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Julia Dippel: Belial [Rezension]

Julia Dippel: Belial [Rezension]

Eine Wette zwischen Göttern und ein Mädchen, das sich diesen nicht beugt. 

Die jun­ge Tem­pel­die­ne­rin Cas­sia hat­te defi­ni­tiv nicht geplant, zum Gegen­stand einer Wet­te zwi­schen Göt­tern zu wer­den. Vor allem nicht, wenn es sich dabei um den grau­sa­men und sadis­ti­schen Dämon Ianus und den Teu­fel Beli­al höchst­per­sön­lich han­delt. Auch dann nicht, wenn der Teu­fel äußerst attrak­tiv und char­mant ist. 

Doch Cas­sia ver­folgt eige­ne Zie­le. Sie weiß genau, wer dafür ver­ant­wort­lich ist, dass immer wie­der Frau­en aus dem Tem­pel ver­schwin­den, in dem sie lebt. Ianus‘ Grau­sam­keit ist bekannt, doch bis­lang konn­te ihm nie etwas nach­ge­wie­sen werden. 

Als Cas­sia die Gele­gen­heit bekommt, Ianus zu Fall zu brin­gen, sagt sie nicht nein. Sie ist bereit, sich als Skla­vin an ihn ver­kau­fen zu las­sen, um nach einem Beweis für sei­ne Ver­bre­chen suchen zu kön­nen und zu erfah­ren, was mit ihrer Freun­din Daph­ne gesche­hen ist.

»Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl … sonst nichts. Mir wur­de die Keh­le eng. Man hat­te Daph­nes Hab­se­lig­kei­ten bereits weg­ge­bracht und trotz­dem schweb­te die Erin­ne­rung an die jun­ge Pries­te­rin noch immer in die­sen vier Wänden.«

Doch Cas­sia ist nicht die ein­zi­ge, die eine Rech­nung mit Ianus offen hat. Auch der Teu­fel Beli­al ist kein Fan von Ianus. In Ianus‘ Besitz befin­det sich jedoch etwas, das Beli­al unbe­dingt zurück­will: sein Hei­mat­land Mal­ta. Um Mal­ta zurück­zu­be­kom­men, lässt Beli­al sich auf eine Wet­te mit Ianus ein. Wenn Cas­sia ihm inner­halb von fünf Tagen frei­wil­lig ihre See­le ver­spricht, gehört Mal­ta wie­der Beli­al. Wenn nicht, muss er das Knie vor Ianus beugen. 

Aber Cas­sia hat defi­ni­tiv nicht vor, irgend­je­man­dem ihre See­le zu schen­ken, vor allem kei­nen Dämon. Den­noch lie­fert ihr die Wet­te die Gele­gen­heit, an Ianus heranzukommen.

»Die Eisen­ket­ten an mei­nen Hand­ge­len­ken fühl­ten sich inzwi­schen nach einer rich­tig mie­sen Fehl­ent­schei­dung an. Anfangs waren sie nur ein nöti­ges Requi­sit gewe­sen, um unse­re Geschich­te glaub­haft zu machen, doch hier in den Höh­len schie­nen die Ket­ten mit jedem Schritt schwe­rer und schwe­rer zu wer­den. Mei­ne Instink­te rie­ten mir laut­stark zur Flucht.«

Doch ihr wird schnell bewusst, dass ihre Auf­ga­be nicht so leicht wird, wie sie es sich gewünscht hät­te. Ianus hütet sei­ne Geheim­nis­se gut und Beli­al lässt sie kaum einen Moment aus den Augen. Zusätz­lich läuft sie stän­dig Gefahr, von Ianus erwischt und getö­tet zu werden.

Cas­sia hat jedoch einen Vor­teil: Sie wird von den Göt­tern unter­schätzt. Sie wis­sen nicht von ihrer Gabe, die sie immun gegen man­che Kräf­te der Dämo­nen macht und kann nicht durch Illu­sio­nen getäuscht werden.

