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Laetitia Colombani: Der Zopf [Rezension]

Laetitia Colombani: Der Zopf [Rezension]

Drei Frauen, drei Kämpfe, ein Zopf. 

Für man­che Frau­en ist ihr Haar das wert­volls­te, das sie besit­zen. Für ande­re sind es in ›Der Zopf‹ die Tra­di­tio­nen des seit Genera­tio­nen bestehen­den Fami­li­en­be­triebs oder die eige­ne sprung­haf­te Karriere. 

Doch was pas­siert, wenn der Mensch im Begriff ist, sein Wert­volls­tes zu ver­lie­ren? Wenn es ihm genom­men wird und er es nicht hal­ten kann oder nur durch gro­ße Ver­än­de­run­gen? Und was, wenn er sogar frei­wil­lig bereit ist, es aufzugeben?

Smi­ta aus Bad­la­pur in Indi­en, Giu­lia aus Paler­mo in Sizi­li­en und Sarah aus Mont­re­al in Kana­da haben auf den ers­ten Blick wenig mit­ein­an­der gemein­sam. Smi­ta arbei­tet als Unbe­rühr­ba­re, wird gemie­den und lebt mit ihrer Fami­lie außer­halb der Gesell­schaft. Durch eisern erspar­tes Geld woll­ten sie und ihr Mann ihrer Toch­ter den Besuch einer Schu­le und somit ein bes­se­res Leben ermög­li­chen. Doch Smi­t­as Beruf wird von Genera­ti­on zu Genera­ti­on wei­ter­ge­ge­ben. Und das sozia­le Stig­ma und die damit ver­bun­de­nen Hür­den wol­len ihre Toch­ter nicht loslassen.

»Mit gesenk­tem Blick, das Gesicht hin­ter einem Tuch ver­bor­gen, hält sie sich am Stra­ßen­rand. In man­chen Dör­fern müs­sen sich Dalits eine Raben­fe­der anste­cken, damit man sie erkennt. In ande­ren ver­langt man, dass sie bar­fuß laufen.«

Giu­li­as Leben ist weit von Smi­t­as ent­fernt. Die jun­ge Frau ist bele­sen, gebil­det und nicht auf den Mund gefal­len. Sie liebt die Arbeit in der Fabrik ihres Vaters, die ihr längst ins Blut über­ge­gan­gen ist. Doch nach einem Unfall ihres Vaters steht nicht nur sein Leben auf dem Spiel, son­dern auch die Zukunft sei­ner Fami­lie und der Fabrik. 

»Seit fast einem Jahr­hun­dert lebt ihre Fami­lie von der Cas­ca­tu­ra, einem alten sizi­lia­ni­schen Brauch, der dar­in besteht, Haa­re, die aus­fal­len oder abge­schnit­ten wer­den, zu sam­meln, um spä­ter Tou­pets oder Perü­cken dar­aus zu machen. Giu­li­as Urgroß­va­ter grün­de­te die Lan­fre­di-Werk­statt im Jahr 1926, heu­te ist das Unter­neh­men eines der letz­ten sei­ner Art in Palermo.«

Sarahs Leben und Arbeit glei­chen weder Smi­t­as noch Giu­li­as. Sie ist eine Kar­rie­re­frau, hat es auch eige­ner Kraft in Rekord­zeit nach oben geschafft. Sie lebt für ihre Arbeit und hat ihr gesam­tes Leben danach aus­ge­rich­tet, in der Arbeit die bes­ten Leis­tun­gen brin­gen zu kön­nen. Sarah und ihre Fami­lie sind dabei für ihre Kol­le­gen kaum sicht­bar gewe­sen. Doch ein Besuch beim Arzt und eine Dia­gno­se ändern alles. Doch mehr noch als die Krank­heit selbst sind es ihre Kol­le­gen, die Sarah aus der Bahn werfen.

