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Drei Klassiker, die mich wirklich überrascht haben

Klassiker, die mich überrascht haben [Buchwelt]

Drei Klassiker, die mich wirklich überrascht haben. 

Es gibt mitt­ler­wei­le so vie­le Adap­tio­nen von Klas­si­kern, sei es als Film, Serie, Game, in Lie­dern oder Thea­ter­stü­cken. Viel­fach wur­den die gro­ßen Figu­ren und mons­trö­sen Gestal­ten als Haupt- oder Neben­cha­rak­te­re für ande­re Bücher oder Fil­me ver­wen­det. So trifft man in dem Film ›Die Liga der außer­ge­wöhn­li­chen Gen­tle­men‹ auf Dori­an Gray oder in der Serie ›Once Upon a Time – Es war ein­mal‹ auf eine gan­ze Rei­he bekann­ter Gestal­ten, unter ihnen Dr. Fran­ken­stein. Auch Jane Aus­tens Roma­ne erfreu­en sich zahl­rei­cher Adaptionen.

So hat selbst jemand, der die Klas­si­ker nicht gele­sen hat, oft eine bestimm­te Vor­stel­lung von einer Figur oder von der Geschich­te, die sie umgibt. Je nach­dem, wel­che Umsetzung(en) man gese­hen oder gehört hat, ist die­se Vor­stel­lung nah am Ori­gi­nal – oder auch ziem­lich weit weg.

Ich selbst lese sehr ger­ne Klas­si­ker. Oft waren sie für ihre Zeit sehr wich­tig, haben viel­leicht etwas Neu­es in die Lite­ra­tur gebracht oder für das brei­te Publi­kum greif­bar gemacht. Über die Jah­re hat sich gewis­ser­ma­ßen vor­se­lek­tiert, was den Sta­tus als Klas­si­ker erhal­ten hat und damit gleich­falls erhal­ten geblie­ben ist und was nicht. Das muss nicht immer unum­strit­ten sein.

Im Anschluss will ich euch mei­ne Top 3 der Klas­si­ker vor­stel­len, von denen ich vor dem Lesen eine bestimm­te Vor­stel­lung hat­te und beim Lesen dann gemerkt habe, dass ich mei­len­weit davon ent­fernt war. Also Trom­mel­wir­bel für die drei Klas­si­ker, die mich am meis­ten über­rascht haben.

Platz 3 – Theodor Storm: Ein Doppelgänger

Ein Dop­pel­gän­ger‹ war die ers­te Novel­le von Theo­dor Storm, die ich jemals gele­sen habe. Mei­ne Erwar­tun­gen waren gemischt. Ver­knüpf­te ich Storm bis­lang mit »Von drauß vom Wal­de komm’ ich her; / Ich muß euch sagen, es weih­nach­tet sehr!«, änder­te sich dies schlag­ar­tig. Obwohl ich auf die­se Novel­le in einem Semi­nar über ›Kri­mi­na­li­tät in der Lite­ra­tur‹ stieß, hat die Geschich­te um den Ex-Zucht­häus­ler John Han­sen mich tief berührt. Das Tau­meln und Strau­cheln eines Man­nes, der ver­sucht mehr zu sein, als die Stra­fe, die er in jün­ge­ren Jah­ren bekom­men hat. Sei­ne Geschich­te ist nicht hei­ter, sie ist ohne Gna­de und bewe­gend. Eine kur­ze Geschich­te, die mir vie­le, vie­le Stun­den des und dar­über Redens geschenkt hat.


Platz 2 – Friedrich Dürrenmatt: Romulus der Große

Inzwi­schen habe ich eini­ge Bücher von Dür­ren­matt gele­sen und weiß, dass mich ver­mut­lich jedes sei­ner Bücher so über­rascht hät­te. In mei­nem Fall war das ers­te Buch von ihm, das ich je las, ›Romu­lus der Gro­ße‹. Kurz dar­auf folg­te ›Der Besuch der alten Dame‹. Es gibt vie­le Arten eine Geschich­te zu erzäh­len. In den meis­ten Büchern ver­wen­den die Prot­ago­nis­ten sehr viel Zeit und Ener­gie dar­auf, einen für sie und ihre Liebs­ten posi­ti­ven Aus­gang zu errei­chen. Die Hel­den und Hel­din­nen haben ein Ziel, Stei­ne wer­den ihnen in den Weg gelegt, und oft schaf­fen sie es.

Dür­ren­matts Erzähl­stra­te­gie klingt anders: »Eine Geschich­te ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst­mög­li­che Wen­dung genom­men hat.« Und obwohl Dür­ren­matts Dra­men somit mit mei­nen Erwar­tun­gen gebro­chen haben, fühlt sich ihr Aus­gang inner­halb der Geschich­te kon­se­quent an.


Platz 1 – Mary W. Shelley: Frankenstein

Mei­ne Erwar­tun­gen an ›Fran­ken­stein‹ waren nicht sehr gnä­dig. Erwar­tet hat­te ich ein blut­rüns­ti­ges Mons­ter vol­ler Kraft und Schrau­ben, das nicht weit den­ken kann, viel­leicht nicht ein­mal den eige­nen Namen aus­spre­chen. Kraft hat Fran­ken­steins Mons­ter. Auch Blut fließt in so man­cher Sze­ne. Aber mehr stimm­te nicht mit mei­ner Vor­stel­lung überein.