»Ich sah die Din­ge, wie sie waren und nicht, wie die Dämo­nen sie erschei­nen lie­ßen. Mei­ne Fähig­kei­ten mach­ten mich zu einer sel­te­nen Ano­ma­lie und zum per­fek­ten Wach­hund für Lucusta.«

Beli­al‹ wird abwech­seln aus zwei Per­spek­ti­ven erzählt. Zum einen aus Cas­si­as Per­spek­ti­ve, die den Dämo­nen zutiefst miss­trau. Zum ande­ren aus Beli­als Per­spek­ti­ve, die Ianus zwar eben­so sehr hasst wie Cas­sia, jedoch auf sein Hei­mat­land nicht ver­zich­ten will. In einem Gemisch aus Mani­pu­la­tio­nen, Täu­schung und Ver­füh­rung kom­men sich Cas­sia und Beli­al näher. Bei­de müs­sen erfah­ren, dass sowohl Men­schen als auch Dämo­nen anders sein kön­nen, als sie es sich vor­ge­stellt haben.

Julia Dip­pels neu­er Roman aus den Iza­ra-Chro­ni­ken ist von der ers­ten bis zu letz­ten Sei­te span­nend. Beli­al ist char­mant, mäch­tig und sehr, sehr arro­gant. Cas­sia hin­ge­gen ist klug, mutig und eine Über­le­bens­künst­le­rin. Mit Grim ist Dip­pel eine wun­der­ba­re Neben­fi­gur gelun­gen, die man durch ihre rup­pi­ge und ehr­li­che Art ein­fach mögen muss.

Fazit zu ›Belial‹

Beli­al‹ kann defi­ni­tiv gele­sen wer­den, ohne das man die Iza­ra-Chro­ni­ken bereits gele­sen hat, da es zeit­lich vor die­sen ange­sie­delt ist. Es ist eine lie­be­voll aus­ge­ar­bei­te­te Geschich­te über eine Wet­te, einen gefähr­li­chen Dämon und Cas­sia und Beli­al, auf die im Rom der Ver­gan­gen­heit jede Men­ge Über­ra­schun­gen und Her­aus­for­de­run­gen war­ten. Zugleich endet ›Beli­al‹ mit einem Cliff­han­ger, der defi­ni­tiv nach der Fort­set­zung schreit. Ich bin jeden­falls gespannt, wie es wei­ter­ge­hen wird. Wer ›Beli­al‹ moch­te, wird ver­mut­lich auch ›Cas­sar­dim 1‹ sehr mögen. 

Buchinfo

Julia Dip­pel:
Beli­al

Göt­ter­krieg – Aus den Iza­ra-Chro­ni­ken
(Iza­ra, Band 5)
Unge­kürz­te Lesung mit Sven Macht und Jodie Ahl­born
Sil­ber­fisch, Ham­burg 2021
679 Minu­ten Lauf­zeit, EUR (D) 24,95 inkl. MwSt.
Ab 13 Jah­ren
ISBN 978−3−8449−2739−9

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Doris Dörrie: Einladung zum Schreiben [Rezension]

50 Kapitel voller Schreibideen. 

Nicht nur für jene, die bereits Doris Dör­ries Buch ›Leben, Schrei­ben, Atmen‹ gele­sen haben, könn­te ihr neu­es Buch ›Ein­la­dung zum Schrei­ben‹ inter­es­sant sein. Auch für Dör­rie-Neu­lin­ge trifft dies zu.

Wäh­rend in ›Leben, Schrei­ben, Atmen‹ neben Ermun­te­run­gen zum Schrei­ben auch für das Erleb­te der Autorin Platz war, kon­zen­triert sich ›Ein­la­dung zum Schrei­ben‹ auf das eige­ne Schreiben.

In ihrem Buch lei­tet Dör­rie in 50 Kapi­teln mit den unter­schied­lichs­ten Schreib­im­pul­sen zum Schrei­ben an. Ob über Gum­mi­bär­chen, Löwen­zahn oder die Dun­kel­heit – bei der Viel­falt an Schrei­b­ideen ist sicher­lich für jeden etwas dabei. Dabei ist ›Ein­la­dung zum Schrei­ben‹ in ers­ter Linie kein Buch über das Schrei­ben, son­dern wie der Unter­ti­tel Schreib­jour­nal bereits ver­rät, ein Buch für das eige­ne Schrei­ben. Neben einer etwa halb­sei­ti­gen Ein­füh­rung sind in jedem Kapi­tel meh­re­re Sei­ten dafür vor­ge­se­hen, dass die Lesen­den die­se selbst fül­len können. 

