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Marie Graßhoff: Beta Hearts [Rezension]

Marie Graßhoff: Beta Hearts [Rezension]

Vergessene Sünden, verlorene Erinnerungen. 

Die Welt, die sie kann­ten, gibt es nicht mehr. KAMI hat die Sperr­zo­nen ver­las­sen. Immer mehr Bezir­ke fal­len in ›Beta Hearts‹ dem von Men­schen geschaf­fe­nen Virus zum Opfer, der sei­nen Wir­ten jeg­li­che Emo­tio­nen raubt. 

Denn KAMI lernt, es ent­wi­ckelt sich und ist den Men­schen längst ent­wach­sen. Und in ihm wächst ein Drang her­an, stär­ker noch als der Wunsch, alle Men­schen zu assi­mi­lie­ren: Es will sie ver­ste­hen. Es will wis­sen, war­um sie so han­deln, wie sie han­deln. Es will Emo­tio­nen ver­ste­hen ler­nen. Und es will, dass die Welt in all ihren Far­ben und For­men end­lich nicht mehr unter den Men­schen zu lei­den hat.

»Danach erin­ne­re ich mich nur an Cha­os. An Schreie, Schüs­se, Rauch, Angst und Dun­kel­heit. So viel Dun­kel­heit in so vie­len Gedanken.« 

Was ist das für eine Welt, die Marie Graß­hoff in ihrer ›Neon Birds‹-Tri­lo­gie beschreibt und die ein Kind braucht, das sich Stück für Stück zu einer Maschi­ne machen lässt? Wie viel bleibt von die­sem Kind übrig, das zwar mit den Jah­ren zu einem jun­gen Erwach­se­nen her­an­wächst, doch des­sen Kör­per bis dahin zu mehr als 70 Pro­zent nicht mehr mensch­lich ist?

Und wie kann die­ses Kind, das nie etwas ande­res gekannt hat, als das Kämp­fen, damit auf­hö­ren? Erst nach und nach wird in ›Neon Birds‹, ›Cyber Trips‹ und ›Beta Hearts‹ klar, wie kaputt die­se Welt ist, in der Oki­jen, Andra, Flover, Luke und Byth ver­su­chen, zu über­le­ben. Was auf den ers­ten Blick fort­schritt­lich, erstre­bens­wert und makel­los erscheint, bekommt Ris­se. Geheim­nis­se schei­nen durch, Leer­stel­len bil­den sich. Und immer grö­ßer wird der Wunsch, zu wis­sen, wie die­se Welt der ›Neon Birds‹-Tri­lo­gie ent­stan­den ist. Und vor allem, was aus ihr wer­den soll.

»Die Men­schen gaben mir die Macht zu ler­nen. Und ich lern­te, mich zu erin­nern. An die­se Wesen, die an ihren Besitz­tü­mern hän­gen wie an Ankern.«

Denn wäh­rend alle ihre Kräf­te bün­deln und ver­ei­nen in dem Wunsch, KAMI end­gül­tig aus­zu­lö­schen, wächst in Andra ein ande­res Ziel her­an. Ist der Mensch über­haupt dazu in der Lage, KAMI in einem Kampf zu schla­gen? Wenn nicht, was bleibt dann noch?

Andras Pfad ist ein­sam. Wen ist sie bereit, zurück­zu­las­sen, und wer ist bereit, sie zu ver­ra­ten? In ›Beta Hearts‹ schließt sich die Schlin­ge um die Häl­se der viel zu jun­gen Kämpfer.

»Gab es über­haupt noch Men­schen auf die­ser Welt außer ihnen? Gab es Städ­te und Dör­fer und Sied­lun­gen, in denen Men­schen leb­ten, die kei­ne Moja waren? Wo wären sie sicher?«

Graß­hoffs Sci­ence Fic­tion-Tri­lo­gie ist von der ers­ten bis zu letz­ten Sei­te span­nend. Die Fra­gen, die zwi­schen den Zei­len schlum­mern, rüh­ren tief an den Kern des Mensch­seins her­an. Die Geschich­te der Mensch­heit ist von Kämp­fen durch­zo­gen, wie soll­te es in der Zukunft anders sein? Sind Oki­jen und die ande­ren bereit, die­se Welt von den Genera­tio­nen vor ihnen zu übernehmen?

Fazit zu ›Beta Hearts

Bereits in den ers­ten bei­den Bän­den der ›Neon Birds‹-Tri­lo­gie ›Neon Birds‹ und ›Cyber Trips‹ hat Graß­hoff bewie­sen, dass sie schrei­ben kann und das Fina­le ›Beta Hearts‹ steht hier­bei in nichts nach. Es ist eine die­ser Rei­hen, über die man stun­den­lang spre­chen könn­te, weil so vie­le essen­zi­el­le Fra­gen dar­in schlummern.

Zugleich bleibt auch in ›Beta Hearts‹ noch vie­les unbe­ant­wor­tet. Zum Teil auch Fra­gen, um die sich die drei Bän­de stark gedreht haben. So bleibt zu hof­fen, dass ›Beta Hearts‹ zwar das Fina­le der Tri­lo­gie ist, das ›Neon Birds‹-Uni­ver­sum jedoch noch fort­ge­setzt wird. Ich bin gespannt! 

Buchinfo

Marie Graß­hoff:
Beta Hearts

Sci­ence Fic­tion, Roman
Band 3
Alters­emp­feh­lung: ab 16 Jah­ren
Bas­tei Lüb­be, Köln 2020
511 S., EUR (D) 15,- inkl. MwSt.
Paper­back
ISBN 978−3−404−20968−2

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Laetitia Colombani: Das Haus der Frauen [Rezension]

Vom Traum einer Frau, die nicht bereit war, aufzugeben. 

Seit dem Tod ihres Kli­en­ten hat sich Solè­nes Leben in ›Das Haus der Frau­en‹ ver­än­dert. War sie in dem einen Moment noch eine Kar­rie­re­frau in teu­rer Klei­dung und als Anwäl­tin erfolg­reich, weiß sie nun nicht mehr recht, was sie tun soll. 

