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Fee Krämer: Rille – Die Dschungelfreunde sind los! [Rezension]

Mit guten Freunden geht es für Rille auf ins Abenteuer. 

Ril­le hat sei­nen Aus­bruch aus dem Zoo in ›Ril­le – Die Dschun­gel­freun­de sind los!‹ nicht geplant. Genau genom­men ist Ril­le nicht ein­mal aus­ge­bro­chen: Er wur­de frei­ge­las­sen. Nun gut, viel­leicht waren es nicht sei­ne Wär­ter und Wär­te­rin­nen, die ihn frei­ge­las­sen haben, aber im Dschun­gel fin­det er sich trotz­dem wieder. 

Viel­leicht wäre so ein Dschun­gel auch ein wirk­lich Angst ein­flö­ßen­der Ort, vol­ler wil­der Tie­re, frem­der Pflan­zen und neu­ar­ti­gen Geräu­schen, wenn man sein gan­zes Leben in einem Zoo ver­bracht hat.

Zum Glück ist Ril­le im Dschun­gel in ›Ril­le Die Dschun­gel­freun­de sind los!‹ nicht allein, Mr. Gibbs und gute Freun­de ste­hen im schnell mit Rat und Tat zur Sei­te. Dabei schließt nicht nur Ril­le den Papa­gei Pepe, die Gür­tel­tier­da­me Tan­te Tatu, die Was­ser­schwei­ne und all die ande­ren Geschöp­fe des Dschun­gels ins Herz: Auch den Lesern und die Lese­rin­nen – und natür­lich auch Vor­le­sern und Vor­le­se­rin­nen – wird es ähn­lich gehen.

»Als die Tie­re Ril­le ent­de­cken, ver­stum­men sie plötz­lich. Man hört nur noch das Rau­schen des Was­ser­falls. Weil ihn alle angu­cken, hebt Ril­le eine Pran­ke und winkt zaghaft.«

Eins ist sicher: Bei Ril­les neu­em Leben im Dschun­gel trifft er auf vie­les Neu­es und Bekann­tes, das zum Stau­nen und Wohl­füh­len einlädt.

»›Das dürft ihr doch nicht weg­ma­chen!‹ Ril­le lässt sich aufs Moos fal­len. Es ist wei­cher als alles, was Ril­le jemals zuvor gespürt hat.«

Natür­lich muss Ril­le auch noch vie­les ler­nen. War es im Zoo doch immer ange­nehm, das Fut­ter von den Pfle­gern und Pfle­ge­rin­nen gebracht zu bekom­men, muss der klei­ne Goril­la nun auf ein­mal jagen! Und auch um sei­nen Schlaf­platz hat er sich bis­lang kaum Gedan­ken machen müs­sen, da im Zoo immer ein siche­rer Unter­schlupf bereit­stand. Wenigs­tens ärgern ihn hier die Pavia­ne aus dem Zoo nicht mehr.

»Ril­le hat bis jetzt noch nicht dar­über nach­ge­dacht, wo er woh­nen wird. Ob er über­haupt hier in die­sem Dschun­gel blei­ben soll. Er mag das vie­le Grün, das nir­gend­wo endet.«

Fee Krä­mers Vor­le­se­buch ›Ril­le Die Dschun­gel­freun­de sind los!‹ wird durch die lie­be­vol­len und wun­der­ba­ren Illus­tra­tio­nen von Niko­lai Ren­ger geschmückt. Jede Sei­te des wun­der­schö­nen Buches lädt zu neu­en Aben­teu­ern mit Ril­le und sei­nen Freun­den ein. Denn nicht nur das Fut­ter­sam­meln hat Ril­le nie gelernt – auch tei­len muss­te er bis­lang nie.

Fazit zu ›Rille Die Dschungelfreunde sind los!

Ril­le Die Dschun­gel­freun­de sind los!‹ lädt zu einer span­nen­den Rei­se ein, den klei­nen Goril­la bei sei­nen Her­aus­for­de­run­gen zu beglei­ten, sich sei­nen Ängs­ten zu stel­len und vie­le neue Freun­de ken­nen­zu­ler­nen. Warm­her­zig geschrie­ben sind Krä­mers Aben­teu­er des klei­nen Goril­las Ril­le unglaub­lich lesenswert.

Buchinfo

Fee Krä­mer:
Ril­le Die Dschun­gel­freun­de sind los!

Ein Vor­le­se­buch mit Bil­dern von Niko­lai Ren­ger
Thie­ne­mann-Ess­lin­ger, Stutt­gart 2020
112 S., EUR (D) 13,- inkl. MwSt.
Gebun­de­ne Aus­ga­be inkl. Anto­lin-Quiz
Ab 5 Jah­re
ISBN 978−3−480−23570−4

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Das hier dar­ge­stell­te Cover und die ange­ge­be­ne Aus­ga­be sowie die Anga­ben zum Buch kön­nen von den der­zeit erhält­li­chen Aus­ga­ben abweichen.


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Rupi Kaur: milch und honig [Rezension]

Intensiv, klar und aufwühlend. 