»Sarah kann­te ehr­gei­zi­ge Män­ner die­ses Schlags zur Genü­ge, Män­ner, die Frau­en hass­ten, weil sie sich von ihnen bedroht fühl­ten, sie umgab sich mit ihnen, aller­dings ohne gestei­ger­ten Wert dar­auf zu legen. Sie bahn­te sich ihren Weg und ließ sie am Stra­ßen­rand zurück.«

So unter­schied­lich die Geschich­ten der drei Frau­en in ›Der Zopf‹ auch sein mögen, haben sie doch vor allem eines gemein­sam: Sie haben sich nicht unter­krie­gen las­sen und gekämpft. Smi­ta für ihre Toch­ter, Giu­lia für die Fabrik der Fami­lie, Sarah für eine gerech­te­re Zukunftsaussicht. 

Colom­ba­ni gelingt es in ›Der Zopf‹, die Per­sön­lich­kei­ten der drei Frau­en bereits nach weni­gen Sei­ten zum Leben zu erwe­cken. In ihrer Beson­der­heit, in ihren Stär­ken und Schwä­chen, in ihren schwe­ren und star­ken Augen­bli­cken. Sie alle ver­su­chen, sich von den Gren­zen und Regeln der ihnen bekann­ten Welt und Gesell­schaft nicht nie­der­rin­gen zu las­sen. Sie for­dern einen Platz für sich und ihre Liebs­ten und sind bereit, sich den Hür­den zu stellen. 

Fazit zu ›Der Zopf

Drei Leben sind es, die Colom­ba­ni in ihrem Roman ›Der Zopf‹ mit­ein­an­der ver­bin­det. Auf eine Art, die nicht ein­mal die drei Prot­ago­nis­tin­nen so zu sehen bekom­men, wie es Colom­ba­ni ihren Lesern und Lese­rin­nen ermög­licht. ›Der Zopf‹ ist einer jener Roma­ne, über die man sich span­nend mit ande­ren aus­tau­schen kann. Auf Colom­ba­nis 2020 erschie­ne­nen Roman ›Das Haus der Frau­en‹ darf mit Span­nung geblickt werden.

Buchinfo

Lae­ti­tia Colom­ba­ni:
Der Zopf

Roman
Über­setzt von: Clau­dia Mar­quardt
Fischer Ver­lag, Frank­furt a. M. 2018
286 S., EUR (D) 20,- inkl. MwSt.
gebun­den mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−10−397351−8

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Leigh Bardugo: Das Gold der Krähen [Rezension]

Wenn verratene Krähen sich rächen. 

Die Figu­ren in ›Das Gold der Krä­hen‹ könn­ten unter­schied­li­cher kaum sein: Kaz, Jesper, Wyl­an, Mat­thi­as, Inej und Nina. Die sechs­köp­fi­ge Trup­pe, der es im ers­ten Band der Glo­ry or Gra­ve‹-Dilo­gie, ›Das Lied der Krä­hen‹, gelang, in das Eis­tri­bu­nal ein­zu­bre­chen und eine Gri­sha zu befrei­en. Zuge­ge­ben: Sie haben nicht genau die Per­son befreit, die ihr Auf­trag vor­ge­se­hen hat, aber des­we­gen ist sie kaum weni­ger wert. 

Das Gold der Krä­hen‹ schließt rela­tiv naht­los an die Ereig­nis­se des ers­ten Ban­des an und treibt die Geschich­te in gro­ßen, span­nungs­ge­la­de­nen Schrit­ten dem Fina­le entgegen. 

Für Kaz’ Trup­pe geht es mitt­ler­wei­le um mehr als einen Auf­trag mit­samt sei­ner Beloh­nung: Es geht um ihr Leben und das ihrer Nächs­ten; um die Hoff­nung, ihre Zukunft frei wäh­len zu dür­fen, und um Rache.

»Sei­ne gan­ze Auf­merk­sam­keit galt dem Mann, der an der öst­li­chen Mau­er stand und zu den bun­ten Glas­fens­tern hin­auf­blick­te, einen zer­knit­ter­ten Hut in den Hän­den. Gewis­sens­bis­se durch­zuck­ten Jesper, als er merk­te, dass sein Vater sei­nen bes­ten Anzug trug und sich das rote Haar der Kae­lisch sorg­sam aus der Stirn gekämmt hat­te. Es war von grau­en Sträh­nen durch­zo­gen, die noch nicht da gewe­sen waren, als Jesper sein Zuhau­se ver­las­sen hatte.«

