Benjamin Maack: Monster [Rezension]

Benjamin Maack: Monster [Rezension]

Etwas, dessen Name nicht genannt werden kann.

CoverMons­ter sind all­ge­gen­wär­tig. Weder das Mons­ter unter dem Bett noch das Krü­mel­mons­ter sind aus unse­rer Erzähl­welt weg­zu­den­ken. Bereits im Deut­schen Wör­ter­buch, an dem Jacob und Wil­helm Grimm 1838 zu arbei­ten began­nen, ist es eng mit der Bedeu­tung des ›Unge­heu­ers‹ ver­wo­ben: das, was dem Men­schen nicht geheu­er ist. 

Über 170 Jah­re spä­ter wird das Mons­ter namens­ge­bend für Ben­ja­min Maacks mehr­fach aus­ge­zeich­ne­tes Werk. In die­sem kom­bi­niert er Erzäh­lun­gen über die Abwe­ge des Mensch­seins mit kür­ze­ren, ein­ge­scho­be­nen Passagen. 

»Es ist plötz­lich da«

So beginnt der ers­te der 19 kapi­tel­ar­ti­gen Abschnit­te des Buchs, die zwi­schen einer Län­ge von weni­gen Sät­zen bis hin zu über 70 Sei­ten schwan­ken. Mons­ter spielt mit dem Auf­lö­sen von For­men, sodass eine Gen­re­zu­schrei­bung erschwert wird.  Bei ›Es‹ han­delt es sich um eine Eule, die den Weg von der Stra­ße in Ben­ja­mins Kof­fer­raum fin­det und ihn fort­an beglei­tet. Die Abschnit­te wir­ken auf den ers­ten Blick von­ein­an­der unab­hän­gig. Ledig­lich der Name ›Ben­ja­min‹ zieht sich durch alle Geschich­ten, in denen der Prot­ago­nist benannt wird. Zwei der Abschnit­te bestehen gänz­lich aus einer sei­ten­lan­gen Anein­an­der­rei­hung des Buch­sta­bens X oder der Zahl 0. 

»Ich glau­be nicht an ande­re Men­schen. Ich mei­ne, ich glau­be nicht, dass es ande­re Men­schen gibt«,

lau­tet eine jener zehn Pas­sa­gen, die Maack zwi­schen die ein­zel­nen Abschnit­te streut. Doch das, was zusam­men­hangs­los wirkt, ergibt am Ende des Buches ein facet­ten­rei­ches Bild: Maack webt sie­ben län­ge­re Geschich­ten mit­hil­fe die­ser Pas­sa­gen anein­an­der. In ihnen wen­det sich der Icher­zäh­ler unmit­tel­bar an den Leser. Die Pas­sa­gen rah­men die Erzäh­lun­gen nicht, son­dern hal­ten sie wie Kleb­stoff aus dem Inne­ren zusammen. 

CoverIm Kon­trast zu den wirr-anmu­ten­den Sei­ten vol­ler Nul­len und X‑en erge­ben die in sich geschlos­se­nen Kurz­ge­schich­ten über­ra­schend viel Sinn. So erzählt Maack in ›Viel schlim­mer als die dunk­len Räu­me sind die spie­geln­den Fens­ter‹ die Geschich­te von Ben­ja­min und sei­ner Jugend­lie­be Kath­rin. Ben­ja­min fährt sie und ihren Mann in ihrem abge­le­ge­nen Haus besu­chen. Spür­bar liegt die Schwe­re der Erin­ne­rung auf Kath­rin und Ben­ja­min, doch die Lebens­wirk­lich­keit knüpf­te sie an ihren Mann und das, lan­ge bevor die­ser an den Roll­stuhl gebun­den war. Ledig­lich die Eule, der sym­bo­li­sche Unglücks­bo­te, beglei­tet Ben­ja­min zurück in sei­ne eige­ne Wohnung. 