Wer nach klas­si­schen Vers­ma­ßen, fes­ten Reim­sche­ma­ta, Jam­ben, Tro­chä­en oder Alex­an­dri­nern sucht, wird in ›milch und honig‹ kein Glück haben. Doch das ist es auch nicht, was die vie­len, vie­len über­zeug­ten Leser und Lese­rin­nen an Rupi Kaurs Gedich­ten schät­zen. Es sind zumeist kur­ze Gedich­te in kla­rer Spra­che über das, was schmerzt. Über Lie­be, Hei­len, Zerbrechen. 

Kaur fin­det Wor­te für Gefüh­le und Erfah­run­gen, für die es sonst nur schwer Wor­te gibt. Sie erzeu­gen kei­ne Distanz zwi­schen der Autorin und ihren Lesern und Lese­rin­nen, son­dern über­brü­cken die­se. Jedes Gedicht zeugt von Mut, Refle­xi­on, Ver­letz­lich­keit und Stärke. 

»wenn ich wüss­te wor­an sich
gebor­gen­heit erken­nen lässt
wäre ich nicht schon so oft
in armen gelan­det
in denen ich sie nicht fand«

rupi kaur
Gedicht aus der Lese­pro­be der Münch­ner Ver­lags­grup­pe entnommen 

In Kaurs Gedich­ten geht es nicht dar­um, kom­pli­zier­te ver­bor­ge­ne Bedeu­tun­gen im Gedicht zu fin­den. Was mit den Gedich­ten aus­ge­drückt wer­den soll, ver­steckt sich nicht. Es ist deut­lich, für jeden sicht­bar, sub­jek­tiv erfahr­bar. Durch die­se Klar­heit des Aus­drucks und dem Ver­zicht auf unnö­ti­ge Schnör­kel besit­zen Kaurs Gedich­te eine spür­ba­re Inten­si­tät. Und trotz die­ser Klar­heit haben ihre Tex­te Klang. 

Die Emo­tio­nen, die Rupi Kaur in ihren Gedich­ten ver­ar­bei­tet, lösen Beklem­mung aus. Bereits mit weni­gen Wor­ten trifft sie wun­de Punk­te, berührt und über­zeugt. Und der Erfolg der Autorin zeigt, dass sie damit bei einer brei­ten Leser­schaft ins Schwar­ze trifft. 

Fazit zu ›milch und honig

Rupi Kaur schreibt Lyrik in einer Zeit, in der die bevor­zug­te Gat­tung der Roman ist. Neben all den Best­sel­lern der Roman- und Sach­buch­welt behaup­tet sich ›milch und honig‹. Nicht nur ein­ge­fleisch­ten Lyrik­fans sind Kaurs Gedich­te zu emp­feh­len. So bleibt zu wün­schen, dass in der Zukunft noch wei­te­re tol­le Gedicht­bän­de der Autorin zu lesen sein werden.

Buchinfo

Rupi Kaur:
milk and honey | milch und honig
Lago, Mün­chen 2017
208 S., EUR (D) 14,99 inkl. MwSt.
Hard­co­ver
Zur Lese­pro­be
ISBN 978−3−95761−173−4

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Heiko Kienbaum: Was Paare glücklich macht [Rezension]

Zum Nachdenken, Ausprobieren und Weiterempfehlen. 

Wie oft liest man einen guten Tipp in der Zei­tung, in einem Buch oder im Inter­net, hält ihn für plau­si­bel und hat ihn im nächs­ten Moment schon wie­der ver­ges­sen? ›Was Paa­re glück­lich macht‹ will die­ses Pro­blem umgehen.

Denn wie vie­le Ideen und Vor­ha­ben blei­ben in der Theo­rie ste­cken, weil sie nicht in die Pra­xis umge­setzt wer­den, obwohl man weiß, dass es gut wäre? 

Hei­ko Kien­baum möch­te, dass genau das mit ›Was Paa­re glück­lich macht‹ nicht pas­siert. Denn sei­ne Geheim­nis­se und Tipps für eine glück­li­che­re Bezie­hung müs­sen vor allem eins: gelebt werden. 

Damit dies gelingt, sind für jedes der zehn Geheim­nis­se in ›Was Paa­re glück­lich macht‹ unter­schied­li­che Übun­gen beschrie­ben, die dabei hel­fen, sie zu ver­in­ner­li­chen. Dabei greift der Autor auf sei­ne Erfah­rung zurück, die er zum einen dabei gesam­melt hat, Paa­re auf die Ehe vor­zu­be­rei­ten. Zum ande­ren hat Kien­baum selbst Höhen und Tie­fen erlebt – er war Ver­mö­gens­mil­lio­när, bis er alles ver­lor –, und dabei ler­nen müs­sen, was wirk­lich im Leben zählt. 

»Jede groß­ar­ti­ge Bezie­hung, die du bei Men­schen in dei­nem Umfeld siehst oder bei Pro­mi­nen­ten im Fern­se­hen, hat irgend­wo klein ange­fan­gen. Aber davor ver­schlie­ßen wir gern die Augen. Wir haben kei­nen Respekt mehr vor den klei­nen Anfän­gen, sie erschei­nen uns nicht so interessant.«

Sein Schreib­stil ist klar, direkt und ein­la­dend. Sei­ne Bei­spie­le sind aus dem Leben gegrif­fen, die Übun­gen gut ver­ständ­lich und pas­send für den All­tag. Kien­baum ver­spricht sei­nen Lesern nicht das Blaue vom Him­mel, er behaup­tet nicht, dass es immer leicht sein wird, in eine glück­li­che Bezie­hung zu inves­tie­ren. Nur, dass es sich lohnt.

