Archiv der Kategorie: Belletristik

Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße [Rezension]

Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße [Rezension]

Von einem Jungen und einem Mädchen, die an das Wundersame glaubten. 

Für eine Beer­di­gung kehrt ein Mann in ›Der Oze­an am Ende der Stra­ße‹ an den Ort sei­ner Kind­heit zurück. Nicht nur mit sei­nem Eltern­haus ver­bin­det er vie­le Erin­ne­run­gen, auch mit der Farm, auf der Let­tie Hempstock leb­te und dem Teich – der für sie ein Oze­an war.

Doch die Erleb­nis­se in sei­ner Kind­heit sind nur auf den ers­ten Blick jene, die vie­le Kin­der tei­len. Aben­teu­er im Wald, Geheim­nis­se mit neu­en Freun­den, Streit mit Eltern und Gehor­sam. Ängs­te, Unge­hor­sam und der Wunsch, von den Eltern geliebt und beschützt zu werden.

Einen Toten in einem Auto zu ent­de­cken ist hin­ge­gen ein Erleb­nis, das zum Glück nicht alle Kin­der tei­len. Eben­so wenig das Geschöpf, das sie im Wald erwar­tet und so sei­nen Weg in das Zuhau­se des Man­nes fin­det, denn kurz danach wird eine attrak­ti­ve Frau als Kin­der­mäd­chen für den Jun­gen und sei­ne Schwes­ter ein­ge­stellt. Doch bald schon ist sie mehr als nur ein Kindermädchen. 

»Hier war ich doch schon ein­mal gewe­sen, oder, vor lan­ger Zeit? Eigent­lich war ich mir sicher. Kind­heits­er­in­ne­run­gen lie­gen manch­mal unter den Din­gen ver­bor­gen, die spä­ter pas­siert sind, wie Spiel­zeug, das ver­ges­sen auf dem Boden eines Klei­der­schranks liegt, aber nie ganz ver­lo­ren ist.«

Sein Vater beginnt mit ihr eine Affä­re. Nur der Jun­ge scheint wahr­zu­neh­men, dass etwas mit der attrak­ti­ven Frau nicht stimmt, die ihn davon abhal­ten will, das Haus zu ver­las­sen. Auch, wenn sie sei­nem Vater dafür Lügen erzäh­len muss. Der Jun­ge will nichts mehr, als die Frau los­wer­den und mit Let­tie spre­chen, die ihm als ein­zi­ge hel­fen kann.

»Ich frag­te mich, war­um sie alle Hempstock hie­ßen, die­se Frau­en, aber ich frag­te nicht danach, eben­so wenig wie ich mich getrau­te zu fra­gen, woher sie wuss­ten, was in dem Abschieds­brief stand oder was der Opal­schürfer gedacht hat­te, als er gestor­ben war. Sie rede­ten dar­über, als wäre das alles völ­lig normal.«

Die magi­sche und phan­tas­ti­sche Wahr­neh­mung des Jun­gen ver­mischt sich mit den Erleb­nis­sen sei­ner Kind­heit. Wäh­rend in sei­nem Eltern­haus nie­mand wahr­zu­neh­men scheint, was im Ort geschieht, weiß Let­ties Fami­lie mehr. Magie scheint in dem Haus zu pul­sie­ren. Der Glau­be an Din­ge, die für ande­re nur Aber­glau­be oder unvor­stell­bar sind.

Doch wie soll es einem Kind gelin­gen, das Geschöpf aus sei­nem Haus zu ver­trei­ben und sei­ne Fami­lie vor ihm zu beschüt­zen? Und wel­che Ängs­te ist im Stan­de, dafür auszustehen? 

»Wäh­rend wir altern, wer­den wir zu unse­ren Eltern; wenn man lan­ge genug lebt, sieht man die Gesich­ter sei­ner Jugend wie­der. Ich erin­ner­te mich an Mrs. Hempstock, Let­ties Mut­ter, als eine stäm­mi­ge Frau. Die­se Frau war dürr und zierlich.«

Neil Gai­man gelingt es in ›Der Oze­an am Ende der Stra­ße‹ eine Geschich­te zu schrei­ben, die sowohl den Zau­ber des Kind­seins ein­fängt als auch dem Wun­der­ba­ren und Magi­schen einen fes­ten Platz ein­räumt. Das Buch ist wun­der­voll von Eli­se Hurst illus­triert, sodass die Buch­sei­ten auf meh­re­re Arten zugleich zum Leben erwachen.

Zugleich wird das Kind­sein ernst­ge­nom­men wie sel­ten in einer Geschich­te. Und wäh­rend der Jun­ge mit all den Ein­schrän­kun­gen sei­ner Kind­heit kämp­fen muss, ist er in ande­ren Berei­chen doch viel frei­er als es zum Bei­spiel sein Vater zu sein scheint. Wem ›Der Oze­an am Ende der Stra­ße‹ gefal­len hat, soll­te einen Blick auf Gai­m­ans ande­re Wer­ke wer­fen wie ›Nor­di­sche Mythen und Sagen‹.

Fazit zu ›Der Ozean am Ende der Straße‹

Der Oze­an am Ende der Stra­ße‹ ist ein wun­der­schö­nes, teils düs­te­res Buch über das Kind­sein, das Wun­der­sa­me, Fami­lie und dem Kampf, die eige­nen Ängs­te zu über­win­den. Als gro­ßer Neil Gai­man-Fan muss­te ich das Buch natür­lich lesen und die wun­der­schön illus­trier­te Aus­ga­be hat mich defi­ni­tiv von sich überzeugt.

Buchinfo

Neil Gai­man:
Der Oze­an am Ende der Stra­ße

illus­triert von Eli­se Hurst
aus dem Eng­li­schen von Han­nes Rif­fel
Eich­born, Köln 2021
336 S., EUR (D) 24,- inkl. MwSt.
Hard­co­ver
Alters­emp­feh­lung: ab 14 Jah­ren
ISBN 978−3−8479−0071−9

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Leigh Bardugo: Rule of Wolves [Rezension]

Düsterer Charme und mächtige Frauen. 

Vor bald zehn Jah­ren nun ist 2012 mit ›Gol­de­ne Flam­men‹ der ers­te Band der Gri­sha-Tri­lo­gie von Leigh Bar­d­u­go erschie­nen. Weni­ge Jah­re spä­ter ist dann die Glo­ry or Gra­ve‹-Dilo­gie erschie­nen, die im glei­chen Uni­ver­sum ange­sie­delt ist und 2019 erschien der ers­te Band der ›King of Scars‹-Dilo­gie. Nun ist mit ›Rule of Wol­ves‹ end­lich der zwei­te Band erschie­nen und die Geschich­te von Niko­lai, Nina und Zoya geht weiter.

