Archiv der Kategorie: Belletristik

Hanno Rinke: Fast am Ziel [Rezension]

Von der Kunst, gutes Essen und immer einen Parkplatz zu finden. 

Regis­seur, Kom­po­nist und Schrift­stel­ler – Han­no Rin­ke ist vie­les, aber sicher­lich nicht lang­wei­lig. 1946 in Ber­lin gebo­ren kann er auf vie­le tur­bu­len­te Jahr­zehn­te zurück­bli­cken. In ›Fast am Ziel‹ lädt er dazu ein, ihn auf eine Rei­se von Ham­burg nach Slo­we­ni­en, Kroa­ti­en oder Apu­li­en zu begleiten. 

In 99 Umwe­gen schil­dert er nicht nur den Kampf um Park­plät­ze und gutes Essen, son­dern erzählt über sein Leben. Über die Orte und vor allem auch Men­schen, die es aus­ma­chen und aus­ge­macht haben. 

Han­nos Rei­se umfasst fast vier Mona­te – vom 23. Mai 2016 bis zum 15. Okto­ber 2016 – oder 428 Seiten. 

»Aber weil Schwei­gen mich zu sehr an Tot­sein erin­nert und ich die­sem Zustand ja mit unse­rer Rei­se ent­ge­gen­wir­ken will, schrei­be ich trotz­dem weiter.«

Fast am Ziel‹ ist weder eine klas­si­sche Bio­gra­fie noch ein typi­scher Rei­se­be­richt. Mit Witz und Charme ver­webt Rin­ke bei­des. Vie­le der Orte auf sei­ner Rei­se besuch­te Rin­ke bereits in der Ver­gan­gen­heit, zumeist in ande­rer Beglei­tung, sodass mit Bezug auf den Ort bei­des geschil­dert wer­den kann: das Ver­gan­ge­ne und das Gegen­wär­ti­ge. Auch die Zeit war eine andere. 

Seit sei­nem Schlag­an­fall kann Rin­ke die Welt nicht mehr erlau­fen, wie er es in frü­he­ren Tagen getan hät­te. Wenn mög­lich, brin­gen ein Roll­stuhl und die Fahr­küns­te sei­nes Beglei­ters Rafał an sein Ziel. Häu­fi­ger jedoch muss Rin­ke sich die Orte sei­ner Rei­se über sei­ne Erin­ne­rung erschlie­ßen. Die­se zeigt sich jedoch so leben­dig und ein­la­dend, wie es der Ort selbst kaum sein könn­te, bei lus­ti­gen und bedrü­cken­den Momenten.

»Glücks­mo­men­te habe ich nie durch den Glau­ben erlebt – wie auch? –, son­dern nur im Sex.«

Rin­kes Schreib­stil in ›Fast am Ziel‹ ist poin­tiert und höchst sub­jek­tiv. Sel­ten spre­chen die Sät­ze sei­nes Rei­se­be­richts voll­stän­dig für sich selbst, erst das Wei­ter­le­sen ermög­licht die Ein­ord­nung. Sein kör­per­li­ches Erle­ben ist ein ande­res geworden. 

Denn auch die Glücks­mo­men­te durch Sex schei­nen in die Ver­gan­gen­heit gerückt und nur noch durch sei­ne Erin­ne­rung zu grei­fen. Öff­ne­te er im vor­he­ri­gen Zitat noch eine Art Gegen­satz zwi­schen Glück und Glau­ben, spitzt sich die Pas­sa­ge in der Über­le­gung zu, dass er in Bezug auf sei­ne Glücks­mo­men­te sei­ner Erin­ne­rung ver­trau­en muss, an die­se glau­ben muss.

»Ich woll­te gewandt, durch­trai­niert, ein­fühl­sam und bedeu­tend wer­den. Und was bin ich gewor­den? Begü­tert – mate­ri­ell zumin­dest. Das fin­de ich, wenn die Träu­me nicht in Erfül­lung gehen, einen ange­mes­se­nen Schadenersatz.«

Erleb­tes, Genuss, Sex und Glau­be sind nur eini­ge der zahl­rei­chen The­men, denen sich Rin­ke auf sei­ner Rei­se widmet.

Ergänzt wird sein Rei­se­be­richt von zahl­rei­chen Fotos, Tage­buch­pas­sa­gen, Gedicht- oder Redeauszügen.

Fazit zu ›Fast am Ziel

Fast am Ziel‹ ist eines jener Bücher, das einem nicht stän­dig in die Hän­de fällt. Es gibt Ein­bli­cke in das Leben Han­no Rin­kes und in sei­nen Ver­such, sich mit dem Altern zu arran­gie­ren. Lus­tig, nost­al­gisch, mit­un­ter melan­cho­lisch und über­ra­schend liest sich sein Rei­se­jour­nal, das nicht nur für Rei­se­fans inter­es­sant sein könnte.

Buchinfo

Han­no Rin­ke:
Fast am Ziel
99 Umwe­ge
Rei­se­jour­nal, Flexo­co­ver
Mit­tel­deut­scher Ver­lag, Hal­le 2020
428 S., EUR (D) 20,- inkl. MwSt.
ISBN 978−3−96311−379−6

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Julian Auringer (Hrsg.): Rot wie Blut. Grausige Märchen und Sagen [Rezension]

Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage? 

Dass Mär­chen nicht in ers­ter Linie für Kin­der gesam­melt und geschrie­ben wor­den sind, zeigt sich in ›Rot wie Blut‹ sehr deut­lich. Eben­so, wie weit die ursprüng­li­che­ren Ver­sio­nen der Mär­chen und das, was heu­te noch von ihnen erin­nert wird, auseinanderliegen. 

Ob es das Mär­chen um König Dros­sel­bart ist, Dorn­rös­chen, Rapun­zel oder Rot­käpp­chen: Die Mär­chen und Sagen, die Juli­an Aurin­ger in ›Rot wie Blut‹ gesam­melt hat, machen dem Unter­ti­tel des Buches alle Ehre. Nicht nur blu­ti­ger und gro­tes­ker, auch sexua­li­sier­ter erschei­nen diese. 

