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Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit [Rezension]

Von Verlusten, Familie und dem Weitermachen. 

Ein Mann kommt in Bene­dict Wells ›Vom Ende der Ein­sam­keit‹ nach einem Motor­rad­un­fall in ein Kran­ken­haus. Doch wäh­rend sei­ne kör­per­li­chen Wun­den zu hei­len begin­nen, kön­nen sich nicht alle mit der Geschich­te sei­nes Unfalls anfreunden. 

Ein Unfall, des­sen Grün­de nicht ver­stan­den wer­den kön­nen, ohne die Geschich­te des Fah­rers zu ken­nen. Und die­se Geschich­te führt weit in die Kind­heit des Man­nes zurück. Zu einer Zeit, in der das Motor­rad­fah­ren noch in wei­ter Fer­ne lag und sei­ne Eltern ihn und sei­ne bei­den Geschwis­ter Mar­ty und Liz aufzogen.

Doch ein Bruch zieht sich durch sei­ne Kind­heit und die sei­ner Geschwis­ter. Von einem Tag auf den ande­ren wird ihr Leben in sei­nen Grund­fes­ten erschüt­tert. Eine Erschüt­te­rung, die spür­bar in den Sei­ten von ›Vom Ende der Ein­sam­keit‹ weilt.

»Ich ken­ne den Tod schon lan­ge, doch jetzt kennt der Tod auch mich.
Vor­sich­tig öff­ne ich die Augen, blinz­le ein paar­mal. Lang­sam weicht die Dunkelheit.«

1980 ist Jules erst sie­ben und sei­ne Kind­heit kaum anders als die vie­ler Kin­der. Unlieb­sa­me Besu­che bei der Groß­mutter, sich zan­ken­de Geschwis­ter auf Rück­sit­zen. Noch drei, fast vier Jah­re soll die­se schein­ba­re Nor­ma­li­tät erhal­ten bleiben. 

Doch die­se Nor­ma­li­tät endet mit dem Tod sei­ner Eltern. Wie sei­ne bei­den Geschwis­ter wird auch Jules in ein Inter­nat geschickt. Doch dadurch muss er nicht nur sein Zuhau­se hin­ter sich las­sen, auch sei­ne Geschwis­ter kön­nen nicht mehr wie gewohnt bei ihm blei­ben, da sie im Inter­nat ande­ren Alters­grup­pen angehören. 

»Drei­ein­halb Jah­re spä­ter, im Dezem­ber 1983: das letz­te Weih­nachts­fest mit mei­nen Eltern. Am frü­hen Abend stand ich am Fens­ter mei­nes Kin­der­zim­mers, wäh­rend die ande­ren das Wohn­zim­mer her­rich­te­ten. Wie jedes Jahr rie­fen sie mich erst, wenn alles fer­tig geschmückt war, doch wie lan­ge dau­er­te es noch?«

Auf dem Inter­nat lernt Jules Alva ken­nen, die ihn und sein Leben für vie­le Jah­re prä­gen soll. Doch es ist nicht nur die Geschich­te von Jules und Alva, von der Wells in ›Vom Ende der Ein­sam­keit‹ erzählt. Viel­mehr ist es die Geschich­te einer Fami­lie, die zugleich von Ver­lus­ten, aber auch von Zuwachs gezeich­net ist. Nicht nur Jules ent­wi­ckelt sich für den Leser oder die Lese­rin nach­voll­zieh­bar wei­ter, auch sei­ne Geschwis­ter müs­sen in ›Vom Ende der Ein­sam­keit‹ erwach­sen werden.

In der Beschrei­bung die­ser Geschwis­ter­be­zie­hung steckt eine der gro­ßen Stär­ken die­ses Romans. Wun­den, die sie ein­an­der zufü­gen, Feh­ler, die sie gemein­sam machen. Der Ver­such von Annä­he­rung und eigen­stän­di­ger Entwicklung. 

»Was folgt, ist dunk­les Stau­nen und ein dich­ter Nebel, nur sel­ten gelich­tet von eini­gen kur­zen Erin­ne­run­gen. Wie ich in mei­nem Zim­mer in Mün­chen ste­he und aus dem Fens­ter sehe, in den Innen­hof mit der Schau­kel und dem Baum­haus und in das Mor­gen­licht, das sich in den Ästen der Bäu­me ver­fängt. Es ist der letz­te Tag in unse­rer kom­plett leer­ge­räum­ten Woh­nung, ich höre Mar­ty nach mir rufen.«

Facet­ten und Tei­le der Geschich­te erzählt Wells nur in Anspie­lun­gen und dem Unge­sag­ten. Fra­gen blei­ben unge­klärt, nur von dem Gefühl einer vagen Ahnung beglei­tet. Wie­so starb Onkel Eric so jung? Und wie­so sieht Jules’ Bru­der Mar­ty so anders aus als er?

Fazit zu ›Vom Ende der Einsamkeit‹

Vom Ende der Ein­sam­keit‹ zeigt das Leben von Jules und sei­nen Geschwis­tern Mar­ty und Liz über meh­re­re Jahr­zehn­te ihres Lebens hin­weg. Trotz allen düs­te­ren Momen­ten ent­wi­ckeln sich die Figu­ren und wach­sen dabei ans Herz. Ein tol­les Buch über Fami­lie, Ver­lus­te und Möglichkeiten. 