Nina Zenik hat es geschafft, unter ande­rem Namen in das Haus ihres größ­ten Fein­des ein­ge­las­sen zu wer­den. Jarl Brums, der Anfüh­rer der gefürch­te­ten Gri­sha-Jäger. In Fje­r­da wer­den Gri­sha gejagt und dem Eis­tri­bu­nal über­ge­ben – ein Schick­sal, das mit dem Tod ende­te, wenn sie nicht als For­schungs­ob­jek­te benutzt wur­den. Ein gro­ßer Teil von Ninas See­le will Rache, Rache für das, was mit Mat­thi­as. Ein wei­te­rer Teil will, dass der Hass der Fje­r­da gegen die Gri­sha ein Ende hat. Ein Hass, der schon seit so vie­len Jah­ren in den Men­schen gesät wird und wächst. Doch wer wäre eine bes­se­re Hil­fe für ein sol­ches Vor­ha­ben, als Jarl Brums Toch­ter, die wie Nina eben­falls eine Gri­sha ist.

Doch Nina ist nicht die ein­zi­ge, die für das Über­le­ben der Gri­sha kämpft und sich vor dem Hass der Fje­r­dan hüten muss. Auch Niko­lai und Zoya kämp­fen gegen alte und mäch­ti­ge Gegner.

»Sag mir, dass es mehr ist als Krieg und Sor­ge, die dich die­se Wor­te spre­chen las­sen. Sag mir, was sie bedeu­ten wür­den, wenn du kein Zar wärst und ich kei­ne Soldatin.«

Wäh­rend der Angriff der Fje­r­da aus dem Nor­den droht, in West-Rav­ka von Unru­hen berich­tet wird, berei­ten auch die Shu Han Niko­lai Sor­gen. Nicht nur, weil sich die Vor­be­rei­tun­gen sei­ner Hoch­zeit als schwie­rig gestal­ten, son­dern auch, weil die Geg­ner immer näher kommen.

Niko­lai hat alle Hän­de voll zu tun: Rav­ka wird an allen Gren­zen bedroht, in sei­nem Innern wütet ein mäch­ti­ger Dämon und unter sei­nen Gefan­ge­nen ist ein Mann, der bedroh­li­cher ist, als alle ande­ren Gefah­ren zusam­men. Ein Gefan­ge­ner, der den Lesern der Gri­sha-Tri­lo­gie nur zu ver­traut sein dürf­te. Zum Glück ver­fügt Niko­lai nicht nur über jede Men­ge Charme und Manie­ren, sein Ver­stand und sein Erfin­dungs­reich­tum sind messerscharf.

»Die Kerch konn­ten das Meer haben. Die Zement Namen den Him­mel. Rav­ka hat­te sein Wort gehal­ten und genau das gelie­fert, was die Kerch woll­ten, aber nicht das, was sie brauchten.«

Doch Niko­lais Gefan­ge­ner ist nicht das ein­zi­ge bekann­te Gesich­te, dass in der ›King of Scars‹-Dilo­gie wie­der­kehrt. Denn wer wäre bes­ser geeig­net, um bei einem schwe­ren Dieb­stahl zu häl­fen als gewis­se Her­ren aus Ket­ter­dam, die den Glo­ry or Gra­ve-Lesern noch gut in Erin­ne­rung sein sollten. 

»Die Dro­ge hat­te alles ver­än­dert, hat­te die Gri­sha auf eine Wei­se angreif­bar gemacht, wie sie es zuvor nie waren, aber sie wei­ger­ten sich, die­se Mas­ken als ein Sym­bol von Schwä­che oder Unsi­cher­heit zu tra­gen. Sie hat­ten sie mit Fang­zäh­nen und gewun­de­nen Zun­gen, mit klaf­fen­den Mäu­lern bemalt. Sie sahen aus wie Gar­go­yles, die in Kampf­kef­tas über das Feld kamen.«

Doch das Wie­der­se­hen von ver­trau­ten Gesich­tern ist nicht nur eine Stär­ke von ›Rule of Wol­ves‹. Wäh­rend das Wie­der­se­hen mit den Krä­hen von Ket­ter­dam gelingt und zu den Cha­rak­te­ren passt, ist dies mei­ner Mei­nung nach nicht für alle Cha­rak­te­re der Fall, die bereits in der Gri­sha-Tri­lo­gie auf­ge­taucht sind. Zum einen ist dort ein wür­di­ges Ende für einen Cha­rak­ter gefun­den wor­den, der nun wie­der auf­ge­taucht ist und nicht rich­tig zur Gel­tung kommt. Zum ande­ren hat ein ande­rer Cha­rak­ter in der Gri­sha-Tri­lo­gie ein pas­sen­des Hap­py-End in Aus­sicht gestellt bekom­men, dass nun auf­ge­löst wurde. 

Obwohl Niko­lai Lant­sov in der Gri­sha-Tri­lo­gie einer mei­ner Lieb­lin­ge war, hat er mir als Neben­cha­rak­ter bes­ser gefal­len als jetzt, da er zu einem der Prot­ago­nis­ten beför­dert wur­de, ähn­lich geht es mir mir Zoya. Der Hand­lungs­strang von Nina Zenik hin­ge­gen, berührt und inter­es­siert mich sehr. Vor allem im ers­ten Band der ›King of Scars‹-Dilo­gie moch­te ich ihren Kampf, um mit Mat­thi­as Schick­sal umzu­ge­hen, ihre ver­düs­ter­te Art.

Fazit zu ›Rule of Wolves

Ich habe es kaum erwar­ten kön­nen, ›Rule of Wol­ves‹ end­lich in die Fin­ger zu bekom­men. Obwohl mich nicht alle Hand­lungs­strän­ge des Romans begeis­tern, kann ich ein­fach nicht genug aus dem Gris­ha­ver­se bekom­men. Nina Zenik ist mein abso­lu­ter Lieb­ling. Ich hof­fe sehr, dass es noch wei­te­re Spin-Offs und Sequels aus die­sem wun­der­ba­ren Uni­ver­sum geben wird.

Buchinfo

Leigh Bar­d­u­go:
Rule of Wol­ves

Thron aus Nacht und Sil­ber
Die King-of-Scars-Dilo­gie, Band 2
Über­setzt von: Michel­le Gyo
Knaur HC, Mün­chen 2021
576 S., EUR (D) 16,99 inkl. MwSt.
Roman, Paper­back
ISBN 978−3−426−22701−5

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Simon Beckett: Die Verlorenen [Rezension]

Ein Grauen, das vor zehn Jahren begann.

Vor zehn Jah­ren hat sich Jonah Col­leys Leben in ›Die Ver­lo­re­nen‹ schlag­ar­tig ver­än­dert, an dem Tag, an dem sein Sohn ver­schwand. Sei­ne Ehe ist mitt­ler­wei­le geschie­den, Jonah und Gavin haben seit Jah­ren kei­nen Kon­takt mehr, obwohl sie frü­her die bes­ten Freun­de waren. 

Doch auch nach über zehn Jah­ren sind die Geis­ter der Ver­gan­gen­heit nicht zur Ruhe gekom­men. Beim Fund meh­re­rer Lei­chen in einem ver­las­se­nen Lager­haus ver­liert Jonah bei­na­he sein Leben. Doch je stär­ker er in die Auf­klä­rung der Gescheh­nis­se im Lager­haus hin­ein gerät, des­to stär­ker wird im klar, dass alles mit den Ereig­nis­sen vor zehn Jah­ren zusam­men­hän­gen könnte.