Fran­ken­stein‹ ist ein Brief­ro­man. Geschrie­ben von einer jun­gen Frau, die bei der Erschei­nung des Buches kaum zwan­zig Jah­re jung war. Und Fran­ken­steins Mons­ter ist alles ande­re als dumm. Es lernt, ver­sucht sich die Welt, die Men­schen und sich selbst zu erklä­ren. Da sein Erschaf­fer ihn schon bei der ›Geburt‹ ver­lässt und Men­schen nicht gnä­dig auf sein mons­trö­ses Äuße­res reagie­ren, ist dies auch der ein­zi­ge Weg, den er hat, um zu ler­nen. Er beob­ach­tet im Gehei­men, bringt sich so die Spra­che der Men­schen bei, und könn­te sicher­lich sei­nen eige­nen Namen feh­ler­frei aus­spre­chen, wenn man ihm einen gege­ben hät­te. Doch sein Schöp­fer, Dr. Fran­ken­stein, gewähr­te ihm kei­nen. Die Gedan­ken­welt des Mons­ters und die anschei­nen­de Nor­ma­li­tät der Men­schen prä­gen den Roman. Wie wird man zum Mons­ter und wie zum Mann? Durch Taten oder kör­per­li­che Mons­tro­si­tät? Mehr dazu war­tet in Mary Shel­ley Klas­si­ker ›Fran­ken­stein‹, erschie­nen unter ande­rem im Fischer-Ver­lag.

Wel­cher Klas­si­ker hat Dich bis­lang am meis­ten überrascht?



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John Strelecky: Das Café am Rande der Welt [Rezension]

Von Staus, fehlender Orientierung und anderen Chancen im Leben. 

John braucht in ›Das Café am Ran­de der Welt‹ eine Pau­se. Nach der gan­zen Arbeit muss er ein­fach mal wie­der Urlaub machen, raus­kom­men und abschalten. 

Scha­de nur, dass sich sein Weg in den Urlaub als eben­so stres­sig ent­puppt wie sei­ne Arbeit selbst. Auf dem High­way bewe­gen sich die Autos kei­nen Meter mehr nach vorn, tan­ken könn­te er auch mal wie­der und was zu essen wür­de sicher­lich auch nicht schaden. 

Mehr vor Wut und Anpas­sung als nach reif­li­cher Über­le­gung ver­lässt John den High­way. Nur um sich zur Krö­nung sei­nes Urlaubs­be­ginns hoff­nungs­los zu ver­fah­ren. Zumin­dest so lan­ge, bis er im schein­ba­ren Nir­gend­wo ein Café fin­det. Ein Café, das ihn bald nicht nur froh dar­über sein lässt, dass er sich ver­fah­ren hat, son­dern auch vie­le ande­re Über­ra­schun­gen für ihn bereithält.

»Die­ser Tag über­traf lang­sam bei wei­tem alles, womit ich gerech­net hat­te. Erst eine stun­den­lan­ge Fahrt durch das Nichts, dann ein Café am Ran­de der Welt und jetzt eine Bedie­nung mit einem spitz­bü­bi­schen Lächeln.«

Streleckys Erzäh­lun­gen und Rat­ge­ber über den Sinn des Lebens haben für mich stets zwei Sei­ten. Zum einen die Art und Wei­se, wie er sei­ne Über­le­gun­gen ver­packt und beschreibt. Sei­ne Spra­che ist klar. Kom­ple­xe­re Gedan­ken­gän­ge stellt er mit­hil­fe mög­lichst ein­fa­cher und doch ein­gän­gi­ger Ver­glei­che und Geschich­ten dar. Doch obwohl ›Das Café am Ran­de der Welt‹ in Erzähl­form geschrie­ben ist, wirkt die Geschich­te selbst kon­stru­iert. Nicht alle sei­ner Figu­ren kön­nen Sym­pa­thie­punk­te ergat­tern. Die Bedie­nung Casey scheint all­zeit spitz­bü­bisch und schel­misch zu lächeln und es auch immer noch mal bes­ser zu wissen. 

Anne und Mike hin­ge­gen füh­len sich run­der und mensch­li­cher an. Sie laden dazu ein, im Café zu ver­wei­len und sich mit den Fra­gen der Erzäh­lung auseinanderzusetzen.

© Bogen­ber­ger Autoren­fo­tos, hono­rar­frei, Stand: Dezem­ber 2017

Die zwei­te Sei­te hin­ge­gen ist das, wor­über Strelecky schreibt. Die Fra­gen, mit denen sich der Prot­ago­nist John aus­ein­an­der­set­zen muss, sind exis­ten­zi­ell. Sie füh­ren ihn – und mit ihm die Lesen­den – nah an das eige­ne Selbst her­an. Die­se Fra­ge über den Sinn des Lebens haben Gewicht, sie ver­än­dern und sind zugleich so uni­ver­sell, dass sie wohl vie­len Erwach­se­nen bereits begeg­net sind.

»Sobald ein Mensch weiß, war­um er hier ist, warm er exis­tiert, wel­chen Grund es dafür gibt, dass er am Leben ist, wird er den Wunsch haben, dem Sinn und Zweck sei­ner Exis­tenz gerecht zu wer­den. Es ist so, als erken­ne man auf einer Kar­te, wo ein Schatz ver­steckt ist. Sobald man die Mar­kie­rung ent­deckt hat, fällt es schwer, sie zu igno­rie­ren und nicht nach dem Schatz zu suchen.«

Fazit zu ›Das Café am Rande der Welt

Wer bereit ist, sich auf die zu Anfang viel­leicht etwas kon­stru­iert wir­ken­de Erzäh­lung ›Das Café am Ran­de der Welt‹ ein­zu­las­sen, kann sicher­lich eini­ge Über­le­gun­gen und Erkennt­nis­se aus die­sem Buch mit­neh­men. Viel­leicht auch mit einem Stück saf­ti­gen Rha­bar­ber-Kuchen. Mehr von Strelecky gibt es bei­spiels­wei­se in ›Aus­zeit im Café am Ran­de der Welt‹ zu lesen.

Buchinfo

John Strelecky:
Das Café am Ran­de der Welt
Eine Erzäh­lung über den Sinn des Lebens
Mit Illus­tra­tio­nen von Root Leeb
Über­setzt von Bet­ti­na Lem­ke
dtv, Mün­chen 2007
128 S., EUR (D) 8,95 inkl. MwSt.
Soft­co­ver
ISBN 978−3−423−20969−4

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Bram Stoker: Dracula [Rezension]

Als das Böse nach London kam. 

