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Bram Stoker: Dracula [Rezension]

Bram Stoker: Dracula [Rezension]

Als das Böse nach London kam. 

Der Graf, den Jona­than Har­ker in ›Dra­cu­la‹ in Trans­sil­va­ni­en ken­nen­lernt, ist höf­lich, gebil­det und wiss­be­gie­rig. Beson­ders, wenn es Eng­land betrifft – das Land, in dem der alte Mann in naher Zukunft woh­nen will. 

Doch bereits nach kur­zer Zeit merkt Jona­than, dass im Schloss des Gra­fen etwas selt­sam ist. Kei­ne ande­re Men­schen­see­le begeg­net ihm, vie­le Türen sind ver­schlos­sen und der Graf begeg­net ihm nur bei Nacht. 

Und je län­ger er beim Gra­fen bleibt, um mit ihm alle recht­li­chen Fra­gen bezüg­lich sei­nes Umzu­ges nach Eng­land zu klä­ren, ist er sich siche­rer, dass es sich dabei nicht um Zufäl­le han­deln kann.

Doch als Jona­than die Furcht beschleicht, er könn­te ihn an sei­ner Heim­rei­se hin­dern wol­len, kann er nicht mehr ruhig blei­ben. Er durch­sucht das Schloss, soweit er kommt, und über­tritt damit eine der Regeln des Gra­fen. Zum ers­ten Mal begeg­net er im Schloss jemand ande­rem als den Gra­fen, doch die­ses Tref­fen bringt alles ande­re als Erleichterung.

»Mit der schma­len Adler­na­se und den eigen­tüm­lich gebo­ge­nen Nasen­flü­geln, der hoch­ge­wölb­ten Stirn und dem an den Schlä­fen spär­li­chen, sonst recht üppi­gen Haar hat­te er etwas von einem Raub­vo­gel. Sei­ne mäch­ti­gen, buschig gekräu­sel­ten Augen­brau­en stie­ßen über der Nasen­wur­zel fast zusam­men. Der Mund, soweit ich ihn unter dem Schnurr­bart sehen konn­te, wirk­te ziem­lich hart und grausam.«

Und wäh­rend Jona­than nach Trans­sil­va­ni­en ver­reist ist, muss sich sei­ne Ver­lob­te Mina mit ganz ande­ren Din­gen aus­ein­an­der­set­zen. Die schö­ne jun­ge Lucy, mit der sie in Whit­by ein Zim­mer teilt, schlaf­wan­delt. Mit­ten in der Nacht zieht sie sich an und ver­sucht, das Haus zu ver­las­sen. Selbst als Mina das Zim­mer ver­schließt und den Schlüs­sel an ihr Hand­ge­lenk bin­det, fin­det sie sel­ten Ruhe. So auch in der Nacht, in der es Lucy schla­fend gelingt, das Haus zu ver­las­sen. Zu einer Zeit, in der auch Jona­thans Brie­fe immer befremd­li­cher wer­den und schließ­lich ganz auf­hö­ren zu kommen.

Dra­cu­la‹ ist einer jener Roma­ne, für die man Zeit und Ruhe braucht. Die Figu­ren sind anfangs manch­mal schwer aus­ein­an­der­zu­hal­ten, wer­den sie bei­spiels­wei­se an einer Stel­le nur mit Vor­na­men genannt, dann wie­der nur über den Nach­na­men. Er hat nicht die Form eines klas­si­schen Romans, son­dern ist viel mehr ein groß­teils chro­no­lo­gi­sches Sam­mel­su­ri­um aus Zei­tungs­aus­schnit­ten, Brie­fen, Tele­gram­men, Tage­bü­chern und ande­rem, die ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven wie­der­ge­ben. Doch was anfangs etwas ver­wir­ren mag, gewinnt bald an Reiz. Denn die­se zahl­rei­chen Per­spek­ti­ven las­sen die Geschich­te durch Per­so­nen unter­schied­li­cher Spe­zi­al­ge­bie­te betrach­ten, sei es der Arzt, der Psych­ia­ter, Mina, Lucy oder durch die Presse. 

»Zum Glück ist das Wet­ter so warm, dass sie sich nicht erkäl­ten kann, aber den­noch macht mir die Sor­ge und das stän­di­ge Geweckt­wer­den all­mäh­lich zu schaf­fen. Ich wer­de selbst ner­vös und fin­de immer weni­ger Schlaf.«

Vie­le bekann­ten Ele­men­te, die uns heu­te aus Vam­pir­ro­ma­nen, ‑fil­men und ‑seri­en so ver­traut sind, hat ›Dra­cu­la‹ vor über 120 Jah­ren gekannt. Sowohl Graf Dra­cu­la selbst als auch Abra­ham van Hel­sing sind nach wie vor bekannt, eben­so das Motiv der spit­zen Zäh­ne, des Pfäh­lens, der feh­len­den Spie­gel, des Knob­lauchs und der Nachtaktivität.