Doch Jonah ist nicht Teil des Ermitt­lungs­teams. Mehr noch steht er bald selbst als Ver­däch­ti­ger im Fokus der Ermitt­lung, da er vor den Ermitt­lern Din­ge zu ver­heim­li­chen scheint.

»Als Jonah das Blut roch, war ihm klar, dass er in Schwie­rig­kei­ten steck­te.
An dem alten Kai war es stock­fins­ter. Kei­ne ein­zi­ge Stra­ßen­la­ter­ne brann­te, die Lager­häu­ser lagen im Dun­keln, Relik­te einer ande­ren Zeit.«

Mit dem Fall bre­chen Jonahs alte Wun­den wie­der auf. Was war vor zehn Jah­ren gesche­hen, als sein damals vier­jäh­ri­ger Sohn ver­schwun­den ist? Wie­so kom­men zu Gavins Beer­di­gung, der frü­her beliebt und bekannt war, nur so wenig Leute?

Nie­mand weiß, wer die Lei­chen sind, die im Lager­haus gefun­den wor­den sind. Und nie­mand weiß, was aus dem Mann gewor­den ist, der Jonah im Lager­haus ange­grif­fen hat. Für Jonah sind die Ereig­nis­se genau­so rät­sel­haft wie die Gescheh­nis­se vor zehn Jahren. 

»Sie kann­ten sich seit Ewig­kei­ten. In der Schu­le bes­te Freun­de, dann zusam­men zur Poli­zei, die Pro­be­zeit bei der Met gemein­sam durch­lau­fen und schließ­lich im sel­ben Stadt­teil gear­bei­tet. Gavin war immer der Extra­ver­tier­te­re gewe­sen, aber hin­ter sei­ner Läs­sig­keit und Fröh­lich­keit ver­barg sich erbit­ter­ter Ehrgeiz.«

Doch plötz­lich begin­nen sich die Ereig­nis­se von vor zehn Jah­ren zu wie­der­ho­len. Kin­der ver­schwin­den und Jonah muss sich erneut der Fra­gen stel­len, ob er sie ret­ten kann. Getrie­ben von der vagen Hoff­nung, end­lich her­aus­zu­fin­den, was mit sei­nem Sohn gesche­hen ist, geht Jonah aufs Ganze.

»Das war Jah­re her. Ein ande­res Leben. Wie­so such­te Gavin jetzt aus dem Nichts auf und bat Jonah um Hilfe?«

Simon Beckett hat sein Talent für span­nen­de Thril­ler-Rei­hen bereits mit der David Hun­ter-Rei­he bewie­sen. Mit Jonah Col­ley hat Beckett jedoch einen Prot­ago­nis­ten für sei­ne neue Rei­he erfun­den, der als Poli­zist unmit­tel­bar an der Auf­klä­rung der Fäl­le als Ermitt­ler betei­ligt sein kann. Dabei ist Jonah kein Kli­schee-Poli­zist, son­dern facet­ten­reich und nahbar.

Fazit zu ›Die Verlorenen

Die Ver­lo­re­nen‹ ist von der ers­ten bis zur letz­ten Minu­te span­nend. Johan­nes Steck ist ein tol­ler Hör­buch­spre­cher, der die Stim­mung des Romans rich­tig gut rüber­bringt. Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart sind in ›Die Ver­lo­re­nen‹ ein­falls­reich mit­ein­an­der ver­wo­ben und geben jede Men­ge Rät­sel auf. Ich bin gespannt, wie es mit Jonah Col­ley im zwei­ten Band der Rei­he wei­ter­ge­hen wird.

Buchinfo

Simon Beckett:
Die Ver­lo­re­nen

Jonah Col­ley-Rei­he, Band 1
Gele­sen von Johan­nes Steck
Aus dem Eng­li­schen von Karen Wit­t­huhn und Sabi­ne Längs­feld
Thril­ler, Hör­buch, unge­kürzt
argon hör­buch, Ber­lin 2021
Lauf­zeit 11 Stun­den 11 Minu­ten, EUR (D) 24,95 inkl. MwSt.
ISBN 978−3−7324−5537−9

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Julia Dippel: Belial [Rezension]

Eine Wette zwischen Göttern und ein Mädchen, das sich diesen nicht beugt. 

Die jun­ge Tem­pel­die­ne­rin Cas­sia hat­te defi­ni­tiv nicht geplant, zum Gegen­stand einer Wet­te zwi­schen Göt­tern zu wer­den. Vor allem nicht, wenn es sich dabei um den grau­sa­men und sadis­ti­schen Dämon Ianus und den Teu­fel Beli­al höchst­per­sön­lich han­delt. Auch dann nicht, wenn der Teu­fel äußerst attrak­tiv und char­mant ist. 

Doch Cas­sia ver­folgt eige­ne Zie­le. Sie weiß genau, wer dafür ver­ant­wort­lich ist, dass immer wie­der Frau­en aus dem Tem­pel ver­schwin­den, in dem sie lebt. Ianus‘ Grau­sam­keit ist bekannt, doch bis­lang konn­te ihm nie etwas nach­ge­wie­sen werden. 

Als Cas­sia die Gele­gen­heit bekommt, Ianus zu Fall zu brin­gen, sagt sie nicht nein. Sie ist bereit, sich als Skla­vin an ihn ver­kau­fen zu las­sen, um nach einem Beweis für sei­ne Ver­bre­chen suchen zu kön­nen und zu erfah­ren, was mit ihrer Freun­din Daph­ne gesche­hen ist.

»Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl … sonst nichts. Mir wur­de die Keh­le eng. Man hat­te Daph­nes Hab­se­lig­kei­ten bereits weg­ge­bracht und trotz­dem schweb­te die Erin­ne­rung an die jun­ge Pries­te­rin noch immer in die­sen vier Wänden.«

Doch Cas­sia ist nicht die ein­zi­ge, die eine Rech­nung mit Ianus offen hat. Auch der Teu­fel Beli­al ist kein Fan von Ianus. In Ianus‘ Besitz befin­det sich jedoch etwas, das Beli­al unbe­dingt zurück­will: sein Hei­mat­land Mal­ta. Um Mal­ta zurück­zu­be­kom­men, lässt Beli­al sich auf eine Wet­te mit Ianus ein. Wenn Cas­sia ihm inner­halb von fünf Tagen frei­wil­lig ihre See­le ver­spricht, gehört Mal­ta wie­der Beli­al. Wenn nicht, muss er das Knie vor Ianus beugen. 

Aber Cas­sia hat defi­ni­tiv nicht vor, irgend­je­man­dem ihre See­le zu schen­ken, vor allem kei­nen Dämon. Den­noch lie­fert ihr die Wet­te die Gele­gen­heit, an Ianus heranzukommen.

»Die Eisen­ket­ten an mei­nen Hand­ge­len­ken fühl­ten sich inzwi­schen nach einer rich­tig mie­sen Fehl­ent­schei­dung an. Anfangs waren sie nur ein nöti­ges Requi­sit gewe­sen, um unse­re Geschich­te glaub­haft zu machen, doch hier in den Höh­len schie­nen die Ket­ten mit jedem Schritt schwe­rer und schwe­rer zu wer­den. Mei­ne Instink­te rie­ten mir laut­stark zur Flucht.«

Doch ihr wird schnell bewusst, dass ihre Auf­ga­be nicht so leicht wird, wie sie es sich gewünscht hät­te. Ianus hütet sei­ne Geheim­nis­se gut und Beli­al lässt sie kaum einen Moment aus den Augen. Zusätz­lich läuft sie stän­dig Gefahr, von Ianus erwischt und getö­tet zu werden.