Es ist unglaub­lich fes­selnd zu sehen, wie sich aus den sechs unter­schied­li­chen Mit­glie­dern des Ein­bruch-Trupps Freund­schaf­ten ent­wi­ckeln. In all ihrer Unter­schied­lich­keit, obwohl sie die Lebens­wei­se des Bar­rels ver­in­ner­licht haben und obwohl jeder Ein­zel­ne an sei­ne Gren­zen getrie­ben wird. Dabei bleibt Bar­d­u­go ihren Cha­rak­te­ren treu. Die Gano­ven des Bar­rels ent­wi­ckeln sich nicht plötz­lich zu hel­den­haf­ten Sau­ber­män­nern, die nur von dem Drang, Gutes zu tun, ange­trie­ben werden.

Sie blei­ben geris­sen, ver­schla­gen und ihre Spiel­chen trei­bend, bis zuletzt. Doch Bar­d­u­gos Cha­rak­te­re wären nicht so wahn­sin­nig span­nend, wenn sie nur das wären. Unter all den Über­le­bens­in­stink­ten haben Kaz und sei­ne Trup­pe Zie­le, die sie antrei­ben. Sie geben sich Chan­cen und geben sich bis zuletzt gegen­sei­tig nicht auf. Ein tol­les Team!

»Lie­ber schreck­li­che Wahr­hei­ten als freund­li­che Lügen. Kaz hat­te ihr nie­mals Glück ange­bo­ten, und sie trau­te den Män­nern nicht, die es ihr jetzt auf­tisch­ten. Ihr Lei­den war nicht umsonst gewesen.«

Obwohl ›Das Gold der Krä­hen‹ nicht ins ver­trau­te Rav­ka zurück­kehrt, feh­len bekann­te Gesich­ter in die­sem Band nicht. Immer­hin war Nina frü­her ein­mal ein Mit­glied der Zwei­ten Armee, bevor sie von den Drüs­kel­le gefan­gen genom­men wurde. 

Fazit zu ›Das Gold der Krähen

Span­nend, vol­ler Über­ra­schun­gen und Team­geist. So schreibt Bar­d­u­go ein wei­te­res Stück der Geschich­te der Gri­scha, in einem Land, indem sie kei­nen Schutz genie­ßen. Ich hof­fe sehr, dass auch nach der Dilo­gie noch von Kaz und sei­ner Trup­pe zu lesen sein wird.

Buchinfo

Leigh Bar­d­u­go:
Das Gold der Krä­hen

Glo­ry or Gra­ve
Band 2
Über­setzt von: Michel­le Gyo
Knaur HC, Mün­chen 2018
592 S., EUR (D) 16,99 inkl. MwSt.
Roman, Paper­back
ISBN 978−3−426−44380−4

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Leigh Bardugo: Die Sprache der Dornen [Rezension]

Die Magie des Märchenerzählens. 

Ob Hexen, Bes­ti­en oder Meer­jung­frau­en: Auch die Mär­chen in ›Die Spra­che der Dor­nen‹ ken­nen die­se Geschöp­fe, die aus den Mär­chen der Kind­heit ver­traut aufblicken. 

Doch wer Leigh Bar­d­u­gos Roma­ne über ›Die Legen­den der Gri­sha‹, die Dilo­gien ›Glo­ry or Gra­ve‹ oder ›Thron aus Gold und Asche‹ kennt, ahnt, was sich hin­ter den Hexen und Magi­ern die­ses Buches ver­ber­gen könn­te. Doch auch ohne sie zu ken­nen – den sechs ver­schie­de­nen Mit­ter­nachts­ge­schich­ten haf­tet etwas so uner­klär­lich Magi­sches an, dass man stau­nen kann. Obwohl die Geschich­ten vol­ler Magie und unheim­li­cher Figu­ren sind, sind sie zugleich vol­ler Mensch­lich­keit und mensch­li­cher Abgründe. 

Wun­der­schö­ne Illus­tra­tio­nen schmü­cken nicht nur den Sei­ten­rand aller Geschich­ten. Am Ende jeder Erzäh­lung erwar­tet den Leser oder die Lese­rin eine dop­pel­sei­ti­ge Illus­tra­ti­on, die die Atmo­sphä­re der Geschich­ten per­fekt ein­zu­fan­gen weiß. 