Der Graf, den Jona­than Har­ker in ›Dra­cu­la‹ in Trans­sil­va­ni­en ken­nen­lernt, ist höf­lich, gebil­det und wiss­be­gie­rig. Beson­ders, wenn es Eng­land betrifft – das Land, in dem der alte Mann in naher Zukunft woh­nen will. 

Doch bereits nach kur­zer Zeit merkt Jona­than, dass im Schloss des Gra­fen etwas selt­sam ist. Kei­ne ande­re Men­schen­see­le begeg­net ihm, vie­le Türen sind ver­schlos­sen und der Graf begeg­net ihm nur bei Nacht. 

Und je län­ger er beim Gra­fen bleibt, um mit ihm alle recht­li­chen Fra­gen bezüg­lich sei­nes Umzu­ges nach Eng­land zu klä­ren, ist er sich siche­rer, dass es sich dabei nicht um Zufäl­le han­deln kann.

Doch als Jona­than die Furcht beschleicht, er könn­te ihn an sei­ner Heim­rei­se hin­dern wol­len, kann er nicht mehr ruhig blei­ben. Er durch­sucht das Schloss, soweit er kommt, und über­tritt damit eine der Regeln des Gra­fen. Zum ers­ten Mal begeg­net er im Schloss jemand ande­rem als den Gra­fen, doch die­ses Tref­fen bringt alles ande­re als Erleichterung.

»Mit der schma­len Adler­na­se und den eigen­tüm­lich gebo­ge­nen Nasen­flü­geln, der hoch­ge­wölb­ten Stirn und dem an den Schlä­fen spär­li­chen, sonst recht üppi­gen Haar hat­te er etwas von einem Raub­vo­gel. Sei­ne mäch­ti­gen, buschig gekräu­sel­ten Augen­brau­en stie­ßen über der Nasen­wur­zel fast zusam­men. Der Mund, soweit ich ihn unter dem Schnurr­bart sehen konn­te, wirk­te ziem­lich hart und grausam.«

Und wäh­rend Jona­than nach Trans­sil­va­ni­en ver­reist ist, muss sich sei­ne Ver­lob­te Mina mit ganz ande­ren Din­gen aus­ein­an­der­set­zen. Die schö­ne jun­ge Lucy, mit der sie in Whit­by ein Zim­mer teilt, schlaf­wan­delt. Mit­ten in der Nacht zieht sie sich an und ver­sucht, das Haus zu ver­las­sen. Selbst als Mina das Zim­mer ver­schließt und den Schlüs­sel an ihr Hand­ge­lenk bin­det, fin­det sie sel­ten Ruhe. So auch in der Nacht, in der es Lucy schla­fend gelingt, das Haus zu ver­las­sen. Zu einer Zeit, in der auch Jona­thans Brie­fe immer befremd­li­cher wer­den und schließ­lich ganz auf­hö­ren zu kommen.

Dra­cu­la‹ ist einer jener Roma­ne, für die man Zeit und Ruhe braucht. Die Figu­ren sind anfangs manch­mal schwer aus­ein­an­der­zu­hal­ten, wer­den sie bei­spiels­wei­se an einer Stel­le nur mit Vor­na­men genannt, dann wie­der nur über den Nach­na­men. Er hat nicht die Form eines klas­si­schen Romans, son­dern ist viel mehr ein groß­teils chro­no­lo­gi­sches Sam­mel­su­ri­um aus Zei­tungs­aus­schnit­ten, Brie­fen, Tele­gram­men, Tage­bü­chern und ande­rem, die ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven wie­der­ge­ben. Doch was anfangs etwas ver­wir­ren mag, gewinnt bald an Reiz. Denn die­se zahl­rei­chen Per­spek­ti­ven las­sen die Geschich­te durch Per­so­nen unter­schied­li­cher Spe­zi­al­ge­bie­te betrach­ten, sei es der Arzt, der Psych­ia­ter, Mina, Lucy oder durch die Presse. 

»Zum Glück ist das Wet­ter so warm, dass sie sich nicht erkäl­ten kann, aber den­noch macht mir die Sor­ge und das stän­di­ge Geweckt­wer­den all­mäh­lich zu schaf­fen. Ich wer­de selbst ner­vös und fin­de immer weni­ger Schlaf.«

Vie­le bekann­ten Ele­men­te, die uns heu­te aus Vam­pir­ro­ma­nen, ‑fil­men und ‑seri­en so ver­traut sind, hat ›Dra­cu­la‹ vor über 120 Jah­ren gekannt. Sowohl Graf Dra­cu­la selbst als auch Abra­ham van Hel­sing sind nach wie vor bekannt, eben­so das Motiv der spit­zen Zäh­ne, des Pfäh­lens, der feh­len­den Spie­gel, des Knob­lauchs und der Nachtaktivität.

Auch nach so vie­len Jah­ren hat Bram Sto­kers ›Dra­cu­la‹ noch sei­nen Reiz. Eine Geschich­te, in der sich das Dunk­le und Unbe­kann­te in die schein­bar nor­ma­le und schö­ne Welt, vol­ler Geschlech­ter­rol­len­vor­stel­lun­gen, schleicht.

Fazit zu ›Dracula

Wer also auf eine Ent­de­ckungs­rei­se gehen will, was es mit dem heu­te all­seits bekann­ten Namen ›Dra­cu­la‹ auf sich hat, soll­te sich auf die­sen Klas­si­ker ein­las­sen und sich über­ra­schen las­sen, wie vie­le Moti­ve wie­der­erkennt wer­den können.

Buchinfo

Bram Sto­ker:
Dra­cu­la
(1897)
Roman
Neu über­setzt von Andre­as Nohl
dtv, Mün­chen 2014
592 S., EUR (D) 12,90 inkl. MwSt.
Taschen­buch
ISBN 978−3−423−14299−1

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Katharina Seck: Die Silberne Königin [Rezension]

Silberminen, Schokolade und ein König ohne Herz. 