Cas­sia hat jedoch einen Vor­teil: Sie wird von den Göt­tern unter­schätzt. Sie wis­sen nicht von ihrer Gabe, die sie immun gegen man­che Kräf­te der Dämo­nen macht und kann nicht durch Illu­sio­nen getäuscht werden.

»Ich sah die Din­ge, wie sie waren und nicht, wie die Dämo­nen sie erschei­nen lie­ßen. Mei­ne Fähig­kei­ten mach­ten mich zu einer sel­te­nen Ano­ma­lie und zum per­fek­ten Wach­hund für Lucusta.«

Beli­al‹ wird abwech­seln aus zwei Per­spek­ti­ven erzählt. Zum einen aus Cas­si­as Per­spek­ti­ve, die den Dämo­nen zutiefst miss­trau. Zum ande­ren aus Beli­als Per­spek­ti­ve, die Ianus zwar eben­so sehr hasst wie Cas­sia, jedoch auf sein Hei­mat­land nicht ver­zich­ten will. In einem Gemisch aus Mani­pu­la­tio­nen, Täu­schung und Ver­füh­rung kom­men sich Cas­sia und Beli­al näher. Bei­de müs­sen erfah­ren, dass sowohl Men­schen als auch Dämo­nen anders sein kön­nen, als sie es sich vor­ge­stellt haben.

Julia Dip­pels neu­er Roman aus den Iza­ra-Chro­ni­ken ist von der ers­ten bis zu letz­ten Sei­te span­nend. Beli­al ist char­mant, mäch­tig und sehr, sehr arro­gant. Cas­sia hin­ge­gen ist klug, mutig und eine Über­le­bens­künst­le­rin. Mit Grim ist Dip­pel eine wun­der­ba­re Neben­fi­gur gelun­gen, die man durch ihre rup­pi­ge und ehr­li­che Art ein­fach mögen muss.

Fazit zu ›Belial‹

Beli­al‹ kann defi­ni­tiv gele­sen wer­den, ohne das man die Iza­ra-Chro­ni­ken bereits gele­sen hat, da es zeit­lich vor die­sen ange­sie­delt ist. Es ist eine lie­be­voll aus­ge­ar­bei­te­te Geschich­te über eine Wet­te, einen gefähr­li­chen Dämon und Cas­sia und Beli­al, auf die im Rom der Ver­gan­gen­heit jede Men­ge Über­ra­schun­gen und Her­aus­for­de­run­gen war­ten. Zugleich endet ›Beli­al‹ mit einem Cliff­han­ger, der defi­ni­tiv nach der Fort­set­zung schreit. Ich bin jeden­falls gespannt, wie es wei­ter­ge­hen wird. Wer ›Beli­al‹ moch­te, wird ver­mut­lich auch ›Cas­sar­dim 1‹ sehr mögen. 

Buchinfo

Julia Dip­pel:
Beli­al

Göt­ter­krieg – Aus den Iza­ra-Chro­ni­ken
(Iza­ra, Band 5)
Unge­kürz­te Lesung mit Sven Macht und Jodie Ahl­born
Sil­ber­fisch, Ham­burg 2021
679 Minu­ten Lauf­zeit, EUR (D) 24,95 inkl. MwSt.
Ab 13 Jah­ren
ISBN 978−3−8449−2739−9

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Holly Black: Elfenthron [Rezension]

Von einem Jungen, den man schwer zu lieben nannte, und einem Mädchen, das es dennoch wagte. 

Jude ist die Köni­gin des Elfen­reichs. Zum ers­ten Mal sitzt in ›Elfen­thron‹ ein Mensch auf dem Thron. Oder, wür­de auf dem Thron sit­zen. Denn kurz nach­dem Car­dan die Ehe mit Jude ein­ge­gan­gen ist, damit sie ihn von sei­ner Gehor­sam­s­pflicht frei­spricht, schickt er sie in die Verbannung.

Für einen Moment hat­te Jude geglaubt, dem schö­nen und grau­sa­men Elfen­prin­zen ver­trau­en zu kön­nen. Ihn viel­leicht sogar lie­ben zu kön­nen. Doch ein Wort von ihm hat genügt, um ihr alles zu neh­men, wofür sie im Elfen­reich gekämpft hat.

Ihr Auf­stieg war schnell. Von einer Schü­le­rin im Elfen­reich, zu einer Spio­nin des Prin­zen, bis hin zur Köni­gin des Elfen­reichs. Schnel­ler noch war nur ihr Fall.

Doch Jude wäre nicht Jude, wenn sie im Men­schen­reich nur rum­sit­zen und nicht hin und wie­der in Schwie­rig­kei­ten ver­wi­ckelt wer­den wür­de. An das Leben im Zwie­licht gewöhnt, nimmt sie dort Auf­trä­ge an, die zumeist Pro­ble­me betref­fen, die vom Klei­nen Volk ver­ur­sacht wer­den: Sie soll einem Wesen, das im Men­schen­reich Elfen jagt und frisst, das Ver­spre­chen abneh­men, damit auf­zu­hö­ren. Viel­leicht hät­te sie län­ger mit der Annah­me des Auf­trags gezö­gert, wenn sie gewusst hät­te, dass es sich bei dem Wesen um eine Rot­kap­pe han­del­te. Wie auch ihr Zieh­va­ter, der sie ins Elfen­reich ver­schlepp­te, nach­dem er ihre Eltern töte­te. Noch dazu nicht irgend­ei­ne Rot­kap­pe, son­dern die legen­dä­re Gri­ma Mog. 

»Ich seh­ne mich nach Magie, nichts ver­mis­se ich mehr. Mög­li­cher­wei­se ver­mis­se ich sogar mei­ne Ängs­te. Es fühlt sich an, als wür­de ich mei­ne Tage ver­träu­men, ruhe­los, ohne jemals rich­tig wach zu werden.«

Und plötz­lich über­schla­gen sich die Ereig­nis­se in›Elfen­thron‹. Sie hört von einem Atten­tat, das auf das Leben des Königs geplant ist: des Man­nes, den sie auf den Thron gesetzt und der sie im Gegen­zug in die Ver­ban­nung geschickt hat. Auch ihre Schwes­ter Taryn, die sie in den ers­ten bei­den Bän­den so man­ches Mal ver­ra­ten hat, braucht ihre Hilfe.

Ver­ban­nung hin oder her. Jude weiß, dass sie zurück ins Elfen­reich muss. Auch wenn ihr ihre Hin­rich­tung bevor­steht, wenn sie dabei geschnappt wer­den sollte.