In ›Rot wie Blut‹ hat Aurin­ger Mär­chen und Sagen nam­haf­ter Autoren und Autorin­nen bezie­hungs­wei­se Samm­lern und Samm­le­rin­nen zusam­men­ge­stellt. Von Giam­bat­tis­ta Basi­le, über Marie-Cathé­ri­ne d’Aulnoy, Charles Per­rault, Chris­ti­an August Vul­pi­us, Karo­li­ne Stahl, den Brü­dern Grimm, Karl Bartsch, Anton Bir­lin­ger, Carl und Theo­dor Cols­horn, Fried­rich Gott­schalck, Johann Hein­rich Leh­nert, Alex­an­der von Ungern-Stern­berg, Adal­bert Kuhn, Ernst Mei­er, Johan­nes Wil­helm Wolf, Karl Müllen­hoff, Ulrich Jahn, Karl Spie­gel bis hin zu Josef Müller.

»Als schon alles am Tische saß, trat plötz­lich noch eine alte Fee ein, die nicht ein­ge­la­den war und die man ver­ges­sen hat­te, weil man seit mehr als hun­dert Jah­ren nichts von ihr wuss­te und sie für tot oder ver­schol­len hielt.«

Das Dorn­rös­chen oder: Die schla­fen­de Schö­ne im Wald‹

So fin­den sich neben eini­gen der sicher­lich bekann­tes­ten Mär­chen und Sagen auch eini­ge, die im Ver­gleich weni­ger bekannt sind. Mehr­fach sind Illus­tra­tio­nen in die Erzäh­lun­gen eingefügt. 

Doch selbst wer ver­gleichs­wei­se mär­chen­fest zu sein glaubt, kann in ›Rot wie Blut‹ an der ein oder ande­ren Stel­le Neu­es erfah­ren. So wird sich zei­gen, was Dorn­rös­chen mit einer Oge­rin zu tun hat und wie Hän­sel und Gre­tel mit See­räu­bern in Ver­bin­dung stehen. 

»Es war ein­mal ein König, der hat­te drei Töch­ter, in sei­nem Hof aber stand ein Brun­nen mit schö­nem kla­rem Was­ser. An einem hei­ßen Som­mer­tag ging die ältes­te hin­un­ter und schöpf­te sich ein Glas voll her­aus, wie sie es aber so ansah und gegen die Son­ne hielt, sah sie, dass es trüb’ war.«

Der Frosch­prinz

Doch Aurin­gers aus­ge­wähl­te Mär­chen und Sagen sind nicht nur grau­sig und blu­tig. Sie sind magisch, bekannt und zugleich fremd. Ihnen haf­tet der Zau­ber einer ver­gan­ge­nen Zeit an, der auch durch Erzäh­len und Wie­der­erzäh­len noch im Gedächt­nis geblie­ben ist.

»Es saß ein­mal eine Köni­gin zur Win­ters­zeit, als drau­ßen Schnee lag, am Fens­ter, und stick­te an einem Tuche, das in einem Rah­men von schwar­zem Eben­holz gespannt war. Da stach sie sich mit der Näh­na­del in den Fin­ger, dass es blu­te­te, und mach­te das Fens­ter auf, und ließ das Blut auf den Schnee tropfen.«

Schnee­witt­chen
Fazit zu ›Rot wie Blut

Die von Juli­an Aurin­ger aus­ge­wähl­ten Mär­chen und Sagen in ›Rot wie Blut‹ hal­ten, was der Titel des Buches ver­spricht. Mehr als ein Dut­zend unter­schied­li­cher Autoren und Autorin­nen haben hier Ein­zug gefun­den und machen ›Rot wie Blut‹ zu einem teils span­nen­den, teils ver­trau­ten Lese­ver­gnü­gen. Wer Mär­chen und Sagen mag, dem könn­ten auch ›Die schöns­ten nor­we­gi­schen Mär­chen‹ und ›Nor­di­sche Mythen und Sagen‹ gefal­len.

Buchinfo

Juli­an Aurin­ger (Hrsg.):
Rot wie Blut

Grau­si­ge Mär­chen und Sagen
Mit Illus­tra­tio­nen aus den Bil­der­bo­gen
des 19. Jahr­hun­derts
Ana­con­da, Mün­chen 2020
256 S., EUR (D) 4,95 inkl. MwSt.
Hard­co­ver
ISBN 978−3−7306−0908−8

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Marc Raabe: Die Hornisse [Rezension]

Geheimnisse einer vergangenen Zeit. 

Ein bru­ta­ler Mord im Gäs­te­haus der Poli­zei hält das Ermitt­lungs­team in ›Die Hor­nis­se‹ in Atem. Bei dem Opfer han­delt es sich um Brad Gal­lo­way, der von sei­nen zahl­rei­chen Fans ver­ehrt wird. 

Nie­mand weiß, wie das Opfer auf das Poli­zei­ge­län­de gekom­men ist. Auch die Bot­schaft, die auf Gal­lo­ways Brust geschrie­ben steht, lässt das Ermitt­lungs­team um Tom Baby­lon im Dun­keln tappen. 

Mit jeder gefun­de­nen Spur steigt die Hoff­nung, das Ver­bre­chen auf­zu­klä­ren. Doch umso mehr Spu­ren sie sam­meln, des­to deut­li­cher wird, dass alle in eine Rich­tung wei­sen. Und der Alb­traum beginnt.

»Gar nicht so lan­ge her, denkt er, da gab es auch in Deutsch­land noch Todes­ur­tei­le. Amt­lich, mit Stem­pel. Getippt im Zwei-Fin­ger-Such­sys­tem auf bucke­li­gen Schreib­ma­schi­nen mit Durch­schlag­pa­pier und aus­ge­führt im Ver­bor­ge­nen, von Sol­da­ten ohne Uniform.«

In ›Die Hor­nis­se‹ knüpft Raa­be geschickt zwei Zei­ten anein­an­der, das hier und jetzt und das Jahr 1989. Ist das Ver­schwin­den von Tom Baby­lons klei­ner Schwes­ter noch immer unge­klärt, führt das Jahr 1989 in eine Zeit zurück, in der sie noch ein Baby war. 

Auch Tom ist noch ein klei­ner Jun­ge, der noch nicht ahnen kann, wel­che Schre­cken die Zukunft für ihn bereit­hal­ten wird. Sei­ne Mut­ter will unbe­dingt die DDR ver­las­sen, um ihre Kin­der im Wes­ten auf­wach­sen zu sehen. Doch könn­te jemand ahnen, was sie vor­hat und hin­ter ihr Geheim­nis gekom­men sein? Hil­fe kann sie nur von einem erwarten.