Ein Land aus Eis und Schnee. Jeder Schritt fern­ab der Wege kann in ›Die Sil­ber­ne Köni­gin‹ den Tod bedeu­ten, denn ein Sturz genügt, um zu erfrie­ren. Es wird von einem König regiert, den kaum jemand je zu Gesicht bekommt, doch des­sen Herz eben­so kalt sein soll wie sein Land. 

Wie die meis­ten Bewoh­ner der Stadt hält sich Emma vom Schloss fern. Selbst wenn sie es woll­te, hät­te sie kaum die Zeit, so weit von ihrem gewohn­ten Weg abzu­kom­men. Denn Emma arbei­tet in den Sil­ber­mi­nen, in denen sie sich zwar nie sicher gefühlt hat, aber auch nicht so sehr in Gefahr, wie an dem Tag, als einer der Stol­len wäh­rend ihrer Schicht ein­stürzt. Emma will nie wie­der zurück in die Minen. Und Arbeit ist im Land eben­so sel­ten wie Son­nen­stun­den. Doch Emma braucht Arbeit. Nicht nur für sich, son­dern auch für ihren Vater, der seit dem Tod ihrer Mut­ter kaum mehr das Haus ver­lässt, nicht arbei­tet und zu viel trinkt. 

»Am nächs­ten Mor­gen war der Berg wie­der zu Ruhe gekom­men, aber in Emmas Träu­men groll­te er noch immer.«

Doch alles ändert sich, als es Emma wie durch ein Wun­der gelingt, einen Job in der Cho­co­la­te­rie zu fin­den. Denn dort fin­det Emma nicht nur Arbeit, son­dern auch ech­te Freun­de und lernt den Zau­ber von Geschich­ten ken­nen. Geschich­ten, die mehr Wahr­heit in sich tra­gen, als sie je geahnt hätte.

Auch die Arbeit in der Cho­co­la­te­rie ist es, die Emma das ers­te Mal über die Schwel­le des Schlos­ses führt. Denn der König ist einer der Weni­gen, der sich den Luxus von Scho­ko­la­de noch erlau­ben kann. Nur das Schloss ist noch käl­ter als das es umge­ben­de Land aus Eis und Schnee. Und als die zen­tra­le Han­dels­stra­ße durch den Schnee unpas­sier­bar wird, wis­sen die Bewoh­ner der Stadt, dass nun ein Wett­lauf gegen das Ver­hun­gern begon­nen hat.

»Casper neig­te den Kopf. Das amü­sier­te Lächeln auf sei­nen Lip­pen hät­te char­mant wir­ken kön­nen, wenn die­ses Blit­zen in sei­nen Augen nicht wäre. Es war der Aus­druck eines Raub­tiers, das mit sei­ner Beu­te spielte.«

Fast 150 Sei­ten dau­er­te es, bis ich mit die­sem Buch wirk­lich warm gewor­den bin. Erst als der König in Erschei­nung tritt, hat sich die Geschich­te so ver­dich­tet, dass sie ihre Sog­wir­kung ent­fal­tet hat. Mit dem König Casper ist Seck ein wun­der­bar fas­zi­nie­ren­der Cha­rak­ter gelun­gen. Ein Herz aus Eis, den Men­schen fern, und nur durch das Erzäh­len eines Mär­chens dazu zu bewe­gen, sei­ne dunk­len Vor­ha­ben auf­zu­schie­ben. Ein wenig wie ›Tau­send­und­ei­ne Nacht‹, nur viel käl­ter. Und doch eine Lie­bes­er­klä­rung an die Kraft und den Zau­ber von Mär­chen und Geschichten.

Fazit zu ›Die Silberne Königin

Wäh­rend sich die Ereig­nis­se für mich anfangs zu lang­sam ent­fal­te­ten, ging mir bei der Pro­blem­lö­sung dann alles etwas zu schnell, um es spoi­ler­frei zu for­mu­lie­ren. In ›Die Sil­ber­ne Köni­gin‹ ste­cken vie­le, wun­der­schö­ne Ele­men­te, mit­ein­an­der ver­wo­ben durch eine mär­chen­haf­te, das Beson­de­re fin­den­de Spra­che. Nur bei der Aus­ar­bei­tung hät­te ich mir mehr gewünscht. Den­noch, wer Mär­chen und Fan­ta­sy liebt, kann die­sem Buch ger­ne eine Chan­ce geben. Sobald man sich warm gele­sen hat, lohnt es sich, die Geschich­te um Casper zu erfahren. 

Wer ›Die Sil­ber­ne Köni­gin‹ mag, dem könn­te auch ›Der Dieb ohne Herz‹ gefal­len.

Buchinfo

Katha­ri­na Seck:
Die Sil­ber­ne Köni­gin

Roman
Bas­tei Lüb­be, Köln 2016
366 S., EUR (D) 12,- inkl. MwSt.
Paper­back
Alters­emp­feh­lung: ab 16 Jah­ren
ISBN 978−3−404−20862−3

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Marie Kondo/Scott Sonenshein: Joy at Work [Rezension]

Ein aufgeräumter Arbeitsplatz und andere Zaubertricks. 

Die ›Kon­Ma­ri-Metho­de‹ am Arbeits­platz – heißt das, man räumt mit ›Joy at Work‹ sei­nen Schreib­tisch auf und voilà? 

Spä­tes­tens wenn man an E‑Mails, Mee­tings oder Kon­tak­te denkt, ist klar, dass damit die Arbeit nicht getan ist: Den­noch, das Auf­räu­men der mate­ri­el­len Bestand­tei­le des Berufs bil­det einen per­fek­ten ers­ten Schritt auf dem Weg zu einem Arbeits­platz, an dem man sich wohl­füh­len kann.