»Ich schrei­be, um einen Sinn zu fin­den, obwohl es am Ende wahr­schein­lich kei­nen gibt. Schrei­bend erin­ne­re ich mich an mich selbst. Schrei­bend erfor­sche ich die Welt.«

Wer sich jede Woche ein ande­res Kapi­tel aus ›Ein­la­dung zum Schrei­ben‹ vor­nimmt, wird somit fast ein Jahr von Dör­ries Buch beglei­tet und zum Schrei­ben angeregt.

Dabei sind Dör­ries Regeln für das Schrei­ben, die sich an nicht mal zwei Hän­den abzäh­len las­sen, denk­bar leicht zu ver­ste­hen und dabei super effek­tiv. Allen vor­an die Auf­for­de­rung, eine bestimm­te Zeit am Stück zu schrei­ben und sich dabei weder zu unter­bre­chen noch zu bewerten.

»Wenn man schreibt, schreibt man immer über sich selbst. Schrei­bend hal­te ich mich am Leben und über­le­be. Jeden Tag wieder.«

Ein­la­dung zum Schrei­ben‹ ist eine Art geschütz­ter Raum für das eige­ne Schrei­ben. Auch vor der stän­di­gen Selbst­be­wer­tung und Selbst­ab­wer­tung will es durch sei­ne Regeln bewah­ren und somit dem Unge­schrie­be­nem die Chan­ce geben, end­lich geschrie­ben zu werden. 

»Und so ist dies also eine wei­te­re Ein­la­dung, die Schatz­kis­te der eige­nen Erin­ne­run­gen zu öff­nen und zu begrei­fen, dass nie­mand sonst auf der Welt genau die­sen Schatz besitzt, ihn her­vor­zu­ho­len, abzu­stau­ben und zu beschreiben.«

Obwohl ›Ein­la­dung zum Schrei­ben‹ nicht nur für Fans von Dör­ries Buch ›Leben, Schrei­ben, Atmen‹ zu emp­feh­len ist, kann die­ses ger­ne zusätz­lich gele­sen wer­den. Die­ses ist aus­führ­li­cher und kann dadurch einen zusätz­li­chen Moti­va­ti­ons­schub schenken.

Fazit zu ›Einladung zum Schreiben‹

Da ich bereits ›Leben, Schrei­ben, Atmen‹ super und sehr inspi­rie­rend und moti­vie­rend fand, wuss­te ich, dass ich ›Ein­la­dung zum Schrei­ben‹ unbe­dingt lesen muss. Ich mag Dör­ries ent­spann­ten und wert­neu­tra­len Ansatz, der ermun­tert und anregt. Beim Kauf von ›Ein­la­dung zum Schrei­ben‹ soll­te jedoch klar sein, dass es sich dabei nicht um ein Buch im klas­si­schen Sin­ne, son­dern um ein Schreib­jour­nal han­delt. Dies bedeu­tet, dass die frei­en Sei­ten zum Selbst­aus­fül­len im Buch die Mehr­zahl aus­ma­chen. Denn genau dar­um geht es dar­in: selbst ins Schrei­ben zu kommen.

Buchinfo

Doris Dör­rie:
Ein­la­dung zum Schrei­ben

Ein Schreib­jour­nal nach dem Best­sel­ler Leben, Schrei­ben, Atmen
Hard­co­ver Lei­nen
Dio­ge­nes, Zürich 2021
224 S., EUR (D) 16,- inkl. MwSt.
ISBN 978−3−257−07110−8

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Klassiker, die mich überrascht haben [Buchwelt]

Drei Klassiker, die mich wirklich überrascht haben. 

Es gibt mitt­ler­wei­le so vie­le Adap­tio­nen von Klas­si­kern, sei es als Film, Serie, Game, in Lie­dern oder Thea­ter­stü­cken. Viel­fach wur­den die gro­ßen Figu­ren und mons­trö­sen Gestal­ten als Haupt- oder Neben­cha­rak­te­re für ande­re Bücher oder Fil­me ver­wen­det. So trifft man in dem Film ›Die Liga der außer­ge­wöhn­li­chen Gen­tle­men‹ auf Dori­an Gray oder in der Serie ›Once Upon a Time – Es war ein­mal‹ auf eine gan­ze Rei­he bekann­ter Gestal­ten, unter ihnen Dr. Fran­ken­stein. Auch Jane Aus­tens Roma­ne erfreu­en sich zahl­rei­cher Adaptionen.