»Ben­no hat­te zwei Sei­ten. Die, die sie magisch anzog, und die ande­re, manch­mal düs­te­re Sei­te, die sie nicht weni­ger anzie­hend fand. Es mach­te schließ­lich etwas mit einem, wenn man wie er stän­dig Zeit unter der Erde ver­brach­te und Tun­nel grub.«

In einem Wech­sel­spiel aus Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart grei­fen die­se inein­an­der über. Das Netz aus Geheim­nis­sen und Ver­stri­ckun­gen hat Raa­be in ›Die Hor­nis­se‹ fein gewebt. Gespannt kön­nen die Leser und Lese­rin­nen dabei zuse­hen, wie sich die Figu­ren im Thril­ler dar­in verfangen. 

»Inge stand im Bad, hielt sich mit bei­den Hän­den am Wasch­be­cken fest und starr­te ihr Spie­gel­bild an. Die Ver­zweif­lung stand ihr ins Gesicht geschrieben.«

Für das Ver­ständ­nis von ›Die Hor­nis­se‹ ist es nicht wich­tig, die ers­ten bei­den Bän­de der Tom Baby­lon-Serie – ›Schlüs­sel 17‹ und ›Zim­mer 19‹ – gele­sen zu haben, so war es bei mir. Doch wer viel­leicht die kom­plet­te Rei­he lesen will, soll­te auf jeden Fall mit Band 1 anfan­gen. In ›Die Hor­nis­se‹ wird sich auf Ele­men­te bezo­gen, die ver­mut­lich durch die Auf­lö­sung in Band 1 und 2 bekannt wer­den. Wer also der Rei­he nach liest, hat bei allen Bän­den den maxi­ma­len Lesegenuss. 

Fazit zu ›Die Hornisse

Die Hor­nis­se‹ ist nicht nur für ein­ge­fleisch­te Marc Raa­be- und Tom Baby­lon-Fans Span­nung pur. Doch mit jeder wei­te­ren Sei­te gera­ten Leser und Lese­rin tie­fer in die dich­te, atmo­sphä­ri­sche Welt die­ses Thril­lers. Neben Tom Baby­lon und Sita Johanns bie­tet ›Die Hor­nis­se‹ viel Raum für die heim­li­che­ren Hel­den, die die­sen Roman so beson­ders machen.

Buchinfo

Marc Raa­be:
Die Hor­nis­se

Tom Baby­lon-Serie 3
Thril­ler
ull­stein buch­ver­la­ge, Ber­lin 2020
544 S., EUR (D) 14,99 inkl. MwSt.
Paper­back
ISBN 978−3−86493−151−2

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Anne Weber: Annette ein Heldinnenepos [Rezension]

Die Geschichte einer Frau, die viele Namen hatte. 

Es gibt Geschich­ten, die man nicht mehr ver­ges­sen wird. Anne Weber ist es gelun­gen, mir mit ›Annet­te ein Hel­din­nen­epos‹ eine sol­che zu erzählen. 

Von klein auf strebt Annet­te nach Ver­än­de­rung. Sie kann die Unge­rech­tig­keit nicht hin­neh­men, die sie sieht. Weder die, die ihr und ihren Liebs­ten zuteil wird noch die der anderen. 

Sie weiß, dass es gefähr­lich ist, die­ses Bestre­ben in Taten umzu­set­zen. Sie könn­te alles ver­lie­ren: ihre Gesund­heit, ihr Leben, ihre Liebsten.

Doch Weber erzählt die Lebens­ge­schich­te einer Frau, die den gefähr­li­chen Weg gewählt hat. Mehr­fach. In der tie­fen Über­zeu­gung, dass es der not­wen­di­ge Weg ist. Doch noch bevor Leser und Lese­rin­nen an ihrem Kampf gegen die Unge­rech­tig­keit teil­ha­ben, erzählt Weber in ›Annet­te ein Hel­din­nen­epos‹ die Geschich­te von Annet­tes Familie. 

»Die Unter­kunft ist küm­mer­lich, und dem­entspre­chend nied­rig ist die Mie­te, doch das Gerin­ge ist noch viel für sie, die früh ver­wit­wet ihre Kin­der mit dem Ertrag der pêche à pied oder des Fischens ohne Boot her­an­ge­zo­gen hat: Tag für Tag macht sie sich bei Ebbe auf den Weg und stö­bert aus­dau­ernd im nas­sen Sand aller­lei Mee­res­ge­tier auf«

Die­se Aus­dau­er und das vie­le, vie­le Lau­fen wer­den auch Annet­tes Leben aus­zeich­nen. Doch neben dem Lau­fen auch das vie­le War­ten, Unge­wiss­hei­ten, Risi­ken. Annet­te wird sich an vie­le Namen gewöh­nen und von die­sen wie­der entwöhnen. 

Sie macht ihre Arbeit gut, wenn sie nicht auf­fällt und sich an die Regeln hält. Meis­tens gelingt ihr das. Nicht auf­zu­fal­len gelingt ihr schein­bar leicht, sich immer an die Regeln zu hal­ten manch­mal nicht. Denn wozu sind Regeln da, wenn sie zu bre­chen, Leben ret­ten kann? Zugleich jedoch wer­den durch das Bre­chen der Regeln Leben gefähr­det. Annet­te muss vie­le Ent­schei­dun­gen tref­fen, ein­fach sind die wenigsten.

»Das Mäd­chen wirkt erfreu­lich harm­los, tau­send­mal harm­lo­ser ver­mut­lich, als es ist. Da hat er recht.«

Annet­te ein Hel­din­nen­epos‹ ist in vie­ler­lei Hin­sicht etwas Beson­de­res. Webers Spra­che ist aus­drucks­stark und berüh­rend. Die Leben, die sie schil­dert, sind oft­mals kaum bekannt oder lan­ge ver­ges­sen. Doch in Dru­cker­schwär­ze macht Weber für sie Platz, erin­nert, lässt begrei­fen. Wie vie­le, unzähl­ba­re sterb­li­che Schick­sa­le in die gro­ßen Momen­te der Geschich­te ver­wi­ckelt waren. 

Annet­te ist mutig, weit mehr als das. Sie lebt den Wider­stand gegen die Unge­rech­tig­keit und zahlt dafür mehr­mals einen hohen Preis.

