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Stephenie Meyer: Biss zur Mitternachtssonne [Beitragsbild]

Stephenie Meyer: Biss zur Mitternachtssonne [Rezension]

Man kann Edward in ›Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne‹ nicht vor­wer­fen, dass er nicht aus­führ­lich über die Ange­le­gen­heit mit Bel­la nach­ge­dacht hät­te. Doch sind es nicht nur sei­ne Gedan­ken, die ihm zu schaf­fen machen. Auch die Gedan­ken sei­ner Mit­men­schen strö­men pau­sen­los auf ihn ein. Er ist mitt­ler­wei­le gut dar­in, frem­de Gedan­ken aus­zu­blen­den. Sei es aus Anstand wie bei sei­ner Fami­lie oder aus Lan­ge­wei­le, wie bei den meis­ten anderen. 

Wer ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ gele­sen hat, den dürf­ten die Sze­nen zwi­schen Bel­la und Edward – zumin­dest in Bezug auf die Hand­lung – nicht über­ra­schen. Nie­mand in Forks ahnt, dass eine Vam­pir­fa­mi­lie im Ort lebt. Dabei leben sie mit­ten unter den Men­schen: Arbei­ten im Kran­ken­haus oder gehen zur Schu­le. Zwi­schen den Men­schen und den Vam­pi­ren kommt es aber sel­ten zu mehr Kon­takt als nötig. Zumin­dest bis zu dem Tag, an dem Bel­la Swan auf­taucht. Denn zum ers­ten Mal in sei­nem Leben begeg­net Edward einem Men­schen, des­sen Gedan­ken er nicht lesen kann. Und der neben­bei noch so unver­schämt gut riecht, dass das mit dem sich fern­hal­ten kaum funk­tio­nie­ren will.

»Ich woll­te mich nicht wei­ter ver­geb­lich mühen – ich war es nicht gewohnt, etwas nicht zu kön­nen, es ärger­te mich. Ich woll­te nicht anfan­gen, mich für ihre ver­bor­ge­nen Gedan­ken zu inter­es­sie­ren, nur weil sie mir ver­bor­gen blie­ben. Zwei­fel­los wür­den sich ihre Gedan­ken, wenn ich sie erst ein­mal ent­schlüs­selt hat­te – und das wür­de mir gewiss noch gelin­gen –, als eben­so banal erwei­sen wie die aller ande­ren Menschen.«

Etwas Neu­es zu erfah­ren, gibt es vor allem in den Sze­nen, in denen Bel­la nicht mit Edward zusam­men ist. Denn wäh­rend ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ die Hand­lung aus Bel­las Sicht erzähl­te, zeigt ›Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne‹ nun Edwards Sicht. Dadurch erhält der Leser oder die Lese­rin erst­mals einen Ein­blick in die Sze­nen, in denen Bel­la und Edward nicht bei­ein­an­der waren. 

Der Vor­teil: Auch Edwards Fami­lie bekommt Gele­gen­heit, ande­re Sei­ten von sich zu prä­sen­tie­ren. Sei es nun Jas­pers Kampf gegen den ewi­gen Hun­ger oder Ali­ce’ beson­de­re Fähig­kei­ten. Durch Edwards Fähig­keit, Gedan­ken zu lesen, kön­nen Geschich­ten der ande­ren Vam­pi­re nun haut­nah aus ihrer Erin­ne­rung erlebt werden.

Obwohl ›Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne‹ mit neu­en Ein­bli­cken in Edwards Leben über­ra­schen kann, bleibt er hin­ter ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ zurück. Vor allem der Anfang ist durch Edwards Fähig­keit, Gedan­ken zu lesen, mit­un­ter sehr hand­lungs­arm und sehr gedan­ken­reich. Dadurch ver­liert Ste­phe­nie Mey­ers Schreib­stil zum Teil an der Leich­tig­keit, die man gewohnt war. Und dies kratzt auch an dem char­man­ten Vam­pir, der noch in ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ zu sehen war und nun sehr von sich selbst über­zeugt wirkt. Zuge­ge­ben, da ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ aus Bel­las Sicht erzählt war, blieb viel Raum, um Edward zu idea­li­sie­ren. ›Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne‹ zeigt eher einen weni­ger idea­li­sier­ten, dafür all­täg­li­che­ren Edward. Bel­la hin­ge­gen ver­liert etwas von dem Mäd­chen, mit dem man sich noch gut iden­ti­fi­zie­ren konn­te, da wir sie nun durch Edwards Blick erleben. 