Und wäh­rend in man­chen Geschich­ten unauf­fäl­lig Gestal­ten war­ten, die man aus Leigh Bar­d­u­gos Geschich­ten kennt, sind die Anspie­lun­gen an und Fort­füh­run­gen von klas­si­schen Erzäh­lun­gen und Mär­chen vielfältig. 

»In dem Jahr, in dem der Som­mer zu lan­ge blieb, lag die Hit­ze schwer wie ein Leich­nam auf der Prä­rie. Das hohe Gras ver­brann­te unter der unbarm­her­zi­gen Son­ne, und die Tie­re fie­len tot auf den aus­ge­dörr­ten Fel­dern um. In die­sem Jahr waren nur die Flie­gen glück­lich, und Sor­gen kamen über die Köni­gin des west­li­chen Tales.«

Bar­d­u­gos Mit­ter­nachts­ge­schich­ten in ›Die Spra­che der Dor­nen‹ sind ver­mut­lich nicht nur für Gri­sha-Fans ein Genuss. Wer eine Schwä­che für Erzäh­lun­gen mit mär­chen­haf­ten Ele­men­ten hat, kann ihren getrost eine Chan­ce geben. Die Spra­che der Autorin ist düs­ter und stim­mungs­voll. Ihre Figu­ren sind oft eben­so wun­der­schön wie abscheu­lich, wäh­rend die Prin­zes­sin­nen ihrer Geschich­ten sicher­lich nicht nur dar­auf war­ten, dass ein Prinz in glän­zen­der Rüs­tung sie rettet.

»Nie­mand in der Stadt konn­te bestrei­ten, dass Kimas Eltern geseg­net wor­den waren mit ihrer Geburt, denn sie war gewiss dazu bestimmt, einen rei­chen Mann zu hei­ra­ten – viel­leicht sogar einen Prin­zen – und ihnen so Glück zu brin­gen. Doch dann, kaum ein Jahr spä­ter, kam ihre zwei­te Toch­ter auf die Welt, und die Göt­ter lachten.«

Fazit zu ›Die Sprache der Dornen

Bar­d­u­gos Geschich­ten blei­ben im Gedächt­nis. Ihre Prot­ago­nis­ten und Prot­ago­nis­tin­nen sind las­sen sich nicht unter­krie­gen, ganz gleich, ob sie für oder gegen Fami­lie, Freun­de oder sich selbst kämp­fen. Wer also noch eine Geschich­te für Mit­ter­nacht braucht, könn­te hier fün­dig werden.

Buchinfo

Leigh Bar­d­u­go:
Die Spra­che der Dor­nen
Mit­ter­nachts­ge­schich­ten
Über­setzt von: Michel­le Gyo
Knaur, Mün­chen 2018
288 S., EUR (D) 16,- inkl. MwSt.
Gebun­den
ISBN 978−3−426−22679−7

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Tomi Adeyemi: Children of Blood and Bone – Goldener Zorn [Rezension]

Die Schrecken von Mensch und Magie. 

Die Zeit, in der die Macht der Maji die Welt beherrsch­te, ist in ›Gol­de­ner Zorn‹ vor­über. Und mit ihr ist die Magie ver­schwun­den. Doch obwohl die Gefahr durch den Miss­brauch von Magie gebannt ist, müs­sen all jene ster­ben, die in der Lage waren, sie auszuführen. 

Wäh­rend mit der Magie die Maji ver­schwin­den, ver­lie­ren vie­le Freun­de, Geschwis­ter, Eltern. Nur wer zu jung ist, um Magie ein­ge­setzt zu haben, darf überleben. 

Doch das Leben jener, die durch das wei­ße Haar noch immer davon zeu­gen, dass es die Maji ein­mal gege­ben hat, ist hart: Sie wer­den grund­los ernied­rigt, gequält oder getö­tet. Wer ihnen hilft, muss mit Pro­ble­men rechnen. 