Sie hat sei­nen Tod nicht kom­men sehen. In all den Gesprä­chen, in all den vie­len Stun­den. Und dann geschieht es, an ihrer Sei­te und viel zu schnell.

Auch Solè­ne fällt, und sie fällt tief. Arbeit scheint ihr unmög­lich, das Haus ver­las­sen eben­so. Sie zieht sich zurück, nimmt Tablet­ten. Irgend­wann emp­fiehlt ihr Arzt ihr, sich eine ehren­amt­li­che Arbeit zu suchen. Solè­ne ist skep­tisch, doch als sie all die Ein­trä­ge auf einer Web­site durch­geht, sticht ihr einer ins Auge. »Öffent­li­che Schrei­be­rin«. Sie weiß zwar nicht, was sie sich unter die­sem Begriff vor­zu­stel­len hat, doch das Schrei­ben ist ihr aus frü­he­ren Zei­ten ver­traut. Und mit einem Mal kehrt eine Sache in Solè­nes Leben zurück, die sie lan­ge begra­ben hatte.

»Kind­heits­träu­me zu ver­ges­sen ist nicht schwer, man hört ein­fach auf, dar­an zu den­ken. Man bedeckt sie mit einem Schlei­er, so wie man Laken über Möbel­stü­cke wirft, wenn man ein Haus für län­ge­re Zeit verlässt.«

Solè­ne wird zur Öffent­li­chen Schrei­be­rin im Haus der Frau­en. Doch obwohl sie als Anwäl­tin oft die Schat­ten­sei­ten des Lebens zu sehen bekam, ist sie auf die­se Stel­le nicht vor­be­rei­tet. Vor ihr wer­den die Leben so vie­ler unter­schied­li­cher Frau­en sicht­bar, die ihr auch noch nach­ge­hen, wenn sie längst Fei­er­abend gemacht hat. 

Mehr als ein­mal muss sie sich den Fra­gen stel­len, ob sie für die­se Arbeit geeig­net ist und was sie tun kann, um den Frau­en zu hel­fen. Und wäh­rend Solé­ne ver­sucht, den Bewoh­ne­rin­nen des Hau­ses zu hel­fen, die im 21. Jahr­hun­dert leben, führt Colom­ba­ni mit ›Das Haus der Frau­en‹ auch in die Zeit zurück, bevor die Idee zu die­ser Ein­rich­tung über­haupt gebo­ren wur­de. Bis hin zu Blan­che, die rund ein Jahr­hun­dert zuvor leb­te, und die Armut und Not ihrer Pari­ser Mit­bür­ger und Mit­bür­ge­rin­nen nicht hin­neh­men wollte.

»Kei­ne ande­re Spe­zi­es lie­fert sich ein sol­ches Gemet­zel. Das Miss­han­deln von Weib­chen kommt in der Natur sonst nicht vor. War­um haben Men­schen die­ses Bedürf­nis, zu zer­stö­ren und zu vernichten?«

Wer ›Der Zopf‹ von Lae­ti­tia Colom­ba­ni gele­sen hat, weiß um das Talent der Autorin, meh­re­re Per­spek­ti­ven und Leben so zu ver­we­ben, dass ein gemein­sa­mes, facet­ten­rei­ches Bild ent­steht. Geschah dies in ›Der Zopf‹ durch drei Frau­en, die zur glei­chen Zeit in unter­schied­li­chen Län­dern leben, sind es in ›Das Haus der Frau­en‹ zwei Frau­en, die in Paris leben, durch ein Jahr­hun­dert getrennt.

Und das Leben der Frau­en im Haus geht unter die Haut, eben­so das von Blan­che. Sie träum­te von einem ›Haus der Frau­en‹ schon in einer Zeit, in der obdach­lo­se Kin­der noch auf den Fel­der erfro­ren, weil es kei­nen Platz für sie gab. Doch Blan­che träumt nicht nur, sie han­delt. Uner­müd­lich, über die Gren­ze jeg­li­cher Belastbarkeit.

»Hat Paris kein Herz?, ruft sie ohne Umschwei­fe ins Publi­kum. Im alten Frank­reich herrsch­te eine Hun­gers­not, heu­te ist es die Woh­nungs­not. Men­schen ster­ben, weil sie nicht wis­sen, wo sie schla­fen sollen.«

Fazit zu ›Das Haus der Frauen

Auf nicht ein­mal 300 Sei­ten gelingt es Colom­ba­ni in ›Das Haus der Frau­en‹, die Leben und die Zeit zwei­er Frau­en auf­er­ste­hen zu las­sen. Es schaut dort hin, wo oft weg­ge­se­hen wird. Zeigt das all­täg­li­che, trau­ri­ge und zugleich zum Teil hoff­nungs­vol­le Leben im Pari­ser Haus der Frau­en. Was für Solè­ne als Ehren­amt begann, nimmt bald schon grö­ße­re Dimen­sio­nen an. Ein­drück­lich, bewe­gend und zum Nach­den­ken anregend.

Buchinfo

Lae­ti­tia Colom­ba­ni:
Das Haus der Frau­en

Roman
Über­setzt von: Clau­dia Mar­quardt
Fischer Ver­lag, Frank­furt a. M. 2020
256 S., EUR (D) 20,- inkl. MwSt.
gebun­den mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−10−390003−3

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Kathy Rabus: Reset your Body [Rezension]

Eine Einladung, die Sprache des eigenen Körpers kennenzulernen. 

Eins vor­ne weg: Ich lese nicht ton­nen­wei­se Bücher über Ernäh­rung und Gesund­heit. Viel­leicht soll­te ich mehr lesen, aber vor allem, soll­te ich wahr­schein­lich das, was ich lese, auch beher­zi­gen. Mit die­sem Vor­satz will ich mich mit ›Reset your Body‹ beschäf­ti­gen.