»Ihre Anzie­hungs­kraft hat­te kein biss­chen nach­ge­las­sen. Wann immer sie in mei­ner Nähe war, wur­den mei­ne nie­ders­ten und drän­gends­ten Instink­te geweckt. Gift schoss mir in den Mund, und mein Kör­per woll­te sie packen – woll­te sie in die Arme rei­ßen und mei­ne Zäh­ne in ihre Keh­le schlagen.«

Fazit zu ›Biss zur Mitternachtssonne

Leser und Lese­rin­nen soll­ten am bes­ten die ursprüng­li­che Rei­hen­fol­ge bei­be­hal­ten und zuerst ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ lesen. Für den ein­ge­fleisch­ten Fan bie­tet sich ›Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne‹ vor allem dafür an, um noch mehr über die viel­fäl­ti­gen Cha­rak­te­re und Hin­ter­grün­de zu erfah­ren, die das Gesche­hen in ›Bis(s) zum Mor­gen­grau­en‹ mit­be­stimmt haben. 

Buchinfo

Ste­phe­nie Mey­er:
Biss zur Mit­ter­nachts­son­ne
Bel­la und Edward 5
Über­setzt von Syl­ke Hach­meis­terAnnet­te von der Wep­penHen­ning Ahrens und wei­te­ren
Carl­sen, Ham­burg 2020
848 S., EUR (D) 28,- inkl. MwSt.
Hard­co­ver
Ab 14 Jah­ren
ISBN 978−3−551−58446−5

Rezen­si­on erst­mals erschie­nen auf Liz­zy­Net

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Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich [Rezension]

Eine Fabrik, ein Wolf und andere Rätsel. 

Eine jun­ge Frau nimmt ›Hier ist noch alles mög­lich‹ einen Job in einer Ver­pa­ckungs­fa­brik an und zieht dafür in einen Raum auf dem Fabrik­ge­län­de. Wäh­rend die Tage der Fabrik bereits gezählt sind und das Gebäu­de immer ver­las­sen­der wird, ver­brei­tet sich ein Gerücht: Ein Wolf wur­de auf dem Gelän­de gesehen. 

Die jun­ge Frau, die für die Sicher­heit der Fabrik zustän­dig ist, ver­bringt Nacht für Nacht damit, auf den Moni­to­ren nach dem Tier Aus­schau zu hal­ten. Doch so sehr sie auch eine Spur des Wol­fes fin­den will, hält die­ser sich auf dem Bereich der Kame­ras fern. Nur eine Per­son in der Fabrik scheint den Wolf bis­lang über­haupt zu Gesicht bekom­men zu haben.

Doch obwohl die Fabrik bereits vor ihrer Schlie­ßung steht, will der Lei­ter kei­nen Zwi­schen­fall ris­kie­ren. Gru­ben wer­den auf dem Gelän­de aus­ge­ho­ben, die das Tier fan­gen sollen. 

»Der Wolf kam aus den Ber­gen, und mit ihm kamen ande­re Wöl­fe, kamen ins Flach­land. Dran­gen in Gebie­te vor, in denen man sie nie zuvor gese­hen hat­te.
Sie trieb der Hun­ger, das Wis­sen um Wel­pen, das Wis­sen um den Hun­ger der Welpen.«

Und obwohl der Gedan­ke an den Wolf die jun­ge Frau nicht mehr los­lässt, ist sei­ne Geschich­te nicht die ein­zi­ge, die man sich auf dem Fabrik­ge­län­de erzählt. 

Auch der M. d. v. H. f. – der Mann, der vom Him­mel fiel, – erhält einen Ein­trag im Uni­ver­sal-Gene­ral-Lexi­kon der jun­gen Frau. Nicht nur die Gerüch­te und Geschich­te um das Fabrik­ge­län­de sind beson­ders, eben­so der Blick der jun­gen Frau auf die Welt und ihre Art, die Din­ge zu ordnen.