Doch der Geist der Divî­nés, die in der Zeit der Magie zu Majis gewor­den wären, ist nicht erlo­schen. Im Gehei­men trai­nie­ren eini­ge von ihnen. Dür­fen sie auch kei­ne Waf­fen tra­gen, schu­len sie den­noch ihre Fähig­kei­ten, als spür­ten sie, dass der Tag kom­men wür­de. Und der Tag kommt.

»Die Göt­ter haben bereits ein­ge­grif­fen. Nach so lan­ger Zeit schen­ken sie uns unse­re Gaben erneut. Ihr müsst dar­auf ver­trau­en, dass sie nicht mit dem Schick­sal der Maji spie­len würden.«

Zélie war noch ein Kind, als ihre Mut­ter vor ihren Augen ver­schleppt wur­de. Als sie sie das nächs­te Mal sieht, ist sie bereits tot. Der Geist des Vaters gebro­chen. Der Bru­der selbst noch ein Kind. Und Zélie weiß, dass ihre Mut­ter noch leben wür­de, wenn man ihr zuvor nicht die Magie genom­men hätte.

Doch jetzt, nach vie­len Jah­ren, geschieht etwas, das die Welt wie­der ver­än­dern könn­te: Ist es mög­lich, die Magie zurückzubringen? 

Zélie hofft es, denn so kann es für die Divî­nés nicht wei­ter­ge­hen. Fern ab von dem Dorf, in dem sie auf­wuchs, will sie die­se Hoff­nung wahr machen – und das nicht allein. Doch wäh­rend sie Hil­fe von uner­war­te­ten Ver­bün­de­ten erhält, wächst die Zahl ihrer Fein­de schnell. In einem Land, das von Raub­tie­ren bevöl­kert ist, in dem die Toten von ihren Trau­ma­ta im Dies­seits gehal­ten wer­den und das Leben einer Divî­né nichts wert ist.

»Töte das Mäd­chen.
Ver­nich­te die Magie.
Das ist mein ein­zi­ger Plan.«

Adey­e­mis Figu­ren in ›Gol­de­ner Zorn‹ haben vor allem eines: Mut. Sie las­sen alles hin­ter sich, was sie gekannt haben. Obwohl sie sich noch an die Grau­en der Blut­nacht, die Zélies Mut­ter das Leben gekos­tet hat, erin­nern. Die Regeln die­ser Welt sind grau­sam für jene wie Zélie, die mit wei­ßen Haa­ren gebo­ren sind. Leben ist kaum mehr als Über­le­ben – und auch das nur, falls sie Glück haben.

Doch trotz der Schre­cken, die sie erlebt haben, sprü­hen Adey­e­mis Figu­ren in ›Gol­de­ner Zorn‹ vor Ener­gie. Sie sind nicht auf den Mund gefal­len, kön­nen ihr Tem­pe­ra­ment nicht immer zügeln und hal­ten an den Din­gen fest, an die sie glauben.

Fazit zu ›Goldener Zorn‹

Gol­de­ner Zorn‹ ist ein star­ker Anfang einer Rei­he, der ledig­lich etwas ver­liert, da die klei­nen Span­nungs­bö­gen oft­mals zu früh auf­ge­löst wer­den. Doch wer will schon über man­che der klei­nen Span­nungs­bö­gen kla­gen, wenn der Haupt­span­nungs­bo­gen so über­zeu­gen kann? Der zwei­te Teil ›Child­ren of Vir­tue and Ven­ge­an­ce‹ ver­spricht span­nend zu werden.

Buchinfo

Tomi Adey­e­mi:
Child­ren of Blood and Bone

Band 1
Gol­de­ner Zorn
Über­setzt von: Andrea Fischer
FISCHER FJB, Frank­furt a. M. 2018
624 S., EUR (D) 18,99 inkl. MwSt.
Roman, Hard­co­ver
ISBN 978−3−8414−4029−7

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Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich [Rezension]

Eine Fabrik, ein Wolf und andere Rätsel. 

Eine jun­ge Frau nimmt ›Hier ist noch alles mög­lich‹ einen Job in einer Ver­pa­ckungs­fa­brik an und zieht dafür in einen Raum auf dem Fabrik­ge­län­de. Wäh­rend die Tage der Fabrik bereits gezählt sind und das Gebäu­de immer ver­las­sen­der wird, ver­brei­tet sich ein Gerücht: Ein Wolf wur­de auf dem Gelän­de gesehen. 