»Denn wie das meis­te ist auch das Wider­ste­hen anders, als man es sich denkt, näm­lich kein ein­ma­li­ger Ent­schluss, kein kla­rer, son­dern ein unmerk­lich lang­sa­mes Hin­ein­ge­ra­ten in etwas, wovon man kei­ne Ahnung hat. Das Ers­te, dems zu wider­ste­hen gilt, das ist man selbst. Der eige­nen Angst.«

Fazit zu ›Annette ein Heldinnenepos

Annet­te ein Hel­din­nen­epos‹ ist kei­nes der Bücher, das ich neben­bei in der Strand­lie­ge lesen könn­te. Die­ses Buch lädt nicht nur dazu ein, es zu lesen, son­dern mit­zu­füh­len – nicht im all­tags­sprach­li­chen Sin­ne. Stau­nend lässt es einen über eine Frau zurück, die so viel Mut und Aus­dau­er gezeigt hat. Inspi­rie­rend, berüh­rend und nachgehend.

Buchinfo

Anne Weber:
Annet­te, ein Hel­din­nen-Epos

Mat­thes & Seitz, Ber­lin 2020
208 S., EUR (D) 22,- inkl. MwSt.
Gebun­den mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−95757−845−7

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Fee Krämer: Rille – Die Dschungelfreunde sind los! [Rezension]

Mit guten Freunden geht es für Rille auf ins Abenteuer. 

Ril­le hat sei­nen Aus­bruch aus dem Zoo in ›Ril­le – Die Dschun­gel­freun­de sind los!‹ nicht geplant. Genau genom­men ist Ril­le nicht ein­mal aus­ge­bro­chen: Er wur­de frei­ge­las­sen. Nun gut, viel­leicht waren es nicht sei­ne Wär­ter und Wär­te­rin­nen, die ihn frei­ge­las­sen haben, aber im Dschun­gel fin­det er sich trotz­dem wieder. 

Viel­leicht wäre so ein Dschun­gel auch ein wirk­lich Angst ein­flö­ßen­der Ort, vol­ler wil­der Tie­re, frem­der Pflan­zen und neu­ar­ti­gen Geräu­schen, wenn man sein gan­zes Leben in einem Zoo ver­bracht hat.

Zum Glück ist Ril­le im Dschun­gel in ›Ril­le Die Dschun­gel­freun­de sind los!‹ nicht allein, Mr. Gibbs und gute Freun­de ste­hen im schnell mit Rat und Tat zur Sei­te. Dabei schließt nicht nur Ril­le den Papa­gei Pepe, die Gür­tel­tier­da­me Tan­te Tatu, die Was­ser­schwei­ne und all die ande­ren Geschöp­fe des Dschun­gels ins Herz: Auch den Lesern und die Lese­rin­nen – und natür­lich auch Vor­le­sern und Vor­le­se­rin­nen – wird es ähn­lich gehen.

»Als die Tie­re Ril­le ent­de­cken, ver­stum­men sie plötz­lich. Man hört nur noch das Rau­schen des Was­ser­falls. Weil ihn alle angu­cken, hebt Ril­le eine Pran­ke und winkt zaghaft.«

Eins ist sicher: Bei Ril­les neu­em Leben im Dschun­gel trifft er auf vie­les Neu­es und Bekann­tes, das zum Stau­nen und Wohl­füh­len einlädt.

»›Das dürft ihr doch nicht weg­ma­chen!‹ Ril­le lässt sich aufs Moos fal­len. Es ist wei­cher als alles, was Ril­le jemals zuvor gespürt hat.«

Natür­lich muss Ril­le auch noch vie­les ler­nen. War es im Zoo doch immer ange­nehm, das Fut­ter von den Pfle­gern und Pfle­ge­rin­nen gebracht zu bekom­men, muss der klei­ne Goril­la nun auf ein­mal jagen! Und auch um sei­nen Schlaf­platz hat er sich bis­lang kaum Gedan­ken machen müs­sen, da im Zoo immer ein siche­rer Unter­schlupf bereit­stand. Wenigs­tens ärgern ihn hier die Pavia­ne aus dem Zoo nicht mehr.

»Ril­le hat bis jetzt noch nicht dar­über nach­ge­dacht, wo er woh­nen wird. Ob er über­haupt hier in die­sem Dschun­gel blei­ben soll. Er mag das vie­le Grün, das nir­gend­wo endet.«

Fee Krä­mers Vor­le­se­buch ›Ril­le Die Dschun­gel­freun­de sind los!‹ wird durch die lie­be­vol­len und wun­der­ba­ren Illus­tra­tio­nen von Niko­lai Ren­ger geschmückt. Jede Sei­te des wun­der­schö­nen Buches lädt zu neu­en Aben­teu­ern mit Ril­le und sei­nen Freun­den ein. Denn nicht nur das Fut­ter­sam­meln hat Ril­le nie gelernt – auch tei­len muss­te er bis­lang nie.

Fazit zu ›Rille Die Dschungelfreunde sind los!

Ril­le Die Dschun­gel­freun­de sind los!‹ lädt zu einer span­nen­den Rei­se ein, den klei­nen Goril­la bei sei­nen Her­aus­for­de­run­gen zu beglei­ten, sich sei­nen Ängs­ten zu stel­len und vie­le neue Freun­de ken­nen­zu­ler­nen. Warm­her­zig geschrie­ben sind Krä­mers Aben­teu­er des klei­nen Goril­las Ril­le unglaub­lich lesenswert.

Buchinfo

Fee Krä­mer:
Ril­le Die Dschun­gel­freun­de sind los!

Ein Vor­le­se­buch mit Bil­dern von Niko­lai Ren­ger
Thie­ne­mann-Ess­lin­ger, Stutt­gart 2020
112 S., EUR (D) 13,- inkl. MwSt.
Gebun­de­ne Aus­ga­be inkl. Anto­lin-Quiz
Ab 5 Jah­re
ISBN 978−3−480−23570−4

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H. P. Lovecraft: Cthulhus Ruf [Rezension]

Von einem uralten Wesen in den Tiefen dieser Welt, das ruht und wartet. 

Die Ahnung von etwas Uralten, Mons­trö­sen erfüllt die Geschich­te ›Cthul­hus Ruf‹. Ist es zu Beginn noch der plötz­li­che Tod des Onkels des Icher­zäh­lers, der Rät­sel auf­gibt, ver­dich­tet sich das düs­te­re Netz aus Geheim­nis­sen und Vor­ah­nun­gen bald. 