»Es gibt eine Insel, auf der vor vie­len Jahr­hun­der­ten ein Hahn zum Tode ver­ur­teilt wur­de. Sein Ver­bre­chen bestand im Leben eines Eis. Das war gegen die Natur und dar­um gesetzeswidrig.«

Eine Fabrik, ein Wolf und eine jun­ge Frau: Aus die­sen Zuta­ten lässt Moli­na­ri in ›Hier ist noch alles mög­lich‹ eine Geschich­te ent­ste­hen, die von der ers­ten bis zur letz­ten Sei­te etwas Beson­de­res ist. 

Fazit zu ›Hier ist noch alles möglich

Die Angst vor dem Frem­den und Unbe­kann­ten, die Gefah­ren, die es mit sich brin­gen könn­te, auch wenn sie nur eine dunk­le Ahnung sind, durch Ver­mu­tun­gen geschürt. ›Hier ist noch alles mög­lich‹ ist eine Art Blau­pau­se, vor deren Hin­ter­grund The­men auf­schei­nen, weit näher als die Hal­len einer bald still­ge­leg­ten Fabrik. Moli­na­ris Debüt­ro­man ›Hier ist noch alles mög­lich‹ ist ori­gi­nell und regt viel­sei­tig zum Nach­den­ken an – wenn man bereit ist, sich auf den beson­de­ren Schreib­stil einzulassen.

Buchinfo

Gian­na Moli­na­ri:
Hier ist noch alles mög­lich

Roman
Auf­bau Ver­lag, Ber­lin 2018
192 S., EUR (D) 18,- inkl. MwSt.
Gebun­den mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−351−03739−0

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Victoria Mas: Die Tanzenden [Rezension]

Von Frauen und Freiheit. 

Ende des 19. Jahr­hun­derts wird wohl jede Frau in Paris den Namen einer bestimm­ten Ein­rich­tung gekannt haben. Das ›Hôpi­tal de la Sal­pê­triè­re‹ von ›Die Tan­zen­den‹ war eine Ner­ven­heil­an­stalt, in die man über Jah­re nicht nur jene Frau­en brach­te, die eine Behand­lung benötigten. 

Zumeist von ihren Vätern, Ehe­müt­tern oder Brü­dern dort hin­ge­brach­te, ging die Ein­wei­sung nicht sel­ten mit einem Aus­schluss aus der Fami­lie ein­her. Häu­fig genug, ohne das die Frau­en das selbst wollten.

Die unter­schied­lichs­ten Frau­en leben in ›Die Tan­zen­den‹ im ›Hôpi­tal de la Sal­pê­triè­re‹, ehe­ma­li­ge Pro­sti­tu­ier­te, Hys­te­ri­ke­rin­nen, Melan­cho­li­ke­rin­nen oder Frau­en, die nicht bereit sind, die ihnen zuge­dach­te Rol­le im Leben ein­zu­neh­men. Frau­en, die von sich selbst sagen, Geis­ter sehen zu kön­nen, und sol­che, die ihnen zu nah sind. 

In einer Zeit, in der Män­ner Fami­li­en­ober­häup­ter oder Ärz­te sind, wäh­rend Frau­en als Kran­ken­schwes­ter arbei­ten, sich unter­ord­nen und über sich bestim­men las­sen müssen. 

»War­um Göt­ter ver­eh­ren, wenn es Män­ner wie Char­cot gibt? Nein, das stimmt nicht ganz: Kein Mann kann es mit Char­cot auf­neh­men. Sie ist stolz, ja, stolz auf das Vor­recht, seit fast zwan­zig Jah­ren ihren Bei­trag zur Arbeit und zu den Fort­schrit­ten des berühm­tes­ten Ner­ven­arz­tes von Paris leis­ten zu dürfen.«

Und wäh­rend in ›Die Tan­zen­den‹ für vie­le Frau­en, der Gedan­ke erschre­ckend ist, im ›Hôpi­tal de la Sal­pê­triè­re‹ zu laden, gibt es ande­re, für die der Gedan­ke nicht ertrag­bar ist, dort jemals wie­der hin­aus zu müs­sen. Was ist das für eine Welt, der Frau­en die Ner­ven­heil­an­stalt vorziehen?