Wenn ich aller­dings ein Buch aus die­sem Bereich lesen, dann schaue ich genau, was ich mir da hole. Ich will dann weder ein Buch, das aller­lei Ver­spre­chen macht und nichts davon ein­löst, noch eines, das Schön­heits­idea­le hoch­hält, die weder gesund noch rea­lis­tisch sind. »Vital« und »indi­vi­du­el­le Ernäh­rung« klan­gen da schon vielversprechender. 

Denn das, was Kathy Rabus in ›Reset your Body‹ vor­stellt, ist kein ein­fa­cher, mal so neben­bei Ansatz, der vom wenig tun, kolos­sa­le Ergeb­nis­se ver­spricht. ›Reset your Body‹ ist in ers­ter Linie eine Ein­la­dung, das eige­ne Kör­per­ge­fühl bes­ser ken­nen­zu­ler­nen. Zu ent­schlüs­seln, wel­che Lebens­mit­tel dem eige­nen Kör­per gut­tun und wel­che viel­leicht eher nicht. Kör­per sind unter­schied­lich und reagie­ren unterschiedlich. 

»So wie der Kör­per sich bei unge­sun­der oder unpas­sen­der Lebens­wei­se beschwert, so kann er uns auch deut­lich signa­li­sie­ren, dass wir im Ein­klang mit unse­ren Bedürf­nis­sen leben. Wenn wir ihm geben, was er braucht, wonach er sich sehnt, belohnt er uns.«

Da Rabus’ Ansatz in ›Reset your Body‹ dar­auf basiert, min­des­tens einen Monat mit der eige­nen Ernäh­rung zu expe­ri­men­tie­ren, anfangs vor allem durch Ent­wöh­nung, soll­te an sich für die­ses Pro­jekt Zeit mitbringen. 

»Statt unse­rem Kör­per Regeln auf­zu­zwin­gen, las­sen wir ihn selbst sei­ne indi­vi­du­el­le Ernäh­rungs­weis­heit fin­den. Daher ist dies auch kein typi­scher Rat­ge­ber, der dir Woche für Woche einen neu­en Plan an die Hand gibt, den du befol­gen sollst.«

Natür­lich ersetzt ›Reset your Body‹ nicht den Arzt­be­such, wenn man sich unwohl fühlt oder, dass gesund­heit­li­che Fra­gen pro­fes­sio­nell abge­klärt wer­den soll­ten. Viel­mehr geht es dar­um, sich eine Wei­le von den Lebens­mit­teln fern­zu­hal­ten, die dafür bekannt sind, häu­fig Pro­ble­me im Kör­per zu ver­ur­sa­chen, wie Müdig­keit oder schlech­te Haut. Wenn man die­se dann nach ein paar Wochen wie­der Stück für Stück in sei­ne Ernäh­rung auf­nimmt, zeigt die kör­per­li­che Reak­ti­on durch die Ent­wöh­nung deut­li­cher, wie gut oder schlecht uns ein bestimm­tes Lebens­mit­tel tut. 

Somit ist Rabus’ Ansatz in ›Reset your Body‹ kei­ne Wun­der­waf­fe, um mit einem Trick plötz­lich super gesund und schlank zu sein. Son­dern ein Ken­nen­ler­nen des Kör­pers bezie­hungs­wei­se der Spra­che, die die­ser in Bezug auf Lebens­mit­tel spricht.

Da es mit Rat­ge­bern jedoch zumeist nicht getan ist, solan­ge man die­se nur gele­sen hat, ist die­se Rezen­si­on nur vor­läu­fig und bezieht sich auf Schritt 1: das Lesen des Buches. Sobald ich mei­nen Selbst­ver­such abge­schlos­sen habe, wer­de ich die­sen Bei­trag ergänzen. 

Vorläufiges Fazit zu ›Reset your Body

Bis­lang mag ich ›Reset your Body‹ wirk­lich sehr ger­ne. Es ist wis­sen­schaft­lich fun­diert, lie­fert viel Grund­la­gen­wis­sen und vie­le prak­ti­sche Tipps. Nun wird der Selbst­ver­such zei­gen, ob das Buch sei­nem ers­ten Ein­druck gerecht wird. Ich bin gespannt. Wer ›Reset your Body‹ mag, könn­te sich auch für ›Darm mit Charme‹ oder ›Hap­py Food‹ inter­es­sie­ren.

Buchinfo

Kathy Rabus:
Reset your Body

Erle­be ein vita­les Kör­per­ge­fühl dank indi­vi­du­el­ler Ernäh­rung
Lüb­be Life, Mün­chen 2020
320 S., EUR (D) 18,- inkl. MwSt.
Paper­back
ISBN 978−3−431−07014−9

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Julia Engelmann: Keine Ahnung was für immer ist [Rezension]

Schwerelos, verträumt und voller Energie. 

Lie­ber wach sein als zu schla­fen, um nichts zu ver­pas­sen, das Gefühl noch ein biss­chen län­ger zu genie­ßen. Allein tan­zen, lan­ge reden, ein­fach nur im Hier und Jetzt sein. Zwei­feln, und trotz­dem weitermachen. 

Engel­manns Gedich­te sind voll der Leich­tig­keit und Schwe­re eines nie enden wol­len­den Seins. Ihre Gedich­te in ›Kei­ne Ahnung was für immer ist‹ tra­gen kei­ne Kämp­fe der Ver­gan­gen­heit aus, sie wid­men sich der Gegen­wart mit ihren fast end­lo­sen Mög­lich­kei­ten. Vol­ler Bil­der und Momen­te, die das Leben brin­gen kann, wenn man jung ist oder bleibt, frei leben möch­te, alles in vol­len Zügen erfahren. 

»Und wenn ich mei­ne Arme hebe,
komm ich fast an bei­de Wän­de.
Drei Bett­kan­ten berühr­ten fast den Rand.
Manch­mal weht ein biss­chen Staub wie Laub
her­ab in mei­ne Hän­de.
Mit Fan­ta­sie wird jeder Raum ein Land.«

Julia Engel­mann
Aus ihrem Gedicht ›Mein Para­dies‹ in ›Kei­ne Ahnung was für immer ist

Ihre Gedich­te sind ver­spielt und den­noch unkom­pli­ziert. Die Poe­sie ihrer Spra­che braucht kei­ne hoch­tra­ben­den Wör­ter oder kom­ple­xe Ver­schach­te­lun­gen, um zu berüh­ren. Manch­mal, schei­nen ihre Gedich­te in ›Kei­ne Ahnung was für immer ist‹ Flü­gel zu haben, so schwe­re­los muten sie an.

