: Beerholms Vorstellung [Rezension]

Von einem Mann, der auszog, um Theologie zu studieren, und zu einem Magier wurde. 

Ein jun­ger Mann ›Beer­holms Vor­stel­lung‹ will Theo­lo­gie stu­die­ren und Pries­ter sein, bis er es nicht mehr sein will. Ein jun­ger Mann will sich der Zau­be­rei wid­men und Magi­er wer­den, bis er es nicht mehr will. 

Arthur Beer­holm hat die­se bei­den Leben gelebt. Und umso unter­schied­li­cher sie in ihrem Wesen auch klin­gen, des­to stär­ker fal­len die Din­ge auf, die bei Beer­holm über bei­de Beru­fe hin­weg kon­stant geblie­ben sind. 

Zum einen Beer­holms Vor­lie­be für Schlaf­ta­blet­ten. Manch­mal scheint es, als wäre sei­ne Lebens­ge­schich­te von nichts so stark beglei­tet, als von sei­nem Tablet­ten­miss­brauch. Zum ande­ren gesund­heit­li­che Pro­ble­me, die mehr­mals mit sei­ner Wahr­neh­mung zu spie­len scheinen. 

»Weißt du eigent­lich, daß man unun­ter­bro­chen auf sich selbst ein­re­det? In einem Win­kel unse­res Kop­fes sitzt ein Schwät­zer und spricht, spricht, spricht vom Augen­blick unse­res Auf­wa­chens bis in die letz­ten im Dun­kel ver­schwim­men­den Regun­gen vor dem Einschlafen.«

Kehl­manns Debüt­ro­man ›Beer­holms Vor­stel­lung‹ ist ein Kipp­bild: In man­chen Momen­ten ist er voll wun­der­sa­mer Ereig­nis­se, der Zau­be­rei scheint ech­te Magie inne­zu­woh­nen. In ande­ren Momen­ten tauscht er sei­nen Zau­ber gegen Alter­na­tiv­erklä­run­gen, wie Träu­me, Fie­ber­wahn, Tablet­ten­miss­brauch. Exis­tiert Magie in ›Beer­holms Vor­stel­lung‹ oder han­delt es sich in vie­len Momen­ten ledig­lich um außer­ge­wöhn­li­che Zufäl­le, die den Anschein von Bedingt­heit und Vor­be­stim­mung erwe­cken? Schafft Wahr­schein­lich­keit Realität?

»Ich setz­te ein iro­ni­sches Lächeln auf – was außer den unbe­ein­druck­bar schwei­gen­den Mön­chen kei­ner sah – und beschloß, die Sei­te von ihrer komi­schen Sei­te zu betrach­ten. Dann, nach und nach, fand ich her­aus, daß sie kei­ne komi­sche Sei­te hatte.«

Fazit zu ›Beerholms Vorstellung

Bereits in sei­nem Erst­lings­werk sind eini­ge der The­men ange­legt, die auch für Kehl­manns spä­te­res Werk maß­ge­bend sein wer­den, wie ›F‹ oder ›Tyll‹. Die Wirk­lich­keit und ihre Wahr­neh­mung wer­den spie­le­risch auf die Pro­be gestellt. Doch scheint es ›Beer­holms Vor­stel­lung‹ im Ver­gleich zu sei­nen spä­te­ren Wer­ken noch an Schliff zu feh­len, die­se The­men sind noch nicht so prä­zi­se her­aus­ge­ar­bei­tet, wie es ihm in spä­te­ren Roma­nen gelin­gen wird, ohne, dass sein vir­tuo­ser Umgang mit Wirk­lich­keit dar­un­ter zu lei­den hät­te. Doch ver­fliegt dies nach 50 Sei­ten wie­der und übrig bleibt ein Roman, der sich auch am Ende nicht in die Enge drän­gen lässt.

Denn die eige­ne Wahl, ob Magie in Beer­holms Lebens­wirk­lich­keit exis­tiert oder nicht, bleibt für den Roman­ver­lauf nicht folgenlos.

Buchinfo

Dani­el Kehl­mann:
Beer­holms Vor­stel­lung

Roman
rowohlt/rororo, Ham­burg 2007
256 S., EUR (D) 10,- inkl. MwSt.
Taschen­buch
ISBN 978−3−499−24549−7

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Daniel Kehlmann: ›F‹ [Rezension]

Vom Zufall und von Fügungen. 

Als ein Vater in ›F‹ mit sei­nen drei Söh­nen von zwei ver­schie­de­nen Frau­en einen Aus­flug zum Hyp­no­ti­seur macht, ahnen die vier nicht, was die Fol­gen sein wer­den: Der Vater ver­lässt im Anschluss auch sei­ne zwei­te Lebens­ge­fähr­tin und mit ihr sei­ne drei jugend­li­chen Söhne. 