Vic­to­ria Mas gelingt es in ihrem Debüt­ro­man ›Die Tan­zen­den‹ einen span­nen­den Blick auf jene Frau­en zu geben, so unter­schied­lich und facet­ten­reich sie sind, und eine Ahnung des Schre­ckens zu ver­mit­teln, der der ›Sal­pê­triè­re‹ ange­haf­tet hat.

Das ›Hôpi­tal de la Sal­pê­triè­re‹ ver­kör­pert die Wün­sche vie­ler Frau­en zugleich: den Wunsch nach Sicher­heit, den Wunsch gese­hen zu wer­den und den Wunsch, mög­lichst schnell wie­der wegzukommen.

»Wer zum Aber­glau­ben neigt, könn­te mei­nen, das Mäd­chen sei von Dämo­nen beses­sen, und eini­ge im Publi­kum bekreu­zen sich tat­säch­lich verstohlen …«

Das High­light des Jah­res ist für die meis­ten Pati­en­tin­nen – und nicht nur für die­se – der Ball an Mitt­fas­ten. Die Ein­la­dun­gen für Außen­ste­hen­de sind begehrt und das, was es zu sehen gibt, ist sonst hin­ter den Mau­ern der Ein­rich­tung ver­bor­gen: die Pati­en­tin­nen, auf der einen Sei­te über­ra­schend nor­mal, auf der ande­ren Sei­te auf­re­gend anders.

Fazit zu ›Die Tanzenden

Mas macht die Frau­en der ›Sal­pê­triè­re‹ sicht­bar, ohne sie auf Schau­ob­jek­te zu redu­zie­ren, span­nend, bewe­gend und erschre­ckend zugleich. 

Buchinfo

Vic­to­ria Mas:
Die Tan­zen­den

Über­setzt von: Julia Scho­ch
Piper, Mün­chen 2020
240 S., EUR (D) 20,- inkl. MwSt.
Roman
Hard­co­ver mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−492−07014−0

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Benjamin Maack: Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein [Rezension]

Die Stimme des Nicht-Sagbarem. 

Wie schreibt man über ein The­ma, über das oft selbst das Reden oder Erzäh­len schwer­fällt? Wie fin­det man Wor­te für etwas, das Ben­ja­min Maack immer wie­der als Lee­re und als Nichts beschreibt? 

Bereits zu Beginn sei­ner Arbeit an ›Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein‹ ist Maack eines wich­tig: Abklä­ren, ob ein Text über Depres­sio­nen und Selbst­mord­ge­dan­ken Men­schen dazu ver­lei­ten könn­te, sich umzubringen.

»›Im Gegen­teil‹, sag­te [der Sui­zid­o­lo­ge], es wäre gut und rich­tig, dass dar­über geschrie­ben und gespro­chen wür­de. Wich­tig sei, dass man dabei nichts beschö­ni­ge oder heroisiere.«

Bereits nach den ers­ten Sei­ten von ›Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein‹ ist klar, dass die­ses Buch nicht vor­hat, zu heroisieren.

Am leich­tes­ten fäll­te es viel­leicht, sich Ben­ja­min Maacks Buch ›Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein‹ über das zu nähern, was es ›nicht‹ ist. Es ist weder ein Rat­ge­ber für Betrof­fe­ne noch einer für Ange­hö­ri­ge. Es schaut nicht von außen auf die Depres­si­on, ver­sucht nicht sie in geord­ne­te Kate­go­rien zu ordnen.

»Wenn Sie Tipps und Tricks für den Umgang mit Depres­sio­nen suchen, legen Sie die­ses Buch auch weg. Und mel­den Sie sich, wenn Sie etwas gefun­den haben, das wirkt.«

Maacks Buch ›Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein‹ lässt nicht sprach­lich auf­ge­ar­bei­tet von außen auf die Depres­si­on schau­en. Er lässt in sie schau­en. Dabei bleibt er oft frag­men­ta­risch. In ande­ren Momen­ten scheint er mit und um Spra­che zu rin­gen, um die Momen­te der Depres­si­on aus­drü­cken zu kön­nen. Dabei schaf­fen sei­ne Wor­te oft kei­ne Ord­nung mehr, kei­ne Seman­tik, sie hin­ter­las­sen Weiß­räu­me und Satzfetzen.