Ob das Gefühl, in der Men­ge allein zu sein; unter vie­len die oder der zu sein, die nicht dazu pas­sen oder die Lie­be. Engel­manns Gedich­te lei­ten zum Wei­ter­ma­chen an, auch wenn Zwei­fel und Hür­den zu über­win­den sind. Lie­be­voll illus­triert von der Autorin selbst sind ihre Gedich­te, die auch jenen zu emp­feh­len sind, die bis­lang kaum Erfah­run­gen mit Gedich­ten haben. 

Fazit zu ›Keine Ahnung was für immer ist

Julia Engel­manns Gedicht­band ›Kei­ne Ahnung was für immer ist‹ ist eine Lie­bes­er­klä­rung an die Gegen­wart und das Unge­wis­se in der Zukunft. Schwe­re­los, ver­träumt und vol­ler Energie. 

Buchinfo

Julia Engel­mann:
Kei­ne Ahnung was für immer ist
Gold­mann, Mün­chen 2020
128 S., EUR (D) 9,- inkl. MwSt.
Taschen­buch, Klap­pen­bro­schur
ISBN 978−3−442−49133−9

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Ragnar Jónasson: Nebel [Rezension]

Von Dunkelheit und Einsamkeit. 

Als Erna sich ent­schei­det, ihren Mann zu hei­ra­ten, ent­schei­det sie sich auch für sei­nen Hof. Abge­le­gen, über vie­le Mona­te im Jahr stock­fins­ter, Ker­zen gegen die stän­di­gen Stromausfälle. 

Erla ist nicht für die­ses Leben gemacht, doch ihren Mann wür­de sie nicht im Stich las­sen. Des­sen Fami­lie küm­mert sich bereits seit so vie­len Genera­tio­nen um den Hof, dass sie weiß, dass er ihn nie ver­kau­fen wird. Nur drei Din­ge hel­fen ihr, damit klar­zu­kom­men: Roma­ne, das Radio und der Gedan­ke an ihre Toch­ter Anna. 

Auch die­ses Weih­nach­ten soll ruhig wer­den. Nur sie und ihr Mann, spä­ter viel­leicht noch Anna. Doch als es an der Tür klopft und ein Frem­der um Ein­lass bit­tet, ist es damit vorbei.

»Sie wuss­te, dass für Einar die Fami­li­en­eh­re auf dem Spiel stand. Er hat­te ein schwe­res Erbe ange­tre­ten, und es war, als wären die Geis­ter sei­ner Ahnen stän­dig anwe­send und beob­ach­te­ten ihn aus den dunk­len Ecken heraus.«

Mit dem Frem­den zieht für Erla die Furcht in das eige­ne Haus ein. Das Tele­fon ist tot, der Strom lässt sie im Stich. Und in der Nacht hört sie Geräu­sche, die nicht da sein soll­ten. Doch abge­schot­tet jeder wei­te­ren Men­schen­see­le, sich Erna, ihr Mann und der Frem­de auf sich allein gestellt.

»Durch den Strom­aus­fall war die Atmo­sphä­re ohne­hin schon son­der­bar genug: Es herrsch­te eine Art düs­te­res Zwie­licht, das Erla an die Tages­zeit erin­ner­te, die sie immer als beson­ders unheim­lich emp­fand, die Zeit, in der Geis­ter aus den Schat­ten tra­ten und mensch­li­che Gestalt anneh­men konn­ten, ohne dass man es merkte.«

Nebel‹, der drit­te Teil der ›Hul­da‹-Tri­lo­gie kann pro­blem­los an die Qua­li­tät des ers­ten Ban­des, ›Dun­kel‹, und zwei­ten Ban­des, ›Insel‹, anzu­knüp­fen. Der drit­te Band baut zwar nicht auf den Gescheh­nis­sen des zwei­ten Ban­des auf, was durch die achro­no­lo­gi­sche Anord­nung der Tri­lo­gie auch nicht mög­lich wäre, doch lässt er Hul­das Ent­wick­lung mit­er­le­ben. Eini­ge der Ereig­nis­se, die im drit­ten Band gesche­hen, hat­ten auf den ers­ten und zwei­ten Band Auswirkungen.

Was ein fried­li­ches und besinn­li­ches Weih­nachts­fest hät­te wer­den sol­len, wird in ›Nebel‹ durch Dun­kel­heit und Iso­la­ti­on zu einem Grauen.

Wie ›Dun­kel‹ und ›Insel‹ kommt ›Nebel‹ ohne mög­lichst blu­ti­ge und bes­tia­li­sche Mor­de aus. Das Grau­en und die Span­nung wach­sen aus dem, was im Inne­ren des Men­schen schlum­mert. Jónas­son zeigt in sei­ner ›Hul­da‹-Tri­lo­gie, was Geheim­nis­se, Schuld und Dun­kel­heit mit dem Men­schen, Fami­li­en oder Part­ner­schaf­ten machen kann. 

Fazit zu ›Nebel

Nebel‹ ist ein wür­di­ger Abschluss – oder Auf­takt? – der ›Hul­da‹-Tri­lo­gie. Für mich per­sön­lich sogar der liebs­te Teil der Tri­lo­gie, die sich von Band zu Band noch wei­ter gestei­gert hat. Für alle Kri­mi-Fans, die Lust auf unauf­dring­li­che­re Span­nung haben.

