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Victoria Mas: Die Tanzenden [Rezension]

Von Frauen und Freiheit. 

Ende des 19. Jahr­hun­derts wird wohl jede Frau in Paris den Namen einer bestimm­ten Ein­rich­tung gekannt haben. Das ›Hôpi­tal de la Sal­pê­triè­re‹ von ›Die Tan­zen­den‹ war eine Ner­ven­heil­an­stalt, in die man über Jah­re nicht nur jene Frau­en brach­te, die eine Behand­lung benötigten. 

Zumeist von ihren Vätern, Ehe­müt­tern oder Brü­dern dort hin­ge­brach­te, ging die Ein­wei­sung nicht sel­ten mit einem Aus­schluss aus der Fami­lie ein­her. Häu­fig genug, ohne das die Frau­en das selbst wollten.

Die unter­schied­lichs­ten Frau­en leben in ›Die Tan­zen­den‹ im ›Hôpi­tal de la Sal­pê­triè­re‹, ehe­ma­li­ge Pro­sti­tu­ier­te, Hys­te­ri­ke­rin­nen, Melan­cho­li­ke­rin­nen oder Frau­en, die nicht bereit sind, die ihnen zuge­dach­te Rol­le im Leben ein­zu­neh­men. Frau­en, die von sich selbst sagen, Geis­ter sehen zu kön­nen, und sol­che, die ihnen zu nah sind. 

In einer Zeit, in der Män­ner Fami­li­en­ober­häup­ter oder Ärz­te sind, wäh­rend Frau­en als Kran­ken­schwes­ter arbei­ten, sich unter­ord­nen und über sich bestim­men las­sen müssen. 

»War­um Göt­ter ver­eh­ren, wenn es Män­ner wie Char­cot gibt? Nein, das stimmt nicht ganz: Kein Mann kann es mit Char­cot auf­neh­men. Sie ist stolz, ja, stolz auf das Vor­recht, seit fast zwan­zig Jah­ren ihren Bei­trag zur Arbeit und zu den Fort­schrit­ten des berühm­tes­ten Ner­ven­arz­tes von Paris leis­ten zu dürfen.«

Und wäh­rend in ›Die Tan­zen­den‹ für vie­le Frau­en, der Gedan­ke erschre­ckend ist, im ›Hôpi­tal de la Sal­pê­triè­re‹ zu laden, gibt es ande­re, für die der Gedan­ke nicht ertrag­bar ist, dort jemals wie­der hin­aus zu müs­sen. Was ist das für eine Welt, der Frau­en die Ner­ven­heil­an­stalt vorziehen?

Vic­to­ria Mas gelingt es in ihrem Debüt­ro­man ›Die Tan­zen­den‹ einen span­nen­den Blick auf jene Frau­en zu geben, so unter­schied­lich und facet­ten­reich sie sind, und eine Ahnung des Schre­ckens zu ver­mit­teln, der der ›Sal­pê­triè­re‹ ange­haf­tet hat.

Das ›Hôpi­tal de la Sal­pê­triè­re‹ ver­kör­pert die Wün­sche vie­ler Frau­en zugleich: den Wunsch nach Sicher­heit, den Wunsch gese­hen zu wer­den und den Wunsch, mög­lichst schnell wie­der wegzukommen.

»Wer zum Aber­glau­ben neigt, könn­te mei­nen, das Mäd­chen sei von Dämo­nen beses­sen, und eini­ge im Publi­kum bekreu­zen sich tat­säch­lich verstohlen …«

Das High­light des Jah­res ist für die meis­ten Pati­en­tin­nen – und nicht nur für die­se – der Ball an Mitt­fas­ten. Die Ein­la­dun­gen für Außen­ste­hen­de sind begehrt und das, was es zu sehen gibt, ist sonst hin­ter den Mau­ern der Ein­rich­tung ver­bor­gen: die Pati­en­tin­nen, auf der einen Sei­te über­ra­schend nor­mal, auf der ande­ren Sei­te auf­re­gend anders.

Fazit zu ›Die Tanzenden

Mas macht die Frau­en der ›Sal­pê­triè­re‹ sicht­bar, ohne sie auf Schau­ob­jek­te zu redu­zie­ren, span­nend, bewe­gend und erschre­ckend zugleich. 

Buchinfo

Vic­to­ria Mas:
Die Tan­zen­den

Über­setzt von: Julia Scho­ch
Piper, Mün­chen 2020
240 S., EUR (D) 20,- inkl. MwSt.
Roman
Hard­co­ver mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−492−07014−0

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Margaret Owen: Knochendiebin [Rezension]

Die Krähen und ihre toten Götter. 

Namen wie ›Scheu­sal‹, ›Gal­gen­strick‹ oder ›Stur‹ sind es, die die Ange­hö­ri­gen der Krä­hen-Kas­te in ›Kno­chen­die­bin‹ tra­gen. Der ein­zi­gen, der zwölf Kas­ten von Sabor, der kein Geburts­recht zusteht. Sie sind Geäch­te­te und Vogel­freie, denen man jedes erdenk­li­che Leid zufü­gen kann, ohne sich dafür ver­ant­wor­ten zu müssen. 

Doch zugleich sind sie in die­sem Land, in dem seit Genera­tio­nen eine Seu­che wütet, die ein­zi­gen, die sich um die Bestat­tung der von die­ser Befal­le­nen küm­mern kön­nen. Fast jede Krä­he in Sabor hat durch die ande­ren Kas­ten Ange­hö­ri­ge oder Freun­de ver­lo­ren, nur weni­ge Krä­hen wer­den alt.

Doch wäh­rend die Aus­gren­zung der Krä­hen in ›Kno­chen­die­bin‹ eben­so fest zu Sabors Gesell­schaft gehö­ren wie die Sün­den­seu­che selbst, für die vie­le die Krä­hen ver­ant­wort­lich machen, hal­ten die Krä­hen fest zusam­men. ›Beschüt­ze die Dei­nen!‹ ist die Regel, nach der sie leben.

»Stur hat­te wäh­rend ihrer sech­zehn Lebens­jah­re vie­le Lek­tio­nen gelernt, meist auf die har­te Art: immer die Men­ge im Blick behal­ten; immer einen Flucht­weg parat haben; kei­ne Stadt allein betre­ten.
Und in den Näch­ten, in denen sie Sün­der ver­brann­ten, in den San­da­len schlafen.«

Die jun­ge Hexe und zukünf­ti­ge Flü­gel­her­rin Stur ist alles ande­re, als auf den Mund gefal­len. Weder wenn es dar­um geht, um Zäh­ne zu feil­schen, noch in Bezug auf die Män­ner ihrer Rot­te. Doch plötz­lich mit einem Phö­nix-Prin­zen und sei­nem Habicht-Leib­wäch­ter durch das Land zu rei­sen, um den Prin­zen zu schüt­zen, ist selbst für die auf­ge­weck­te Stur Neuland.