Durch Maacks Buch ›Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein‹ zieht sich der Wunsch, funk­tio­nie­ren zu wol­len. Das hin- und her­schwan­ken zwi­schen der Angst, zu krank für das ›nor­ma­le‹ Leben zu sein und zugleich viel­leicht nicht krank genug für das psych­ia­tri­sche Leben; die Fra­ge, wie es einem geht. Der rüh­ren­de Ver­such, den All­tag zu bewäl­ti­gen, irgend­wie an der Ober­flä­che zu blei­ben, der Ehe und den Kin­dern gerecht zu wer­den. Das Auf und Ab durch neue Medi­ka­men­te, die ihrer­seits Befürch­tun­gen mit sich brin­gen. Pfle­ger und Ärz­te, die den Kli­nik­all­tag beglei­ten. Eben­so wie Freun­de und Mit­pa­ti­en­ten, der Auf­ent­halt in einer Psych­ia­trie, beglei­tet von ›Cobra 11‹. Die Sei­ten des Buches brau­chen ihre Weiß­räu­me, um der Schwe­re des Geschrie­be­nen Raum zu geben, an weni­gen Stel­len gewährt Maack auch Momen­te des Aufatmens.

»Ein paar Mona­te spä­ter geht es mir wie­der gut. Ich bin wie­der drau­ßen, noch ein paar Mona­te spä­ter arbei­te ich wie­der, bin wie­der für die Fami­lie da, tref­fe wie­der Freunde.«

An das Ende von ›Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein‹ ist Maacks Rede bei einer Preis­ver­lei­hung in Karls­ru­he ange­hängt, bei der er für sein Werk ›Mons­ter‹ aus­ge­zeich­net wur­de. Bei die­ser ging Maack bereits auf sei­ne Depres­sio­nen ein, die er damals über­wun­den glaub­te. Weder die Zuhö­rer noch Maack selbst wuss­ten, dass sie wie­der­kom­men wür­de. Doch besteht das, was die­se Rede aus­zeich­net, nicht vor­ran­gig dar­aus, dass die Depres­si­on besiegt wer­den konn­te. Es besteht dar­aus, dass dar­über gespro­chen wurde.

Maacks Schil­de­run­gen in ›Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein‹ las­sen kei­nen Zwei­fel dar­an, dass im Ver­lauf der Depres­si­on Gefüh­le der Wert­lo­sig­keit, des Ver­sa­gens und der Schuld vor­herr­schen. Doch Maack ent­schei­det sich nicht, nach­dem die depres­si­ve Epi­so­de über­wun­den ist, die­se Gefüh­le zu ver­schwei­gen oder weg­zu­drän­gen; er teilt sie. 

»…, dass mein Leben nach und nach abge­stor­ben ist, weil es nicht mehr von Gefüh­len durch­blu­tet wur­de. Dass mein Kopf, dem es schwe­rer- und schwe­r­erge­fal­len ist, zu füh­len, die Emo­tio­nen unbe­merkt immer här­ter ratio­niert hat, bis das Füh­len in gro­ßen Tei­len mei­nes Lebens ver­trock­net und ver­schwun­den ist.«

Fazit zu ›Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein

Depres­sio­nen haben vie­le Gestal­ten. ›Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein‹ bezeugt den Wunsch, zu funk­tio­nie­ren, und fin­det zugleich Wor­te für einen Zustand, in dem man oft nicht mehr funk­tio­nie­ren kann. Es ist eine Stär­ke die­ses Buches, dass es aus­hält, zuge­ben zu kön­nen, dass es Zei­ten gibt, in denen Funk­tio­nie­ren anders gewor­den ist. Es ist ein Ver­such, die Depres­si­on greif­ba­rer zu machen. Damit dar­über gespro­chen wer­den kann, in der Hoff­nung, dass so Betrof­fe­ne nicht allein damit sein müssen.

»Ich bin krank, den­ke ich und bin beru­higt, weil jemand mich von dem Leben erlöst, das aus mei­nem Leben gewor­den ist. Weil jemand sagt, das ist nicht nor­mal, es gibt da ein Leben, das du nur ver­ges­sen hast.«

Buchinfo

Ben­ja­min Maack:
Wenn das noch geht, kann es
nicht so schlimm sein

Suhr­kamp Nova, Ber­lin 2020
333 S., EUR (D) 18,- inkl. MwSt.
gebun­den
ISBN 978−3−518−47073−2

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Eine Haf­tung der Rezen­sen­tin für Personen‑, Sach- oder Ver­mö­gens­schä­den ist ausgeschlossen.