»Hier sieht es aus wie in einem Mär­chen von der Sor­te, in der Lie­be etwas Schlich­tes ist und nie­mals ein Anlass für Qua­len.
Nachts sieht die Welt der Sterb­li­chen aus, als wäre sie vol­ler Stern­schnup­pen

Blacks ›Elfen­kro­ne‹-Rei­he ver­liert nicht an Tem­po. In den ers­ten bei­den Bän­den – ›Elfen­kro­ne‹ und ›Elfen­kö­nig‹ – sorg­sam auf­ge­bau­te Neben­cha­rak­te­re, Hand­lungs­strän­ge und Geheim­nis­se bekom­men im drit­ten und letz­ten Band der Tri­lo­gie ihren Auftritt. 

Fazit zu ›Elfenthron

Ganz gleich, ob man die Serie wegen der Hand­lung, der Lie­bes­ge­schich­te oder bei­dem folgt: Im drit­ten Band ›Elfen­thron‹ ist für bei­de gesorgt.

Wer auch nach dem drit­ten Band ›Elfen­thron‹ noch nicht genug von der Welt der ›Elfen­kro­ne‹-Rei­he bekom­men kann, der kann einen Blick in die Novel­le ›Die ver­lo­re­nen Schwes­tern‹ wer­fen. Dar­in schil­dert Taryn ihre Sicht auf die Ereig­nis­se des ers­ten Ban­des bezüg­lich Locke.

Buchinfo

Hol­ly Black:
Elfen­thron

Die Elfen­kro­ne-Rei­he, Band 3
Ab 14 Jah­ren
Über­setzt von: Anne Brau­ner
cbj HC, Mün­chen 2020
384 S., EUR (D) 18,- inkl. MwSt.
Roman, Hard­co­ver mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−570−16529−4

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Das hier dar­ge­stell­te Cover und die ange­ge­be­ne Aus­ga­be sowie die Anga­ben zum Buch kön­nen von den der­zeit erhält­li­chen Aus­ga­ben abweichen.


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Margaret Owen: Krähenzauber [Rezension]

Von alten Sünden und vergangenen Königen. 

Der jun­gen Flü­gel­her­rin Stur ist im ers­ten Band der ›Die zwölf Kas­ten von Sabor‹-Dilo­gie ›Kno­chen­die­bin‹ etwas gelun­gen, das viel­leicht noch kei­ner Krä­he vor ihr geglückt ist. Einen Habicht und einen Phö­nix für den Schutz der Krä­hen-Kas­te zu gewinnen.

Doch dabei han­delt es sich nicht um irgend­ei­nen Habicht und irgend­ei­nen Phö­nix, son­dern um den Thron­fol­ger Jasi­mir und des­sen Leib­wäch­ter Tavin, die natür­lich auch in ›Krä­hen­zau­ber‹ zen­tral sind. Da Jasi­mir nur mit Mühe meh­re­re Gift­an­schlä­ge durch die neue Frau sei­nes Vaters über­lebt hat, täuscht er sei­nen eige­nen Tod durch die Sün­den­seu­che vor, um aus dem Palast zu ent­kom­men. Ein aus der Not gebo­re­ner Bahn, der die bei­den hoch­ge­bo­re­nen jun­gen Män­ner für eine Zeit auf den Wegen der Krä­hen wan­deln lässt und sie denn Hass und die Ver­zweif­lung am eige­nen Leib spü­ren lässt, denen die Krä­hen jeden Tag aus­ge­setzt sind.

Ein Eid zwi­schen ihrem Pah und dem Thron­fol­ger besie­gelt das Schick­sal der Krä­hen: Wenn Pah und Stur Jasi­mir hel­fen, wer­den die Krä­hen zukünf­tig unter dem Schutz der Habich­te ste­hen. Doch die Vor­ur­tei­le gegen die Krä­hen sit­zen tief, noch immer beherrscht die Sün­den­seu­che das Land. Und der Eid wäre wohl unter einem schlech­te­ren Stern gestan­den, wenn es Stur nicht gelun­gen wäre, an Phö­ni­x­zäh­ne zu gelan­gen. Ein Werk­zeug, das ihr die Macht über das Feu­er ver­leiht. Und zugleich ein Werk­zeug, das sie brau­chen wird, um ihre Rot­te gegen Hautghu­le, Haut­he­xen und Ole­an­der-Jun­ker zu beschüt­zen und den Eid zu wahren.

»Dann blick­te sie Stur in die Augen, plötz­lich bit­ter­ernst. ›Ich kann dir dei­ne Geschich­te nicht erzäh­len, klei­ne Göt­tin. Ein Leben ums ande­re hast du ver­sagt, und es war stets am schlimms­ten, wenn ich dir gesagt habe, wonach du suchen sollst.‹«

Doch auch als Stur im ers­ten Band das Unmög­li­che gelun­gen scheint, sind die Krä­hen noch nicht geret­tet. Denn nach­dem Stur ihren Teil der Ver­ein­ba­rung ein­ge­hal­ten hat, kann sie in ›Krä­hen­zau­ber‹ nur hof­fen, dass Jasi­mir und Tavin sich auch an ihren Teil der Abma­chung hal­ten. Doch der eng­li­sche Ori­gi­nal­ti­tel des zwei­ten Ban­des – ›The Faith­less Hawk‹ – lässt bereits erah­nen, dass dies nicht so leicht wer­den wird.

Sabor ist ein Reich, in dem eine Gesell­schaft herrscht, die so lan­ge davon gelebt haben, die Krä­hen zu unter­drü­cken und zu ver­ach­ten, dass es Teil ihrer Grund­fes­ten gewor­den ist. Und nur weni­ge Nicht-Krä­hen wol­len, dass sich dar­an etwas ändert. Doch auch von Sturs wirk­li­chen Ver­bün­de­ten, kön­nen man­che nicht an ihrer Sei­te bleiben.

»Die Hai­ne erkann­ten Pah, sogar in die­sem Leben. Und sie hie­ßen ihn will­kom­men.
Dies war sein Zuhau­se, und schreck­li­cher­wei­se nur seins.«

Ein Ver­rat lässt die unheil­vol­len Gescheh­nis­se in ›Krä­hen­zau­ber‹ ihren Lauf neh­men. Nur knapp ent­kommt Stur mit ihrem Leben, da sie Rhu­sa­na mehr als nur ein Dorn im Auge ist. 

Zugleich kämp­fen bald uner­war­te­te Ver­bün­de­te an Sturs Sei­te, die zum Teil aus dem ers­ten Band noch gut bekannt sind. Mit ihrer Hil­fe gelingt es Stur zwar in den Königs­pa­last zu kom­men, doch ist dies sicher­lich nicht der sichers­te Ort für eine ein­zel­ne Krä­he – vor allem einer, die sich bei der Köni­gin bereits unbe­liebt gemacht hat. 

Doch nicht nur für Stur und ihre Rot­te bre­chen dunk­le Zei­ten an. Auch Sabor ver­sinkt mehr und mehr in der Sün­den­seu­che. Städ­te und Dör­fer wol­len die Krä­hen nicht mehr hin­ein­las­sen, um sich um die Infi­zier­ten zu küm­mern. Unge­bremst brei­tet sich die Seu­che somit wei­ter aus und ver­schlingt bald gan­ze Orte, bis kei­ne Mög­lich­keit mehr bleibt, als den gan­zen Ort niederzubrennen. 