Wer Marie Kon­dos ›Kon­Ma­ri-Metho­de‹ kennt, viel­leicht sogar ›Magic Clea­ning‹ gele­sen hat, den dürf­ten die Grund­la­gen des Auf­räu­mens am Arbeits­platz in ›Joy at Work‹ nicht über­ra­schen: nach Kate­go­rien getrennt, in einem Rutsch und an der Fra­ge ori­en­tiert, was Freu­de ent­facht. Zuge­ge­ben, am Arbeits­platz tum­meln sich zumeist sel­te­ner Ber­ge an Klei­dung oder Küchen­uten­si­li­en, dafür umso häu­fi­ger Doku­men­te, E‑Mails oder erschöp­fen­de Besprechungen.

»Das Ziel der in die­sem Buch vor­ge­stell­ten Metho­de besteht nicht nur dar­in, am Ende an einem hübsch auf­ge­räum­ten Schreib­tisch zu sit­zen, son­dern durch das Auf­räu­men mit sich selbst ins Gespräch zu kom­men – zu ent­de­cken, was Sie wert­schät­zen, indem Sie erfor­schen, war­um Sie eigent­lich arbei­ten und wel­che Art Arbeit Sie sich wünschen.«

Wie wun­der­bar sich Marie Kon­dos Auf­räum-Metho­de mit dem Arbeits­le­ben ver­bin­den lässt, zeigt ›Joy at Work‹. Für die­ses Buch haben sich die Auf­räumspe­zia­lis­tin Marie Kon­do und der Exper­te für Unter­neh­mens­or­ga­ni­sa­ti­on Scott Sonen­s­hein zusam­men getan. Und das Ergeb­nis kann sich sehen las­sen: Die Metho­den und Fähig­kei­ten des Autoren­du­os ergän­zen sich hervorragend.

Einen Werk­zeug­kof­fer vol­ler Tech­ni­ken haben Sonen­s­hein und Kon­do mit­ge­bracht: Ganz gleich, ob es sich um digi­ta­le Daten, Pro­ble­me mit der Ent­schei­dungs­fin­dung oder der Team­ar­beit geht. Mit Offen­heit und einer Men­ge Kar­tei­kar­ten kann es ans Werk gehen. Wie groß der Unter­schied sein kann, den ein Freu­de spen­den­der Arbeits­platz schafft, ist spä­tes­tens dann klar, wenn man dar­über nach­denkt, wie vie­le Stun­den man durch­schnitt­lich auf der Arbeit verbringt.

»Der Schlüs­sel zu mehr Freu­de bei der Arbeit liegt dar­in, mehr Zeit in Tätig­kei­ten zu inves­tie­ren, die Spaß machen, und weni­ger in sol­che, die es nicht tun.«

Fazit zu ›Joy at Work

Und wenn man bedenkt, wie oft man nach einem bestimm­ten Doku­ment sucht, das man doch letz­tens noch hat­te, was bei den wenigs­ten Hoch­ge­füh­le aus­löst, ist es viel­leicht einen Ver­such wert, dem Buch ›Joy at Work‹ eine Chan­ce geschrieben. 

Ein fri­scher Schreib­stil, wis­sen­schaft­li­che Quel­len und ein sym­pa­thi­sches Autoren­duo mit einer Men­ge Berufs­er­fah­rung laden dazu ein, zukünf­tig viel­leicht mehr Freu­de am Arbeits­platz zu fin­den: Einen Ver­such ist es alle­mal wert.

Buchinfo

Marie Kondo/Scott Sonen­s­hein:
Joy at Work

Auf­ge­räumt und erfolg­reich im
Arbeits­le­ben
Magic Clea­ning fürs Büro
über­setzt von: Antoi­net­te Git­tin­ger;
Ursu­la Pesch; Rita Gra­vert; Kat­ja Hald
Rowohlt, Ham­burg 2020
256 S., EUR (D) 14,99 inkl. MwSt.
Ebook
ISBN 978−3−644−00604−1

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George Saunders: Fuchs 8 [Rezension]

Ein Fuchs wartet auf Antwort. 

Unge­se­hen sitzt er vor dem Fens­ter eines Hau­ses und lauscht den Geschich­ten, die aus dem Innern zu ihm drin­gen. So lernt er, die Spra­che der Men­schen zu spre­chen, zu lesen und zu schreiben. 

Was bei eini­gen nun viel­leicht Erin­ne­run­gen an den Sprach­er­werb von Fran­ken­steins Mons­ter erweckt, wird die­ses Mal jedoch von einem Wesen ange­wandt, das um eini­ges klei­ner ist als das Mons­ter aus ›Fran­ken­stein‹: Es ist ein Fuchs, der die mensch­li­che Spra­che lernt. 

Fuchs 8 wird die­ser beson­de­re Fuchs genannt, denn alle Mit­glie­der sei­nes Rudels tra­gen eine Zahl in ihrem Namen. Und die­ser Fuchs ist nicht nur, wenn es um die Geschich­ten der Men­schen geht, sehr neu­gie­rig. Sei­ne Neu­gier beglei­tet ihn das gan­ze Buch über, zum Guten und zum Schlechten. 

»Zuers möch­te ich sagen, Enschul­di­gung für alle Wör­ter di ich falsch schrei­be. Weil ich bin ein Fuks! Und schrei­be oder buch­sta­b­i­re des­halb nich perfekk.«

Und die­ser Fuchs hat eini­ge Fra­gen an uns.

Fuchs 8 Art zu spre­chen und zu schrei­ben scheint im ers­ten Moment gewöh­nungs­be­dürf­tig, doch in Win­des­ei­le ver­fliegt die­ser Ein­druck, denn das, was die­ser Fuchs zu erzäh­len hat, ist um eini­ges wich­ti­ger, als die Wör­ter, in die er es klei­det. Und für einen Auto­di­dak­ten ohne Gesprächs­part­ner macht er sei­ne Sache doch sehr gut.

»Ir soll­tet mal di vilen nich net­ten Sachen hören di ein Ber in Berisch sagt wärend er ein jakt, wärend man gera­de noch um ein Har in den Bau schlüpft und ver­sucht, vor den ande­ren Fül­sen nich gleich loszuhoilen.«

Es ist schwer, über ein Buch zu schrei­ben, das einen ver­zau­bert hat. Zual­ler­erst will Fuchs 8 eines klar­stel­len: Füch­se sind nicht so, wie Mär­chen sie dar­stel­len, nicht lis­tig und schlau – auch bei Bären, Eulen und vor allem Hüh­nern wei­chen unse­re Mär­chen von sei­nen Erfah­run­gen ab.