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Daphne du Maurier: Rebecca [Rezension]

Eine Frau, die nicht vergessen kann. 

Daph­ne du Mau­ri­er zählt zu all jenen Autoren und Autorin­nen, die den eige­nen Erfolg noch erle­ben durf­ten. Als ihr Roman ›Rebec­ca‹ erschien, war sie Anfang 30 und hat­te bereits meh­re­re Roma­ne veröffentlicht. 

Ihr Roman ›Rebec­ca‹ war nicht nur lite­ra­risch äußerst erfolg­reich, son­dern auch die von Alfred Hitch­cock bereits zwei Jah­re spä­ter erschei­nen­de gleich­na­mi­ge Ver­fil­mung ›Rebec­ca‹ (1940), kann dies für sich beanspruchen. 

»Ges­tern Nacht träum­te ich, ich sei wie­der in Manderley.«

Mit die­sem Satz beginnt der Roman, der die Geschich­te der Ich-Erzäh­le­rin erzählt, die unver­hofft den Wit­wer Maxim de Win­ter ken­nen­lernt und des­sen Frau wird. Seit sei­ne Frau ver­starb, lebt die­ser nur von Dienst­bo­ten umge­ben auf sei­nem alten Her­ren­sitz Manderley. 

Das Anwe­sen ist für sei­ne Schön­heit und sei­ne Ele­ganz bekannt, eben­so wie es auch Maxims ver­stor­be­ne Frau Rebec­ca war. 

»Sie war unge­heu­er beliebt, wis­sen Sie, und eine so fas­zi­nie­ren­de Persönlichkeit.«

Doch wäh­rend die jun­ge, nicht aus adli­gen Ver­hält­nis­sen stam­men­de Icher­zäh­le­rin ver­sucht, in das neue Leben hin­ein­zu­wach­sen, auf das sie nie vor­be­rei­tet wur­de, hat Rebec­ca trotz ihrem Tod das Haus nicht ver­las­sen. Alles erin­nert noch an sie, Ein­rich­tung, Brie­fe, Tages­ab­läu­fe und nicht zuletzt: das Per­so­nal. Beson­ders die Haus­häl­te­rin Mrs. Dan­vers, die beses­sen scheint von der ver­stor­be­nen Rebec­ca de Winter.

»›Sie war schon als Kind eine Schön­heit‹, sag­te sie, ›so schön wie ein Bild. Die Män­ner dreh­ten sich auf der Stra­ße nach ihr um, und dabei war sie noch kei­ne zwölf Jah­re alt.‹«

Doch Rebec­cas Schat­ten las­tet nicht nur auf ihr. Als auf dem Kabi­nen­bo­den eines gesun­ke­nen Schif­fes die Lei­che von Rebec­ca gefun­den wird, obwohl Maxim de Win­ter bereits kurz nach ihrem Tod eine ande­re Lei­che als die sei­ner Frau iden­ti­fi­ziert hat, kön­nen Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit sich nicht mehr aus dem Weg gehen.

Daph­ne du Mau­ri­ers Roman gibt Ein­blick in das schein­bar per­fek­te Leben auf einem eng­li­schen Her­ren­sitz, der von einer schein­bar noch per­fek­te­ren Frau geführt und von Grund auf reno­viert wurde.

Es ist bezeich­nend für den Roman, dass er nach der nie­mals selbst in Erschei­nung tre­ten­den Ver­stor­be­nen Rebec­ca benannt ist, deren Wir­ken jedoch noch in allen Berei­chen des Hau­ses und der Men­schen, die dort leben, zu spü­ren ist.

Bild rechts: Daph­ne du Mau­ri­er um 1930. The Chi­ches­ter Part­ners­hip (copy­right), Uni­ver­si­ty of Exe­ter (publi­ca­ti­on).