Buchinfo

Rag­nar Jónas­son:
Nebel

Die HUL­DA-Tri­lo­gie, Band 3
Ori­gi­nal­ti­tel: Mis­tur (Ver­lag: Bjar­tur Ver­öld)
Thril­ler
Über­setzt von: Andre­as Jäger
btb, Mün­chen 2020
352 S., EUR (D) 15,- inkl. MwSt.
Paper­back, Klap­pen­bro­schur
ISBN 978−3−442−75862−3

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Stephenie Meyer: Biss zur Mitternachtssonne [Rezension]

Man kann Edward in ›Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne‹ nicht vor­wer­fen, dass er nicht aus­führ­lich über die Ange­le­gen­heit mit Bel­la nach­ge­dacht hät­te. Doch sind es nicht nur sei­ne Gedan­ken, die ihm zu schaf­fen machen. Auch die Gedan­ken sei­ner Mit­men­schen strö­men pau­sen­los auf ihn ein. Er ist mitt­ler­wei­le gut dar­in, frem­de Gedan­ken aus­zu­blen­den. Sei es aus Anstand wie bei sei­ner Fami­lie oder aus Lan­ge­wei­le, wie bei den meis­ten anderen. 

Wer ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ gele­sen hat, den dürf­ten die Sze­nen zwi­schen Bel­la und Edward – zumin­dest in Bezug auf die Hand­lung – nicht über­ra­schen. Nie­mand in Forks ahnt, dass eine Vam­pir­fa­mi­lie im Ort lebt. Dabei leben sie mit­ten unter den Men­schen: Arbei­ten im Kran­ken­haus oder gehen zur Schu­le. Zwi­schen den Men­schen und den Vam­pi­ren kommt es aber sel­ten zu mehr Kon­takt als nötig. Zumin­dest bis zu dem Tag, an dem Bel­la Swan auf­taucht. Denn zum ers­ten Mal in sei­nem Leben begeg­net Edward einem Men­schen, des­sen Gedan­ken er nicht lesen kann. Und der neben­bei noch so unver­schämt gut riecht, dass das mit dem sich fern­hal­ten kaum funk­tio­nie­ren will.

»Ich woll­te mich nicht wei­ter ver­geb­lich mühen – ich war es nicht gewohnt, etwas nicht zu kön­nen, es ärger­te mich. Ich woll­te nicht anfan­gen, mich für ihre ver­bor­ge­nen Gedan­ken zu inter­es­sie­ren, nur weil sie mir ver­bor­gen blie­ben. Zwei­fel­los wür­den sich ihre Gedan­ken, wenn ich sie erst ein­mal ent­schlüs­selt hat­te – und das wür­de mir gewiss noch gelin­gen –, als eben­so banal erwei­sen wie die aller ande­ren Menschen.«

Etwas Neu­es zu erfah­ren, gibt es vor allem in den Sze­nen, in denen Bel­la nicht mit Edward zusam­men ist. Denn wäh­rend ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ die Hand­lung aus Bel­las Sicht erzähl­te, zeigt ›Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne‹ nun Edwards Sicht. Dadurch erhält der Leser oder die Lese­rin erst­mals einen Ein­blick in die Sze­nen, in denen Bel­la und Edward nicht bei­ein­an­der waren. 

Der Vor­teil: Auch Edwards Fami­lie bekommt Gele­gen­heit, ande­re Sei­ten von sich zu prä­sen­tie­ren. Sei es nun Jas­pers Kampf gegen den ewi­gen Hun­ger oder Ali­ce’ beson­de­re Fähig­kei­ten. Durch Edwards Fähig­keit, Gedan­ken zu lesen, kön­nen Geschich­ten der ande­ren Vam­pi­re nun haut­nah aus ihrer Erin­ne­rung erlebt werden.

Obwohl ›Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne‹ mit neu­en Ein­bli­cken in Edwards Leben über­ra­schen kann, bleibt er hin­ter ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ zurück. Vor allem der Anfang ist durch Edwards Fähig­keit, Gedan­ken zu lesen, mit­un­ter sehr hand­lungs­arm und sehr gedan­ken­reich. Dadurch ver­liert Ste­phe­nie Mey­ers Schreib­stil zum Teil an der Leich­tig­keit, die man gewohnt war. Und dies kratzt auch an dem char­man­ten Vam­pir, der noch in ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ zu sehen war und nun sehr von sich selbst über­zeugt wirkt. Zuge­ge­ben, da ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ aus Bel­las Sicht erzählt war, blieb viel Raum, um Edward zu idea­li­sie­ren. ›Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne‹ zeigt eher einen weni­ger idea­li­sier­ten, dafür all­täg­li­che­ren Edward. Bel­la hin­ge­gen ver­liert etwas von dem Mäd­chen, mit dem man sich noch gut iden­ti­fi­zie­ren konn­te, da wir sie nun durch Edwards Blick erleben. 

»Ihre Anzie­hungs­kraft hat­te kein biss­chen nach­ge­las­sen. Wann immer sie in mei­ner Nähe war, wur­den mei­ne nie­ders­ten und drän­gends­ten Instink­te geweckt. Gift schoss mir in den Mund, und mein Kör­per woll­te sie packen – woll­te sie in die Arme rei­ßen und mei­ne Zäh­ne in ihre Keh­le schlagen.«

Fazit zu ›Biss zur Mitternachtssonne

Leser und Lese­rin­nen soll­ten am bes­ten die ursprüng­li­che Rei­hen­fol­ge bei­be­hal­ten und zuerst ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ lesen. Für den ein­ge­fleisch­ten Fan bie­tet sich ›Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne‹ vor allem dafür an, um noch mehr über die viel­fäl­ti­gen Cha­rak­te­re und Hin­ter­grün­de zu erfah­ren, die das Gesche­hen in ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ mit­be­stimmt haben. 

Buchinfo

Ste­phe­nie Mey­er:
Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne
Bel­la und Edward 5
Über­setzt von Syl­ke Hach­meis­terAnnet­te von der Wep­penHen­ning Ahrens und wei­te­ren
Carl­sen, Ham­burg 2020
848 S., EUR (D) 28,- inkl. MwSt.
Hard­co­ver
Ab 14 Jah­ren
ISBN 978−3−551−58446−5

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Kei Ohkubo: Arte 2 [Rezension]

Der Traum einer jungen Frau und Schwielen an den Händen. 