So hat selbst jemand, der die Klas­si­ker nicht gele­sen hat, oft eine bestimm­te Vor­stel­lung von einer Figur oder von der Geschich­te, die sie umgibt. Je nach­dem, wel­che Umsetzung(en) man gese­hen oder gehört hat, ist die­se Vor­stel­lung nah am Ori­gi­nal – oder auch ziem­lich weit weg.

Ich selbst lese sehr ger­ne Klas­si­ker. Oft waren sie für ihre Zeit sehr wich­tig, haben viel­leicht etwas Neu­es in die Lite­ra­tur gebracht oder für das brei­te Publi­kum greif­bar gemacht. Über die Jah­re hat sich gewis­ser­ma­ßen vor­se­lek­tiert, was den Sta­tus als Klas­si­ker erhal­ten hat und damit gleich­falls erhal­ten geblie­ben ist und was nicht. Das muss nicht immer unum­strit­ten sein.

Im Anschluss will ich euch mei­ne Top 3 der Klas­si­ker vor­stel­len, von denen ich vor dem Lesen eine bestimm­te Vor­stel­lung hat­te und beim Lesen dann gemerkt habe, dass ich mei­len­weit davon ent­fernt war. Also Trom­mel­wir­bel für die drei Klas­si­ker, die mich am meis­ten über­rascht haben.

Platz 3 – Theodor Storm: Ein Doppelgänger

Ein Dop­pel­gän­ger‹ war die ers­te Novel­le von Theo­dor Storm, die ich jemals gele­sen habe. Mei­ne Erwar­tun­gen waren gemischt. Ver­knüpf­te ich Storm bis­lang mit »Von drauß vom Wal­de komm’ ich her; / Ich muß euch sagen, es weih­nach­tet sehr!«, änder­te sich dies schlag­ar­tig. Obwohl ich auf die­se Novel­le in einem Semi­nar über ›Kri­mi­na­li­tät in der Lite­ra­tur‹ stieß, hat die Geschich­te um den Ex-Zucht­häus­ler John Han­sen mich tief berührt. Das Tau­meln und Strau­cheln eines Man­nes, der ver­sucht mehr zu sein, als die Stra­fe, die er in jün­ge­ren Jah­ren bekom­men hat. Sei­ne Geschich­te ist nicht hei­ter, sie ist ohne Gna­de und bewe­gend. Eine kur­ze Geschich­te, die mir vie­le, vie­le Stun­den des und dar­über Redens geschenkt hat.


Platz 2 – Friedrich Dürrenmatt: Romulus der Große

Inzwi­schen habe ich eini­ge Bücher von Dür­ren­matt gele­sen und weiß, dass mich ver­mut­lich jedes sei­ner Bücher so über­rascht hät­te. In mei­nem Fall war das ers­te Buch von ihm, das ich je las, ›Romu­lus der Gro­ße‹. Kurz dar­auf folg­te ›Der Besuch der alten Dame‹. Es gibt vie­le Arten eine Geschich­te zu erzäh­len. In den meis­ten Büchern ver­wen­den die Prot­ago­nis­ten sehr viel Zeit und Ener­gie dar­auf, einen für sie und ihre Liebs­ten posi­ti­ven Aus­gang zu errei­chen. Die Hel­den und Hel­din­nen haben ein Ziel, Stei­ne wer­den ihnen in den Weg gelegt, und oft schaf­fen sie es.

Dür­ren­matts Erzähl­stra­te­gie klingt anders: »Eine Geschich­te ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst­mög­li­che Wen­dung genom­men hat.« Und obwohl Dür­ren­matts Dra­men somit mit mei­nen Erwar­tun­gen gebro­chen haben, fühlt sich ihr Aus­gang inner­halb der Geschich­te kon­se­quent an.