»Wir legen kei­ne Hüner rein! Wir sind sehr offen und erlich mit Hünern! Mit Hünern haben wir ein super fären Dil, der get so: Si machen di Aja, wir neh­men di Aja, si machen noie Aja.«

Spoi­ler // Die­ser Fuchs lebt ein fröh­li­ches Leben in sei­nem Rudel, bis ihr Wald kahl geschla­gen wird, um ein Ein­kaufs­zen­trum zu errich­ten. Und selbst dann behält Fuchs 8 sei­ne Neu­gier und Offen­heit und beschließt, in die­sem Ein­kaufs­zen­trum nach Fut­ter zu suchen, um sei­ne Freun­de zu retten.

Fazit zu ›Fuchs 8

In all sei­ner Ein­fach­heit und Kür­ze rührt Geor­ge Saun­ders ›Fuchs 8‹. Es ist kein lau­tes Buch, das mit wich­tig klin­geln­den Begrif­fen und Fach­wör­tern auf sich auf­merk­sam machen will, son­dern ein sehr lei­ses Buch: Fuchs 8 kann die Din­ge, die er sieht und erlebt, nicht erklä­ren. Doch er hat nach vie­len, vie­len Aben­den vor einem Fens­ter die Spra­che der Men­schen erlernt, um sei­ne Erleb­nis­se mit­zu­tei­len und die­se fra­gen zu kön­nen: oft amü­sant und lie­be­voll formuliert.

Buchinfo

Geor­ge Saun­ders:
Fuchs 8

Aus dem Ame­ri­ka­ni­schen von
Frank Hei­bert
Luch­ter­hand, Mün­chen 2019
56 S., EUR (D) 12,- inkl. MwSt.
Hard­co­ver mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−630−87620−7

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Jan-Philipp Sendker: Das Gedächtnis des Herzens [Rezension]

Der Versuch, zu lieben. 

Ein zwölf­jäh­ri­ger Jun­ge wächst in ›Das Gedächt­nis des Her­zens‹ allein bei sei­nem Onkel auf. Ein­mal im Jahr kommt sein Vater ihn für weni­ge Wochen besu­chen. Mehr Zeit kann Ko Bo Bo nicht mit sei­ner Fami­lie verbringen. 

War­um das so ist, weiß der Jun­ge nicht. Er weiß nur, dass er sei­nen Vater ger­ne häu­fi­ger sehen wür­de und, dass er eine gro­ße Nar­be im Gesicht hat. War­um sei­ne Mut­ter ihn nie besucht und was mit ihr sein könn­te, liest Bo Bo nur zwi­schen den Zeilen.

Obwohl sein Onkel U Ba ihn sehr liebt, sehnt sich der Jun­ge nach sei­ner Fami­lie, an die er nur vage Erin­ne­run­gen hat. Jedes Wort und jede Erzäh­lung über sie lässt ihn sofort aufhorchen.

»Es gibt ver­schie­de­ne Grün­de zu schwei­gen, habe ich von U Ba gelernt.
Einer kann Angst sein.«

Und wäh­rend sowohl der Lesen­de als auch Bo Bo in ›Das Gedächt­nis des Her­zens‹ wis­sen, dass die Geschich­te um sei­ne Fami­lie und sei­ne Nar­be kei­ne ein­fa­che wer­den kann, fühlt es sich erleich­ternd an, als sein Onkel end­lich die Geschich­te von Bo Bos Mut­ter und Vater erzählt.

Das Gedächt­nis des Her­zens‹ wird von einer Stim­mung getra­gen, die zugleich fremd, exo­tisch und doch eben­so ver­traut und bewe­gend ist.

Obwohl die­ses Buch der drit­te Teil einer Serie ist, lässt es sich pro­blem­los eigen­stän­dig lesen. Ich habe die­sen Roman geschenkt bekom­men und hat­te Band 1 und 2 der Bur­ma-Serie zuvor nicht gele­sen. Trotz­dem hat­te ich kei­ne Schwie­rig­kei­ten, den Roman ver­ste­hen und genie­ßen zu kön­nen. Natür­lich wer­den Lesen­de, die Band 1 und 2 gele­sen haben, in man­chen Sze­nen sicher­lich mehr sehen kön­nen als ande­re Leser, aber ein Muss ist es kei­nes­falls. Da mir der drit­te Band aber so gut gefal­len hat, wer­de ich die ers­ten bei­den bestimmt nachholen.

Jan-Phil­ipp Send­ker gelingt es, uns in sei­nem Roman ›Das Gedächt­nis des Her­zens‹ bereits nach weni­gen Sei­ten zu Ver­trau­ten des jun­gen Bo Bos und sei­ner Welt zu machen. Er ist eine jener Figu­ren, die man mögen muss, weil sie das Herz am rech­ten Fleck haben und mit sich und der eige­nen Geschich­te zu kämp­fen hat.

»Wer wirk­lich liebt, hat kei­ne Angst, wer Angst hat, kann nicht lie­ben.
Nur klam­mern.«

Er ist auf der Suche nach einem Ort, an den er hin­ge­hö­ren darf und an dem er ange­nom­men wird. Ein Ort, den sein Onkel ihm zwar zu geben ver­sucht, der aber den Wunsch nach Vater und Mut­ter nie ganz erset­zen kann. Es ist auch die­se Suche, die Ko Bo Bos Mut­ter in der Erzäh­lung des Onkels anzu­trei­ben scheint und Kin­der mit Behin­de­run­gen in das Klos­ter führ­te, in dem Bo Bos Vater einst leb­te. Ein Ort und ein Mensch, bei dem sie sich ange­nom­men, geschätzt und sicher füh­len durf­ten, bis die Ereig­nis­se in Bur­ma über ihnen hereinbrachen.