Die jun­ge Frau, die für die Sicher­heit der Fabrik zustän­dig ist, ver­bringt Nacht für Nacht damit, auf den Moni­to­ren nach dem Tier Aus­schau zu hal­ten. Doch so sehr sie auch eine Spur des Wol­fes fin­den will, hält die­ser sich auf dem Bereich der Kame­ras fern. Nur eine Per­son in der Fabrik scheint den Wolf bis­lang über­haupt zu Gesicht bekom­men zu haben.

Doch obwohl die Fabrik bereits vor ihrer Schlie­ßung steht, will der Lei­ter kei­nen Zwi­schen­fall ris­kie­ren. Gru­ben wer­den auf dem Gelän­de aus­ge­ho­ben, die das Tier fan­gen sollen. 

»Der Wolf kam aus den Ber­gen, und mit ihm kamen ande­re Wöl­fe, kamen ins Flach­land. Dran­gen in Gebie­te vor, in denen man sie nie zuvor gese­hen hat­te.
Sie trieb der Hun­ger, das Wis­sen um Wel­pen, das Wis­sen um den Hun­ger der Welpen.«

Und obwohl der Gedan­ke an den Wolf die jun­ge Frau nicht mehr los­lässt, ist sei­ne Geschich­te nicht die ein­zi­ge, die man sich auf dem Fabrik­ge­län­de erzählt. 

Auch der M. d. v. H. f. – der Mann, der vom Him­mel fiel, – erhält einen Ein­trag im Uni­ver­sal-Gene­ral-Lexi­kon der jun­gen Frau. Nicht nur die Gerüch­te und Geschich­te um das Fabrik­ge­län­de sind beson­ders, eben­so der Blick der jun­gen Frau auf die Welt und ihre Art, die Din­ge zu ordnen.

»Es gibt eine Insel, auf der vor vie­len Jahr­hun­der­ten ein Hahn zum Tode ver­ur­teilt wur­de. Sein Ver­bre­chen bestand im Leben eines Eis. Das war gegen die Natur und dar­um gesetzeswidrig.«

Eine Fabrik, ein Wolf und eine jun­ge Frau: Aus die­sen Zuta­ten lässt Moli­na­ri in ›Hier ist noch alles mög­lich‹ eine Geschich­te ent­ste­hen, die von der ers­ten bis zur letz­ten Sei­te etwas Beson­de­res ist. 

Fazit zu ›Hier ist noch alles möglich

Die Angst vor dem Frem­den und Unbe­kann­ten, die Gefah­ren, die es mit sich brin­gen könn­te, auch wenn sie nur eine dunk­le Ahnung sind, durch Ver­mu­tun­gen geschürt. ›Hier ist noch alles mög­lich‹ ist eine Art Blau­pau­se, vor deren Hin­ter­grund The­men auf­schei­nen, weit näher als die Hal­len einer bald still­ge­leg­ten Fabrik. Moli­na­ris Debüt­ro­man ›Hier ist noch alles mög­lich‹ ist ori­gi­nell und regt viel­sei­tig zum Nach­den­ken an – wenn man bereit ist, sich auf den beson­de­ren Schreib­stil einzulassen.

Buchinfo

Gian­na Moli­na­ri:
Hier ist noch alles mög­lich

Roman
Auf­bau Ver­lag, Ber­lin 2018
192 S., EUR (D) 18,- inkl. MwSt.
Gebun­den mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−351−03739−0

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Genki Kawamura: Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden [Rezension]

Katzen, der Teufel und die Erinnerung. 

Ein Mann, der sich eigent­lich noch viel zu jung glaubt, um sich mit sol­chen The­men zu beschäf­ti­gen, erfährt in ›Wenn alle Kat­zen von der Welt ver­schwän­den‹, dass er ster­ben muss. In weni­gen Tagen. Doch noch ehe er dazu kommt, dar­an zu ver­zwei­feln, erscheint ihm der Teu­fel. Und macht ihm ein Ange­bot, das er kaum abschla­gen kann. 