Denn wäh­rend sie sich in ›Kno­chen­die­bin‹ mit der Fra­ge aus­ein­an­der­set­zen muss, ob sie Mit­glie­dern der Phö­nix- oder der Habicht-Kas­te trau­en kann, die sie und die ihren stets wie Dreck behan­delt haben, müs­sen Prinz und Leib­wäch­ter eben­falls neue Erfah­run­gen machen. In das Gewand der Krä­hen gehüllt, spü­ren sie zum ers­ten Mal die Aus­gren­zung und den Hass der ande­ren. Müs­sen mit der Angst leben, die dies erzeugt, und der Ungerechtigkeit.

»Sie konn­te nicht spre­chen, nick­te aber. Habich­te baten nicht. Stur wuss­te nicht, wie sie mit einem umge­hen soll­te, der es trotz­dem tat.«

Wäh­rend es für den Prin­zen Jasi­mir und sei­nen Leib­wäch­ter Tavin ums Über­le­ben geht, steht für Stur die Zukunft ihrer Kas­te auf dem Spiel. Wenn es ihnen gelingt, den Prin­zen lebend zu sei­nen Ver­bün­de­ten zu brin­gen, müs­sen die Habich­te zukünf­tig die Krä­hen schützen. 

Doch die­se Abma­chung ist alles ande­re als ein­fach zu erfül­len. Schie­nen die Krä­hen doch bis­lang vom Glück und den tau­send toten Göt­tern ver­las­sen zu sein.

»Eine Krä­he hät­te gewusst, wie man sich ver­hielt. Man ließ die Leu­te höh­nen. Man ließ die Leu­te flu­chen und pöbeln und ging wei­ter, denn wenn man sich wehr­te, muss­ten auch ande­re dafür büßen.«

Mar­ga­ret Owen gelingt es, in ihrem Debüt ›Kno­chen­die­bin‹ eine Welt zu erschaf­fen, die von der ers­ten bis zur letz­ten Sei­te zwingt, den Atem anzu­hal­ten. Das Leben, das die Krä­hen füh­ren müs­sen, ist düs­ter und vol­ler Not. Und doch gelingt es den Krä­hen durch ihren Zusam­men­halt unter­ein­an­der inner­halb die­ser Düs­ter­nis ein Leben zu füh­ren, das mit­reißt. Owens Schreib­stil ist ein­dring­lich und lässt nicht nur beim Mam­mon-Tanz die Nacken­haa­re zu Ber­ge stehen.

Foto: pri­vat.

Die Sün­den­seu­che ist ein für die Krä­hen all­ge­gen­wär­ti­ges Grau­en in Sabor und es bleibt span­nend, im zwei­ten Band der Rei­he ›Die zwölf Kas­ten von Sabor‹ hof­fent­lich zu erfah­ren, wie die­se einst ihren Anfang nahm.

Fazit zu ›Knochendiebin

Kno­chen­die­bin‹ gehört zu jenen Büchern, die nicht nur für Jugend­li­che geschrie­ben sind, son­dern auch Erwach­se­ne fes­seln kön­nen. Eine star­ke, berüh­ren­de Prot­ago­nis­tin, wit­zi­ge und klu­ge Dia­lo­ge und eine düs­te­re Welt vol­ler Geheim­nis­se machen Owens Debüt ›Kno­chen­die­bin‹ mehr als lesenswert.

Buchinfo

Mar­ga­ret Owen:
Kno­chen­die­bin

Roman
Die zwölf Kas­ten von Sabor, Band 1
Über­setzt von: Hen­ning Ahrens
Carl­sen, Ham­burg 2019
416 S., EUR (D) 19,99 inkl. MwSt.
Hard­co­ver mit Schutz­um­schlag
ab 14 Jah­ren
ISBN 978−3−551−58405−2

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Hajime Isayama: Attack on Titan Deluxe Edition Band 6 [Rezension]

Die Hoffnung der Menschheit? 

Wenn die bekann­te Welt nur aus dem besteht, was sich inner­halb drei­er, rie­sen­haf­ter Mau­ern befin­det, ist jedes Stück davon kost­bar. Nur weni­ge trau­en sich in ›Attack on Titan Delu­xe Edi­ti­on Band 6‹, die Mau­ern zu ver­las­sen. Und von die­sen kom­men oft nur weni­ge zurück. 

Als die Men­schen des Bezirks Shi­ganshi­na mit­er­le­ben müs­sen, wie ein Wesen, grö­ßer als alles, was sie bis­her gese­hen haben, ein Loch in die äußers­te Mau­er tritt, endet die­se bekann­te Welt. Durch das Loch strö­men Tita­nen hin­ein. Rie­si­ge, men­schen­ähn­li­che Krea­tu­ren, die schein­bar nur ein Ziel ken­nen: zu fressen.

»Da wur­de mir zum ers­ten Mal klar, dass ich nicht frei war. Ich erkann­te, dass ich die gan­ze Zeit in einem Vogel­kä­fig gelebt hatte.«

Der jun­ge Eren muss mit­an­se­hen, wie sei­ne Mut­ter vor sei­nen Augen gefres­sen wird, wäh­rend er nichts tun kann, um ihr zu hel­fen. Nur der Wunsch, jeden ein­zel­nen Tita­nen zu ver­nich­ten, treibt ihn an, wei­ter­zu­le­ben. Der Bezirk inner­halb der äußers­ten Mau­er ist ver­lo­ren. Um Shi­ganshi­na zurück­zu­ge­win­nen, tre­ten Eren und sei­ne bei­den Kind­heits­freun­de dem Auf­klä­rungs­trupp bei: die Grup­pe all jener, die es noch wagen, die Mau­ern zu ver­las­sen und gegen die Tita­nen zu kämpfen.

Mit der Delu­xe-Edi­ti­on legt ›Carl­sen‹ nun eine Ver­si­on des Man­gas vor, die dem biblio­phi­len Leser gefal­len wird: Das Hard­co­ver mit gera­dem Rücken und Faden­hef­tung macht auch nach mehr­fa­chem Lesen noch einen tol­len Ein­druck. Damit der Leser jedoch zugleich nicht auf die Man­gaco­ver der im Hard­co­ver zusam­men­ge­fass­ten Bän­de ver­zich­ten muss, sind auch die­se far­big illus­triert in den Band mit auf­ge­nom­men. Somit kann nicht nur der Innen­teil des Man­ga- und Ani­me-Hits über­zeu­gen: Die Delu­xe-Edi­ti­on von ›Attack on Titan‹ ver­eint mei­ner Mei­nung nach das Bes­te aus den Ein­zel­bän­den mit den Vor­zü­gen eines hoch­wer­ti­gen Sammelbandes.