Auch nach so vie­len Jah­ren hat Bram Sto­kers ›Dra­cu­la‹ noch sei­nen Reiz. Eine Geschich­te, in der sich das Dunk­le und Unbe­kann­te in die schein­bar nor­ma­le und schö­ne Welt, vol­ler Geschlech­ter­rol­len­vor­stel­lun­gen, schleicht.

Fazit zu ›Dracula

Wer also auf eine Ent­de­ckungs­rei­se gehen will, was es mit dem heu­te all­seits bekann­ten Namen ›Dra­cu­la‹ auf sich hat, soll­te sich auf die­sen Klas­si­ker ein­las­sen und sich über­ra­schen las­sen, wie vie­le Moti­ve wie­der­erkennt wer­den können.

Buchinfo

Bram Sto­ker:
Dra­cu­la
(1897)
Roman
Neu über­setzt von Andre­as Nohl
dtv, Mün­chen 2014
592 S., EUR (D) 12,90 inkl. MwSt.
Taschen­buch
ISBN 978−3−423−14299−1

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Robert Galbraith: Der Ruf des Kuckucks [Rezension]

Von einem taumelnden Detektiv. 

250 Sei­ten hat es gedau­ert, bis ich mit ›Der Ruf des Kuckucks‹ warm gewor­den bin. Zuge­ge­ben, wenn das Buch von einer ande­ren Autorin oder einem ande­ren Autor geschrie­ben wor­den wäre, hät­te ich ihm ver­mut­lich nicht so viel Zeit gege­ben. Ich habe es immer wie­der zurück auf mei­nen Lese­sta­pel gelegt, um es dann irgend­wann wie­der hervorzuholen. 

Aber ich den­ke, dass mein Pro­blem mit dem Anfang des Buches vor allem durch eines kam: Ich hat­te es nicht aus­ge­sucht, weil ich den Klap­pen­text viel­ver­spre­chend fand, son­dern nur, weil ich die Autorin so sehr mag. Nor­ma­ler­wei­se hät­te mich das Set­ting des Romans nicht sehr inter­es­siert, da es mir nicht atmo­sphä­risch genug erschie­nen wäre.

Somit sagen mei­ne Pro­ble­me mit dem Anfang des Roma­nes wohl nicht unbe­dingt etwas über die Qua­li­tät des­sel­ben aus, son­dern vor allem dar­über, dass ich ihn mir nicht aus den rich­ti­gen Grün­den gekauft hat­te. Aber den­noch: Nach­dem ich mit dem Set­ting warm­ge­wor­den war und end­lich einen Durch­blick über all die unter­schied­li­chen Figu­ren bekom­men hat­te, war das Buch sehr schnell ver­schlun­gen. Für die ers­ten 250 Sei­ten brauch­te ich fast zwei Jah­re, für die rest­li­chen knapp 400 Sei­ten kei­ne 24 Stunden.

»… durch sei­ne Grö­ße und beträcht­li­che Kör­per­be­haa­rung, gepaart mit einem deut­li­chen Bauch­an­satz, erin­ner­te sei­ne Erschei­nung an einen Grizz­ly. Er hat­te ein ange­schwol­le­nes blau­es Auge; unter der Augen­braue befand sich ein Schnitt.«

Das ange­sag­te Top­mo­del Lula Landry stirbt bei einem Sturz von ihrem Bal­kon. Was zuerst nach Selbst­mord aus­sieht, wird bald von eini­gen ihrer Ange­hö­ri­gen infra­ge gestellt. Die Gerüch­te häu­fen sich. Hat­te Lula vor ihrem Tod Streit mit ihrem eben­falls berühm­ten Freund? Haben ihre leib­li­chen Eltern etwas mit ihrem Tod zu tun, oder war gar ihre Adop­tiv­fa­mi­lie dar­in ver­wi­ckelt? Mit ihrem Tod hin­ter­lässt das Model meh­re­re Mil­lio­nen und eine Men­ge unge­klär­ter Fragen.

Auch das Leben, wie es sich der Detek­tiv Cormo­ran Strike vor­ge­stellt hat­te, ist vor­bei: Die Tren­nung von sei­ner Ver­lob­ten, die Ampu­ta­ti­on sei­nes Bei­nes nach sei­ner Zeit beim Mili­tär, die finan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten, die ihn auf einer Cam­pin­glie­ge in sei­nem Büro schla­fen lassen. 

