Archiv der Kategorie: Historischer Roman

Victoria Mas: Die Tanzenden [Rezension]

Victoria Mas: Die Tanzenden [Rezension]

Von Frauen und Freiheit. 

Ende des 19. Jahr­hun­derts wird wohl jede Frau in Paris den Namen einer bestimm­ten Ein­rich­tung gekannt haben. Das ›Hôpi­tal de la Sal­pê­triè­re‹ von ›Die Tan­zen­den‹ war eine Ner­ven­heil­an­stalt, in die man über Jah­re nicht nur jene Frau­en brach­te, die eine Behand­lung benötigten. 

Zumeist von ihren Vätern, Ehe­müt­tern oder Brü­dern dort hin­ge­brach­te, ging die Ein­wei­sung nicht sel­ten mit einem Aus­schluss aus der Fami­lie ein­her. Häu­fig genug, ohne das die Frau­en das selbst wollten.

Die unter­schied­lichs­ten Frau­en leben in ›Die Tan­zen­den‹ im ›Hôpi­tal de la Sal­pê­triè­re‹, ehe­ma­li­ge Pro­sti­tu­ier­te, Hys­te­ri­ke­rin­nen, Melan­cho­li­ke­rin­nen oder Frau­en, die nicht bereit sind, die ihnen zuge­dach­te Rol­le im Leben ein­zu­neh­men. Frau­en, die von sich selbst sagen, Geis­ter sehen zu kön­nen, und sol­che, die ihnen zu nah sind. 

In einer Zeit, in der Män­ner Fami­li­en­ober­häup­ter oder Ärz­te sind, wäh­rend Frau­en als Kran­ken­schwes­ter arbei­ten, sich unter­ord­nen und über sich bestim­men las­sen müssen. 

»War­um Göt­ter ver­eh­ren, wenn es Män­ner wie Char­cot gibt? Nein, das stimmt nicht ganz: Kein Mann kann es mit Char­cot auf­neh­men. Sie ist stolz, ja, stolz auf das Vor­recht, seit fast zwan­zig Jah­ren ihren Bei­trag zur Arbeit und zu den Fort­schrit­ten des berühm­tes­ten Ner­ven­arz­tes von Paris leis­ten zu dürfen.«

Und wäh­rend in ›Die Tan­zen­den‹ für vie­le Frau­en, der Gedan­ke erschre­ckend ist, im ›Hôpi­tal de la Sal­pê­triè­re‹ zu laden, gibt es ande­re, für die der Gedan­ke nicht ertrag­bar ist, dort jemals wie­der hin­aus zu müs­sen. Was ist das für eine Welt, der Frau­en die Ner­ven­heil­an­stalt vorziehen?

Vic­to­ria Mas gelingt es in ihrem Debüt­ro­man ›Die Tan­zen­den‹ einen span­nen­den Blick auf jene Frau­en zu geben, so unter­schied­lich und facet­ten­reich sie sind, und eine Ahnung des Schre­ckens zu ver­mit­teln, der der ›Sal­pê­triè­re‹ ange­haf­tet hat.

Das ›Hôpi­tal de la Sal­pê­triè­re‹ ver­kör­pert die Wün­sche vie­ler Frau­en zugleich: den Wunsch nach Sicher­heit, den Wunsch gese­hen zu wer­den und den Wunsch, mög­lichst schnell wie­der wegzukommen.

»Wer zum Aber­glau­ben neigt, könn­te mei­nen, das Mäd­chen sei von Dämo­nen beses­sen, und eini­ge im Publi­kum bekreu­zen sich tat­säch­lich verstohlen …«

Das High­light des Jah­res ist für die meis­ten Pati­en­tin­nen – und nicht nur für die­se – der Ball an Mitt­fas­ten. Die Ein­la­dun­gen für Außen­ste­hen­de sind begehrt und das, was es zu sehen gibt, ist sonst hin­ter den Mau­ern der Ein­rich­tung ver­bor­gen: die Pati­en­tin­nen, auf der einen Sei­te über­ra­schend nor­mal, auf der ande­ren Sei­te auf­re­gend anders.

Fazit zu ›Die Tanzenden

Mas macht die Frau­en der ›Sal­pê­triè­re‹ sicht­bar, ohne sie auf Schau­ob­jek­te zu redu­zie­ren, span­nend, bewe­gend und erschre­ckend zugleich. 

Buchinfo

Vic­to­ria Mas:
Die Tan­zen­den

Über­setzt von: Julia Scho­ch
Piper, Mün­chen 2020
240 S., EUR (D) 20,- inkl. MwSt.
Roman
Hard­co­ver mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−492−07014−0

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Nikoletta Kiss: Das Licht vergangener Tage [Rezension]

Von Kanten, Kerben und Zukunftswünschen. 