Platz 1 – Mary W. Shelley: Frankenstein

Mei­ne Erwar­tun­gen an ›Fran­ken­stein‹ waren nicht sehr gnä­dig. Erwar­tet hat­te ich ein blut­rüns­ti­ges Mons­ter vol­ler Kraft und Schrau­ben, das nicht weit den­ken kann, viel­leicht nicht ein­mal den eige­nen Namen aus­spre­chen. Kraft hat Fran­ken­steins Mons­ter. Auch Blut fließt in so man­cher Sze­ne. Aber mehr stimm­te nicht mit mei­ner Vor­stel­lung überein.

Fran­ken­stein‹ ist ein Brief­ro­man. Geschrie­ben von einer jun­gen Frau, die bei der Erschei­nung des Buches kaum zwan­zig Jah­re jung war. Und Fran­ken­steins Mons­ter ist alles ande­re als dumm. Es lernt, ver­sucht sich die Welt, die Men­schen und sich selbst zu erklä­ren. Da sein Erschaf­fer ihn schon bei der ›Geburt‹ ver­lässt und Men­schen nicht gnä­dig auf sein mons­trö­ses Äuße­res reagie­ren, ist dies auch der ein­zi­ge Weg, den er hat, um zu ler­nen. Er beob­ach­tet im Gehei­men, bringt sich so die Spra­che der Men­schen bei, und könn­te sicher­lich sei­nen eige­nen Namen feh­ler­frei aus­spre­chen, wenn man ihm einen gege­ben hät­te. Doch sein Schöp­fer, Dr. Fran­ken­stein, gewähr­te ihm kei­nen. Die Gedan­ken­welt des Mons­ters und die anschei­nen­de Nor­ma­li­tät der Men­schen prä­gen den Roman. Wie wird man zum Mons­ter und wie zum Mann? Durch Taten oder kör­per­li­che Mons­tro­si­tät? Mehr dazu war­tet in Mary Shel­ley Klas­si­ker ›Fran­ken­stein‹, erschie­nen unter ande­rem im Fischer-Ver­lag.

Wel­cher Klas­si­ker hat Dich bis­lang am meis­ten überrascht?



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Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame [Rezension]

Die Sünden der Vergangenheit. 

Wer sich nicht unbe­dingt freut, dem Ex-Freund oder der Ex-Freun­din über den Weg zu lau­fen, der wird mit Alfred Ill in ›Der Besuch der alten Dame‹ mit­füh­len kön­nen. Vor allem, wenn der oder die Ex in der Zwi­schen­zeit stein­reich gewor­den ist und man selbst kei­nen so luxu­riö­sen Wer­de­gang vor­wei­sen kann. 

Der Ort Gül­len, in dem Alfred Ill lebt, ist wirt­schaft­lich am Ende. Doch die Bewoh­ner sind über­zeugt, dass finan­zi­el­le Hil­fe von Alfreds Ex-Freun­din, die in ihren jun­gen Jah­ren eben­falls im Ort gelebt hat, aus­rei­chen wür­de, um wie­der in Schwung zu kommen. 

Und klingt es dabei nicht nach einer guten Idee, dass Alfred sei­ne ehe­ma­li­ge Ver­bun­den­heit zu Clai­re nutzt – immer­hin ist die Tren­nung lan­ge her –, um die Mög­lich­keit auf das Geld zu steigern?

»Vom Städt­chen her der Bür­ger­meis­ter, der Leh­rer, der Pfar­rer und Ill, ein Mann von fast fünf­und­sech­zig Jah­ren, alle schä­big gekleidet.«

Bei ihren Plä­nen schei­nen die Damen und Her­ren von Gül­len jedoch nicht bedacht zu haben, dass die nun rei­che Clai­re Zachanas­si­an ihren Geburts­ort damals nicht ohne Grund ver­las­sen hat.

Und wäh­ren die Bewoh­ner von Gül­len sich durch Clai­re finan­zi­el­le Mit­tel erhof­fen, hat Clai­re eige­ne Vor­stel­lun­gen davon, wie der Ort wie­der blü­hen könn­te. Die Bewoh­ner von Gül­len müs­sen sich in ›Der Besuch der alten Dame‹ der Ent­schei­dung stel­len, wie weit sie bereit sind zu gehen.