›Arte 2‹ führt ins Flo­renz des 16. Jahr­hun­derts. Arte hat es nicht leicht. Zwar hat sie es geschafft, in einer klei­nen Maler­werk­statt eine Aus­bil­dungs­stel­le zu ergat­tern, doch begeis­tert sind davon nicht alle. 

Der Zugang zu ande­ren Werk­stät­ten wird ihr ver­wehrt. Auf­trag­ge­ber neh­men sie nicht ernst, ande­re Maler­ge­sel­len eben­so wenig. Um über­haupt beach­tet zu wer­den, muss die jun­ge Frau nicht 100 Pro­zent geben, son­dern 200.

Doch obwohl sich die Stei­ne in ihrem Weg tür­men und sie so man­ches Mal dar­über stol­pert, hält Arte an ihrem Traum fest: ein selbst­be­stimm­tes Leben als Male­rin führen.

»Wenn du dei­nen Traum ver­wirk­li­chen willst, ruh dich nicht dar­auf aus, dass du eine Frau bist. Und lass dich nicht durch die Lie­be vom Weg abbrin­gen. Die­se Welt ist gna­den­los zu uns Frauen.«

Noch nicht nur Pro­ble­me beglei­ten ihren Weg: Als ein­zi­ger weib­li­cher Maler­lehr­ling ist Arte schnell bekannt. Und obwohl nicht alle ihre Zie­le gut­hei­ßen, dient sie man­chen auch als Bei­spiel. Arte ist auf­rich­tig, direkt und vol­ler Ener­gie. Was die jun­ge Frau anpackt, das schafft sie auch – wenn auch nicht unbe­dingt beim ers­ten Versuch.

»Der Beruf tut nichts zur Sache! Ich … Ich habe Respekt vor sei­nen Anstren­gun­gen und Mühen!«

Der Man­ga ›Arte 2‹ ist eben­so lie­bens­wert gezeich­net wie der ers­te Band. Stück für Stück wird auch der Hin­ter­grund der Neben­cha­rak­te­re her­aus­ge­ar­bei­tet, ihre Pro­ble­me und Wün­sche gezeigt.

Nicht alles ist glanz­voll in der Welt der Male­rei. Vie­les ist har­te Arbeit, Pla­cke­rei und Durchhaltevermögen. 

»Meis­ter Leo ist streng zu mir, weil er mich nicht als Frau, son­dern als sei­nen Lehr­ling sieht. Ich möch­te nicht rück­sichts­voll behan­delt wer­den, son­dern streng. Dann lohnt sich mei­ne Mühe umso mehr.«

Fazit zu ›Arte 2‹

Arte 2‹ ist stim­mig und kann noch stär­ker über­zeu­gen als der ers­te Band. Es ist kei­ne ein­fa­che Zeit für Frau­en, vor allem für jene, die nicht auf den ein­ge­tre­te­nen Pfa­den wei­ter­lau­fen möchten. 

Die Gedan­ken im Man­ga schei­nen zum Teil modern, zugleich beschäf­ti­gen sie sich mit über­zeit­li­chen The­men. Was ist man bereit, für sei­ne Wün­sche und Träu­me zu tun? Wie viel Wider­stand ist man bereit aus­zu­hal­ten? Ist man bereit, ande­re zu ent­täu­schen, um den eige­nen Weg zu gehen? Arte will ein selbst­be­stimm­tes Leben als Frau füh­ren, doch ihre Metho­den sind nicht ihre Ellen­bo­gen, son­dern ihr Herz, ihre Auf­rich­tig­keit und ihre gro­ße Lie­be zur Kunst. 

Buchinfo

Kei Ohku­bo:
Arte

Band 2
über­setzt von: Yuki Kow­alsky
Carl­sen, Ham­burg 2020
194 S., EUR (D) 10,- inkl. MwSt.
Man­ga, Soft­co­ver
Alter: ab 14 Jah­ren
ISBN 978−3−551−79862−6

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Ragnar Jónasson: Insel [Rezension]

Die Last eines zehn Jahre alten Geheimnisses. 

Sie erzählt ger­ne Geschich­ten. Sie schmückt sie aus und füllt die Lücken, bis sie sicher ist, sie auf die span­nends­te Wei­se erzäh­len zu kön­nen. Immer wenn sie das abge­le­ge­ne Som­mer­haus ihrer Fami­lie besucht, erzählt sie eine bestimm­te Geschichte. 

Einst soll einer ihrer Vor­fah­ren in der Nähe gelebt haben, der vor vie­len Jah­ren als Hexer au dem Schei­ter­hau­fen ver­brannt wur­de. Und manch­mal, wenn man nachts wach­liegt und nicht schla­fen kann, soll man ihn noch hören können. 

Nie­mals wür­de sie eine Nacht allein im Som­mer­haus ver­brin­gen. Auch die­ses Mal ist sie nicht allein dort­hin gefah­ren. Nie­mand weiß, dass sie dort sind. Es soll ihr Geheim­nis sein; doch die­ses Geheim­nis for­dert sei­nen Preis.

»Sie durch­quer­ten die Hoch­moo­re, eine baum­lo­se Land­schaft, die sich karg und unheil­voll leer in der Däm­me­rung vor ihnen erstreck­te, und fuh­ren ent­lang des größ­ten Fjords, des Ísaf­jarðard­júp, zur Küs­te hinunter.«

Dagur muss mit anse­hen, wie sein Vater noch im Schlaf­an­zug aus dem Haus geführt und ver­haf­tet wird. Er will es ver­hin­dert, wehrt sich, doch er kann es nicht ver­hin­dern. Er weiß, dass in die­sem Moment sei­ne Fami­lie kaputtgeht.