Für jede Sache, die er bereit ist, von der Welt ver­schwin­den zu las­sen, darf er einen Tag län­ger leben. Doch unter die­sen Sachen stellt sich der Teu­fel kei­nes­wegs Din­ge vor wie ein­zel­ne Socken, Papier­müll oder aus­ge­lei­er­te Haar­gum­mis. Son­dern um Sachen wie bei­spiels­wei­se Scho­ko­la­de, Tele­fo­ne, Fil­me oder Uhren.

Doch mit jeder Sache, die der Icher­zäh­ler in ›Wenn alle Kat­zen von der Welt ver­schwän­den‹ bereit ist, von die­ser Welt ver­schwin­den zu las­sen, muss die­ser sich nicht nur damit aus­ein­an­der­set­zen, wie die Welt ohne die­se Sache aus­sä­he. Son­dern, wel­che Bedeu­tung sie in sei­nem Leben bis­her gehabt hat. An die Per­so­nen, die er damit verbindet.

»[…] den­noch hat­te ich das Gefühl, dass mir noch eini­ges zu tun blieb. Auf­ga­ben, die nur ich auf die­ser Welt erfül­len konn­te. Die muss­te es doch geben.«

Ob der Teu­fel im Hawaii­hemd dem Icher­zäh­ler in ›Wenn alle Kat­zen von der Welt ver­schwän­den‹ nun wirk­lich begeg­net oder eine Aus­ge­burt sei­ner fort­schrei­ten­den Erkran­kung ist, bleibt unbe­dacht. Denn die Din­ge, die der bald Ster­ben­de an sei­nen erkauf­ten Tagen tun will, sind nicht die, die er schon immer mal tun woll­te. Kei­ne Extre­me wie Sprün­ge aus einem Flug­zeug oder den Mount Ever­est bestei­gen. Es sind jede, die er schon längst hät­te tun wol­len oder sollen.

Mit einer bedrü­cken­den Leich­tig­keit, die an vie­len Stel­len weh­tun kann, führt Kawa­mu­ra in ›Wenn alle Kat­zen von der Welt ver­schwän­den‹ durch die letz­ten Tage des Icher­zäh­lers. In ein Gedan­ken­cha­os, in dem sich täg­lich die Fra­ge stellt, was man bereit wäre, auf­zu­ge­ben, um noch etwas län­ger an sich selbst fest­hal­ten zu können. 

»War­um erwar­ten wir immer von ande­ren, was wir selbst nicht kön­nen? War­um ver­lang­te ich das von ihr? War­um woll­te ich, dass sie erschrak und weinte?«

Gen­ki Kawa­mu­ra gelingt es, in sei­nem Roman ›Wenn alle Kat­zen von der Welt ver­schwän­den‹ die Schwe­re des eige­nen Todes und jener, die man liebt, mit The­men zu ver­we­ben, die im All­tag als selbst­ver­ständ­lich erschei­nen. Wie wäre es, wenn all­täg­li­che Din­ge, wie Tele­fo­ne, Uhren oder Kat­zen nicht mehr da wären? Wie wäre das eige­ne Leben dann ver­lau­fen? Was für Momen­te wur­den dadurch ermög­licht, die das Leben ausmachen? 

Fazit zu ›Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden

Beglei­tet von der Fra­ge, wo die Gren­ze liegt. Wann wäre man bereit, Din­ge, die auf den ers­ten Blick viel­leicht neben­säch­lich erschei­nen, nicht mehr gegen das eige­ne Wei­ter­le­ben ein­zu­tau­schen? Eine Rei­se in die letz­ten Lebens­ta­ge eines Ster­ben­den, die trotz oder viel­leicht auch wegen ihrer All­tags­mo­ti­vik berührt. Ein Buch zum Nachdenken.

Buchinfo

Gen­ki Kawa­mu­ra:
Wenn alle Kat­zen von der Welt ver­schwän­den

Roman
Über­setzt von: Ursu­la Grä­fe
C. Ber­tels­mann, Mün­chen 2018
192 S., EUR (D) 18,50 inkl. MwSt.
Hard­co­ver mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−570−10335−7

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