Was Paa­re glück­lich macht‹ fühlt sich eher wie ein Gespräch an als wie ein Buch. Sei­te für Sei­te regt Kien­baum zum Nach­den­ken an, nicht nur über die Bezie­hung, son­dern vor allem auch über sich selbst. Vie­le Din­ge, die im All­tag auto­ma­ti­siert sind und selbst­ver­ständ­lich erschei­nen, nimmt er in den Fokus und rückt sie in ein ande­res Licht, zumeist in ein wärmeres.

»Wenn wir im Leben und in der Part­ner­schaft wie­der zufrie­den sein wol­len, geht es nur über Ermu­ti­gung. Und Ermu­ti­gung ist Liebe.«

Fazit zu ›Was Paare glücklich macht

Um von ›Was Paa­re glück­lich macht‹ zu pro­fi­tie­ren, muss man weder beson­ders lang noch beson­ders frisch in einer Bezie­hung sein. Im Prin­zip muss man nicht ein­mal in einer Paar­be­zie­hung sein, denn die Prin­zi­pi­en sei­ner Tipps und Geheim­nis­se fin­den sich auch in vie­len ande­ren Bezie­hun­gen wie­der, aus denen der mensch­li­che All­tag besteht: die Bezie­hung zur Fami­lie, zu Freun­den, Kol­le­gen oder sich selbst. Auf jeden Fall sehr lesenswert.

Buchinfo

Hei­ko Kien­baum:
Was Paa­re glück­lich macht

Die 10 Geheim­nis­se der Lie­be vom Pastor2Go
In Zusam­men­ar­beit mit Lars Chris­ti­an­sen
Gold­mann, Mün­chen 2020
304 S., EUR (D) 10,- inkl. MwSt.
Taschen­buch, Bro­schur
ISBN 978−3−442−17840−7

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Marie Kondo/Scott Sonenshein: Joy at Work [Rezension]

Ein aufgeräumter Arbeitsplatz und andere Zaubertricks. 

Die ›Kon­Ma­ri-Metho­de‹ am Arbeits­platz – heißt das, man räumt mit ›Joy at Work‹ sei­nen Schreib­tisch auf und voilà? 

Spä­tes­tens wenn man an E‑Mails, Mee­tings oder Kon­tak­te denkt, ist klar, dass damit die Arbeit nicht getan ist: Den­noch, das Auf­räu­men der mate­ri­el­len Bestand­tei­le des Berufs bil­det einen per­fek­ten ers­ten Schritt auf dem Weg zu einem Arbeits­platz, an dem man sich wohl­füh­len kann.

Wer Marie Kon­dos ›Kon­Ma­ri-Metho­de‹ kennt, viel­leicht sogar ›Magic Clea­ning‹ gele­sen hat, den dürf­ten die Grund­la­gen des Auf­räu­mens am Arbeits­platz in ›Joy at Work‹ nicht über­ra­schen: nach Kate­go­rien getrennt, in einem Rutsch und an der Fra­ge ori­en­tiert, was Freu­de ent­facht. Zuge­ge­ben, am Arbeits­platz tum­meln sich zumeist sel­te­ner Ber­ge an Klei­dung oder Küchen­uten­si­li­en, dafür umso häu­fi­ger Doku­men­te, E‑Mails oder erschöp­fen­de Besprechungen.

»Das Ziel der in die­sem Buch vor­ge­stell­ten Metho­de besteht nicht nur dar­in, am Ende an einem hübsch auf­ge­räum­ten Schreib­tisch zu sit­zen, son­dern durch das Auf­räu­men mit sich selbst ins Gespräch zu kom­men – zu ent­de­cken, was Sie wert­schät­zen, indem Sie erfor­schen, war­um Sie eigent­lich arbei­ten und wel­che Art Arbeit Sie sich wünschen.«

Wie wun­der­bar sich Marie Kon­dos Auf­räum-Metho­de mit dem Arbeits­le­ben ver­bin­den lässt, zeigt ›Joy at Work‹. Für die­ses Buch haben sich die Auf­räumspe­zia­lis­tin Marie Kon­do und der Exper­te für Unter­neh­mens­or­ga­ni­sa­ti­on Scott Sonen­s­hein zusam­men getan. Und das Ergeb­nis kann sich sehen las­sen: Die Metho­den und Fähig­kei­ten des Autoren­du­os ergän­zen sich hervorragend.

Einen Werk­zeug­kof­fer vol­ler Tech­ni­ken haben Sonen­s­hein und Kon­do mit­ge­bracht: Ganz gleich, ob es sich um digi­ta­le Daten, Pro­ble­me mit der Ent­schei­dungs­fin­dung oder der Team­ar­beit geht. Mit Offen­heit und einer Men­ge Kar­tei­kar­ten kann es ans Werk gehen. Wie groß der Unter­schied sein kann, den ein Freu­de spen­den­der Arbeits­platz schafft, ist spä­tes­tens dann klar, wenn man dar­über nach­denkt, wie vie­le Stun­den man durch­schnitt­lich auf der Arbeit verbringt.