Fazit zu ›Das Gedächtnis des Herzens

Mit Gefühl und doch ohne Kitsch erzählt Send­ker die Geschich­te eines Jun­gen, der sich sei­ne Fami­lie wünscht, und zugleich die Geschich­te einer Fami­lie, die im Schat­ten der eige­nen Ver­gan­gen­heit erst zu gedei­hen ler­nen muss.

Buchinfo

Jan-Phil­ipp Send­ker:
Das Gedächt­nis des Her­zens

Die Bur­ma-Serie, 3
Bles­sing, Mün­chen 2019
336 S., EUR (D) 22,- inkl. MwSt.
Hard­co­ver mit SU, Roman
ISBN 978−3−89667−502−6

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Mary Shelley: Frankenstein [Rezension]

Von einem Monster ohne Namen und einem Mann. 

Als Mary Woll­stone­craft Shel­ley ihren Roman ›Fran­ken­stein oder Der moder­ne Pro­me­theus‹ schrieb, war sie kaum 20 Jah­re alt. 

200 Jah­re sind ver­gan­gen, doch Fran­ken­stein scheint nicht in Ver­ges­sen­heit gera­ten zu sein. 

Mary Shel­leys Debüt­ro­man erzählt die Geschich­te des jun­gen Wis­sen­schaft­lers Vik­tor Fran­ken­stein und sei­nes Mons­ters. Aus den Lei­chen­tei­len ver­schie­de­ner Ver­stor­be­ner sucht sich Fran­ken­stein die Tei­le für den Men­schen zusam­men, den er erschaf­fen will, wie Pro­me­theus der Sage nach einst den Men­schen erschuf.

Doch Vik­tor ver­wen­det für die Erschaf­fung sei­nes Men­schen kei­ne durch­schnitt­li­chen Leichenteile. 

»Da die Fein­heit der ein­zel­nen Tei­le lan­ge Zeit zu ihrer Nach­bil­dung erfor­dert hät­te, beschloß ich, ent­ge­gen mei­ner ursprüng­li­chen Absicht, dem Wesen eine gigan­ti­sche Sta­tur zu geben.«

Und mit die­ser Ent­schei­dung nimmt der Roman den Ver­lauf hin zu jener Schre­ckens­fi­gur, die auch heu­te noch aus zahl­rei­chen Gru­sel­fil­men bekannt ist. Vik­tor woll­te einen Men­schen erschaf­fen, doch erschuf er etwas, des­sen Aus­se­hen Grau­en und Abscheu in den Men­schen hervorrief.

Vik­tors Vor­ha­ben glückt. Doch er kann sei­nen Erfolg nicht genie­ßen. Ihm graut vor dem, was er geschaf­fen hat.

»Und da – da stand im blei­chen, gelb­li­chen Lich­te des Mon­des, das durch die Fens­ter­vor­hän­ge drang, das Unge­heu­er, das ich geschaf­fen hatte.«

Vik­tor flieht, als sein Mons­ter zum Leben erwacht. Und ab die­sem Moment erin­nert nur noch wenig im Roman an die zum Kli­schee ver­kom­me­ne Fran­ken­steins Mons­ter-Gestalt vie­ler Filme.

Vik­tors Leben wird sich von die­sem Moment an ver­än­dern, Tote beglei­ten von nun an sei­nen Weg. Doch sind die Tref­fen von Fran­ken­stein und sei­nem Mons­ter im Roman hin­ge­gen zumeist von Gesprä­chen beglei­tet, deren Sub­stanz sowohl über das jun­ge Alter der Autorin als auch über das Innen­le­ben des Mons­ters stau­nen lässt.

Denn bevor Vik­tors Unge­heu­er in die Fuß­stap­fen des Mons­ters tritt, und sich dem nähern wird, was Vik­tor Fran­ken­stein und sei­ne Zeit­ge­nos­sen bereits von Geburt an in ihm sehen, ist er eine Krea­tur, die sich ein Leben zu gestal­ten sucht. Doch da Vik­tor noch vor einem ers­ten Gespräch vor ihm flieht, muss das Mons­ter sich allein in der Welt zurecht­fin­den, es muss ler­nen, wie die Men­schen sind und wie sie sprechen. 

»Alle Men­schen ver­fol­gen mich mit ihrem Haß. Und war­um muß ich gera­de so geh­aßt wer­den, der ich doch selbst so über alle Maßen elend bin?«

Doch da das Mons­ter bei den Men­schen kei­nen Platz fin­den kann, die es wegen sei­ner mons­trö­sen Gestalt ableh­nen, wünscht er sich von Vik­tor Fran­ken­stein, dass er ihm eine Frau erschaf­fen soll: Das Mons­ter will nicht allein sein. Doch Vik­tor lehnt ab.

Und da Vik­tor nicht bereit ist, sei­nem Mons­ter ein Leben in Zwei­sam­keit und mit poten­zi­el­len Nach­kom­men zu gewäh­ren, lässt das Mons­ter ein sol­ches Leben auch für Vik­tor Fran­ken­stein nicht mehr zu. Die bei­den Geschöp­fe wer­den ein­an­der ähn­lich in ihrem Los, auf sich allein gestellt zu sein und wäh­rend sie sich anein­an­der annä­hern, ist auch Fran­ken­steins Name im heu­ti­gen Aus­tausch auf das namen­lo­se Mons­ter übergegangen.

Fazit zu ›Frankenstein

Lan­ge hat ein Buch mei­ne Erwar­tun­gen und Vor­stel­lun­gen nicht mehr so stark über­stie­gen wie Mary Shel­leys ›Fran­ken­stein‹. Statt einen schau­ri­gen Gru­sel­ro­man, der über die Ebe­ne des guten Dok­tors gegen ein böses Mons­ter nicht hin­aus­kommt, stieß ich auf einen Roman, der sich mit dem Mensch­li­chen in sei­ner Ursprüng­lich­keit befasste.