Im Nach­lass des Onkels, einem ange­se­he­nen Pro­fes­sor, stößt der Icher­zäh­ler auf Auf­zeich­nun­gen und Unter­la­gen, die Zwei­fel am natür­li­chen Tod sei­nes Onkels auf­kom­men las­sen. Doch was war es, dem der Pro­fes­sor noch bis kurz vor sei­nem Able­ben auf der Spur war? Und war­um hat er davon nichts gewusst?

Der Icher­zäh­ler von ›Cthul­hus Ruf‹ kämpft mit sich und sei­ner Wahr­neh­mung der Welt. Er will ratio­na­le Erklä­run­gen fin­den, die Geheim­nis­se sei­nes Onkels auf Betrug ande­rer zurück­füh­ren, doch je tie­fer er sich in sei­ne Nach­for­schun­gen begibt, des­to stär­ker wird das Gefühl des lau­ern­den Grau­en­haf­ten. Uralte Ritua­le und mons­trö­se Anru­fun­gen, nicht nur in der Fer­ne, son­dern Tief im Her­zen des mensch­li­chen Bewusstseins.

»Ein Fall, dem sich die Anmer­kun­gen mit Nach­druck wid­me­ten, war tra­gisch.
Die betref­fen­de Per­son, ein sehr bekann­ter Archi­tekt mit Inter­es­se an Theo­so­phie und Okkul­tis­mus, wur­de am glei­chen Tag wie Wil­cox von hef­ti­gem Wahn­sinn befal­len und starb eini­ge Mona­te spä­ter nach end­lo­sem Schrei­en, jemand möge ihn doch vor den aus­ge­bro­che­nen Bewoh­nern der Höl­le retten.«

Mehr und mehr dunk­le Geheim­nis­se kreu­zen sei­ne Nach­for­schun­gen. In den unter­schied­lichs­ten Tei­len der Welt stößt er auf wei­te­re Puz­zle­tei­le. Und doch ist kaum jemand übrig, den er direkt befra­gen könn­te. Mys­te­riö­se Todes­fäl­le und Ver­schwin­den säu­men den Weg. Und wie berich­tet man etwas, das nie­mand zu glau­ben bereit ist? Love­craft zieht Leser und Lese­rin­nen sub­til und unter­schwel­lig in die Abgrün­de sei­ner Geschich­te. Sei­te für Sei­te ver­dich­tet sich eine Geschich­te, die unter die Haut geht.

»Es war ein Poli­zist aus New Orleans namens John Ray­mond Legras­se.
Er brach­te den Gegen­stand mit, um des­sent­wil­len er gekom­men war – eine gro­tes­ke, unge­heu­er­lich absto­ßen­de und augen­schein­lich sehr alte Stein­sta­tu­et­te, deren Ursprung er nicht zu bestim­men vermochte.«

Cthul­hus Ruf‹ ist mit Abstand die berühm­tes­te Erzäh­lung H. P. Love­crafts, die natür­lich auch in ›Die bes­ten Geschich­ten‹ von H. P. Love­craft nicht fehlt. Zum Teil jedoch auch in der Zeit des Autors ver­haf­tet ist.

Doch die Abbil­dun­gen von Fran­çois Bar­an­ger machen die­se Aus­ga­be von ›Cthul­hus Ruf‹ nicht nur zu etwas Beson­de­rem, son­dern zu einem Schatz in Buch­ge­stalt. Dun­kel, düs­ter und atmo­sphä­risch fan­gen sie das Unbe­ha­gen und die Ahnun­gen ein, die zwi­schen Love­crafts Zei­len lau­ern. Jede Dop­pel­sei­te ist ein Kunst­werk für sich, die Love­crafts Welt ernst nimmt. 

Fazit zu ›Cthulhus Ruf

Love­crafts ›Cthul­hus Ruf‹ ist düs­ter, atmo­sphä­risch und unglaub­lich span­nend. Der Icher­zäh­ler ist greif­bar, ver­sucht dem Unfass­ba­ren mit Ratio­na­li­tät und Fas­sung zu begeg­nen und erbaut dadurch eine Brü­cke für den Leser in die Welt von ›Cthul­hus Ruf‹.

Die­se Aus­ga­be der berühm­ten Erzäh­lung ›Cthul­hus Ruf‹ ist nicht nur für Love­craft-Ken­ner eine Emp­feh­lung – Fran­çois Bar­an­gers Abbil­dun­gen soll­ten sie sich nicht ent­ge­hen las­sen. Auch für den Love­craft-Neu­ling ist die­se schau­rig-schö­ne und biblio­phi­le Aus­ga­be eine wun­der­ba­re Ein­la­dung in die Welt von Love­craft und Cthulhu. 

»›In sei­nem Haus in R’lyeh
war­tet träu­mend der tote Cthulhu.‹«

Buchinfo

H. P. Love­craft:
Cthul­hus Ruf

Hey­ne, Mün­chen 2020
64 S., EUR (D) 25,- inkl. MwSt.
Mit 64 far­bi­gen Abbil­dun­gen von Fran­çois Bar­an­ger
Hard­co­ver mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−453−53498−8

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Das hier dar­ge­stell­te Cover und die ange­ge­be­ne Aus­ga­be sowie die Anga­ben zum Buch kön­nen von den der­zeit erhält­li­chen Aus­ga­ben abweichen.


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Marie Graßhoff: Beta Hearts [Rezension]

Vergessene Sünden, verlorene Erinnerungen. 

Die Welt, die sie kann­ten, gibt es nicht mehr. KAMI hat die Sperr­zo­nen ver­las­sen. Immer mehr Bezir­ke fal­len in ›Beta Hearts‹ dem von Men­schen geschaf­fe­nen Virus zum Opfer, der sei­nen Wir­ten jeg­li­che Emo­tio­nen raubt. 

Denn KAMI lernt, es ent­wi­ckelt sich und ist den Men­schen längst ent­wach­sen. Und in ihm wächst ein Drang her­an, stär­ker noch als der Wunsch, alle Men­schen zu assi­mi­lie­ren: Es will sie ver­ste­hen. Es will wis­sen, war­um sie so han­deln, wie sie han­deln. Es will Emo­tio­nen ver­ste­hen ler­nen. Und es will, dass die Welt in all ihren Far­ben und For­men end­lich nicht mehr unter den Men­schen zu lei­den hat.