»Der Schlüs­sel zu mehr Freu­de bei der Arbeit liegt dar­in, mehr Zeit in Tätig­kei­ten zu inves­tie­ren, die Spaß machen, und weni­ger in sol­che, die es nicht tun.«

Fazit zu ›Joy at Work

Und wenn man bedenkt, wie oft man nach einem bestimm­ten Doku­ment sucht, das man doch letz­tens noch hat­te, was bei den wenigs­ten Hoch­ge­füh­le aus­löst, ist es viel­leicht einen Ver­such wert, dem Buch ›Joy at Work‹ eine Chan­ce geschrieben. 

Ein fri­scher Schreib­stil, wis­sen­schaft­li­che Quel­len und ein sym­pa­thi­sches Autoren­duo mit einer Men­ge Berufs­er­fah­rung laden dazu ein, zukünf­tig viel­leicht mehr Freu­de am Arbeits­platz zu fin­den: Einen Ver­such ist es alle­mal wert.

Buchinfo

Marie Kondo/Scott Sonen­s­hein:
Joy at Work

Auf­ge­räumt und erfolg­reich im
Arbeits­le­ben
Magic Clea­ning fürs Büro
über­setzt von: Antoi­net­te Git­tin­ger;
Ursu­la Pesch; Rita Gra­vert; Kat­ja Hald
Rowohlt, Ham­burg 2020
256 S., EUR (D) 14,99 inkl. MwSt.
Ebook
ISBN 978−3−644−00604−1

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Genki Kawamura: Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden [Rezension]

Katzen, der Teufel und die Erinnerung. 

Ein Mann, der sich eigent­lich noch viel zu jung glaubt, um sich mit sol­chen The­men zu beschäf­ti­gen, erfährt in ›Wenn alle Kat­zen von der Welt ver­schwän­den‹, dass er ster­ben muss. In weni­gen Tagen. Doch noch ehe er dazu kommt, dar­an zu ver­zwei­feln, erscheint ihm der Teu­fel. Und macht ihm ein Ange­bot, das er kaum abschla­gen kann. 

Für jede Sache, die er bereit ist, von der Welt ver­schwin­den zu las­sen, darf er einen Tag län­ger leben. Doch unter die­sen Sachen stellt sich der Teu­fel kei­nes­wegs Din­ge vor wie ein­zel­ne Socken, Papier­müll oder aus­ge­lei­er­te Haar­gum­mis. Son­dern um Sachen wie bei­spiels­wei­se Scho­ko­la­de, Tele­fo­ne, Fil­me oder Uhren.

Doch mit jeder Sache, die der Icher­zäh­ler in ›Wenn alle Kat­zen von der Welt ver­schwän­den‹ bereit ist, von die­ser Welt ver­schwin­den zu las­sen, muss die­ser sich nicht nur damit aus­ein­an­der­set­zen, wie die Welt ohne die­se Sache aus­sä­he. Son­dern, wel­che Bedeu­tung sie in sei­nem Leben bis­her gehabt hat. An die Per­so­nen, die er damit verbindet.

»[…] den­noch hat­te ich das Gefühl, dass mir noch eini­ges zu tun blieb. Auf­ga­ben, die nur ich auf die­ser Welt erfül­len konn­te. Die muss­te es doch geben.«

Ob der Teu­fel im Hawaii­hemd dem Icher­zäh­ler in ›Wenn alle Kat­zen von der Welt ver­schwän­den‹ nun wirk­lich begeg­net oder eine Aus­ge­burt sei­ner fort­schrei­ten­den Erkran­kung ist, bleibt unbe­dacht. Denn die Din­ge, die der bald Ster­ben­de an sei­nen erkauf­ten Tagen tun will, sind nicht die, die er schon immer mal tun woll­te. Kei­ne Extre­me wie Sprün­ge aus einem Flug­zeug oder den Mount Ever­est bestei­gen. Es sind jede, die er schon längst hät­te tun wol­len oder sollen.

Mit einer bedrü­cken­den Leich­tig­keit, die an vie­len Stel­len weh­tun kann, führt Kawa­mu­ra in ›Wenn alle Kat­zen von der Welt ver­schwän­den‹ durch die letz­ten Tage des Icher­zäh­lers. In ein Gedan­ken­cha­os, in dem sich täg­lich die Fra­ge stellt, was man bereit wäre, auf­zu­ge­ben, um noch etwas län­ger an sich selbst fest­hal­ten zu können. 

»War­um erwar­ten wir immer von ande­ren, was wir selbst nicht kön­nen? War­um ver­lang­te ich das von ihr? War­um woll­te ich, dass sie erschrak und weinte?«

Gen­ki Kawa­mu­ra gelingt es, in sei­nem Roman ›Wenn alle Kat­zen von der Welt ver­schwän­den‹ die Schwe­re des eige­nen Todes und jener, die man liebt, mit The­men zu ver­we­ben, die im All­tag als selbst­ver­ständ­lich erschei­nen. Wie wäre es, wenn all­täg­li­che Din­ge, wie Tele­fo­ne, Uhren oder Kat­zen nicht mehr da wären? Wie wäre das eige­ne Leben dann ver­lau­fen? Was für Momen­te wur­den dadurch ermög­licht, die das Leben ausmachen? 