Buchinfo

Bene­dict Wells:
Vom Ende der Ein­sam­keit

Taschen­buch delu­xe
Dio­ge­nes, Zürich 2020
464 S., EUR (D) 14,- inkl. MwSt.
ISBN 978−3−257−26155−4

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Anne Weber: Annette ein Heldinnenepos [Rezension]

Die Geschichte einer Frau, die viele Namen hatte. 

Es gibt Geschich­ten, die man nicht mehr ver­ges­sen wird. Anne Weber ist es gelun­gen, mir mit ›Annet­te ein Hel­din­nen­epos‹ eine sol­che zu erzählen. 

Von klein auf strebt Annet­te nach Ver­än­de­rung. Sie kann die Unge­rech­tig­keit nicht hin­neh­men, die sie sieht. Weder die, die ihr und ihren Liebs­ten zuteil wird noch die der anderen. 

Sie weiß, dass es gefähr­lich ist, die­ses Bestre­ben in Taten umzu­set­zen. Sie könn­te alles ver­lie­ren: ihre Gesund­heit, ihr Leben, ihre Liebsten.

Doch Weber erzählt die Lebens­ge­schich­te einer Frau, die den gefähr­li­chen Weg gewählt hat. Mehr­fach. In der tie­fen Über­zeu­gung, dass es der not­wen­di­ge Weg ist. Doch noch bevor Leser und Lese­rin­nen an ihrem Kampf gegen die Unge­rech­tig­keit teil­ha­ben, erzählt Weber in ›Annet­te ein Hel­din­nen­epos‹ die Geschich­te von Annet­tes Familie. 

»Die Unter­kunft ist küm­mer­lich, und dem­entspre­chend nied­rig ist die Mie­te, doch das Gerin­ge ist noch viel für sie, die früh ver­wit­wet ihre Kin­der mit dem Ertrag der pêche à pied oder des Fischens ohne Boot her­an­ge­zo­gen hat: Tag für Tag macht sie sich bei Ebbe auf den Weg und stö­bert aus­dau­ernd im nas­sen Sand aller­lei Mee­res­ge­tier auf«

Die­se Aus­dau­er und das vie­le, vie­le Lau­fen wer­den auch Annet­tes Leben aus­zeich­nen. Doch neben dem Lau­fen auch das vie­le War­ten, Unge­wiss­hei­ten, Risi­ken. Annet­te wird sich an vie­le Namen gewöh­nen und von die­sen wie­der entwöhnen. 

Sie macht ihre Arbeit gut, wenn sie nicht auf­fällt und sich an die Regeln hält. Meis­tens gelingt ihr das. Nicht auf­zu­fal­len gelingt ihr schein­bar leicht, sich immer an die Regeln zu hal­ten manch­mal nicht. Denn wozu sind Regeln da, wenn sie zu bre­chen, Leben ret­ten kann? Zugleich jedoch wer­den durch das Bre­chen der Regeln Leben gefähr­det. Annet­te muss vie­le Ent­schei­dun­gen tref­fen, ein­fach sind die wenigsten.

»Das Mäd­chen wirkt erfreu­lich harm­los, tau­send­mal harm­lo­ser ver­mut­lich, als es ist. Da hat er recht.«

Annet­te ein Hel­din­nen­epos‹ ist in vie­ler­lei Hin­sicht etwas Beson­de­res. Webers Spra­che ist aus­drucks­stark und berüh­rend. Die Leben, die sie schil­dert, sind oft­mals kaum bekannt oder lan­ge ver­ges­sen. Doch in Dru­cker­schwär­ze macht Weber für sie Platz, erin­nert, lässt begrei­fen. Wie vie­le, unzähl­ba­re sterb­li­che Schick­sa­le in die gro­ßen Momen­te der Geschich­te ver­wi­ckelt waren. 

Annet­te ist mutig, weit mehr als das. Sie lebt den Wider­stand gegen die Unge­rech­tig­keit und zahlt dafür mehr­mals einen hohen Preis.

»Denn wie das meis­te ist auch das Wider­ste­hen anders, als man es sich denkt, näm­lich kein ein­ma­li­ger Ent­schluss, kein kla­rer, son­dern ein unmerk­lich lang­sa­mes Hin­ein­ge­ra­ten in etwas, wovon man kei­ne Ahnung hat. Das Ers­te, dems zu wider­ste­hen gilt, das ist man selbst. Der eige­nen Angst.«

Fazit zu ›Annette ein Heldinnenepos

Annet­te ein Hel­din­nen­epos‹ ist kei­nes der Bücher, das ich neben­bei in der Strand­lie­ge lesen könn­te. Die­ses Buch lädt nicht nur dazu ein, es zu lesen, son­dern mit­zu­füh­len – nicht im all­tags­sprach­li­chen Sin­ne. Stau­nend lässt es einen über eine Frau zurück, die so viel Mut und Aus­dau­er gezeigt hat. Inspi­rie­rend, berüh­rend und nachgehend.

Buchinfo

Anne Weber:
Annet­te, ein Hel­din­nen-Epos

Mat­thes & Seitz, Ber­lin 2020
208 S., EUR (D) 22,- inkl. MwSt.
Gebun­den mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−95757−845−7

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