Foto: pri­vat.

»›Ich hät­te vor­aus­den­ken kön­nen, ich hät­te mich opfern kön­nen, um [dei­ne Mut­ter] zu ret­ten, aber es waren die Ole­an­der-Jun­ker, die beschlos­sen haben, Jagd auf uns zu machen. Mei­ne Sün­den waren die eines neu­en Flü­gel­herrn. Also war­um kannst du mir ver­ge­ben und dir selbst nicht?‹«

Fazit zu ›Krähenzauber

Krä­hen­zau­ber‹ nimmt schnell an Fahrt auf und geht genau­so span­nend wei­ter, wie ›Kno­chen­die­bin‹ geen­det hat. Mit Stur ist Mar­ga­ret Owen eine wun­der­ba­re, star­ke und klu­ge Prot­ago­nis­tin gelun­gen. Auch Sturs Rot­te wächst von Sei­te zu Sei­te mehr ans Herz. 

Die Atmo­sphä­re ist geheim­nis­voll-düs­ter, der Schreib­stil dicht und packend. Wäh­rend Owen mit Stur, Pah, Tavin und Jasi­mir wun­der­bar facet­ten­rei­che Cha­rak­te­re gelin­gen, bleibt die Gegen­sei­te lei­der etwas blass, deren Han­deln vor allem durch einen Wunsch nach Macht moti­viert scheint. ›Krä­hen­zau­ber‹ ist span­nend und schlüs­sig, doch kann er lei­der nicht ganz mit dem ers­ten Band mit­hal­ten. Den­noch ist die Dilo­gie ›Die zwölf Kas­ten von Sabor‹ defi­ni­tiv mehr als lesenswert!

Buchinfo

Mar­ga­ret Owen:
Krä­hen­zau­ber

Die zwölf Kas­ten von Sabor, Band 2
Über­setzt von: Bir­git Maria Pfaf­fin­ger & Ulri­ke Brauns
Carl­sen, Ham­burg 2020
416 S., EUR (D) 19,99 inkl. MwSt.
Roman, Hard­co­ver mit Schutz­um­schlag
ab 14 Jah­ren
ISBN 978−3−551−58406−9

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Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit [Rezension]

Von Verlusten, Familie und dem Weitermachen. 

Ein Mann kommt in Bene­dict Wells ›Vom Ende der Ein­sam­keit‹ nach einem Motor­rad­un­fall in ein Kran­ken­haus. Doch wäh­rend sei­ne kör­per­li­chen Wun­den zu hei­len begin­nen, kön­nen sich nicht alle mit der Geschich­te sei­nes Unfalls anfreunden. 

Ein Unfall, des­sen Grün­de nicht ver­stan­den wer­den kön­nen, ohne die Geschich­te des Fah­rers zu ken­nen. Und die­se Geschich­te führt weit in die Kind­heit des Man­nes zurück. Zu einer Zeit, in der das Motor­rad­fah­ren noch in wei­ter Fer­ne lag und sei­ne Eltern ihn und sei­ne bei­den Geschwis­ter Mar­ty und Liz aufzogen.

Doch ein Bruch zieht sich durch sei­ne Kind­heit und die sei­ner Geschwis­ter. Von einem Tag auf den ande­ren wird ihr Leben in sei­nen Grund­fes­ten erschüt­tert. Eine Erschüt­te­rung, die spür­bar in den Sei­ten von ›Vom Ende der Ein­sam­keit‹ weilt.

»Ich ken­ne den Tod schon lan­ge, doch jetzt kennt der Tod auch mich.
Vor­sich­tig öff­ne ich die Augen, blinz­le ein paar­mal. Lang­sam weicht die Dunkelheit.«

1980 ist Jules erst sie­ben und sei­ne Kind­heit kaum anders als die vie­ler Kin­der. Unlieb­sa­me Besu­che bei der Groß­mutter, sich zan­ken­de Geschwis­ter auf Rück­sit­zen. Noch drei, fast vier Jah­re soll die­se schein­ba­re Nor­ma­li­tät erhal­ten bleiben. 

Doch die­se Nor­ma­li­tät endet mit dem Tod sei­ner Eltern. Wie sei­ne bei­den Geschwis­ter wird auch Jules in ein Inter­nat geschickt. Doch dadurch muss er nicht nur sein Zuhau­se hin­ter sich las­sen, auch sei­ne Geschwis­ter kön­nen nicht mehr wie gewohnt bei ihm blei­ben, da sie im Inter­nat ande­ren Alters­grup­pen angehören. 

»Drei­ein­halb Jah­re spä­ter, im Dezem­ber 1983: das letz­te Weih­nachts­fest mit mei­nen Eltern. Am frü­hen Abend stand ich am Fens­ter mei­nes Kin­der­zim­mers, wäh­rend die ande­ren das Wohn­zim­mer her­rich­te­ten. Wie jedes Jahr rie­fen sie mich erst, wenn alles fer­tig geschmückt war, doch wie lan­ge dau­er­te es noch?«

Auf dem Inter­nat lernt Jules Alva ken­nen, die ihn und sein Leben für vie­le Jah­re prä­gen soll. Doch es ist nicht nur die Geschich­te von Jules und Alva, von der Wells in ›Vom Ende der Ein­sam­keit‹ erzählt. Viel­mehr ist es die Geschich­te einer Fami­lie, die zugleich von Ver­lus­ten, aber auch von Zuwachs gezeich­net ist. Nicht nur Jules ent­wi­ckelt sich für den Leser oder die Lese­rin nach­voll­zieh­bar wei­ter, auch sei­ne Geschwis­ter müs­sen in ›Vom Ende der Ein­sam­keit‹ erwach­sen werden.

In der Beschrei­bung die­ser Geschwis­ter­be­zie­hung steckt eine der gro­ßen Stär­ken die­ses Romans. Wun­den, die sie ein­an­der zufü­gen, Feh­ler, die sie gemein­sam machen. Der Ver­such von Annä­he­rung und eigen­stän­di­ger Entwicklung. 

»Was folgt, ist dunk­les Stau­nen und ein dich­ter Nebel, nur sel­ten gelich­tet von eini­gen kur­zen Erin­ne­run­gen. Wie ich in mei­nem Zim­mer in Mün­chen ste­he und aus dem Fens­ter sehe, in den Innen­hof mit der Schau­kel und dem Baum­haus und in das Mor­gen­licht, das sich in den Ästen der Bäu­me ver­fängt. Es ist der letz­te Tag in unse­rer kom­plett leer­ge­räum­ten Woh­nung, ich höre Mar­ty nach mir rufen.«

Facet­ten und Tei­le der Geschich­te erzählt Wells nur in Anspie­lun­gen und dem Unge­sag­ten. Fra­gen blei­ben unge­klärt, nur von dem Gefühl einer vagen Ahnung beglei­tet. Wie­so starb Onkel Eric so jung? Und wie­so sieht Jules’ Bru­der Mar­ty so anders aus als er?