Als sich der jun­ge Kunst­stu­dent Ist­ván und die ange­hen­de Schau­spie­le­rin Rebe­ka ken­nen­ler­nen, sind die bei­den in ›Das Licht ver­gan­ge­ner Tage‹ noch am Anfang ihrer Kar­rie­re. Obwohl Ist­ván ein talen­tier­ter Künst­ler ist, bekommt er durch sei­ne Male­rei bereits früh Probleme.

Rebe­ka hin­ge­gen, die aus gutem Hau­se kommt und alle Regeln der Eti­ket­te beherrscht, wird schon bald auf der Büh­ne bewun­dert. So ist es, wäh­rend sie die Tage mit Ist­ván ver­bringt und für ihre Vor­spre­chen übt, nur eine Fra­ge der Zeit, bis ein gut situ­ier­ter Pro­fes­sor um ihre Hand anhält. 

Doch als die Gescheh­nis­se der 1950er-Jah­re über Ungarn her­ein­bre­chen, ist es nicht Ist­ván, der vor Pro­ble­men steht, son­dern Rebek­ka: Mit ihrem Vater soll sie das Haus ihrer Kind­heit ver­las­sen und in ein klei­nes Dorf wei­ter weg ziehen.

»Der Aus­la­ge­rungs­be­fehl gab ihnen vier­und­zwan­zig Stun­den, um das Nötigs­te zusam­men­zu­pa­cken, nicht mehr als fünf­zig Kilo­gramm pro Person.«

Als Rebe­kas gewohn­tes Leben aus­ein­an­der­bricht, bit­tet sie ihren Ver­lob­ten, Pro­fes­sor Breit­ner, und ihren Freund Ist­ván um Hil­fe. Doch nur einer der bei­den Män­ner ist bereit, sein gewohn­tes Leben für sie aufzugeben.

Das Licht ver­gan­ge­ner Tage‹ gehört zu jenen Roma­nen, die dem Leser auch Tage, nach­dem man das Buch gele­sen hat, noch im Kopf rum­ge­hen. Nach und nach will die Viel­schich­tig­keit des Romans betrach­tet und durch­dacht wer­den. Er zeigt uns das Leben zwei­er jun­ger Men­schen, mit ihren Wün­schen und Vor­stel­lun­gen für die Zukunft. Und gleich­zei­tig zeigt er, wel­che Opfer für die­se gebracht wer­den müs­sen und wel­che uner­reich­bar bleiben.

»Ich habe immer geglaubt, ich müss­te jeman­den wie Breit­ner hei­ra­ten, um das Glück zu fin­den. Bei Ist­váns Ver­su­chen, mir näher­zu­kom­men, stell­te sich mei­ne gut­bür­ger­li­che Erzie­hung ein wie eine Muttersprache.«

Und es ist wohl jene Uner­reich­bar­keit, die den Figu­ren ihre Tie­fe gibt. Denn wäh­rend ›Das Licht ver­gan­ge­ner Tage‹ zwi­schen der Ver­gan­gen­heit der 1940er- und 1950er-Jah­re, in der Ist­ván, Rebe­ka und Breit­ner noch jung waren, und der jun­gen Ver­gan­gen­heit der 2010er-Jah­re schwankt, in der zwei von ihnen zu alten Men­schen gewor­den sind und einer ver­stor­ben ist, weiß der Leser, dass es kei­ne ein­fa­che Geschich­te wer­den kann.

Und so schwebt das Gesche­hen des Romans zwi­schen dem, was ist, dem, was hät­te sein kön­nen, und dem, was nie wer­den wird. Die his­to­ri­schen Ereig­nis­se, die über die Per­so­nen her­ein­bre­chen, sind zu groß und ver­schlu­cken sie, um sie an einem ande­ren Ort wie­der auszuspucken.

Niko­let­ta Kiss gelingt mit ihrem Roman ›Das Licht ver­gan­ge­ner Tage‹ vie­les zugleich: Er ist erfüllt von der Leich­tig­keit der Figu­ren und der Schwe­re der Ereig­nis­se. Von der Ver­än­de­rung der Leben, die die­se füh­ren kön­nen, und der Bestän­dig­keit man­cher Wün­sche und Ziele.

Fazit zu ›Das Licht vergangener Tage

Dabei erschafft sie Figu­ren, die im Gedächt­nis blei­ben, fern­ab von Kitsch und Kli­schee. ›Das Licht ver­gan­ge­ner Tage‹ braucht ein wenig Zeit, um sich zu ent­fal­ten, und so kann es mit­un­ter ein wenig dau­ern, bis man mit den kan­ti­gen Beson­der­hei­ten der Per­so­nen warm wird. Doch sind es eben jene kan­ti­gen Beson­der­hei­ten, die die Geschich­te tra­gen, auch, lan­ge nach­dem man den Buch­de­ckel geschlos­sen hat. 

Buchinfo

Niko­let­ta Kiss:
Das Licht ver­gan­ge­ner Tage

Hey­ne, Mün­chen 2019
448 S., EUR (D) 12,99 inkl. MwSt.
Roman, Paper­back
ISBN 978−3−453−42321−3

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