»Du woll­test, daß die Zeit auf­ge­ho­ben wür­de, eben, im Wald unse­rer Jugend, voll von Ver­gäng­lich­keit. Nun habe ich sie auf­ge­ho­ben, und nun will ich Gerech­tig­keit, Gerech­tig­keit für eine Milliarde.«

Als Dür­ren­matt 1956 ›Der Besuch der alten Dame‹ ver­öf­fent­lich­te, selbst noch in sei­nen 30ern, war das Stück über­aus erfolg­reich. Mit dem Unter­ti­tel ›Tra­gi­sche Komö­die‹ ver­se­hen, ver­fügt es über bei­de Ele­men­te. Die Tra­gik, die sich in der Gestalt von Clai­res und Ills gemein­sa­mer Ver­gan­gen­heit über die Stadt legt, und nur für die bei­den wirk­lich begreif­bar scheint. Eine Komik, da die ande­ren Bewoh­ner Gül­lens, sich schon an den Gedan­ken einer Mil­li­ar­de zu gewöh­nen schei­nen, bevor die Vor­aus­set­zun­gen dafür geschaf­fen sind.

Wäh­rend die Lösung für Gül­len zu Beginn des Dra­mas ›Der Besuch der alten Dame‹ auf der Hand zu lie­gen scheint, wird bald deut­lich, dass der Ort nicht nur wirt­schaft­li­che Pro­ble­me hat. Dür­ren­matt denkt sei­ne Stü­cke und Geschich­ten strikt zu Ende. Die Wun­den und die Schuld sei­ner Cha­rak­te­re sit­zen tief.

Fazit zu ›Der Besuch der alten Dame

Dür­ren­matts Dra­men zeich­nen sich durch ori­gi­nel­le Ideen, Tie­fe und Kür­ze aus. Kaum ein Wort scheint belang­los, alles arbei­tet auf den Höhe­punkt zu. Auch 30 Jah­re nach dem Tod des Schrift­stel­lers über­zeu­gen sei­ne Stü­cke und soll­ten unbe­dingt gele­sen wer­den. Mehr zu Klas­si­kern fin­det sich in mei­nem Post ›Klas­si­ker, die mich wirk­lich über­rascht haben‹.

Buchinfo

Fried­rich Dür­ren­matt:
Der Besuch der alten Dame

Tra­gi­sche Komö­die
Dio­ge­nes, Zürich 1998 (1956)
160 S., EUR (D) 10,- inkl. MwSt.
Taschen­buch
ISBN 978−3−257−23045−1

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Doris Dörrie: Leben schreiben atmen [Rezension]

Von der Kunst, sich Zeit zu nehmen. 

Hast du als Kind gelo­gen? Hast du schon­mal etwas ver­lo­ren, oder jeman­den? Schrei­be über dein Eltern­haus, was ist noch da? So oder so ähn­lich lau­ten eini­ge der Fra­gen und Anre­gun­gen, die Doris Dör­rie in ihrem neu­en Buch ›Leben schrei­ben atmen‹ für den Leser bereithält. 

In 50 Kapi­teln, die zumeist nur weni­ge Sei­ten lang sind, begeg­nen ihnen die Lesen­den und mit ihnen der »Ein­la­dung zum Schrei­ben«. Dör­rie löst die­ses Ver­spre­chen ein, das der Unter­ti­tel des Buches gibt: Kaum hat man das Buch auf­ge­schla­gen, begeg­net man der ers­ten die­ser Fra­gen und Anre­gun­gen, die zum Schrei­ben inspirieren.

Doch Leben schrei­ben atmen ist kein Fron­tal­un­ter­richt, bei dem Dör­rie die Fra­gen dik­tiert und die Ler­nen­den brav eine Ant­wort geben sol­len. Viel­mehr erin­nert das Buch an einen Dia­log, denn noch bevor die Lesen­den die Fra­ge ken­nen­ler­nen, gibt die Autorin kur­ze Erzähl­pas­sa­gen von sich preis, die sich um die kom­men­de Fra­ge drehen.

»Mei­ne Erin­ne­run­gen ver­mi­schen sich mit dei­nen Erin­ne­run­gen.
Wenn ich über Ver­lo­re­nes schrei­be, erin­nerst du dich an Ver­lo­re­nes. Wenn ich über Gewon­ne­nes schrei­be, erin­nerst du dich an Gewon­ne­nes.
«

Leben schrei­ben atmen ist ein Ken­nen­ler­nen durch Schrei­ben und Geschrie­be­nes. Wäh­rend das Bild der Erzäh­le­rin durch ihre Erzähl­tex­te Kon­tur annimmt, wer­den die Lesen­den auch auf ihre eige­nen Kon­tu­ren sto­ßen und die­se neu abzu­tas­ten versuchen.