»Danach erin­ne­re ich mich nur an Cha­os. An Schreie, Schüs­se, Rauch, Angst und Dun­kel­heit. So viel Dun­kel­heit in so vie­len Gedanken.« 

Was ist das für eine Welt, die Marie Graß­hoff in ihrer ›Neon Birds‹-Tri­lo­gie beschreibt und die ein Kind braucht, das sich Stück für Stück zu einer Maschi­ne machen lässt? Wie viel bleibt von die­sem Kind übrig, das zwar mit den Jah­ren zu einem jun­gen Erwach­se­nen her­an­wächst, doch des­sen Kör­per bis dahin zu mehr als 70 Pro­zent nicht mehr mensch­lich ist?

Und wie kann die­ses Kind, das nie etwas ande­res gekannt hat, als das Kämp­fen, damit auf­hö­ren? Erst nach und nach wird in ›Neon Birds‹, ›Cyber Trips‹ und ›Beta Hearts‹ klar, wie kaputt die­se Welt ist, in der Oki­jen, Andra, Flover, Luke und Byth ver­su­chen, zu über­le­ben. Was auf den ers­ten Blick fort­schritt­lich, erstre­bens­wert und makel­los erscheint, bekommt Ris­se. Geheim­nis­se schei­nen durch, Leer­stel­len bil­den sich. Und immer grö­ßer wird der Wunsch, zu wis­sen, wie die­se Welt der ›Neon Birds‹-Tri­lo­gie ent­stan­den ist. Und vor allem, was aus ihr wer­den soll.

»Die Men­schen gaben mir die Macht zu ler­nen. Und ich lern­te, mich zu erin­nern. An die­se Wesen, die an ihren Besitz­tü­mern hän­gen wie an Ankern.«

Denn wäh­rend alle ihre Kräf­te bün­deln und ver­ei­nen in dem Wunsch, KAMI end­gül­tig aus­zu­lö­schen, wächst in Andra ein ande­res Ziel her­an. Ist der Mensch über­haupt dazu in der Lage, KAMI in einem Kampf zu schla­gen? Wenn nicht, was bleibt dann noch?

Andras Pfad ist ein­sam. Wen ist sie bereit, zurück­zu­las­sen, und wer ist bereit, sie zu ver­ra­ten? In ›Beta Hearts‹ schließt sich die Schlin­ge um die Häl­se der viel zu jun­gen Kämpfer.

»Gab es über­haupt noch Men­schen auf die­ser Welt außer ihnen? Gab es Städ­te und Dör­fer und Sied­lun­gen, in denen Men­schen leb­ten, die kei­ne Moja waren? Wo wären sie sicher?«

Graß­hoffs Sci­ence Fic­tion-Tri­lo­gie ist von der ers­ten bis zu letz­ten Sei­te span­nend. Die Fra­gen, die zwi­schen den Zei­len schlum­mern, rüh­ren tief an den Kern des Mensch­seins her­an. Die Geschich­te der Mensch­heit ist von Kämp­fen durch­zo­gen, wie soll­te es in der Zukunft anders sein? Sind Oki­jen und die ande­ren bereit, die­se Welt von den Genera­tio­nen vor ihnen zu übernehmen?

Fazit zu ›Beta Hearts

Bereits in den ers­ten bei­den Bän­den der ›Neon Birds‹-Tri­lo­gie ›Neon Birds‹ und ›Cyber Trips‹ hat Graß­hoff bewie­sen, dass sie schrei­ben kann und das Fina­le ›Beta Hearts‹ steht hier­bei in nichts nach. Es ist eine die­ser Rei­hen, über die man stun­den­lang spre­chen könn­te, weil so vie­le essen­zi­el­le Fra­gen dar­in schlummern.

Zugleich bleibt auch in ›Beta Hearts‹ noch vie­les unbe­ant­wor­tet. Zum Teil auch Fra­gen, um die sich die drei Bän­de stark gedreht haben. So bleibt zu hof­fen, dass ›Beta Hearts‹ zwar das Fina­le der Tri­lo­gie ist, das ›Neon Birds‹-Uni­ver­sum jedoch noch fort­ge­setzt wird. Ich bin gespannt! 

Buchinfo

Marie Graß­hoff:
Beta Hearts

Sci­ence Fic­tion, Roman
Band 3
Alters­emp­feh­lung: ab 16 Jah­ren
Bas­tei Lüb­be, Köln 2020
511 S., EUR (D) 15,- inkl. MwSt.
Paper­back
ISBN 978−3−404−20968−2

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Laetitia Colombani: Das Haus der Frauen [Rezension]

Vom Traum einer Frau, die nicht bereit war, aufzugeben. 

Seit dem Tod ihres Kli­en­ten hat sich Solè­nes Leben in ›Das Haus der Frau­en‹ ver­än­dert. War sie in dem einen Moment noch eine Kar­rie­re­frau in teu­rer Klei­dung und als Anwäl­tin erfolg­reich, weiß sie nun nicht mehr recht, was sie tun soll. 

Sie hat sei­nen Tod nicht kom­men sehen. In all den Gesprä­chen, in all den vie­len Stun­den. Und dann geschieht es, an ihrer Sei­te und viel zu schnell.

Auch Solè­ne fällt, und sie fällt tief. Arbeit scheint ihr unmög­lich, das Haus ver­las­sen eben­so. Sie zieht sich zurück, nimmt Tablet­ten. Irgend­wann emp­fiehlt ihr Arzt ihr, sich eine ehren­amt­li­che Arbeit zu suchen. Solè­ne ist skep­tisch, doch als sie all die Ein­trä­ge auf einer Web­site durch­geht, sticht ihr einer ins Auge. »Öffent­li­che Schrei­be­rin«. Sie weiß zwar nicht, was sie sich unter die­sem Begriff vor­zu­stel­len hat, doch das Schrei­ben ist ihr aus frü­he­ren Zei­ten ver­traut. Und mit einem Mal kehrt eine Sache in Solè­nes Leben zurück, die sie lan­ge begra­ben hatte.