›Attack on Titan‹ besticht durch unvor­her­ge­se­he­ne Wen­dun­gen, die zugleich fest mit der Geschich­te ver­wo­ben sind. Durch­dach­te Kampf­me­tho­den kom­bi­niert mit über­zeu­gen­den mensch­li­chen Schick­sa­len, die unter die Haut gehen. ›Attack on Titan‹ hält vie­le ›Oha‹- und ›Wow‹-Momente bereit, die nicht nur für den klas­si­schen Ani­me- und Man­ga-Fan span­nend sind. Die aus­ge­klü­gel­te Geschich­te um Eren und sei­ne Freun­de wird von Band zu Band span­nen­der und in dem vor­lie­gen­den ›Attack on Titan Delu­xe Edi­ti­on Band 6‹ darf mit eini­gen lang ersehn­ten Ereig­nis­sen und zugleich neu­en Rät­seln gerech­net werden.

Wer bis­lang nur den Ani­me kennt, dem kann ich den Man­ga nur ans Herz legen. Zwar ist die Hand­lung stark auf­ein­an­der bezo­gen, doch die ein oder ande­re Hin­ter­grund­in­for­ma­ti­on, oder Din­ge, die auf­fal­len kön­nen, da der Man­ga stär­ker eine eige­ne Lese­ge­schwin­dig­keit ermög­licht als der Ani­me eine Schau­ge­schwin­dig­keit, sind es wert.

»Wegen der neu­es­ten Gescheh­nis­se ist das völ­lig in den Hin­ter­grund gerückt, aber wer ist die­ser Feind eigent­lich, gegen den wir da kämpfen?«

Fazit zu ›Attack on Titan Deluxe Edition Band 6

Wer die Bän­de 1–15 schon kennt, bereits im Ani­me weit genug ist, oder kei­ne Angst vor Spoi­lern hat, kann ger­ne am Ende der Rezen­si­on auch eine nicht spoi­ler­freie inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit ›Attack on Titan Delu­xe Edi­ti­on Band 6‹ fin­den. Aber: Wer ›Attack on Titan‹ noch nicht kennt, dem sei auf jeden Fall emp­foh­len, mit dem ers­ten Band zu begin­nen. Ent­we­der in Form des Man­gas – durch den 1. Band der Delu­xe-Edi­ti­on oder den Ein­zel­bän­den – oder in Form des Animes.

Buchinfo

Haji­me Isaya­ma:
Attack on Titan Delu­xe 6

beinhal­tet die Bän­de 16–18
Carl­sen, Ham­burg 2020
564 S., EUR (D) 25,00 inkl. MwSt.
Hard­co­ver, Man­ga
Ab 16 Jah­ren
ISBN 978−3−551−74108−0

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Robert Galbraith: Der Ruf des Kuckucks [Rezension]

Von einem taumelnden Detektiv. 

250 Sei­ten hat es gedau­ert, bis ich mit ›Der Ruf des Kuckucks‹ warm gewor­den bin. Zuge­ge­ben, wenn das Buch von einer ande­ren Autorin oder einem ande­ren Autor geschrie­ben wor­den wäre, hät­te ich ihm ver­mut­lich nicht so viel Zeit gege­ben. Ich habe es immer wie­der zurück auf mei­nen Lese­sta­pel gelegt, um es dann irgend­wann wie­der hervorzuholen. 

Aber ich den­ke, dass mein Pro­blem mit dem Anfang des Buches vor allem durch eines kam: Ich hat­te es nicht aus­ge­sucht, weil ich den Klap­pen­text viel­ver­spre­chend fand, son­dern nur, weil ich die Autorin so sehr mag. Nor­ma­ler­wei­se hät­te mich das Set­ting des Romans nicht sehr inter­es­siert, da es mir nicht atmo­sphä­risch genug erschie­nen wäre.

Somit sagen mei­ne Pro­ble­me mit dem Anfang des Roma­nes wohl nicht unbe­dingt etwas über die Qua­li­tät des­sel­ben aus, son­dern vor allem dar­über, dass ich ihn mir nicht aus den rich­ti­gen Grün­den gekauft hat­te. Aber den­noch: Nach­dem ich mit dem Set­ting warm­ge­wor­den war und end­lich einen Durch­blick über all die unter­schied­li­chen Figu­ren bekom­men hat­te, war das Buch sehr schnell ver­schlun­gen. Für die ers­ten 250 Sei­ten brauch­te ich fast zwei Jah­re, für die rest­li­chen knapp 400 Sei­ten kei­ne 24 Stunden.

»… durch sei­ne Grö­ße und beträcht­li­che Kör­per­be­haa­rung, gepaart mit einem deut­li­chen Bauch­an­satz, erin­ner­te sei­ne Erschei­nung an einen Grizz­ly. Er hat­te ein ange­schwol­le­nes blau­es Auge; unter der Augen­braue befand sich ein Schnitt.«

Das ange­sag­te Top­mo­del Lula Landry stirbt bei einem Sturz von ihrem Bal­kon. Was zuerst nach Selbst­mord aus­sieht, wird bald von eini­gen ihrer Ange­hö­ri­gen infra­ge gestellt. Die Gerüch­te häu­fen sich. Hat­te Lula vor ihrem Tod Streit mit ihrem eben­falls berühm­ten Freund? Haben ihre leib­li­chen Eltern etwas mit ihrem Tod zu tun, oder war gar ihre Adop­tiv­fa­mi­lie dar­in ver­wi­ckelt? Mit ihrem Tod hin­ter­lässt das Model meh­re­re Mil­lio­nen und eine Men­ge unge­klär­ter Fragen.

Auch das Leben, wie es sich der Detek­tiv Cormo­ran Strike vor­ge­stellt hat­te, ist vor­bei: Die Tren­nung von sei­ner Ver­lob­ten, die Ampu­ta­ti­on sei­nes Bei­nes nach sei­ner Zeit beim Mili­tär, die finan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten, die ihn auf einer Cam­pin­glie­ge in sei­nem Büro schla­fen lassen. 

Als ihn John Bris­tow, der Adop­tiv­bru­der des ver­stor­be­nen Models Lula Landry, auf­sucht, strahlt Cormo­ran Strikes hells­ter Stern nicht. Doch der Vor­schuss für die Über­nah­me der Ermitt­lun­gen ist groß und ein Kind­heits­freund, eben­falls ein Adop­tiv­bru­der von John Bris­tow, ver­bin­det die Män­ner mit­ein­an­der. Zu sei­nem neu­en Fall bekommt Cormo­ran auch eine neue Sekre­tä­rin ins Haus, die sich schon bald als über­aus flei­ßig und begabt entpuppt.