»Der Frie­den war gestört wor­den, in der Nach­bar­schaft und in sei­ner Fami­lie. Nie­mand, der es mit ange­se­hen hat­te, wür­de jemals den Anblick ver­ges­sen, wie Vetur­liði in der Däm­me­rung nur mit einem Schlaf­an­zug beklei­det, von der Poli­zei aus sei­nem Haus gezerrt wor­den war, wäh­rend sein Sohn Zeter und Mor­dio geschrien hatte.«

Dem zwei­ten Teil der ›Hul­da‹-Tri­lo­gie gelingt es mühe­los, an die Qua­li­tät des ers­ten Ban­des, ›Dun­kel‹, anzu­knüp­fen. Zwar baut er nicht auf den Gescheh­nis­sen des ers­ten Ban­des auf, da die Bän­de achro­no­lo­gisch ange­ord­net sind, doch zeigt er für man­ches dar­in einen Teil der Vor­ge­schich­te. Im zwei­ten Band ist Hul­da jün­ger, der Ruhe­stand noch in der Fer­ne und ihr Wunsch nach einem Kar­rie­re­sprung groß.

Rag­nar Jónas­son ist ein Meis­ter der lei­sen und unauf­dring­li­chen Span­nung. Die Atmo­sphä­re ist dicht, die Stim­mung düs­ter und geheimnisumwoben. 

Insel‹ braucht kei­nen mög­lichst bes­tia­li­schen oder blu­ti­gen Mord – viel­mehr leben die Fäl­le von Geheim­nis­sen, mensch­li­chen Bin­dun­gen und Nöten. Vie­le schei­nen etwas zu ver­heim­li­chen zu haben, alte Pro­ble­me schwe­len noch unter der Oberfläche. 

Nach­dem ›Dun­kel‹ und ›Insel‹ bereits über­zeu­gen konn­ten, bleibt nur noch, auf den drit­ten Band der Tri­lo­gie – ›Nebel‹ – zu war­ten. Eins ist auch hier sicher: Es wird span­nend werden.

Buchinfo

Rag­nar Jónas­son:
Insel

Die HUL­DA-Tri­lo­gie, Band 2
Thril­ler
Über­setzt von: Kris­ti­an Lut­ze
btb, Mün­chen 2020
384 S., EUR (D) 15,- inkl. MwSt.
Paper­back
ISBN 978−3−442−75861−6

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Diana Wynne Jones: Der Palast im Himmel [Rezension]

Von einem Jungen, der eine Enttäuschung war. 

Nur weni­ge Jah­re nach dem ers­ten Band der ›Howl-Saga‹, ›Das wan­deln­de Schloss‹, erschien bereits der zwei­te Band der Rei­he: ›Der Palast im Him­mel‹.

Auf den ers­ten Blick schei­nen die bei­den Roma­ne die Geschich­ten von voll­kom­men unter­schied­li­chen Per­so­nen zu erzäh­len. Abdul­lah ist ein Tag­träu­mer. Wäh­rend er sich durch den Ver­kauf wert­vol­ler und nicht so wert­vol­ler Tep­pi­che über Was­ser hält, ver­bringt er all sei­ne Frei­zeit damit, sich sein Leben so aus­zu­ma­len, wie es sein könn­te. Was wäre, wenn Abdul­lah in Wahr­heit ein Prinz wäre, der noch als Baby ent­führt wor­den ist? 

So ver­bringt der jun­ge, attrak­ti­ve Mann sei­ne Tage, bis plötz­lich ein Frem­der in sei­nem Laden steht. Er will ihm in höchs­ter Not, wie er sagt, einen magi­schen, flie­gen­den Tep­pich ver­kau­fen. Und so neh­men die selt­sa­men Bege­ben­hei­ten ihren Anfang, die Abdul­lah dem Palast im Him­mel immer näher brin­gen sollen. 

»Unglück­li­cher­wei­se – und auch dar­in waren sich alle einig – hat­te Abdul­lah den Cha­rak­ter von sei­ner Mut­ter geerbt, der zwei­ten Frau sei­nes Vaters. Sie war eine träu­me­ri­sche und ängst­li­che Frau gewe­sen und für alle eine gro­ße Enttäuschung.«

Beim Lesen stellt sich lan­ge die Fra­ge, war­um die­ser Band als Teil 2 der ›Howl-Saga‹ bezeich­net wird. Bekann­te Namen und Gesich­ter las­sen lan­ge auf sich war­ten –, zumin­dest auf den ers­ten Blick. Denn wer ›Das wan­deln­de Schloss‹ gele­sen hat, weiß Jones’ Fähig­kei­ten, das Gesuch­te oder Ver­miss­te direkt vor der eige­nen Nase zu ver­ste­cken, zu schätzen. 

»Der Tep­pich gehorch­te, indem er sich wie eine Schlan­ge über die hohen Mau­ern wand. Danach glitt er über die Haus­dä­cher wie eine Flun­der über den Mee­res­bo­den. Abdul­lah, der Sol­dat und auch die Kat­zen blick­ten stau­nend nach unten.«

Der Palast im Him­mel‹ lebt von Fan­ta­sie und Magie. Lie­bens­wer­te, leicht schrä­ge und in jedem Fall beson­de­re Cha­rak­te­re stel­len sich einem Aben­teu­er, das aus Träu­men gebaut sein könn­te. Ein flie­gen­der Tep­pich mit einer Schwä­che für Schmei­che­lei­en, ein Sol­dat mit einer Vor­lie­be für Kat­zen und ein Dschinn, der bereit ist, alles zu tun, um sein Leben zurückzuerlangen. 

Fazit zu ›Der Palast im Himmel

Der zwei­te Band, ›Der Palast im Him­mel‹, kommt zwar nicht ganz an den ers­ten Teil her­an, ist jedoch eines der Bücher, das man auf jeden Fall zwei­mal lesen soll­te. Das ers­te Mal, um das Aben­teu­er Abdul­lahs zu erle­ben, das zwei­te Mal, um das Wie­der­se­hen mit den Cha­rak­te­ren aus ›Das wan­deln­de Schloss‹ in vol­len Zügen genie­ßen zu können.