»Kind­heits­träu­me zu ver­ges­sen ist nicht schwer, man hört ein­fach auf, dar­an zu den­ken. Man bedeckt sie mit einem Schlei­er, so wie man Laken über Möbel­stü­cke wirft, wenn man ein Haus für län­ge­re Zeit verlässt.«

Solè­ne wird zur Öffent­li­chen Schrei­be­rin im Haus der Frau­en. Doch obwohl sie als Anwäl­tin oft die Schat­ten­sei­ten des Lebens zu sehen bekam, ist sie auf die­se Stel­le nicht vor­be­rei­tet. Vor ihr wer­den die Leben so vie­ler unter­schied­li­cher Frau­en sicht­bar, die ihr auch noch nach­ge­hen, wenn sie längst Fei­er­abend gemacht hat. 

Mehr als ein­mal muss sie sich den Fra­gen stel­len, ob sie für die­se Arbeit geeig­net ist und was sie tun kann, um den Frau­en zu hel­fen. Und wäh­rend Solé­ne ver­sucht, den Bewoh­ne­rin­nen des Hau­ses zu hel­fen, die im 21. Jahr­hun­dert leben, führt Colom­ba­ni mit ›Das Haus der Frau­en‹ auch in die Zeit zurück, bevor die Idee zu die­ser Ein­rich­tung über­haupt gebo­ren wur­de. Bis hin zu Blan­che, die rund ein Jahr­hun­dert zuvor leb­te, und die Armut und Not ihrer Pari­ser Mit­bür­ger und Mit­bür­ge­rin­nen nicht hin­neh­men wollte.

»Kei­ne ande­re Spe­zi­es lie­fert sich ein sol­ches Gemet­zel. Das Miss­han­deln von Weib­chen kommt in der Natur sonst nicht vor. War­um haben Men­schen die­ses Bedürf­nis, zu zer­stö­ren und zu vernichten?«

Wer ›Der Zopf‹ von Lae­ti­tia Colom­ba­ni gele­sen hat, weiß um das Talent der Autorin, meh­re­re Per­spek­ti­ven und Leben so zu ver­we­ben, dass ein gemein­sa­mes, facet­ten­rei­ches Bild ent­steht. Geschah dies in ›Der Zopf‹ durch drei Frau­en, die zur glei­chen Zeit in unter­schied­li­chen Län­dern leben, sind es in ›Das Haus der Frau­en‹ zwei Frau­en, die in Paris leben, durch ein Jahr­hun­dert getrennt.

Und das Leben der Frau­en im Haus geht unter die Haut, eben­so das von Blan­che. Sie träum­te von einem ›Haus der Frau­en‹ schon in einer Zeit, in der obdach­lo­se Kin­der noch auf den Fel­der erfro­ren, weil es kei­nen Platz für sie gab. Doch Blan­che träumt nicht nur, sie han­delt. Uner­müd­lich, über die Gren­ze jeg­li­cher Belastbarkeit.

»Hat Paris kein Herz?, ruft sie ohne Umschwei­fe ins Publi­kum. Im alten Frank­reich herrsch­te eine Hun­gers­not, heu­te ist es die Woh­nungs­not. Men­schen ster­ben, weil sie nicht wis­sen, wo sie schla­fen sollen.«

Fazit zu ›Das Haus der Frauen

Auf nicht ein­mal 300 Sei­ten gelingt es Colom­ba­ni in ›Das Haus der Frau­en‹, die Leben und die Zeit zwei­er Frau­en auf­er­ste­hen zu las­sen. Es schaut dort hin, wo oft weg­ge­se­hen wird. Zeigt das all­täg­li­che, trau­ri­ge und zugleich zum Teil hoff­nungs­vol­le Leben im Pari­ser Haus der Frau­en. Was für Solè­ne als Ehren­amt begann, nimmt bald schon grö­ße­re Dimen­sio­nen an. Ein­drück­lich, bewe­gend und zum Nach­den­ken anregend.

Buchinfo

Lae­ti­tia Colom­ba­ni:
Das Haus der Frau­en

Roman
Über­setzt von: Clau­dia Mar­quardt
Fischer Ver­lag, Frank­furt a. M. 2020
256 S., EUR (D) 20,- inkl. MwSt.
gebun­den mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−10−390003−3

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Ragnar Jónasson: Nebel [Rezension]

Von Dunkelheit und Einsamkeit. 

Als Erna sich ent­schei­det, ihren Mann zu hei­ra­ten, ent­schei­det sie sich auch für sei­nen Hof. Abge­le­gen, über vie­le Mona­te im Jahr stock­fins­ter, Ker­zen gegen die stän­di­gen Stromausfälle. 

Erla ist nicht für die­ses Leben gemacht, doch ihren Mann wür­de sie nicht im Stich las­sen. Des­sen Fami­lie küm­mert sich bereits seit so vie­len Genera­tio­nen um den Hof, dass sie weiß, dass er ihn nie ver­kau­fen wird. Nur drei Din­ge hel­fen ihr, damit klar­zu­kom­men: Roma­ne, das Radio und der Gedan­ke an ihre Toch­ter Anna. 

Auch die­ses Weih­nach­ten soll ruhig wer­den. Nur sie und ihr Mann, spä­ter viel­leicht noch Anna. Doch als es an der Tür klopft und ein Frem­der um Ein­lass bit­tet, ist es damit vorbei.

»Sie wuss­te, dass für Einar die Fami­li­en­eh­re auf dem Spiel stand. Er hat­te ein schwe­res Erbe ange­tre­ten, und es war, als wären die Geis­ter sei­ner Ahnen stän­dig anwe­send und beob­ach­te­ten ihn aus den dunk­len Ecken heraus.«

Mit dem Frem­den zieht für Erla die Furcht in das eige­ne Haus ein. Das Tele­fon ist tot, der Strom lässt sie im Stich. Und in der Nacht hört sie Geräu­sche, die nicht da sein soll­ten. Doch abge­schot­tet jeder wei­te­ren Men­schen­see­le, sich Erna, ihr Mann und der Frem­de auf sich allein gestellt.