»Obwohl Robin Ella­cotts fünf­und­zwan­zig­jäh­ri­ges Leben nicht frei von auf­re­gen­den und dra­ma­ti­schen Ereig­nis­sen gewe­sen war, so hat­te sie doch nie zuvor das Bett in der fes­ten Gewiss­heit ver­las­sen, dass sie den anbre­chen­den Tag für den Rest ihres Lebens im Gedächt­nis behal­ten würde.«

Und so begibt sich Cormo­ran Strike in ›Der Ruf des Kuckucks‹ für sei­ne Ermitt­lun­gen in die Welt des Blitz­licht­ge­wit­ters und die vie­len, mit­ein­an­der ver­wo­be­nen Schich­ten des Romans fal­ten sich vor dem Leser oder der Lese­rin auf.

Der Ruf des Kuckucks‹ war das ers­te Buch, das ich von J. K. Row­ling gele­sen habe – die hier unter dem Pseud­onym Robert Gal­braith schreibt –, das nicht zum ›Har­ry Pot­ter‹-Uni­ver­sum zählt. Und ich habe lan­ge gebraucht, um zu ver­dau­en, dass in ›Der Ruf des Kuckucks‹ nie­mand mit Zau­ber­stä­ben auf­ein­an­der los­geht. Natür­lich weiß ich, dass Schrift­stel­ler unter­schied­li­che Wel­ten erschaf­fen kön­nen: Doch J. K. Row­ling war durch mei­ne Kind­heit hin­durch so stark mit ›Har­ry Pot­ter‹ ver­knüpft, dass ich es für die­sen Roman wie­der neu ler­nen musste.

»Strike hat­te ein­mal ver­sucht, die Schu­len zu zäh­len, die er in sei­ner Jugend besucht hat­te, und war auf sieb­zehn gekom­men, wobei er jedoch den Ver­dacht heg­te, ein paar ver­ges­sen zu haben. Nicht mit ein­ge­rech­net hat­te er die kur­ze Zeit, in der er angeb­lich Pri­vat­un­ter­richt erhal­ten hat­te: als er mit sei­ner Mut­ter und sei­ner Halb­schwes­ter in einem besetz­ten Haus in der Atlan­tic Road in Brixton wohnte.«

Eines der gro­ßen Talen­te von Robert Gal­braith und J. K. Row­ling (›Phan­tas­ti­sche Tier­we­sen‹ & ›Grin­del­walds Ver­bre­chen‹) ist ihr Gespür für Men­schen, die Wir­ren ihrer Bezie­hun­gen und die Glaub­wür­dig­keit ihrer Emo­tio­nen. ›Der Ruf des Kuckucks‹ ent­wi­ckelt sich nach und nach zu einem Kri­mi­nal­ro­man, in dem die Taten und Wün­sche der ver­schie­de­nen Figu­ren so fein mit­ein­an­der ver­wo­ben sind, dass der Roman ein stim­mi­ges Gesamt­bild ergibt.

Fazit zu ›Der Ruf des Kuckucks

Nun, viel­leicht habe ich ›Der Ruf des Kuckucks‹ aus den fal­schen Grün­den ange­fan­gen zu lesen, aber sicher­lich habe ich ihn aus den rich­ti­gen Grün­den zu Ende gele­sen: Die Ver­stri­ckun­gen und die orga­ni­sche Ent­wick­lung der unter­schied­li­chen Figu­ren in ihren Bezie­hun­gen zuein­an­der hat mir kei­ne ande­re Wahl gelas­sen. So hat sich für mich auch das Ende über­aus stim­mig ange­fühlt und mir gro­ße Lust gemacht, die­se Rei­he trotz mei­ner Start­schwie­rig­kei­ten weiterzulesen.

Buchinfo

Robert Gal­braith:
Der Ruf des Kuckucks

Ein Fall für Cormo­ran Strike
Die Cormo­ran-Strike-Rei­he, Band 1
Aus dem Eng­li­schen von Wulf Berg­ner,
Chris­toph Göh­ler, Kris­tof Kurz
Roman, Kri­mi
Blan­va­let, Mün­chen 2014
656 S., EUR (D) 10,99 inkl. MwSt.
Taschen­buch, Klap­pen­bro­schur
ISBN 978−3−442−38321−4

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Nele Pollatschek: Dear Oxbridge [Rezension]

Wo Oscar Wilde, J. R. R. Tolkin und Bill Clinton zur Uni gingen. 

Oxbridge – ein Schach­tel­wort, bestehend aus den Namen der bei­den ältes­ten und wohl auch bekann­tes­ten Uni­ver­si­tä­ten im Ver­ei­nig­ten König­reich: Oxford und Cam­bridge, die zu den Eli­te­schmie­den des Lan­des gehö­ren und von denen ›Dear Oxbridge‹ erzählt.

Nam­haf­te Per­sön­lich­kei­ten wie Oscar Wil­de, J. R. R. Tol­kin, Ste­phen Haw­king, John Locke, Tony Blair, Bill Clin­ton oder Tho­mas Morus haben dort bereits ihre uni­ver­si­tä­re Aus­bil­dung genos­sen. Auch aus Film und Fern­se­hen bekann­te Per­sön­lich­kei­ten wie Rowan Atkin­son, Kate Beck­in­sa­le und Emma Wat­son waren dort. Selbst bekann­te fik­ti­ve Per­so­nen wie India­na Jones sind in Oxbridge gewe­sen oder haben dort ihren Arbeitsplatz.

»In Groß­bri­tan­ni­en gilt: Manch­mal regie­ren die Kon­ser­va­ti­ven und manch­mal regiert Labour, aber fast immer regiert Oxbridge.«

Da über­rascht es nicht, dass Oxbridge eine über die Jahr­hun­der­te fort­be­stehen­de Fas­zi­na­ti­on auf vie­le Men­schen aus­ge­übt hat und noch immer aus­übt: dar­un­ter auch Nele Pollatschek.

Ihr Weg nach Oxbridge, den sie in ›Dear Oxbridge‹ schil­dert, war zwar kei­nes­wegs grad­li­nig, frus­tra­ti­ons- oder ent­täu­schungs­frei, aber sie hat es geschafft, dort zu stu­die­ren. Und das, obwohl sie nicht bereits auf eine der Eli­te­schu­len Eng­lands gegan­gen war, oder eine lan­ge Fami­li­en­tra­di­ti­on vor­wei­sen kann, die alle­samt in den alten Hal­len gelernt hat­ten. Mit viel Fleiß, Zäh­ne­zu­sam­men­bei­ßen und Tränen.