Doris Dör­rie gelingt es, ihren Lesern – wenn die­se sich auf ihre Ein­la­dung ein­las­sen und zu Schrei­ben­den wer­den –, mit einem uner­schöpf­li­chen Vor­rat an Geschich­ten ver­traut zu machen: Jene Geschich­ten, die der Mensch durch sei­ne Erleb­nis­se und Erin­ne­run­gen in sich trägt. Fra­gen, die zunächst leicht beant­wort­bar erschei­nen, ent­pup­pen sich als Gold­gru­ben. Denn Dör­ries Prin­zip, min­des­tens zehn Minu­ten am Stück zu schrei­ben, führt dazu, dass es bei der schnel­len Ant­wort auf eine Fra­ge nicht blei­ben kann, Asso­zia­tio­nen wer­den geweckt, der Lesen­de gräbt tie­fer nach einer Ant­wort und noch ehe er sich ver­sieht, ist die Ant­wort auf die Fra­ge weit grö­ßer gewor­den, als sie je aus­ge­se­hen hat. Und grö­ßer, als dass sie in zehn Minu­ten nie­der­zu­schrei­ben wäre.

»Erin­ne­run­gen auf­schrei­ben ist wie Per­len auf eine Ket­te auf­zie­hen. Eine nach der ande­ren. Nichts ist verloren.«

Einladung statt Anleitung

Wer sich auf Dör­ries Ein­la­dung zum Schrei­ben ein­lässt, lernt schnell, den eige­nen Kopf beim Schrei­ben nicht mehr als Geg­ner oder Blo­cka­de wahr­zu­neh­men, son­dern ihn zur Quel­le des­sen zu machen.

»Wenn wir dar­über nach­den­ken, was wir so den­ken, schä­men wir uns schnell. Und wenn wir uns schä­men, kön­nen wir schlecht schrei­ben. Wofür schä­men wir uns?«

Leben schrei­ben atmen ver­sucht nicht, letzt­gül­ti­ge Regeln dar­über fest­zu­le­gen, wie geschrie­ben wer­den soll. Es belehrt nicht und kann den­noch eine gro­ße Wir­kung auf sei­ne Leser und Lese­rin­nen ent­fal­ten: Dör­ries Fra­gen inspi­rie­ren, sie regen an und hel­fen, sich selbst zum Schrei­ben zu verhelfen.

Doris Dör­ries neu­es Werk ist kein Buch, das am Stück gele­sen wer­den soll, um dann in den Untie­fen des Bücher­re­gals neben dicken Wör­ter­bü­chern zu ver­schwin­den. Viel­mehr kann es immer wie­der her­vor­ge­zo­gen wer­den, um erneut zum Schrei­ben einzuladen.

Fazit zu ›Leben schreiben atmen

Wer nach kla­ren Vor­ga­ben sucht, wie geschrie­ben wer­den soll, wird bei Dör­rie nicht fün­dig. Doch was sich durch das Buch zieht, ist die Auf­for­de­rung, das geschrie­ben wer­den soll, am bes­ten täg­lich, min­des­tens zehn Minu­ten. Wer ler­nen will, im eige­nen Kopf einen Weg zu pflas­tern, der zu einem Quell an Inspi­ra­ti­on führt, soll­te Leben schrei­ben atmen in sei­nen Werk­zeug­kas­ten packen, denn man­che Ein­la­dun­gen soll­te man nicht ausschlagen.

Buchinfo

Doris Dör­rie:
Leben, schrei­ben, atmen

Eine Ein­la­dung zum Schrei­ben
Dio­ge­nes, Zürich 2019
288 S., EUR (D) 18,- inkl. MwSt.
Hard­co­ver, Lei­nen, im Schutz­um­schlag
ISBN 978−3−257−07069−9

Lust bekom­men?

Das hier dar­ge­stell­te Cover und die ange­ge­be­ne Aus­ga­be sowie die Anga­ben zum Buch kön­nen von den der­zeit erhält­li­chen Aus­ga­ben abweichen.


Bewer­tung: 4.5 von 5.


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