»Durch den Strom­aus­fall war die Atmo­sphä­re ohne­hin schon son­der­bar genug: Es herrsch­te eine Art düs­te­res Zwie­licht, das Erla an die Tages­zeit erin­ner­te, die sie immer als beson­ders unheim­lich emp­fand, die Zeit, in der Geis­ter aus den Schat­ten tra­ten und mensch­li­che Gestalt anneh­men konn­ten, ohne dass man es merkte.«

Nebel‹, der drit­te Teil der ›Hul­da‹-Tri­lo­gie kann pro­blem­los an die Qua­li­tät des ers­ten Ban­des, ›Dun­kel‹, und zwei­ten Ban­des, ›Insel‹, anzu­knüp­fen. Der drit­te Band baut zwar nicht auf den Gescheh­nis­sen des zwei­ten Ban­des auf, was durch die achro­no­lo­gi­sche Anord­nung der Tri­lo­gie auch nicht mög­lich wäre, doch lässt er Hul­das Ent­wick­lung mit­er­le­ben. Eini­ge der Ereig­nis­se, die im drit­ten Band gesche­hen, hat­ten auf den ers­ten und zwei­ten Band Auswirkungen.

Was ein fried­li­ches und besinn­li­ches Weih­nachts­fest hät­te wer­den sol­len, wird in ›Nebel‹ durch Dun­kel­heit und Iso­la­ti­on zu einem Grauen.

Wie ›Dun­kel‹ und ›Insel‹ kommt ›Nebel‹ ohne mög­lichst blu­ti­ge und bes­tia­li­sche Mor­de aus. Das Grau­en und die Span­nung wach­sen aus dem, was im Inne­ren des Men­schen schlum­mert. Jónas­son zeigt in sei­ner ›Hul­da‹-Tri­lo­gie, was Geheim­nis­se, Schuld und Dun­kel­heit mit dem Men­schen, Fami­li­en oder Part­ner­schaf­ten machen kann. 

Fazit zu ›Nebel

Nebel‹ ist ein wür­di­ger Abschluss – oder Auf­takt? – der ›Hul­da‹-Tri­lo­gie. Für mich per­sön­lich sogar der liebs­te Teil der Tri­lo­gie, die sich von Band zu Band noch wei­ter gestei­gert hat. Für alle Kri­mi-Fans, die Lust auf unauf­dring­li­che­re Span­nung haben.

Buchinfo

Rag­nar Jónas­son:
Nebel

Die HUL­DA-Tri­lo­gie, Band 3
Ori­gi­nal­ti­tel: Mis­tur (Ver­lag: Bjar­tur Ver­öld)
Thril­ler
Über­setzt von: Andre­as Jäger
btb, Mün­chen 2020
352 S., EUR (D) 15,- inkl. MwSt.
Paper­back, Klap­pen­bro­schur
ISBN 978−3−442−75862−3

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Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa [Rezension]

Ilja hat­te nicht geplant, spä­ter ein­mal nach Vene­dig zu zie­hen. Sein Leben in Genua war toll, vor allem als er die auf­re­gen­de und anzie­hen­de Clio ken­nen­lern­te. Und doch muss er nicht lan­ge dar­über nach­den­ken, als Clio sich über­legt, wegen eines Job­an­ge­bo­tes dort­hin zu ziehen. 

Vene­dig – eine Stadt, die berühmt ist für ihre Kunst und ihre Gon­deln. Wo es an jeder Stra­ßen­ecke vene­zia­ni­sche Mas­ken für Tou­ris­ten zu kau­fen gibt, aber kaum mehr fri­sches Obst oder Gemü­se für die Bewohner. 

Doch obwohl er sich sei­ner Ent­schei­dung sicher ist, wird nicht Vene­dig in sei­ner Erin­ne­rung die schöns­te Zeit wer­den, son­dern Genua. 

Als Ilja sich schließ­lich in das Grand Hotel Euro­pa begibt, um sei­ne Geschich­te auf­zu­schrei­ben, ist es mehr als eine Welt, die der Schrift­stel­ler zu Papier bringt. Zum einen ist es sei­ne per­sön­li­che Ver­gan­gen­heit, die er teilt. Vol­ler Kunst, Mar­ken­klei­dung und alten Fami­li­en. Zum ande­ren ist es die Welt des Tou­ris­mus, die jähr­lich in Vene­dig zu spü­ren ist. Außer­dem noch jene Welt Abduls, der sei­ne Hei­mat ver­las­sen muss­te und bei die­ser Rei­se alles ande­re als schö­ne Erin­ne­run­gen gesam­melt hat. 

»Das Zim­mer war ein­fach per­fekt, nicht etwa, weil es ein per­fek­tes Hotel­zim­mer gewe­sen wäre, son­dern gera­de weil es das nicht war. An die­ser Suite hat­te sich kein Inte­rior desi­gner unter Zuhil­fe­nah­me eines anony­men und zweck­mä­ßi­gen Ent­wurfs ver­küns­telt, son­dern hier hat­te ein Über­maß an Geschich­te despe­rat seuf­zen­de Spu­ren hinterlassen.«

Sie alle kom­men in Pfei­jf­fers Roman ›Grand Hotel Euro­pa‹ zusam­men und wol­len vom Ilja der Roman­welt auf­ge­schrie­ben werden. 

Der Leser oder die Lese­rin muss sich ein­las­sen kön­nen auf die­sen Schreib­stil, der anfangs üppig und beschrei­bend wirkt. Denn durch die­sen kön­nen die Kon­tras­te umso stär­ker wirken. 

»Die Stadt wird heu­te fast nur noch von Geis­tern aus der Ver­gan­gen­heit bewohnt, dafür aber jähr­lich von acht­zehn Mil­lio­nen Tou­ris­ten über­schwemmt. Das sind 50000 pro Tag, ähn­lich vie­le Besu­cher hat Dis­ney­land im kali­for­ni­schen Anaheim.«

Fazit zu ›Grand Hotel Europa

Man soll­te sich Zeit las­sen für die­ses Buch, das die­se braucht, um sich zu ent­fal­ten. Und obwohl man­ches zu üppig wir­ken, nicht nur Iljas und Cli­os orgas­ti­sches Sex­le­ben, ist die­ses Buch nicht nur für kunst­his­to­risch inter­es­sier­te Leser und Lese­rin­nen lesenswert.

Buchinfo

Ilja Leo­nard Pfei­jf­fer:
Grand Hotel Euro­pa

Roman
Über­setzt von: Ira Wil­helm
Piper, Mün­chen 2020
560 S., EUR (D) 25,- inkl. MwSt.
Hard­co­ver mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−492−07011−9

Lust bekom­men?

Das hier dar­ge­stell­te Cover und die ange­ge­be­ne Aus­ga­be sowie die Anga­ben zum Buch kön­nen von den der­zeit erhält­li­chen Aus­ga­ben abweichen.




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