Dass sie so in dem Moment in Eng­land sein wür­de, als der Bre­x­it offi­zi­ell ver­kün­det wird, hat­te sie zu Beginn ihres Stu­di­ums nicht vor­aus­ge­se­hen. Umso wich­ti­ger ist ihre Erfah­rung die­ses Augen­blicks, denn in Deutsch­land absol­vier­te sie ihren Bache­lor, in Eng­land ihren Master.

»Wir schwie­gen. Eine Mit­be­woh­ne­rin stand auf und nahm mich in den Arm. Kei­ner muss­te es sagen, aber es lag so ein Gefühl im Raum: Wir fühl­ten uns mit Groß­bri­tan­ni­en zutiefst ver­bun­den und gleich­zei­tig voll­kom­men fremd.«

In ›Dear Oxbridge‹ beschreibt Pol­lat­schek ihren ver­gleichs­wei­se unkon­ven­tio­nel­len, doch erfolg­rei­chen Weg nach Oxbridge. Erfri­schend ehr­lich, ohne die Höhen und Tie­fen ihrer Erfah­run­gen aus­zu­spa­ren, blickt sie auf die Beson­der­hei­ten von Deutsch­land und Eng­land. Oft ver­glei­chend, ohne damit die immer glei­chen Kli­schees auf­zu­wär­men, son­dern eher, um die vie­len, wun­der­bar unter­schied­li­chen und ähn­li­chen Facet­ten ihrer bei­den Stu­di­en­län­der zum Vor­schein zu bringen. 

So beschreibt Pol­lat­schek in ›Dear Oxbridge‹ nicht nur die Kurio­si­tä­ten ihres All­tags, der zu einer inni­gen Lie­be für iso­lier­te Ther­mofens­ter und ein­wand­frei funk­tio­nie­ren­de Rohr­lei­tun­gen führ­te. Auch die Momen­te, in denen Pol­lat­schek einen Blick auf die Gescheh­nis­se erha­schen konn­te, wäh­rend sie Geschich­te schrie­ben, teilt sie mit den Lesern.

»In Oxford habe ich einen Mas­ter in Eng­li­scher Lite­ra­tur des 19. Jahr­hun­derts gemacht und über das Pro­blem des Bösen im vik­to­ria­ni­schen Rea­lis­mus pro­mo­viert. Ich habe also sehr viel über eng­li­sche Lite­ra­tur gelernt. Aber noch mehr über eng­li­sche Toiletten.«

Und dabei gelingt es Pol­lat­schek in ›Dear Oxbridge‹, kein ver­klä­ren­des Trak­tat für das eine und gegen das ande­re Land zu schrei­ben, son­dern viel­mehr die Mensch­lich­keit hin­ter und in den gro­ßen und klei­nen Momen­ten sicht­bar zu machen.

Fazit zu ›Dear Oxbridge

Mit ihren Beob­ach­tun­gen, die vol­ler Sinn fürs Detail, Humor und das Mit­ein­an­der sind, kann Pol­lat­schek in ihrem ›Lie­bes­brief an Eng­land‹ nicht nur ein­ge­fleisch­te Groß­bri­tan­ni­en-Fans unter­hal­ten und begeis­tern: Für alle, die mehr von Groß­bri­tan­ni­en erfah­ren wol­len, als durch die Bre­x­it-Nach­rich­ten der­zeit zu hören ist. 

Buchinfo

Nele Pol­lat­schek:
Dear Oxbridge

Lie­bes­brief an Eng­land
Galia­ni-Ber­lin, Köln 2020
240 S., EUR (D) 16,- inkl. MwSt.
Paper­back
ISBN 978−3−86971−203−1

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Catana Chetwynd: Die kleinen Momente der Liebe [Rezension]

Der Alltag und seine Besonderheiten. 

Einen Dra­chen töten, eine sel­te­ne Blu­me am Fuße eines dunst­ver­han­ge­nen Ber­ges fin­den oder ein König­reich erobern? Die gro­ßen Momen­te der Lie­be fin­den sich in der Lite­ra­tur aller Zei­ten und Län­der. Hei­ra­ten, und dann den lie­ben lan­gen Tag damit zubrin­gen, ihn sich gegen­sei­tig zur Höl­le zu machen? Auch dafür kennt die Welt­li­te­ra­tur vie­ler­lei Beispiele. 

Blind ver­ste­hen, dass eine Piz­za gera­de das Bes­te auf der Welt wäre, kuscheln manch­mal die gan­ze Welt ein wenig bes­ser macht und man auch unge­schminkt und gam­me­lig abso­lut lie­bens­wert ist, zeich­net hin­ge­gen das Bild aus, das Chet­wynds lie­be­vol­le Comics von der Lie­be ent­wer­fen. Und das auf über 150 Sei­ten vol­ler Comic­zeich­nun­gen der bereits aus dem Inter­net bekann­ten Zeich­ne­rin Cata­na Chet­wynd, deren Stil auf dem Cover zuse­hen ist. Wer ger­ne eine kla­re­re Vor­stel­lung der Zeich­nun­gen bekom­men möch­te, wird auf der Web­site von Cata­na Comics oder der Ver­lags­home­page von dtv sicher­lich fündig.

Chet­wynds Comics in ›Die klei­nen Momen­te der Lie­be‹ sind schlicht, zei­gen oft­mals nicht mehr als die bei­den Figu­ren Cata­na und John in ihrem All­tag und sind damit auf das Wesent­li­che redu­ziert: Die klei­nen Momen­te der Lie­be sicht­bar zu machen. 

Die­se schö­ne Aus­ga­be von bold und dtv lädt dazu ein, allein oder mit dem Part­ner die Sei­ten zu durch­stö­bern und bekann­te Erfah­run­gen in vie­len der Comics zu fin­den: ob gemein­sa­me Aben­de daheim, zusam­men Aus­ge­hen oder Stun­den allein.

Es ist schwer, anders zu kön­nen, als die bei­den Comic­fi­gu­ren Cata­na und John in ›Die klei­nen Momen­te der Lie­be‹ zu mögen und sich in ihnen wie­der­zu­fin­den. Ähn­lich ist es mit dem Bild von Lie­be das Chet­wynd hier – im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes – zeich­net. Lie­be fern­ab der gro­ßen, hel­den­haf­ten Momen­te, für die der All­tag oft kaum Zeit lässt, und dafür spür­bar in der eige­nen Lebenswirklichkeit. 

© pri­vat, Stand: August 2019
Fazit zu ›Die kleinen Momente der Liebe

Die Lie­be in den schein­bar klei­nen, oft über­se­he­nen Din­gen ist es, die Chet­wynd in ihren Zeich­nun­gen ein­zu­fan­gen ver­steht: amü­sant und hin­rei­ßend ehrlich.