Fazit zu ›Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden

Beglei­tet von der Fra­ge, wo die Gren­ze liegt. Wann wäre man bereit, Din­ge, die auf den ers­ten Blick viel­leicht neben­säch­lich erschei­nen, nicht mehr gegen das eige­ne Wei­ter­le­ben ein­zu­tau­schen? Eine Rei­se in die letz­ten Lebens­ta­ge eines Ster­ben­den, die trotz oder viel­leicht auch wegen ihrer All­tags­mo­ti­vik berührt. Ein Buch zum Nachdenken.

Buchinfo

Gen­ki Kawa­mu­ra:
Wenn alle Kat­zen von der Welt ver­schwän­den

Roman
Über­setzt von: Ursu­la Grä­fe
C. Ber­tels­mann, Mün­chen 2018
192 S., EUR (D) 18,50 inkl. MwSt.
Hard­co­ver mit Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−570−10335−7

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Daniel Kehlmann: Beerholms Vorstellung [Rezension]

Von einem Mann, der auszog, um Theologie zu studieren, und zu einem Magier wurde. 

Ein jun­ger Mann ›Beer­holms Vor­stel­lung‹ will Theo­lo­gie stu­die­ren und Pries­ter sein, bis er es nicht mehr sein will. Ein jun­ger Mann will sich der Zau­be­rei wid­men und Magi­er wer­den, bis er es nicht mehr will. 

Arthur Beer­holm hat die­se bei­den Leben gelebt. Und umso unter­schied­li­cher sie in ihrem Wesen auch klin­gen, des­to stär­ker fal­len die Din­ge auf, die bei Beer­holm über bei­de Beru­fe hin­weg kon­stant geblie­ben sind. 

Zum einen Beer­holms Vor­lie­be für Schlaf­ta­blet­ten. Manch­mal scheint es, als wäre sei­ne Lebens­ge­schich­te von nichts so stark beglei­tet, als von sei­nem Tablet­ten­miss­brauch. Zum ande­ren gesund­heit­li­che Pro­ble­me, die mehr­mals mit sei­ner Wahr­neh­mung zu spie­len scheinen. 

»Weißt du eigent­lich, daß man unun­ter­bro­chen auf sich selbst ein­re­det? In einem Win­kel unse­res Kop­fes sitzt ein Schwät­zer und spricht, spricht, spricht vom Augen­blick unse­res Auf­wa­chens bis in die letz­ten im Dun­kel ver­schwim­men­den Regun­gen vor dem Einschlafen.«

Kehl­manns Debüt­ro­man ›Beer­holms Vor­stel­lung‹ ist ein Kipp­bild: In man­chen Momen­ten ist er voll wun­der­sa­mer Ereig­nis­se, der Zau­be­rei scheint ech­te Magie inne­zu­woh­nen. In ande­ren Momen­ten tauscht er sei­nen Zau­ber gegen Alter­na­tiv­erklä­run­gen, wie Träu­me, Fie­ber­wahn, Tablet­ten­miss­brauch. Exis­tiert Magie in ›Beer­holms Vor­stel­lung‹ oder han­delt es sich in vie­len Momen­ten ledig­lich um außer­ge­wöhn­li­che Zufäl­le, die den Anschein von Bedingt­heit und Vor­be­stim­mung erwe­cken? Schafft Wahr­schein­lich­keit Realität?

»Ich setz­te ein iro­ni­sches Lächeln auf – was außer den unbe­ein­druck­bar schwei­gen­den Mön­chen kei­ner sah – und beschloß, die Sei­te von ihrer komi­schen Sei­te zu betrach­ten. Dann, nach und nach, fand ich her­aus, daß sie kei­ne komi­sche Sei­te hatte.«

Fazit zu ›Beerholms Vorstellung

Bereits in sei­nem Erst­lings­werk sind eini­ge der The­men ange­legt, die auch für Kehl­manns spä­te­res Werk maß­ge­bend sein wer­den, wie ›F‹ oder ›Tyll‹. Die Wirk­lich­keit und ihre Wahr­neh­mung wer­den spie­le­risch auf die Pro­be gestellt. Doch scheint es ›Beer­holms Vor­stel­lung‹ im Ver­gleich zu sei­nen spä­te­ren Wer­ken noch an Schliff zu feh­len, die­se The­men sind noch nicht so prä­zi­se her­aus­ge­ar­bei­tet, wie es ihm in spä­te­ren Roma­nen gelin­gen wird, ohne, dass sein vir­tuo­ser Umgang mit Wirk­lich­keit dar­un­ter zu lei­den hät­te. Doch ver­fliegt dies nach 50 Sei­ten wie­der und übrig bleibt ein Roman, der sich auch am Ende nicht in die Enge drän­gen lässt.

Denn die eige­ne Wahl, ob Magie in Beer­holms Lebens­wirk­lich­keit exis­tiert oder nicht, bleibt für den Roman­ver­lauf nicht folgenlos.