Fazit zu ›Vom Ende der Einsamkeit‹

Vom Ende der Ein­sam­keit‹ zeigt das Leben von Jules und sei­nen Geschwis­tern Mar­ty und Liz über meh­re­re Jahr­zehn­te ihres Lebens hin­weg. Trotz allen düs­te­ren Momen­ten ent­wi­ckeln sich die Figu­ren und wach­sen dabei ans Herz. Ein tol­les Buch über Fami­lie, Ver­lus­te und Möglichkeiten. 

Buchinfo

Bene­dict Wells:
Vom Ende der Ein­sam­keit

Taschen­buch delu­xe
Dio­ge­nes, Zürich 2020
464 S., EUR (D) 14,- inkl. MwSt.
ISBN 978−3−257−26155−4

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Katherine Arden: Das Mädchen und der Winterkönig [Rezension]

Eine Reisende im Land des Schnees. 

Was­ja sieht Wesen, die für ande­re in ›Das Mäd­chen und der Win­ter­kö­nig‹ nur noch in alten Geschich­ten exis­tie­ren. Mär­chen- und Sagen­ge­stal­ten, die ihr Leben zahl­rei­cher bevöl­kern als Men­schen. Nur weni­ge ver­ir­ren sich in ihren Hei­mat­ort in Rus und nicht alle mei­nen es gut. 

Die Ereig­nis­se des ers­ten Ban­des der Win­ter­nacht-Tri­lo­gie von Kathe­ri­ne Arden – ›Der Bär und die Nach­ti­gall‹ – haben Was­ja viel gekos­tet. Doch wem kann sie von einer Gefahr erzäh­len, die für die meis­ten nicht sicht­bar ist? Und wenn sie nicht auf die Hil­fe ihrer Liebs­ten hof­fen kann, kann sie dann dem Win­ter­kö­nig trauen?

Das Fina­le des ers­ten Ban­des der Tri­lo­gie hat Was­jas Leben für immer ver­än­dert. Die Welt, die sie kann­te, exis­tiert nicht mehr. Doch ist sie mutig genug, in den Win­ter hin­aus­zu­zie­hen, um eine neue Welt kennenzulernen?

»›Sie sah Din­ge, die nicht da waren‹, flüs­ter­te er. ›Sie ging in den Wald und kann­te kei­ne Angst. Über­all im Dorf spra­chen die Leu­te davon. Die freund­li­chen sag­ten, sie sei ver­rückt. Aber die ande­ren spra­chen von Hexerei.‹«

Was­jas Geschwis­ter, die im ers­ten Band zum Teil in die Welt hin­aus­ge­zo­gen sind, fin­den nun wie­der Platz in ihrer Geschich­te. Doch nicht nur freund­li­che Gesich­ter kreu­zen Was­jas Weg wie­der. Auch ein Mann, der ihr bereits im ers­ten Band Schwie­rig­kei­ten berei­te­te, ist in ›Das Mäd­chen und der Win­ter­kö­nig‹ wie­der mit von der Partie.

Zahl­rei­cher als die Mythen- und Sagen­ge­stal­ten in der Win­ter­nacht-Tri­lo­gie sind nur die Gefah­ren. Der unnach­gie­bi­ge, ewi­ge Schnee. Der Groll vie­ler Men­schen. Die Ent­füh­rung vie­ler jun­ger Mäd­chen. Und Was­jas will sich die­ser Welt stel­len, allein, und ohne je von zu Hau­se fort gewe­sen zu sein. 

»›Mei­ne Klei­ne ist kei­ne Schön­heit, aber sie zieht den Blick auf sich. Genau wie ihre Groß­mutter.‹ Die alte Frau bekreu­zig­te sich jedes Mal, wenn sie das sag­te, denn Was­jas Groß­mutter war nicht glück­lich gewe­sen, als sie starb.«

Mit Was­ja ist Kathe­ri­ne Arden eine Prot­ago­nis­tin gelun­gen, die über­zeu­gen kann. Was­ja ist stark, ent­schlos­sen und warm­her­zig. Regeln und Enge bekom­men ihr nicht. Auch in vie­len Wün­schen und Träu­men ihrer Zeit­ge­nos­sen kann sie sich nicht erkennen. 

»Der Haus­herr sah aus wie ein Mensch, doch sei­ne Augen ver­rie­ten ihn. Als er erst­mals in die­sen Wäl­dern gese­hen wor­den war, hat­ten die Mäd­chen noch in einer ande­ren Spra­che zu ihm gesprochen.«

Fazit zu ›Das Mädchen und der Winterkönig

Das Mäd­chen und der Win­ter­kö­nig‹ kann mit dem ers­ten Band der Tri­lo­gie zwar nicht mit­hal­ten, doch bleibt die Geschich­te um Was­ja und den geheim­nis­vol­len Win­ter­kö­nig span­nend. Und so, wie sie die Ereig­nis­se im zwei­ten Band ent­wi­ckelt haben, bleibt nur gespannt auf den drit­ten und letz­ten Band der Rei­he zu warten.

Buchinfo

Kathe­ri­ne Arden:
Das Mäd­chen und der Win­ter­kö­nig

Win­ter­nacht-Tri­lo­gie, Band 2
Über­setzt von Micha­el Pfingstl
Roman
Hey­ne, Mün­chen 2020
480 S., EUR (D) 16,99 inkl. MwSt.
Paper­back
ISBN 978−3−453−32083−3

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Holly Black: Elfenkönig [Rezension]

Wie weit wür­de ein Mensch gehen, um nicht mehr in Angst und Ernied­ri­gung zu leben? Jude war bereit, eine Spio­nin des Prin­zen zu wer­den. Und sie war bereit, dafür zur Mör­de­rin zu wer­den. Was als Ver­tei­di­gung begann, ent­puppt sich bald als Talent – eines, das nur davon über­trof­fen wer­den kann, wie gut es ihr gelingt, das Volk der Elfen zur Weiß­glut zu treiben. 

Nicht nur die Adli­gen des Hofes haben Jude in ›Elfen­kro­ne‹ unter­schätzt – auch ihrem Zieh­va­ter Madoc ist es so ergan­gen. Nie­mand weiß, war­um der jun­ge, schö­ne König sie an sei­ner Sei­te hat und auf ihren Rat hört. Und nur die wenigs­ten wis­sen in ›Elfen­kö­nig‹, dass sie im Ver­bor­ge­nen die Fäden zieht.

Doch das Dasein als Schat­ten­re­gen­tin hat sei­nen Preis. Jude schläft und isst wenig. Mehr­mals begibt sie sich in ›Elfen­kö­nig‹ in Gefahr, ohne es zu ahnen. Denn trotz allem ist Jude kaum erst von der Schul­bank aufgestanden.

»Jude gefiel es eben­falls, wenn sie wütend war, denn Wut war bes­ser als Angst und bes­ser als die Erin­ne­rung dar­an, dass sie eine Sterb­li­che unter Unge­heu­ern war.«

Und wäh­rend sie alles dafür tut, dass Reich der Elfen vor einem Krieg zu bewah­ren, lau­fen die Vor­be­rei­tun­gen für eine Hoch­zeit. Ihre Zwil­lings­schwes­ter soll ihren Ex-Freund hei­ra­ten, der noch immer nicht genug davon hat, Unru­he zu stiften.