Buchinfo

Cata­na Chet­wynd:
Die klei­nen Momen­te der Lie­be

Aus dem Ame­ri­ka­ni­schen von
Knut Krü­ger
dtv, Mün­chen 2020
160 S., EUR (D) 12,- inkl. MwSt.
Hard­co­ver
ISBN 978−3−423−23013−1

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George Saunders: Fuchs 8 [Rezension]

Ein Fuchs wartet auf Antwort. 

Unge­se­hen sitzt er vor dem Fens­ter eines Hau­ses und lauscht den Geschich­ten, die aus dem Innern zu ihm drin­gen. So lernt er, die Spra­che der Men­schen zu spre­chen, zu lesen und zu schreiben. 

Was bei eini­gen nun viel­leicht Erin­ne­run­gen an den Sprach­er­werb von Fran­ken­steins Mons­ter erweckt, wird die­ses Mal jedoch von einem Wesen ange­wandt, das um eini­ges klei­ner ist als das Mons­ter aus ›Fran­ken­stein‹: Es ist ein Fuchs, der die mensch­li­che Spra­che lernt. 

Fuchs 8 wird die­ser beson­de­re Fuchs genannt, denn alle Mit­glie­der sei­nes Rudels tra­gen eine Zahl in ihrem Namen. Und die­ser Fuchs ist nicht nur, wenn es um die Geschich­ten der Men­schen geht, sehr neu­gie­rig. Sei­ne Neu­gier beglei­tet ihn das gan­ze Buch über, zum Guten und zum Schlechten. 

»Zuers möch­te ich sagen, Enschul­di­gung für alle Wör­ter di ich falsch schrei­be. Weil ich bin ein Fuks! Und schrei­be oder buch­sta­b­i­re des­halb nich perfekk.«

Und die­ser Fuchs hat eini­ge Fra­gen an uns.

Fuchs 8 Art zu spre­chen und zu schrei­ben scheint im ers­ten Moment gewöh­nungs­be­dürf­tig, doch in Win­des­ei­le ver­fliegt die­ser Ein­druck, denn das, was die­ser Fuchs zu erzäh­len hat, ist um eini­ges wich­ti­ger, als die Wör­ter, in die er es klei­det. Und für einen Auto­di­dak­ten ohne Gesprächs­part­ner macht er sei­ne Sache doch sehr gut.

»Ir soll­tet mal di vilen nich net­ten Sachen hören di ein Ber in Berisch sagt wärend er ein jakt, wärend man gera­de noch um ein Har in den Bau schlüpft und ver­sucht, vor den ande­ren Fül­sen nich gleich loszuhoilen.«

Es ist schwer, über ein Buch zu schrei­ben, das einen ver­zau­bert hat. Zual­ler­erst will Fuchs 8 eines klar­stel­len: Füch­se sind nicht so, wie Mär­chen sie dar­stel­len, nicht lis­tig und schlau – auch bei Bären, Eulen und vor allem Hüh­nern wei­chen unse­re Mär­chen von sei­nen Erfah­run­gen ab.

»Wir legen kei­ne Hüner rein! Wir sind sehr offen und erlich mit Hünern! Mit Hünern haben wir ein super fären Dil, der get so: Si machen di Aja, wir neh­men di Aja, si machen noie Aja.«

Spoi­ler // Die­ser Fuchs lebt ein fröh­li­ches Leben in sei­nem Rudel, bis ihr Wald kahl geschla­gen wird, um ein Ein­kaufs­zen­trum zu errich­ten. Und selbst dann behält Fuchs 8 sei­ne Neu­gier und Offen­heit und beschließt, in die­sem Ein­kaufs­zen­trum nach Fut­ter zu suchen, um sei­ne Freun­de zu retten.

Fazit zu ›Fuchs 8

In all sei­ner Ein­fach­heit und Kür­ze rührt Geor­ge Saun­ders ›Fuchs 8‹. Es ist kein lau­tes Buch, das mit wich­tig klin­geln­den Begrif­fen und Fach­wör­tern auf sich auf­merk­sam machen will, son­dern ein sehr lei­ses Buch: Fuchs 8 kann die Din­ge, die er sieht und erlebt, nicht erklä­ren. Doch er hat nach vie­len, vie­len Aben­den vor einem Fens­ter die Spra­che der Men­schen erlernt, um sei­ne Erleb­nis­se mit­zu­tei­len und die­se fra­gen zu kön­nen: oft amü­sant und lie­be­voll formuliert.

Buchinfo

Geor­ge Saun­ders:
Fuchs 8

Aus dem Ame­ri­ka­ni­schen von
Frank Hei­bert
Luch­ter­hand, Mün­chen 2019
56 S., EUR (D) 12,- inkl. MwSt.
Hard­co­ver mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−630−87620−7

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J. K. Rowling: Phantastische Tierwesen. Grindelwalds Verbrechen [Rezension]

Die zwei mächtigsten Zauberer der Welt in ihren jüngeren Jahren. 

Grin­del­wald gehört zu den Namen, die bei mir noch immer aus den ›Har­ry Pot­ter‹-Büchern nach­hal­len. Obwohl oder viel­leicht auch da er als Figur vor ›Grin­del­walds Ver­bre­chen‹ kaum in Erschei­nung tritt, und somit vor allem als Name in Geschich­ten exis­tiert, Dum­ble­do­res Berühmt­heit grün­det unter ande­rem in die­sem Namen. 

Obwohl er in Albus Dum­ble­do­res Jugend eine bedeu­ten­de Rol­le spielt, weiß der Lesen­de aus den ›Har­ry Pot­ter‹-Büchern selbst ver­gleichs­wei­se wenig über Grin­del­wald. Doch eines kann man sich vor­stel­len: Wer oder wie Grin­del­wald auch immer da: Die Welt, in der er gelebt hat und die er hin­ter­las­sen hat, ist jene, in der Tom Ridd­le und vie­le sei­ner Anhän­ger auf­wuch­sen. Und eini­ge der Über­zeu­gun­gen Grin­del­walds erin­nern stark an den Dunk­len Lord.

»G R I N D E L W A L D
Der Moment ist gekom­men,
euch allen mei­ne Visi­on der
Zukunft zu zei­gen, die uns
erwar­tet, wenn wir nicht
auf­be­geh­ren und unse­ren
recht­mä­ßi­gen Platz in der Welt
ein­neh­men.«

Grin­del­walds Ver­bre­chen‹, der Nach­fol­ge­band zu ›Phan­tas­ti­sche Tier­we­sen und wo sie zu fin­den sind. Ori­gi­nal­dreh­buch‹, ist wesent­lich düs­te­rer als die­ser. Zwar spie­len Newt Sca­man­ders Tier­we­sen noch immer eine Rol­le, doch haben sie nicht mehr viel Gele­gen­heit, sich von ihrer amü­san­ten und hel­len Sei­te zu zei­gen. Ande­re Tier­we­sen zei­gen sich: ein Male­dic­tus, ein Obscurus.