Buchinfo

Dani­el Kehl­mann:
Beer­holms Vor­stel­lung

Roman
rowohlt/rororo, Ham­burg 2007
256 S., EUR (D) 10,- inkl. MwSt.
Taschen­buch
ISBN 978−3−499−24549−7

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Nikoletta Kiss: Das Licht vergangener Tage [Rezension]

Von Kanten, Kerben und Zukunftswünschen. 

Als sich der jun­ge Kunst­stu­dent Ist­ván und die ange­hen­de Schau­spie­le­rin Rebe­ka ken­nen­ler­nen, sind die bei­den in ›Das Licht ver­gan­ge­ner Tage‹ noch am Anfang ihrer Kar­rie­re. Obwohl Ist­ván ein talen­tier­ter Künst­ler ist, bekommt er durch sei­ne Male­rei bereits früh Probleme.

Rebe­ka hin­ge­gen, die aus gutem Hau­se kommt und alle Regeln der Eti­ket­te beherrscht, wird schon bald auf der Büh­ne bewun­dert. So ist es, wäh­rend sie die Tage mit Ist­ván ver­bringt und für ihre Vor­spre­chen übt, nur eine Fra­ge der Zeit, bis ein gut situ­ier­ter Pro­fes­sor um ihre Hand anhält. 

Doch als die Gescheh­nis­se der 1950er-Jah­re über Ungarn her­ein­bre­chen, ist es nicht Ist­ván, der vor Pro­ble­men steht, son­dern Rebek­ka: Mit ihrem Vater soll sie das Haus ihrer Kind­heit ver­las­sen und in ein klei­nes Dorf wei­ter weg ziehen.

»Der Aus­la­ge­rungs­be­fehl gab ihnen vier­und­zwan­zig Stun­den, um das Nötigs­te zusam­men­zu­pa­cken, nicht mehr als fünf­zig Kilo­gramm pro Person.«

Als Rebe­kas gewohn­tes Leben aus­ein­an­der­bricht, bit­tet sie ihren Ver­lob­ten, Pro­fes­sor Breit­ner, und ihren Freund Ist­ván um Hil­fe. Doch nur einer der bei­den Män­ner ist bereit, sein gewohn­tes Leben für sie aufzugeben.

Das Licht ver­gan­ge­ner Tage‹ gehört zu jenen Roma­nen, die dem Leser auch Tage, nach­dem man das Buch gele­sen hat, noch im Kopf rum­ge­hen. Nach und nach will die Viel­schich­tig­keit des Romans betrach­tet und durch­dacht wer­den. Er zeigt uns das Leben zwei­er jun­ger Men­schen, mit ihren Wün­schen und Vor­stel­lun­gen für die Zukunft. Und gleich­zei­tig zeigt er, wel­che Opfer für die­se gebracht wer­den müs­sen und wel­che uner­reich­bar bleiben.

»Ich habe immer geglaubt, ich müss­te jeman­den wie Breit­ner hei­ra­ten, um das Glück zu fin­den. Bei Ist­váns Ver­su­chen, mir näher­zu­kom­men, stell­te sich mei­ne gut­bür­ger­li­che Erzie­hung ein wie eine Muttersprache.«

Und es ist wohl jene Uner­reich­bar­keit, die den Figu­ren ihre Tie­fe gibt. Denn wäh­rend ›Das Licht ver­gan­ge­ner Tage‹ zwi­schen der Ver­gan­gen­heit der 1940er- und 1950er-Jah­re, in der Ist­ván, Rebe­ka und Breit­ner noch jung waren, und der jun­gen Ver­gan­gen­heit der 2010er-Jah­re schwankt, in der zwei von ihnen zu alten Men­schen gewor­den sind und einer ver­stor­ben ist, weiß der Leser, dass es kei­ne ein­fa­che Geschich­te wer­den kann.

Und so schwebt das Gesche­hen des Romans zwi­schen dem, was ist, dem, was hät­te sein kön­nen, und dem, was nie wer­den wird. Die his­to­ri­schen Ereig­nis­se, die über die Per­so­nen her­ein­bre­chen, sind zu groß und ver­schlu­cken sie, um sie an einem ande­ren Ort wie­der auszuspucken.

Niko­let­ta Kiss gelingt mit ihrem Roman ›Das Licht ver­gan­ge­ner Tage‹ vie­les zugleich: Er ist erfüllt von der Leich­tig­keit der Figu­ren und der Schwe­re der Ereig­nis­se. Von der Ver­än­de­rung der Leben, die die­se füh­ren kön­nen, und der Bestän­dig­keit man­cher Wün­sche und Ziele.

Fazit zu ›Das Licht vergangener Tage

Dabei erschafft sie Figu­ren, die im Gedächt­nis blei­ben, fern­ab von Kitsch und Kli­schee. ›Das Licht ver­gan­ge­ner Tage‹ braucht ein wenig Zeit, um sich zu ent­fal­ten, und so kann es mit­un­ter ein wenig dau­ern, bis man mit den kan­ti­gen Beson­der­hei­ten der Per­so­nen warm wird. Doch sind es eben jene kan­ti­gen Beson­der­hei­ten, die die Geschich­te tra­gen, auch, lan­ge nach­dem man den Buch­de­ckel geschlos­sen hat. 