Auch heu­te lohnt es sich noch, die­sen über 200 Jah­re alten Roman zu lesen und Fran­ken­steins Mons­ter auf eine ganz neue Art kennenzulernen.

Buchinfo

Mary Shel­ley:
Fran­ken­stein oder Der moder­ne Pro­me­theus (1818)
Roman
Fischer Taschen­buch Ver­lag, Frank­furt a. M. 2009
224 S., EUR (D) 12,- inkl. MwSt.
Taschen­buch
ISBN 978−3−596−90187−6

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John Strelecky: Auszeit im Café am Rande der Welt [Rezension]

Von Unwettern und anderen nützlichen Begebenheiten. 

Ein stür­mi­scher Tag, zwei geplatz­te Rei­fen und eine Unter­füh­rung genü­gen in ›Aus­zeit im Café am Ran­de der Welt‹, um die Wege zwei­er Men­schen ein­an­der kreu­zen zu las­sen. So begeg­net der Icher­zäh­ler John nach der Beer­di­gung sei­nes Paten­on­kels der jun­gen Hannah. 

Der Sturm treibt die bei­den in die glei­che Unter­füh­rung – er mit einem geplatz­ten Auto­rei­fen und auf der Suche nach Schrau­ben, sie mit einem plat­ten Fahr­rad­rei­fen. Die jun­ge Han­nah ist miss­trau­isch gegen­über dem Frem­den, der ihr anbie­tet, sie nach dem Rei­fen­wech­sel nach Hau­se zu fahren.

»Das Mäd­chen zöger­te. Offen­bar ver­such­te es zu beur­tei­len, ob es sicher war oder nicht.«

Als sie sich schluss­end­lich doch dar­auf ein­lässt, suchen sie gemein­sam in der Dun­kel­heit des Stur­mes nach einer ver­trau­ten Stra­ße oder Ecke und fin­den statt­des­sen etwas, das in John Erin­ne­run­gen weckt: das »Café der Fra­gen«. Doch wäh­rend er sich dar­über freu­en kann – das letz­te Mal hat er das Café vor über zehn Jah­ren auf Hawaii betre­ten –, wird Han­nahs Miss­trau­en – durch sei­ne plötz­li­che Ver­traut­heit mit dem Ort und den Per­so­nen dar­in – wie­der wach.

So plötz­lich sich Han­nah und John über den Weg gelau­fen waren, so schnell sind sie auch wie­der von­ein­an­der getrennt. Han­nah ver­lässt das Café, bleibt drau­ßen ste­hen und hadert mit sich, ob sie wie­der in das war­me Inne­re gehen oder ver­schwin­den soll. John hin­ge­gen trifft in ›Aus­zeit im Café am Ran­de der Welt‹ sowohl bekann­te als auch neue Gesich­ter im Innern des Cafés und macht sich bereit auf eine Aus­ein­an­der­set­zung mit sich selbst.

© Bogen­ber­ger Autoren­fo­tos, hono­rar­frei, Stand: Dezem­ber 2017

Wäh­rend John ver­traut ist mit den Eigen­hei­ten des Cafés und den Fra­gen sowie Ant­wor­ten, die dort gefun­den wer­den kön­nen, weiß Han­nah nicht, ob sie sich auf den Ort und sei­ne Besu­cher ein­las­sen soll. Ähn­lich geht es dem Leser bis­wei­len mit ›Aus­zeit im Café am Ran­de der Welt‹. Man muss sich ein­las­sen auf die Fra­gen, die John Streleckys Buch auf­wirft, auf die Wege, zu Ant­wor­ten zu kom­men, die ange­bo­ten werden.

Obwohl die­ser Besuch im Café der Fra­gen an man­chen Stel­len kon­stru­iert wirkt, vor allem in Bezug auf ein paar weni­ge Figu­ren – ein Effekt der durch die Mischung aus Unwirk­lich­keit und Wirk­lich­keit auch gewollt sein kann –, und bereits der Umschlag kaum eine Chan­ce aus­lässt, den Leser dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es sich um einen erneu­ten Besuch im Café han­delt, kön­nen sich auch Strelecky-Neu­le­ser, die ›Das Café am Ran­de der Welt‹ noch nicht gele­sen haben, an die­sen Band wagen.

Denn die Geschich­ten, die dar­in erzählt wer­den, las­sen auch den im Café noch Uner­fah­re­nen an sich teil­ha­ben, sodass der Leser Sei­te um Sei­te mit Gedan­ken ver­traut wird, die noch über das Buch hin­aus zum Nach­den­ken anregen.

»Ich war wie­der da. Aber warum?«

Fazit zu ›Auszeit im Café am Rande der Welt

Wer also sei­nen inne­ren Skep­ti­ker bei offen zu Gedan­ken anre­gen­den Tex­ten im Zaum hal­ten kann, dem kann ich John Streleckys ›Aus­zeit im Café am Ran­de der Welt‹ mit gutem Gewis­sen empfehlen.

Wer dar­über hin­aus durch ein Buch nicht nur von sich selbst abge­lenkt wer­den will, son­dern wäh­rend des Lesens sich selbst zuge­wandt sein will, der wird an die­ser »Aus­zeit« Gefal­len fin­den. Und ganz neben­bei erfah­ren, was ein Stück Iso­lier­band mit dem eige­nen Leben zu tun hat. 

Buchinfo

John Strelecky:
Aus­zeit im Café am Ran­de der Welt
Eine Wie­der­be­geg­nung mit dem eige­nen Selbst
dtv, Mün­chen 2019
160 S., Soft­co­ver, EUR (D) 9,90 inkl. MwSt.
ISBN 978−3−423−34964−2

Rezen­si­on zuerst erschie­nen auf: Liz­zy­Net

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Das hier dar­ge­stell­te Cover und die ange­ge­be­ne Aus­ga­be sowie die Anga­ben zum Buch kön­nen von den der­zeit erhält­li­chen Aus­ga­ben abweichen.


Bewer­tung: 3.5 von 5.


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