Bild: Die Autorin J. K. Row­ling (Quel­le: Carl­sen)
© Debra Hur­ford Brown

Viel­mehr scheint es hin­ge­gen, als wür­den Dun­kel­heit und Schre­cken in ›Grin­del­walds Ver­bre­chen‹ erst Tor und Tür geöff­net werden. 

Oft schwingt in ›Grin­del­walds Ver­bre­chen‹ der Gedan­ke mit, dass, was auch immer pas­siert und den Per­so­nen wider­fährt, es zum Teil ihre Nach­fah­ren sein wer­den, die in den ›Har­ry Pot­ter‹-Bän­den auf der Sei­te von Dum­ble­do­re oder Vol­de­mort ste­hen wer­den und dass der Grund­stein dafür nun hier gelegt wird.

Fazit zu ›Grindelwalds Verbrechen

Grin­del­walds Ver­bre­chen‹ ist es gelun­gen, mich in sei­nen Bann zu zie­hen. Die im ers­ten Band auf­ge­bau­ten Geschich­ten ver­dich­ten sich, Geheim­nis­se for­dern ihre Auf­lö­sung. Doch obwohl ich die­ses Ori­gi­nal­dreh­buch wirk­lich sehr ger­ne gele­sen habe und die bei Carl­sen erschie­ne­ne Hard­co­ver-Aus­ga­be unglaub­lich schön ist, fin­de ich es ein wenig trau­rig, dass es eben nur das ist: ein Dreh­buch, und kein Roman. So vie­le inter­es­san­te Beweg­grün­de der Figu­ren kön­nen kaum so beleuch­tet wer­den, wie es in einem Roman mög­lich wäre, und so fehl­te es mir gegen Ende des Buches bei man­chen Figu­ren, dass ich die Moti­va­ti­on für oder gegen man­che Hand­lun­gen nicht immer nach­voll­zie­hen konn­te und sie mit­un­ter abrupt und zu schnell schie­nen. Doch kann dies dem Dreh­buch, solan­ge es als sol­ches betrach­tet wird, kei­nen Abbruch tun. Defi­ni­tiv lesens­wert für alte oder neue Fans von ›Har­ry Pot­ter‹.

»D U M B L E D O R E
[…]
Sie fra­gen sich nur, ob etwas
rich­tig ist oder und getan wer­den
muss. Und dann tun Sie es,
kos­te es, was es wolle.«

Buchinfo

J. K. Row­ling:
Phan­tas­ti­sche Tier­we­sen:
Grin­del­walds Ver­bre­chen

Das Ori­gi­nal­dreh­buch
Aus dem Eng­li­schen von Anja Han­sen-Schmidt
Carl­sen Ver­lag, Ham­burg 2018
304 S., EUR (D) 19,99 inkl. MwSt.
Hard­co­ver, gebun­den mit Schutz­um­schlag
Alters­emp­feh­lung: ab 14 Jah­ren
ISBN 978−3−551−55709−4

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Daniel Kehlmann: Beerholms Vorstellung [Rezension]

Von einem Mann, der auszog, um Theologie zu studieren, und zu einem Magier wurde. 

Ein jun­ger Mann ›Beer­holms Vor­stel­lung‹ will Theo­lo­gie stu­die­ren und Pries­ter sein, bis er es nicht mehr sein will. Ein jun­ger Mann will sich der Zau­be­rei wid­men und Magi­er wer­den, bis er es nicht mehr will. 

Arthur Beer­holm hat die­se bei­den Leben gelebt. Und umso unter­schied­li­cher sie in ihrem Wesen auch klin­gen, des­to stär­ker fal­len die Din­ge auf, die bei Beer­holm über bei­de Beru­fe hin­weg kon­stant geblie­ben sind. 

Zum einen Beer­holms Vor­lie­be für Schlaf­ta­blet­ten. Manch­mal scheint es, als wäre sei­ne Lebens­ge­schich­te von nichts so stark beglei­tet, als von sei­nem Tablet­ten­miss­brauch. Zum ande­ren gesund­heit­li­che Pro­ble­me, die mehr­mals mit sei­ner Wahr­neh­mung zu spie­len scheinen. 

»Weißt du eigent­lich, daß man unun­ter­bro­chen auf sich selbst ein­re­det? In einem Win­kel unse­res Kop­fes sitzt ein Schwät­zer und spricht, spricht, spricht vom Augen­blick unse­res Auf­wa­chens bis in die letz­ten im Dun­kel ver­schwim­men­den Regun­gen vor dem Einschlafen.«

Kehl­manns Debüt­ro­man ›Beer­holms Vor­stel­lung‹ ist ein Kipp­bild: In man­chen Momen­ten ist er voll wun­der­sa­mer Ereig­nis­se, der Zau­be­rei scheint ech­te Magie inne­zu­woh­nen. In ande­ren Momen­ten tauscht er sei­nen Zau­ber gegen Alter­na­tiv­erklä­run­gen, wie Träu­me, Fie­ber­wahn, Tablet­ten­miss­brauch. Exis­tiert Magie in ›Beer­holms Vor­stel­lung‹ oder han­delt es sich in vie­len Momen­ten ledig­lich um außer­ge­wöhn­li­che Zufäl­le, die den Anschein von Bedingt­heit und Vor­be­stim­mung erwe­cken? Schafft Wahr­schein­lich­keit Realität?

»Ich setz­te ein iro­ni­sches Lächeln auf – was außer den unbe­ein­druck­bar schwei­gen­den Mön­chen kei­ner sah – und beschloß, die Sei­te von ihrer komi­schen Sei­te zu betrach­ten. Dann, nach und nach, fand ich her­aus, daß sie kei­ne komi­sche Sei­te hatte.«

Fazit zu ›Beerholms Vorstellung

Bereits in sei­nem Erst­lings­werk sind eini­ge der The­men ange­legt, die auch für Kehl­manns spä­te­res Werk maß­ge­bend sein wer­den, wie ›F‹ oder ›Tyll‹. Die Wirk­lich­keit und ihre Wahr­neh­mung wer­den spie­le­risch auf die Pro­be gestellt. Doch scheint es ›Beer­holms Vor­stel­lung‹ im Ver­gleich zu sei­nen spä­te­ren Wer­ken noch an Schliff zu feh­len, die­se The­men sind noch nicht so prä­zi­se her­aus­ge­ar­bei­tet, wie es ihm in spä­te­ren Roma­nen gelin­gen wird, ohne, dass sein vir­tuo­ser Umgang mit Wirk­lich­keit dar­un­ter zu lei­den hät­te. Doch ver­fliegt dies nach 50 Sei­ten wie­der und übrig bleibt ein Roman, der sich auch am Ende nicht in die Enge drän­gen lässt.