Buchinfo

Niko­let­ta Kiss:
Das Licht ver­gan­ge­ner Tage

Hey­ne, Mün­chen 2019
448 S., EUR (D) 12,99 inkl. MwSt.
Roman, Paper­back
ISBN 978−3−453−42321−3

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Daniel Kehlmann: ›F‹ [Rezension]

Vom Zufall und von Fügungen. 

Als ein Vater in ›F‹ mit sei­nen drei Söh­nen von zwei ver­schie­de­nen Frau­en einen Aus­flug zum Hyp­no­ti­seur macht, ahnen die vier nicht, was die Fol­gen sein wer­den: Der Vater ver­lässt im Anschluss auch sei­ne zwei­te Lebens­ge­fähr­tin und mit ihr sei­ne drei jugend­li­chen Söhne. 

Als die drei Söh­ne erwach­sen wer­den, wäh­len sie die unter­schied­lichs­ten Beru­fe und Lebens­wei­sen. Der Ältes­te, Mar­tin, wird zu einem wohl beleib­ten Geist­li­chen, der den Glau­ben nicht so recht fin­den kann. Von den Zwil­lin­gen, schlägt Iwan den Pfad eines Künst­lers ein, ohne recht an sei­ne eige­ne Kunst glau­ben zu kön­nen, und Eric hei­ra­tet, bekommt eine Toch­ter und wird zu einem Geschäfts­mann, der an sei­ne Rea­li­tät und sei­nen Ver­stand nicht mehr so recht glau­ben kann. 

Unge­fähr in der Mit­te wird der Roman ›F‹ von einer Ahnen­schau durch­zo­gen. Lebens­läu­fe und Figu­ren, von denen eine inter­es­san­ter ist als die ande­re und sicher­lich einen eige­nen Roman fül­len könn­te – eine der Beschrei­bun­gen erin­nert an Claus Ulen­spie­gel aus ›Tyll‹ –, wer­den ausgebreitet. 

Man meint, die Ver­stor­be­nen wären irgend­wo auf­be­wahrt. Man meint, dem Uni­ver­sum blie­ben ihre Spu­ren eingeschrieben.

Doch Kehl­mann beschränkt sich nicht dar­auf, die Geschich­te die­ser drei Söh­ne und ihres Vaters zu erzäh­len. Was ihm in ›F‹ gelingt, ist ein Auf­rau­en der Wahr­neh­mung von Wirk­lich­keit. Er spielt mit dem mensch­li­chen Bemü­hen, (Lebens-)Geschichten eine Kau­sa­li­tät und Deter­mi­niert­heit abrin­gen zu wol­len, indem er die Momen­te auf­zeigt, in denen sei­ne Figu­ren Ent­schei­dun­gen tref­fen müs­sen. Sie bedie­nen sich Erklä­rungs­mo­del­len, nach denen die Din­ge wer­den, wie sie sein sol­len, ob durch gött­li­ches Ein­grei­fen, einen höhe­ren Plan oder Schick­sal. Dabei spielt es kei­ne Rol­le, ob sie ihr Glück in der Kunst, der Reli­gi­on oder der Wirt­schaft suchen.

Doch ›F‹ fällt kein end­gül­ti­ges Urteil dar­über, ob die Per­so­nen dem Zufall, Schick­sal oder etwas ande­rem unter­wor­fen sind, son­dern erwei­tert die­se Fra­ge um die Dimen­si­on, was pas­sie­ren wür­de, wenn das ›Schick­sal‹ selbst von Zufall oder Irr­tum beein­flusst wäre.

Doch malen in eines ande­ren Namen, das ist eine Mög­lich­keit, das funk­tio­niert. Und was mich jeden Tag von neu­em wun­dert: Ich bin glück­lich dabei.

Fazit zu ›F‹

›F‹ ist einer jener Roma­ne, die nicht ein­fach nur gele­sen wer­den kön­nen, son­dern vom Leser wie­der und wie­der durch­dacht und neu betrach­tet wer­den kön­nen und müs­sen. So fügt sich, was anfangs aus ver­schie­de­nen Leben zusam­men­ge­setzt scheint, zu einem Gan­zen zusam­men, das den Leser so schnell nicht los­lässt und bei dem die Gren­ze zwi­schen Rea­li­tät und Vor­stel­lung ver­schwun­den ist.

Buchinfo

Dani­el Kehl­mann:
F

Rowohlt, Ham­burg 2013
384 S., EUR (D) 22,95 inkl. MwSt.
Roman, Hard­co­ver
ISBN 978−3−498−03544−0

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Daniel Kehlmann: Tyll [Rezension]

Von Menschen und Narren. 

Geschich­ten über Till Eulen­spie­gel kennt man bereits seit dem 14. und 15. Jahr­hun­dert. Mal Dil oder Dyl genannt, mal Ulens­pe­gel oder Ulen­spie­gel, war nicht nur sein Name über die Zeit aller­lei Ver­än­de­run­gen unterworfen. 