Fazit zu ›Rebecca

Nicht nur Alfred Hitch­cock hat sich dem Stoff des Romans ange­nom­men, vor weni­gen Jah­ren erschien auch das gleich­na­mi­ge Musi­cal, das den mitt­ler­wei­le bereits 80-jäh­ri­gen Stoff noch ein­mal für die Gegen­wart adap­tier­te. Ver­lo­ren hat der Roman von sei­ner dich­ten, bis­wei­len auch düs­te­ren Atmo­sphä­re bis heu­te nichts und kann all jenen wärms­tens emp­foh­len wer­den, die gemein­sam mit der Icher­zäh­le­rin in ein von Wald und Rho­do­den­dron­bü­schen umge­be­nes Haus einer ver­gan­ge­nen Zeit zurück­keh­ren möchten. 

Buchinfo

Daph­ne du Mau­ri­er:
Rebec­ca (1938)
Roman
Fischer Taschen­buch Ver­lag, Frank­furt a. M. 2005
448 S., EUR (D) 7,95 inkl. MwSt.
Taschen­buch
ISBN 978−3−596−16350−2

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Benjamin Maack: Monster [Rezension]

Etwas, dessen Name nicht genannt werden kann.

Mons­ter sind all­ge­gen­wär­tig. Weder das Mons­ter unter dem Bett noch das Krü­mel­mons­ter sind aus unse­rer Erzähl­welt weg­zu­den­ken. Bereits im Deut­schen Wör­ter­buch, an dem Jacob und Wil­helm Grimm 1838 zu arbei­ten began­nen, ist es eng mit der Bedeu­tung des ›Unge­heu­ers‹ ver­wo­ben: das, was dem Men­schen nicht geheu­er ist. 

Über 170 Jah­re spä­ter wird das Mons­ter namens­ge­bend für Ben­ja­min Maacks mehr­fach aus­ge­zeich­ne­tes Werk. In die­sem kom­bi­niert er Erzäh­lun­gen über die Abwe­ge des Mensch­seins mit kür­ze­ren, ein­ge­scho­be­nen Passagen. 

»Es ist plötz­lich da«

So beginnt der ers­te der 19 kapi­tel­ar­ti­gen Abschnit­te des Buchs, die zwi­schen einer Län­ge von weni­gen Sät­zen bis hin zu über 70 Sei­ten schwan­ken. Mons­ter spielt mit dem Auf­lö­sen von For­men, sodass eine Gen­re­zu­schrei­bung erschwert wird.  Bei ›Es‹ han­delt es sich um eine Eule, die den Weg von der Stra­ße in Ben­ja­mins Kof­fer­raum fin­det und ihn fort­an beglei­tet. Die Abschnit­te wir­ken auf den ers­ten Blick von­ein­an­der unab­hän­gig. Ledig­lich der Name ›Ben­ja­min‹ zieht sich durch alle Geschich­ten, in denen der Prot­ago­nist benannt wird. Zwei der Abschnit­te bestehen gänz­lich aus einer sei­ten­lan­gen Anein­an­der­rei­hung des Buch­sta­bens X oder der Zahl 0. 

»Ich glau­be nicht an ande­re Men­schen. Ich mei­ne, ich glau­be nicht, dass es ande­re Men­schen gibt«,

lau­tet eine jener zehn Pas­sa­gen, die Maack zwi­schen die ein­zel­nen Abschnit­te streut. Doch das, was zusam­men­hangs­los wirkt, ergibt am Ende des Buches ein facet­ten­rei­ches Bild: Maack webt sie­ben län­ge­re Geschich­ten mit­hil­fe die­ser Pas­sa­gen anein­an­der. In ihnen wen­det sich der Icher­zäh­ler unmit­tel­bar an den Leser. Die Pas­sa­gen rah­men die Erzäh­lun­gen nicht, son­dern hal­ten sie wie Kleb­stoff aus dem Inne­ren zusammen. 

Im Kon­trast zu den wirr-anmu­ten­den Sei­ten vol­ler Nul­len und X‑en erge­ben die in sich geschlos­se­nen Kurz­ge­schich­ten über­ra­schend viel Sinn. So erzählt Maack in ›Viel schlim­mer als die dunk­len Räu­me sind die spie­geln­den Fens­ter‹ die Geschich­te von Ben­ja­min und sei­ner Jugend­lie­be Kath­rin. Ben­ja­min fährt sie und ihren Mann in ihrem abge­le­ge­nen Haus besu­chen. Spür­bar liegt die Schwe­re der Erin­ne­rung auf Kath­rin und Ben­ja­min, doch die Lebens­wirk­lich­keit knüpf­te sie an ihren Mann und das, lan­ge bevor die­ser an den Roll­stuhl gebun­den war. Ledig­lich die Eule, der sym­bo­li­sche Unglücks­bo­te, beglei­tet Ben­ja­min zurück in sei­ne eige­ne Wohnung. 