Denn die eige­ne Wahl, ob Magie in Beer­holms Lebens­wirk­lich­keit exis­tiert oder nicht, bleibt für den Roman­ver­lauf nicht folgenlos.

Buchinfo

Dani­el Kehl­mann:
Beer­holms Vor­stel­lung

Roman
rowohlt/rororo, Ham­burg 2007
256 S., EUR (D) 10,- inkl. MwSt.
Taschen­buch
ISBN 978−3−499−24549−7

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J. K. Rowling: Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind. Das Originaldrehbuch [Rezension]

Von der Liebe zu Tierwesen. 

Wie vie­le, vie­le ande­re in mei­ner Genera­ti­on (und nicht nur die­ser) bin ich schon vor ›Phan­tas­ti­sche Tier­we­sen und wo sie zu fin­den sind. Das Ori­gi­nal­dreh­buch‹ ein rie­si­ger Fan von ›Har­ry Pot­ter‹ und alles, was J. K. Row­ling zum ›Har­ry Pot­ter‹-Uni­ver­sum schreibt, lan­det frü­her oder spä­ter auf mei­nem Lesestapel. 

Ihre Geschich­ten um den jun­gen Har­ry Pot­ter und sei­ne Freun­de haben mei­ne Welt ein gro­ßes Stück magi­scher und wär­mer gemacht. 

Es über­rascht somit nicht, dass ich auch ›Phan­tas­ti­sche Tier­we­sen und wo sie zu fin­den sind. Das Ori­gi­nal­dreh­buch‹ gele­sen habe. Was mich hin­ge­gen über­rascht hat, war, dass ich es erst die­ses Jahr getan habe. Als der Film Ende 2016 in die deut­schen Kinos kam, muss­te ich unbe­dingt rein. Nor­ma­ler­wei­se hät­te ich zuerst das Buch gele­sen, aber irgend­wie hat­te es sich in die­sem Jahr anders ergeben.

»Mr Gra­ves, Sir, das ist Mr Sca­man­der.
Er hat ein när­ri­sches Geschöpf in
sei­nem Kof­fer, das in einer Bank
ent­flo­hen war und für Auf­re­gung
gesorgt hat.«

Ich weiß nicht, was ich von dem Film erwar­tet habe, aber es war von Anfang an klar, dass er nur schwer wür­de an mei­ne Lie­be zu den ›Har­ry Pot­ter‹-Büchern anknüp­fen kön­nen. An sich gese­hen ist der Film schön: Die Tier­we­sen sind lie­be­voll aus­ge­ar­bei­tet auf die Lein­wand gezau­bert wor­den, eini­ge der Schau­spie­ler wie Eddie Red­may­ne gehör­ten bereits vor dem Film zu mei­nen Lieblingen.

Bild: Die Autorin J. K. Row­ling (Quel­le: Carl­sen)
© Debra Hur­ford Brown

Trotz­dem konn­te der Film mich nicht ganz über­zeu­gen. Ver­mut­lich, weil die ›Har­ry Pot­ter‹-Bücher mit jedem wei­te­ren Band an unglaub­li­cher Inten­si­tät zuge­nom­men hat­ten und mit ›Phan­tas­ti­sche Tier­we­sen und wo sie zu fin­den sind. Das Ori­gi­nal­dreh­buch‹ erst wie­der etwas Neu­es begin­nen muss­te, das Zeit brau­chen wür­de, eine ähn­li­che Inten­si­tät zu ent­wi­ckeln. Als ich 2019 dann tat­säch­lich das Ori­gi­nal­dreh­buch zum Film las, hat sich die­ses Gefühl bestä­tigt. Der alt­ein­ge­ses­se­ne Fan in mir muss­te erst ler­nen, dass sie zwar ein Stück weit zusam­men­ge­hör­ten, ›Phan­tas­ti­sche Tier­we­sen‹ jedoch erst ein­mal sei­ne eige­ne Geschich­te erzäh­len musste. 

Die Geschich­te des Tier­we­sen­lieb­ha­bers Newt Sca­man­der, der Auro­rin Tina und ihren Freun­den und Ver­bün­de­ten. Doch sind bereits in ›Phan­tas­ti­sche Tier­we­sen und wo sie zu fin­den sind. Das Ori­gi­nal­dreh­buch‹ eini­ge Hin­wei­se ver­steckt, die die Ver­bun­den­heit zu den ›Har­ry Pot­ter‹-Bän­den, die chro­no­lo­gisch nach ›Phan­tas­ti­sche Tier­we­sen und wo sie zu fin­den sind. Das Ori­gi­nal­dreh­buch‹ ange­sie­delt sind, erah­nen lassen.

Fazit zu ›Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind. Das Originaldrehbuch

Zum Ende hin ver­dich­tet sich die Geschich­te um Newt und Tina und macht gro­ße Lust, den nächs­ten Band von ›Phan­tas­ti­sche Tier­we­senGrin­del­walds Ver­bre­chen‹ – in die Hän­de zu bekom­men. Die deutsch­spra­chi­ge Aus­ga­be, die bei Carl­sen erschie­nen ist, macht das Buch auf jeden Fall auch zu einem opti­schen Hin­gu­cker, dem ver­mut­lich kein Niff­ler wider­ste­hen könnte.

»Es gesche­hen selt­sa­me Din­ge über­all
in der Stadt. Dahin­ter ste­cken Leu­te,
die nicht so sind wie wir. Das ist
Hexe­rei, siehst du das nicht?«

Buchinfo

J. K. Row­ling:
Phan­tas­ti­sche Tier­we­sen
und wo sie zu fin­den sind

Das Ori­gi­nal­dreh­buch
Aus dem Eng­li­schen von Anja Han­sen-Schmidt
Carl­sen Ver­lag, Ham­burg 2017
304 S., EUR (D) 19,99 inkl. MwSt.
Hard­co­ver, gebun­den mit Schutz­um­schlag
Alters­emp­feh­lung: ab 14 Jah­ren
ISBN 978−3−551−55694−3

Lust bekom­men?

Das hier dar­ge­stell­te Cover und die ange­ge­be­ne Aus­ga­be sowie die Anga­ben zum Buch kön­nen von den der­zeit erhält­li­chen Aus­ga­ben abweichen.


Bewer­tung: 3.5 von 5.


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