Was um 1510 lite­ra­risch unter dem Titel ›Ein kurtzwei­lig lesen von Dyl Vlen­spie­gel‹ begann, greift Dani­el Kehl­mann über ein hal­bes Jahr­tau­send spä­ter in sei­nem Roman ›Tyll‹ wie­der auf. Doch wäh­rend das ers­te Kapi­tel ›Schu­he‹ the­ma­tisch noch an sein his­to­ri­sches Vor­bild erin­nert, zeu­gen die wei­te­ren Kapi­tel weni­ger von den Strei­chen und Scher­zen des Gauk­lers, als von den Gescheh­nis­sen um den Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg und sei­ne Zeit. 

Denn der Narr Tyll Ulen­spie­gel, wie er bei Kehl­mann heißt, kann Ein­bli­cke in jede Gesell­schafts­schicht bie­ten. Tyll wächst als Sohn eines Mül­lers auf, der sei­ner Zeit ent­rückt scheint. Statt sich mit sei­ner Arbeit als Mül­ler zu beschäf­ti­gen, stu­diert er lie­ber die Rät­sel der Son­ne und des Mondes.

»Neu­lich hat der Jun­ge ihn gefragt, wie vie­le Ster­ne es eigent­lich gibt, und da er erst vor kur­zem nach­ge­zählt hat, hat er ihm nicht ohne Stolz eine Ant­wort geben können.«

Doch Claus Ulen­spie­gels Wis­sens­drang geht weit über sol­che Fra­gen hin­aus und so ist es nur eine Fra­ge der Zeit, bis die Inqui­si­ti­on in Gestalt von Tesi­mond und Kir­cher auf ihn auf­merk­sam wird.

Jah­re spä­ter macht der Narr Tyll Ulen­spie­gel Bekannt­schaft mit dem Win­ter­kö­nig, sei­ner Frau Liz und Gus­tav Adolf. Es ist nicht die Inqui­si­ti­on, die die­se Heim­sucht, son­dern die Pest und die Schat­ten­sei­ten des Krieges.

Doch so viel­sei­tig die Ein­bli­cke auch sind, die der Narr dem Leser gewährt, so unzu­ver­läs­sig ist Kehl­manns Erzähl­stil, die Wirk­lich­keit zeigt sich sel­ten ein­deu­tig. Zum einen ist die Welt Claus Ulen­spie­gels im Wis­sen und Glau­ben ihrer Zeit ver­haf­tet, fort­schritt­li­che Mei­nun­gen kom­men bei sei­ner Ankla­ge zwar zu Wort, fin­den jedoch kein wohl­wol­len­des Gehör. Auch die Zau­ber, die Claus Ulen­spie­gel kennt, blei­ben ambi­va­lent, denn wenn die­se ver­sa­gen, fin­det sich zumeist eine Alter­na­tiv­erklä­rung dafür, sodass nicht abschlie­ßend geklärt wer­den kann, ob in der Welt Tyll Ulen­spiegls Zau­ber und Magie einen Platz haben; im Aber­glau­ben der Zeit hat­ten sie ihn jedenfalls.

Auch die letz­ten Wor­te und Gedan­ken des Win­ter­kö­nigs blei­ben in der Schwe­be. Denn wäh­rend der letz­ten Nach­richt, die er sei­ner Frau Liz zukom­men las­sen will, fällt ihm das kla­re Den­ken nicht mehr leicht. 

»Er konn­te nur hof­fen, dass er alles, was wich­tig war, schon auf­ge­schrie­ben hatte.«

Dani­el Kehl­mann gelingt es in sei­nem Roman ›Tyll‹ ein geschick­tes Netz aus den Gegen­sät­zen der Zeit, zwi­schen Fort­schritt und Aber­glau­be, Humor und Tod, sowie Wirk­lich­keit und Schein-Wirk­lich­keit, zu knüp­fen. Doch alle Maschen sind stark und so behält ›Tyll‹, obwohl die Geschich­ten eini­ger Figu­ren zu Ende erzählt sind, Abschluss fin­den und Fra­gen geklärt wer­den, doch sei­ne Offenheit.

Fazit zu ›Tyll

Sel­ten hat ein Buch so stark dazu ein­ge­la­den, sich auf Per­spek­tiv­wech­sel und Ambi­va­len­zen ein­zu­las­sen. Wäh­rend die Spra­che klar und struk­tu­riert ist und so ein stim­mi­ges Gerüst bil­det, sind es die Gedan­ken­wel­ten der Figu­ren sel­ten. Und somit lässt Kehl­mann dem Leser genug Luft, sei­ne eige­nen Gedan­ken in die­se seit Jahr­hun­der­ten ver­gan­ge­ne Zeit ein­zu­brin­gen. Nur, ob sie auf die rich­ti­ge Fähr­te füh­ren, bleibt abzu­war­ten. Auch die Roma­ne ›F‹ und ›Ruhm‹ des Autors kann ich emp­feh­len, obwohl sie kei­ne his­to­ri­sche Kom­po­nen­te haben.

Buchinfo

Dani­el Kehl­mann:
Tyll
Rowohlt Ver­lag, Rein­bek bei Ham­burg 2018
480 S., EUR (D) 22,95 inkl. MwSt.
Roman, gebun­den
ISBN 978−3−498−03567−9

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Das hier dar­ge­stell­te Cover und die ange­ge­be­ne Aus­ga­be sowie die Anga­ben zum Buch kön­nen von den der­zeit erhält­li­chen Aus­ga­ben abweichen.


Bewer­tung: 6 von 5.


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