In der Erzäh­lung ›Wie sehr hat Las Casas geweint?‹ ver­webt Maack die vom Kör­per­li­chen domi­nier­te Lie­bes­ge­schich­te von Ben­ja­min und Nina mit der Geschich­te ihres Groß­va­ters. Die­ser erzählt Ben­ja­min »wie ein kaput­tes Spiel­zeug« Geschich­ten von Kolum­bus und den Spa­ni­ern. Bis der Groß­va­ter stirbt. 

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© Ben­ne Ochs / mairisch.de

Maacks Geschich­ten beglei­ten die Prot­ago­nis­ten in ihrem Umher­ir­ren und sind durch all­täg­li­che Beob­ach­tun­gen und Erzähl­si­tua­tio­nen in der Wirk­lich­keit ver­an­kert. Den­noch spielt der Icher­zäh­ler in den zwi­schen­ge­schal­te­ten Pas­sa­gen mit sei­ner eige­nen Glaub­wür­dig­keit. So gesteht er gegen Ende, dass eine der Figu­ren des Anfangs zum Zeit­punkt der Erzäh­lung längst ver­stor­ben ist. Und negiert damit eine der Grund­an­nah­men der anfäng­li­chen Erzäh­lung des Buches.

Der Leser wird der bedrü­cken­den Här­te der Geschich­ten bis zuletzt aus­ge­setzt. Kein Hap­py End eilt zur Erlö­sung her­bei, sodass die Stim­mung nach Abschluss des Buches anhält. Vie­le Fra­gen blei­ben unbe­ant­wor­tet: wie, ob sich die ›Ben­ja­mins‹ der Geschich­ten auf ein und die­sel­be Per­son bezie­hen, oder wo genau sich das Mons­ter in Maacks Erzäh­lun­gen ver­steckt hält. Die­ses nimmt kei­ne kon­kre­te Gestalt an, wäh­rend das Figu­ren­per­so­nal durch­aus in Situa­tio­nen gerät, in denen mons­trö­se Züge ihres Wesens zum Vor­schein kom­men. Sowohl in sexu­ell expli­zi­ter als auch in psy­cho­lo­gisch abgrün­di­ger oder gewalt­tä­ti­ger Hinsicht.

Doch das Düs­te­re und Unheil­vol­le erschöpft sei­ne Wir­kung mit dem Fort­gang des Buches. Die ver­schie­de­nen Gesich­ter des Mons­ters sind gezeigt, ihre Geschich­ten in Dru­cker­schwär­ze gebannt.

Zurück bleibt das Schei­tern des Prot­ago­nis­ten, das sich als Boden­satz durch die Geschich­ten zieht.

Bei der Preis­ver­lei­hung des Her­mann Hes­se För­der­prei­ses, den  Maack für ›Mons­ter‹ erhielt, berich­tet er von der Ent­ste­hungs­zeit des Buches: 

»Frü­her hab ich jedes Mal mit schreck­li­chen Ängs­ten gekämpft, wenn ich mich zum Schrei­ben hinsetzte.«

Eine scho­nungs­lo­se Authen­ti­zi­tät, die sich im gesam­ten Werk widerspiegelt.

Buchinfo

maack monster bild

Ben­ja­min Maack:
Mons­ter (Cover­ab­bil­dung oben)
Mai­risch Ver­lag, Ham­burg 2012
192 S., EUR (D) 16,90 inkl. MwSt.
Erzäh­lun­gen
ISBN 978−3−938539−21−7

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Ben­ja­min Maack:
Mons­ter
btb Ver­lag, Mün­chen 2015
189 S., EUR (D) 8,99 inkl. MwSt.
Taschen­buch
ISBN 978−3−442−74811−2

Das hier dar­ge­stell­te Cover und die ange­ge­be­ne Aus­ga­be sowie die Anga­ben zum Buch kön­nen von den der­zeit erhält­li­chen Aus­ga­ben abweichen.


Bewer­tung: 4 von 5.


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