Als die drei Söh­ne erwach­sen wer­den, wäh­len sie die unter­schied­lichs­ten Beru­fe und Lebens­wei­sen. Der Ältes­te, Mar­tin, wird zu einem wohl beleib­ten Geist­li­chen, der den Glau­ben nicht so recht fin­den kann. Von den Zwil­lin­gen, schlägt Iwan den Pfad eines Künst­lers ein, ohne recht an sei­ne eige­ne Kunst glau­ben zu kön­nen, und Eric hei­ra­tet, bekommt eine Toch­ter und wird zu einem Geschäfts­mann, der an sei­ne Rea­li­tät und sei­nen Ver­stand nicht mehr so recht glau­ben kann. 

Unge­fähr in der Mit­te wird der Roman ›F‹ von einer Ahnen­schau durch­zo­gen. Lebens­läu­fe und Figu­ren, von denen eine inter­es­san­ter ist als die ande­re und sicher­lich einen eige­nen Roman fül­len könn­te – eine der Beschrei­bun­gen erin­nert an Claus Ulen­spie­gel aus ›Tyll‹ –, wer­den ausgebreitet. 

Man meint, die Ver­stor­be­nen wären irgend­wo auf­be­wahrt. Man meint, dem Uni­ver­sum blie­ben ihre Spu­ren eingeschrieben.

Doch Kehl­mann beschränkt sich nicht dar­auf, die Geschich­te die­ser drei Söh­ne und ihres Vaters zu erzäh­len. Was ihm in ›F‹ gelingt, ist ein Auf­rau­en der Wahr­neh­mung von Wirk­lich­keit. Er spielt mit dem mensch­li­chen Bemü­hen, (Lebens-)Geschichten eine Kau­sa­li­tät und Deter­mi­niert­heit abrin­gen zu wol­len, indem er die Momen­te auf­zeigt, in denen sei­ne Figu­ren Ent­schei­dun­gen tref­fen müs­sen. Sie bedie­nen sich Erklä­rungs­mo­del­len, nach denen die Din­ge wer­den, wie sie sein sol­len, ob durch gött­li­ches Ein­grei­fen, einen höhe­ren Plan oder Schick­sal. Dabei spielt es kei­ne Rol­le, ob sie ihr Glück in der Kunst, der Reli­gi­on oder der Wirt­schaft suchen.

Doch ›F‹ fällt kein end­gül­ti­ges Urteil dar­über, ob die Per­so­nen dem Zufall, Schick­sal oder etwas ande­rem unter­wor­fen sind, son­dern erwei­tert die­se Fra­ge um die Dimen­si­on, was pas­sie­ren wür­de, wenn das ›Schick­sal‹ selbst von Zufall oder Irr­tum beein­flusst wäre.

Doch malen in eines ande­ren Namen, das ist eine Mög­lich­keit, das funk­tio­niert. Und was mich jeden Tag von neu­em wun­dert: Ich bin glück­lich dabei.

Fazit zu ›F‹

›F‹ ist einer jener Roma­ne, die nicht ein­fach nur gele­sen wer­den kön­nen, son­dern vom Leser wie­der und wie­der durch­dacht und neu betrach­tet wer­den kön­nen und müs­sen. So fügt sich, was anfangs aus ver­schie­de­nen Leben zusam­men­ge­setzt scheint, zu einem Gan­zen zusam­men, das den Leser so schnell nicht los­lässt und bei dem die Gren­ze zwi­schen Rea­li­tät und Vor­stel­lung ver­schwun­den ist.

Buchinfo

Dani­el Kehl­mann:
F

Rowohlt, Ham­burg 2013
384 S., EUR (D) 22,95 inkl. MwSt.
Roman, Hard­co­ver
ISBN 978−3−498−03544−0

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Daniel Kehlmann: Tyll [Rezension]

Von Menschen und Narren. 

Geschich­ten über Till Eulen­spie­gel kennt man bereits seit dem 14. und 15. Jahr­hun­dert. Mal Dil oder Dyl genannt, mal Ulens­pe­gel oder Ulen­spie­gel, war nicht nur sein Name über die Zeit aller­lei Ver­än­de­run­gen unterworfen. 

Was um 1510 lite­ra­risch unter dem Titel ›Ein kurtzwei­lig lesen von Dyl Vlen­spie­gel‹ begann, greift Dani­el Kehl­mann über ein hal­bes Jahr­tau­send spä­ter in sei­nem Roman ›Tyll‹ wie­der auf. Doch wäh­rend das ers­te Kapi­tel ›Schu­he‹ the­ma­tisch noch an sein his­to­ri­sches Vor­bild erin­nert, zeu­gen die wei­te­ren Kapi­tel weni­ger von den Strei­chen und Scher­zen des Gauk­lers, als von den Gescheh­nis­sen um den Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg und sei­ne Zeit. 