Doch zum Glück hat Jude Ver­bün­de­te, die mit allen Was­sern gewa­schen sind. Die Spio­ne des Hofs der Schat­ten, ihre älte­re Schwes­ter Vivi und ihre Dol­che. Doch wo sich Ver­bün­de­te auf­hal­ten, sind zumeist auch Fein­de und Ver­rä­ter nicht weit.

»›Macht‹, sag­te er. ›Macht ist die Gabe zu bekom­men, was man haben will. Macht ist die Gabe, eige­ne Ent­schei­dun­gen tref­fen zu kön­nen. Und wie kom­men wir an die­se Macht?‹«

Zahl­rei­cher als Ver­bün­de­te sind im Elfen­reich für einen Men­schen auf jeden Fall Fein­de. Selbst wenn man nicht den eige­nen Vater gegen sich auf­bringt, in dem man ihm die Kro­ne aus er Hand geris­sen hat, oder den Prin­zen Bale­kin, der sich eben­falls um die Kro­ne betro­gen fühlt. 

Jude ist stark. Und wütend. Wer Rei­bung und Aus­ein­an­der­set­zung will, kann dies bei ihr fin­den. Doch wenn man ein­mal die­sen Pfad ein­ge­schla­gen hat, ist es schwer, sich wie­der davon zu lösen. Denn ver­zei­hen kann Jude schlecht.

Fazit zu ›Elfenkönig

Elfen­kö­nig‹ ist fan­ta­sie­voll, span­nend und bewe­gend. Der zwei­te Band der Rei­he greift das schnel­le Tem­po auf, das das Ende des ers­ten Ban­des ›Elfen­kro­ne‹ geprägt hat. Span­nend wird, was im drit­ten und letz­ten Band der Rei­he ›Elfen­thron‹ noch alles gesche­hen kann. 

Hol­ly Black:
Elfen­kö­nig

Die Elfen­kro­ne-Rei­he, Band 2
Ab 14 Jah­ren
Über­setzt von: Anne Brau­ner
cbj HC, Mün­chen 2021
450 S., EUR (D) 10,- inkl. MwSt.
Roman, Taschen­buch
ISBN 978−3−570−31399−2

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Hanno Rinke: Fast am Ziel [Rezension]

Von der Kunst, gutes Essen und immer einen Parkplatz zu finden. 

Regis­seur, Kom­po­nist und Schrift­stel­ler – Han­no Rin­ke ist vie­les, aber sicher­lich nicht lang­wei­lig. 1946 in Ber­lin gebo­ren kann er auf vie­le tur­bu­len­te Jahr­zehn­te zurück­bli­cken. In ›Fast am Ziel‹ lädt er dazu ein, ihn auf eine Rei­se von Ham­burg nach Slo­we­ni­en, Kroa­ti­en oder Apu­li­en zu begleiten. 

In 99 Umwe­gen schil­dert er nicht nur den Kampf um Park­plät­ze und gutes Essen, son­dern erzählt über sein Leben. Über die Orte und vor allem auch Men­schen, die es aus­ma­chen und aus­ge­macht haben. 

Han­nos Rei­se umfasst fast vier Mona­te – vom 23. Mai 2016 bis zum 15. Okto­ber 2016 – oder 428 Seiten. 

»Aber weil Schwei­gen mich zu sehr an Tot­sein erin­nert und ich die­sem Zustand ja mit unse­rer Rei­se ent­ge­gen­wir­ken will, schrei­be ich trotz­dem weiter.«

Fast am Ziel‹ ist weder eine klas­si­sche Bio­gra­fie noch ein typi­scher Rei­se­be­richt. Mit Witz und Charme ver­webt Rin­ke bei­des. Vie­le der Orte auf sei­ner Rei­se besuch­te Rin­ke bereits in der Ver­gan­gen­heit, zumeist in ande­rer Beglei­tung, sodass mit Bezug auf den Ort bei­des geschil­dert wer­den kann: das Ver­gan­ge­ne und das Gegen­wär­ti­ge. Auch die Zeit war eine andere. 

Seit sei­nem Schlag­an­fall kann Rin­ke die Welt nicht mehr erlau­fen, wie er es in frü­he­ren Tagen getan hät­te. Wenn mög­lich, brin­gen ein Roll­stuhl und die Fahr­küns­te sei­nes Beglei­ters Rafał an sein Ziel. Häu­fi­ger jedoch muss Rin­ke sich die Orte sei­ner Rei­se über sei­ne Erin­ne­rung erschlie­ßen. Die­se zeigt sich jedoch so leben­dig und ein­la­dend, wie es der Ort selbst kaum sein könn­te, bei lus­ti­gen und bedrü­cken­den Momenten.

»Glücks­mo­men­te habe ich nie durch den Glau­ben erlebt – wie auch? –, son­dern nur im Sex.«

Rin­kes Schreib­stil in ›Fast am Ziel‹ ist poin­tiert und höchst sub­jek­tiv. Sel­ten spre­chen die Sät­ze sei­nes Rei­se­be­richts voll­stän­dig für sich selbst, erst das Wei­ter­le­sen ermög­licht die Ein­ord­nung. Sein kör­per­li­ches Erle­ben ist ein ande­res geworden. 

Denn auch die Glücks­mo­men­te durch Sex schei­nen in die Ver­gan­gen­heit gerückt und nur noch durch sei­ne Erin­ne­rung zu grei­fen. Öff­ne­te er im vor­he­ri­gen Zitat noch eine Art Gegen­satz zwi­schen Glück und Glau­ben, spitzt sich die Pas­sa­ge in der Über­le­gung zu, dass er in Bezug auf sei­ne Glücks­mo­men­te sei­ner Erin­ne­rung ver­trau­en muss, an die­se glau­ben muss.

»Ich woll­te gewandt, durch­trai­niert, ein­fühl­sam und bedeu­tend wer­den. Und was bin ich gewor­den? Begü­tert – mate­ri­ell zumin­dest. Das fin­de ich, wenn die Träu­me nicht in Erfül­lung gehen, einen ange­mes­se­nen Schadenersatz.«

Erleb­tes, Genuss, Sex und Glau­be sind nur eini­ge der zahl­rei­chen The­men, denen sich Rin­ke auf sei­ner Rei­se widmet.

Ergänzt wird sein Rei­se­be­richt von zahl­rei­chen Fotos, Tage­buch­pas­sa­gen, Gedicht- oder Redeauszügen.

Fazit zu ›Fast am Ziel

Fast am Ziel‹ ist eines jener Bücher, das einem nicht stän­dig in die Hän­de fällt. Es gibt Ein­bli­cke in das Leben Han­no Rin­kes und in sei­nen Ver­such, sich mit dem Altern zu arran­gie­ren. Lus­tig, nost­al­gisch, mit­un­ter melan­cho­lisch und über­ra­schend liest sich sein Rei­se­jour­nal, das nicht nur für Rei­se­fans inter­es­sant sein könnte.

Buchinfo

Han­no Rin­ke:
Fast am Ziel
99 Umwe­ge
Rei­se­jour­nal, Flexo­co­ver
Mit­tel­deut­scher Ver­lag, Hal­le 2020
428 S., EUR (D) 20,- inkl. MwSt.
ISBN 978−3−96311−379−6

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