Buchinfo

Dia­na Wyn­ne Jones:
Der Palast im Him­mel

Die Howl-Saga, Band 2
Über­setzt von Doro­thee Haent­jes-Hol­län­der
Droemer Knaur, Mün­chen 2020
272 S., EUR (D) 12,99 inkl. MwSt.
Roman, Paper­back
ISBN 978−3−426−52539−5

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Ragnar Jónasson: Dunkel [Rezension]

Das letzte Aufbäumen einer abgeschriebenen Kommissarin. 

Seit Jahr­zehn­ten arbei­tet Hul­da Her­manns­dót­tir in ›Dun­kel‹ für die Poli­zei. Doch obwohl sie bes­ser ist als die meis­ten ihrer Kol­le­gen, ist sie nie über den Rang einer Kom­mis­sa­rin hin­aus­ge­kom­men. Wäh­rend Kol­le­gen, die weit weni­ger gründ­lich und sorg­sam arbei­te­ten, auf der Kar­rie­re­lei­ter an ihr vor­bei­zo­gen. Doch die­se hat­ten eines gemein­sam, dass Hul­da nie sein wür­de, sie waren Männer. 

Wie vie­le in ihrem Beruf erfüllt Hul­da der Gedan­ke an ihre Pen­si­on mit Unbe­ha­gen. Doch als ihr Chef ihr eines Mor­gens mit­teilt, dass sie nicht erst zum Ende des Jah­res in Pen­si­on gehen soll, son­dern in zwei Wochen, erwischt es Hul­da eis­kalt. Man bräuch­te ihr Büro. Man habe die Chan­ce, einen viel­ver­spre­chen­den Auf­stei­ger anzu­stel­len. Ihre Fäl­le sei­en bereits an die Kol­le­gen ver­teilt wor­den. Doch so ein­fach lässt sich die 64-jäh­ri­ge Kom­mis­sa­rin nicht in den Ruhe­stand schicken.

Für ihre letz­ten zwei Wochen darf Hul­da in ›Dun­kelCold Cases bear­bei­ten, auf die sie Lust hat. Und bald fin­det sie sich in einem Fall, der nicht nur jede Men­ge Feh­ler auf­weist, son­dern sie an ihre Gren­zen brin­gen wird.

»Man hat­te die Lei­che der jun­gen Frau an einem dunk­len Win­ter­mor­gen in einer fel­si­gen Bucht am Vatns­ley­sus­trönd gefun­den, einem dünn besie­del­ten Küs­ten­strei­fen im Nor­den der Halb­in­sel Reykja­nes etwa drei­ßig Kilo­me­ter süd­lich von Reykjavík.«

Hul­da hat sich bei der Poli­zei stets aus­ge­schlos­sen und auf sich allein gestellt gefühlt. Am Ende nun so grob und plötz­lich in den Ruhe­stand beför­dert zu wer­den, macht das nicht bes­ser. Viel­leicht fühlt sich die Kom­mis­sa­rin sich des­we­gen der toten jun­gen Frau schnell ver­bun­den: Wenn Hul­da nicht den Fall wie­der für sie auf­greift, wird es nie­mand tun. Ihre Kol­le­gen und auch die Öffent­lich­keit haben mit ihrem Fall bereits abge­schlos­sen, genau­so wie mit Hulda.

»Sie ver­miss­te ihr altes Leben, die gute alte Zeit, und obwohl sie mit Pétur einen neu­en Freund gefun­den hat­te, fühl­te sie sich allein auf die­ser Welt. Nie hat­te sie das stär­ker emp­fun­den als in die­sem Augenblick.«

Die ›Hul­da‹-Tri­lo­gie weist ein Merk­mal auf, das sie stark von ande­ren Tri­lo­gien unter­schei­det: Hul­das Geschich­te wird nicht chro­no­lo­gisch, son­dern achro­no­lo­gisch erzählt. In ›Dun­kel‹ erle­ben wir Hul­da in ihrem letz­ten Fall, bevor der Ruhe­stand ihre Kar­rie­re been­den soll. In den Fol­ge­bän­den ›Insel‹ und ›Nebel‹ hin­ge­gen erle­ben wir sie auf der Höhe ihrer Kar­rie­re in ihren pro­mi­nen­tes­ten Fällen.

Bereits der ers­te Band ›Dun­kel‹ macht deut­lich, dass Hul­da mehr ist als eine Kom­mis­sa­rin. Was sie vor ihrem Freund Pétur ver­birgt, weiß auch nie­mand sonst auf die­ser Welt. Nach und nach erzählt sie ihm von ihrer Kind­heit, ihrem schwie­ri­gen Ver­hält­nis zu ihrer Mut­ter und dem Tag, an dem sie ihre gan­ze Fami­lie verlor.

»Aber hier war sie nun, allein mit ihrem Kind, und konn­te nachts vor Sor­ge um die Zukunft kaum schlafen.«

Fazit zu ›Dunkel

Obwohl Hul­da kein strah­len­der Son­nen­schein ist, ist sie sym­pa­thisch, auf ihre eige­ne, in die Jah­re gekom­me­ne Art, die sich selbst treu bleibt. Die Atmo­sphä­re, die Jónas­son in ›Dun­kel‹ ver­dich­tet, ist auf jeder Sei­te spür­bar. Hul­das Island ist düs­ter, schön und geheimnisvoll. 

Auch das Ende des ers­ten Ban­des der Tri­lo­gie kann über­ra­schen, ob auf eine gute oder schlech­te Wei­se wird wohl jeder Leser und jede Lese­rin für sich selbst ent­schei­den müs­sen. Doch einst ist ›Dun­kel‹ auf jeden Fall: span­nend, auf eine düs­te­re, unauf­dring­li­che und ruhi­ge Art.

Buchinfo

Rag­nar Jónas­son:
Dun­kel

Die HUL­DA-Tri­lo­gie, Band 1
Thril­ler
Über­setzt von: Kris­ti­an Lut­ze
btb, Mün­chen 2020
384 S., EUR (D) 15,- inkl. MwSt.
Paper­back
ISBN 978−3−442−75860−9

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Bewer­tung: 4 von 5.


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