Denn der Narr Tyll Ulen­spie­gel, wie er bei Kehl­mann heißt, kann Ein­bli­cke in jede Gesell­schafts­schicht bie­ten. Tyll wächst als Sohn eines Mül­lers auf, der sei­ner Zeit ent­rückt scheint. Statt sich mit sei­ner Arbeit als Mül­ler zu beschäf­ti­gen, stu­diert er lie­ber die Rät­sel der Son­ne und des Mondes.

»Neu­lich hat der Jun­ge ihn gefragt, wie vie­le Ster­ne es eigent­lich gibt, und da er erst vor kur­zem nach­ge­zählt hat, hat er ihm nicht ohne Stolz eine Ant­wort geben können.«

Doch Claus Ulen­spie­gels Wis­sens­drang geht weit über sol­che Fra­gen hin­aus und so ist es nur eine Fra­ge der Zeit, bis die Inqui­si­ti­on in Gestalt von Tesi­mond und Kir­cher auf ihn auf­merk­sam wird.

Jah­re spä­ter macht der Narr Tyll Ulen­spie­gel Bekannt­schaft mit dem Win­ter­kö­nig, sei­ner Frau Liz und Gus­tav Adolf. Es ist nicht die Inqui­si­ti­on, die die­se Heim­sucht, son­dern die Pest und die Schat­ten­sei­ten des Krieges.

Doch so viel­sei­tig die Ein­bli­cke auch sind, die der Narr dem Leser gewährt, so unzu­ver­läs­sig ist Kehl­manns Erzähl­stil, die Wirk­lich­keit zeigt sich sel­ten ein­deu­tig. Zum einen ist die Welt Claus Ulen­spie­gels im Wis­sen und Glau­ben ihrer Zeit ver­haf­tet, fort­schritt­li­che Mei­nun­gen kom­men bei sei­ner Ankla­ge zwar zu Wort, fin­den jedoch kein wohl­wol­len­des Gehör. Auch die Zau­ber, die Claus Ulen­spie­gel kennt, blei­ben ambi­va­lent, denn wenn die­se ver­sa­gen, fin­det sich zumeist eine Alter­na­tiv­erklä­rung dafür, sodass nicht abschlie­ßend geklärt wer­den kann, ob in der Welt Tyll Ulen­spiegls Zau­ber und Magie einen Platz haben; im Aber­glau­ben der Zeit hat­ten sie ihn jedenfalls.

Auch die letz­ten Wor­te und Gedan­ken des Win­ter­kö­nigs blei­ben in der Schwe­be. Denn wäh­rend der letz­ten Nach­richt, die er sei­ner Frau Liz zukom­men las­sen will, fällt ihm das kla­re Den­ken nicht mehr leicht. 

»Er konn­te nur hof­fen, dass er alles, was wich­tig war, schon auf­ge­schrie­ben hatte.«

Dani­el Kehl­mann gelingt es in sei­nem Roman ›Tyll‹ ein geschick­tes Netz aus den Gegen­sät­zen der Zeit, zwi­schen Fort­schritt und Aber­glau­be, Humor und Tod, sowie Wirk­lich­keit und Schein-Wirk­lich­keit, zu knüp­fen. Doch alle Maschen sind stark und so behält ›Tyll‹, obwohl die Geschich­ten eini­ger Figu­ren zu Ende erzählt sind, Abschluss fin­den und Fra­gen geklärt wer­den, doch sei­ne Offenheit.

Fazit zu ›Tyll

Sel­ten hat ein Buch so stark dazu ein­ge­la­den, sich auf Per­spek­tiv­wech­sel und Ambi­va­len­zen ein­zu­las­sen. Wäh­rend die Spra­che klar und struk­tu­riert ist und so ein stim­mi­ges Gerüst bil­det, sind es die Gedan­ken­wel­ten der Figu­ren sel­ten. Und somit lässt Kehl­mann dem Leser genug Luft, sei­ne eige­nen Gedan­ken in die­se seit Jahr­hun­der­ten ver­gan­ge­ne Zeit ein­zu­brin­gen. Nur, ob sie auf die rich­ti­ge Fähr­te füh­ren, bleibt abzu­war­ten. Auch die Roma­ne ›F‹ und ›Ruhm‹ des Autors kann ich emp­feh­len, obwohl sie kei­ne his­to­ri­sche Kom­po­nen­te haben.

Buchinfo

Dani­el Kehl­mann:
Tyll
Rowohlt Ver­lag, Rein­bek bei Ham­burg 2018
480 S., EUR (D) 22,95 inkl. MwSt.
Roman, gebun­den
ISBN 978−3−498−03567−9

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Bewer­tung: 6 von 5.


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