In der Erzäh­lung ›Wie sehr hat Las Casas geweint?‹ ver­webt Maack die vom Kör­per­li­chen domi­nier­te Lie­bes­ge­schich­te von Ben­ja­min und Nina mit der Geschich­te ihres Groß­va­ters. Die­ser erzählt Ben­ja­min »wie ein kaput­tes Spiel­zeug« Geschich­ten von Kolum­bus und den Spa­ni­ern. Bis der Groß­va­ter stirbt. 

© Ben­ne Ochs / mairisch.de

Maacks Geschich­ten beglei­ten die Prot­ago­nis­ten in ihrem Umher­ir­ren und sind durch all­täg­li­che Beob­ach­tun­gen und Erzähl­si­tua­tio­nen in der Wirk­lich­keit ver­an­kert. Den­noch spielt der Icher­zäh­ler in den zwi­schen­ge­schal­te­ten Pas­sa­gen mit sei­ner eige­nen Glaub­wür­dig­keit. So gesteht er gegen Ende, dass eine der Figu­ren des Anfangs zum Zeit­punkt der Erzäh­lung längst ver­stor­ben ist. Und negiert damit eine der Grund­an­nah­men der anfäng­li­chen Erzäh­lung des Buches.

Der Leser wird der bedrü­cken­den Här­te der Geschich­ten bis zuletzt aus­ge­setzt. Kein Hap­py End eilt zur Erlö­sung her­bei, sodass die Stim­mung nach Abschluss des Buches anhält. Vie­le Fra­gen blei­ben unbe­ant­wor­tet: wie, ob sich die ›Ben­ja­mins‹ der Geschich­ten auf ein und die­sel­be Per­son bezie­hen, oder wo genau sich das Mons­ter in Maacks Erzäh­lun­gen ver­steckt hält. Die­ses nimmt kei­ne kon­kre­te Gestalt an, wäh­rend das Figu­ren­per­so­nal durch­aus in Situa­tio­nen gerät, in denen mons­trö­se Züge ihres Wesens zum Vor­schein kom­men. Sowohl in sexu­ell expli­zi­ter als auch in psy­cho­lo­gisch abgrün­di­ger oder gewalt­tä­ti­ger Hinsicht.

Doch das Düs­te­re und Unheil­vol­le erschöpft sei­ne Wir­kung mit dem Fort­gang des Buches. Die ver­schie­de­nen Gesich­ter des Mons­ters sind gezeigt, ihre Geschich­ten in Dru­cker­schwär­ze gebannt.

Zurück bleibt das Schei­tern des Prot­ago­nis­ten, das sich als Boden­satz durch die Geschich­ten zieht.

Bei der Preis­ver­lei­hung des Her­mann Hes­se För­der­prei­ses, den  Maack für ›Mons­ter‹ erhielt, berich­tet er von der Ent­ste­hungs­zeit des Buches: 

»Frü­her hab ich jedes Mal mit schreck­li­chen Ängs­ten gekämpft, wenn ich mich zum Schrei­ben hinsetzte.«

Eine scho­nungs­lo­se Authen­ti­zi­tät, die sich im gesam­ten Werk widerspiegelt.

Buchinfo

Ben­ja­min Maack:
Mons­ter (Cover­ab­bil­dung oben)
Mai­risch Ver­lag, Ham­burg 2012
192 S., EUR (D) 16,90 inkl. MwSt.
Erzäh­lun­gen
ISBN 978−3−938539−21−7

Lust bekom­men?

Ben­ja­min Maack:
Mons­ter
btb Ver­lag, Mün­chen 2015
189 S., EUR (D) 8,99 inkl. MwSt.
Taschen­buch
ISBN 978−3−442−74811−2

Das hier dar­ge­stell­te Cover und die ange­ge­be­ne Aus­ga­be sowie die Anga­ben zum Buch kön­nen von den der­zeit erhält­li­chen Aus­ga­ben abweichen.


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