Als ihn John Bris­tow, der Adop­tiv­bru­der des ver­stor­be­nen Models Lula Landry, auf­sucht, strahlt Cormo­ran Strikes hells­ter Stern nicht. Doch der Vor­schuss für die Über­nah­me der Ermitt­lun­gen ist groß und ein Kind­heits­freund, eben­falls ein Adop­tiv­bru­der von John Bris­tow, ver­bin­det die Män­ner mit­ein­an­der. Zu sei­nem neu­en Fall bekommt Cormo­ran auch eine neue Sekre­tä­rin ins Haus, die sich schon bald als über­aus flei­ßig und begabt entpuppt.

»Obwohl Robin Ella­cotts fünf­und­zwan­zig­jäh­ri­ges Leben nicht frei von auf­re­gen­den und dra­ma­ti­schen Ereig­nis­sen gewe­sen war, so hat­te sie doch nie zuvor das Bett in der fes­ten Gewiss­heit ver­las­sen, dass sie den anbre­chen­den Tag für den Rest ihres Lebens im Gedächt­nis behal­ten würde.«

Und so begibt sich Cormo­ran Strike in ›Der Ruf des Kuckucks‹ für sei­ne Ermitt­lun­gen in die Welt des Blitz­licht­ge­wit­ters und die vie­len, mit­ein­an­der ver­wo­be­nen Schich­ten des Romans fal­ten sich vor dem Leser oder der Lese­rin auf.

Der Ruf des Kuckucks‹ war das ers­te Buch, das ich von J. K. Row­ling gele­sen habe – die hier unter dem Pseud­onym Robert Gal­braith schreibt –, das nicht zum ›Har­ry Pot­ter‹-Uni­ver­sum zählt. Und ich habe lan­ge gebraucht, um zu ver­dau­en, dass in ›Der Ruf des Kuckucks‹ nie­mand mit Zau­ber­stä­ben auf­ein­an­der los­geht. Natür­lich weiß ich, dass Schrift­stel­ler unter­schied­li­che Wel­ten erschaf­fen kön­nen: Doch J. K. Row­ling war durch mei­ne Kind­heit hin­durch so stark mit ›Har­ry Pot­ter‹ ver­knüpft, dass ich es für die­sen Roman wie­der neu ler­nen musste.

»Strike hat­te ein­mal ver­sucht, die Schu­len zu zäh­len, die er in sei­ner Jugend besucht hat­te, und war auf sieb­zehn gekom­men, wobei er jedoch den Ver­dacht heg­te, ein paar ver­ges­sen zu haben. Nicht mit ein­ge­rech­net hat­te er die kur­ze Zeit, in der er angeb­lich Pri­vat­un­ter­richt erhal­ten hat­te: als er mit sei­ner Mut­ter und sei­ner Halb­schwes­ter in einem besetz­ten Haus in der Atlan­tic Road in Brixton wohnte.«

Eines der gro­ßen Talen­te von Robert Gal­braith und J. K. Row­ling (›Phan­tas­ti­sche Tier­we­sen‹ & ›Grin­del­walds Ver­bre­chen‹) ist ihr Gespür für Men­schen, die Wir­ren ihrer Bezie­hun­gen und die Glaub­wür­dig­keit ihrer Emo­tio­nen. ›Der Ruf des Kuckucks‹ ent­wi­ckelt sich nach und nach zu einem Kri­mi­nal­ro­man, in dem die Taten und Wün­sche der ver­schie­de­nen Figu­ren so fein mit­ein­an­der ver­wo­ben sind, dass der Roman ein stim­mi­ges Gesamt­bild ergibt.

Fazit zu ›Der Ruf des Kuckucks

Nun, viel­leicht habe ich ›Der Ruf des Kuckucks‹ aus den fal­schen Grün­den ange­fan­gen zu lesen, aber sicher­lich habe ich ihn aus den rich­ti­gen Grün­den zu Ende gele­sen: Die Ver­stri­ckun­gen und die orga­ni­sche Ent­wick­lung der unter­schied­li­chen Figu­ren in ihren Bezie­hun­gen zuein­an­der hat mir kei­ne ande­re Wahl gelas­sen. So hat sich für mich auch das Ende über­aus stim­mig ange­fühlt und mir gro­ße Lust gemacht, die­se Rei­he trotz mei­ner Start­schwie­rig­kei­ten weiterzulesen.

Buchinfo

Robert Gal­braith:
Der Ruf des Kuckucks

Ein Fall für Cormo­ran Strike
Die Cormo­ran-Strike-Rei­he, Band 1
Aus dem Eng­li­schen von Wulf Berg­ner,
Chris­toph Göh­ler, Kris­tof Kurz
Roman, Kri­mi
Blan­va­let, Mün­chen 2014
656 S., EUR (D) 10,99 inkl. MwSt.
Taschen­buch, Klap­pen­bro­schur
ISBN 978−3−442−38321−4

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Bewer­tung: 3.5 von 5.


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