Mary Shelley: Frankenstein [Rezension]

Von einem Monster ohne Namen und einem Mann.

Als Mary Wollstonecraft Shelley ihren Roman ›Frankenstein oder Der moderne Prometheus‹ schrieb, war sie kaum 20 Jahre alt.

200 Jahre sind vergangen, doch Frankenstein scheint nicht in Vergessenheit geraten zu sein.

Mary Shelleys Debütroman erzählt die Geschichte des jungen Wissenschaftlers Viktor Frankenstein und seines Monsters. Aus den Leichenteilen verschiedener Verstorbener sucht sich Frankenstein die Teile für den Menschen zusammen, den er erschaffen will, wie Prometheus der Sage nach einst den Menschen erschuf.

Doch Viktor Frankenstein verwendet für die Erschaffung seines Menschen keine durchschnittlichen Leichenteile.

»Da die Feinheit der einzelnen Teile lange Zeit zu ihrer Nachbildung erfordert hätte, beschloß ich, entgegen meiner ursprünglichen Absicht, dem Wesen eine gigantische Statur zu geben.«

Und mit dieser Entscheidung nimmt der Roman den Verlauf hin zu jener Schreckensfigur, die auch heute noch aus zahlreichen Gruselfilmen bekannt ist. Frankenstein wollte einen Menschen erschaffen, doch erschuf er etwas, dessen Aussehen Grauen und Abscheu in den Menschen hervorrief.

Frankensteins Vorhaben glückt. Doch er kann seinen Erfolg nicht genießen. Ihm graut vor dem, was er geschaffen hat.

»Und da – da stand im bleichen, gelblichen Lichte des Mondes, das durch die Fenstervorhänge drang, das Ungeheuer, das ich geschaffen hatte.«

Viktor Frankenstein flieht, als sein Monster zum Leben erwacht. Und ab diesem Moment erinnert nur noch wenig im Roman an die zum Klischee verkommene Frankensteins Monster-Gestalt vieler Filme.

Frankensteins Leben wird sich von diesem Moment an verändern, Tote begleiten von nun an seinen Weg. Doch sind die Treffen von Frankenstein und seinem Monster im Roman hingegen zumeist von Gesprächen begleitet, deren Substanz sowohl über das junge Alter der Autorin als auch über das Innenleben des Monsters staunen lässt.

Denn bevor Frankensteins Ungeheuer in die Fußstapfen des Monsters tritt, und sich dem nähern wird, was Viktor Frankenstein und seine Zeitgenossen bereits von Geburt an in ihm sehen, ist er eine Kreatur, die sich ein Leben zu gestalten sucht. Doch da Frankenstein noch vor einem ersten Gespräch vor ihm flieht, muss das Monster sich allein in der Welt zurechtfinden, es muss lernen, wie die Menschen sind und wie sie sprechen.

»Alle Menschen verfolgen mich mit ihrem Haß. Und warum muß ich gerade so gehaßt werden, der ich doch selbst so über alle Maßen elend bin?«

Doch da das Monster bei den Menschen keinen Platz finden kann, die es wegen seiner monströsen Gestalt ablehnen, wünscht er sich von Viktor Frankenstein, dass er ihm eine Frau erschaffen soll: Das Monster will nicht allein sein. Doch Viktor lehnt ab.

Und da Viktor nicht bereit ist, seinem Monster ein Leben in Zweisamkeit und mit potenziellen Nachkommen zu gewähren, lässt das Monster ein solches Leben auch für Viktor Frankenstein nicht mehr zu. Die beiden Geschöpfe werden einander ähnlich in ihrem Los, auf sich allein gestellt zu sein und während sie sich aneinander annähern, ist auch Frankensteins Name im heutigen Austausch auf das namenlose Monster übergegangen.

Lange hat ein Buch meine Erwartungen und Vorstellungen nicht mehr so stark überstiegen wie Marry Shelleys ›Frankenstein‹. Statt einen schaurigen Gruselroman, der über die Ebene des guten Doktors gegen ein böses Monster nicht hinauskommt, stieß ich auf einen Roman, der sich mit dem Menschlichen in seiner Ursprünglichkeit befasste.

Auch heute lohnt es sich noch, diesen über 200 Jahre alten Roman zu lesen und Frankensteins Monster auf eine ganz neue Art kennenzulernen.

Buchinfo

Mary Shelley:
Frankenstein oder Der moderne Prometheus (1818)
Roman
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2009
224 S., EUR (D) 12,- inkl. MwSt.
Taschenbuch
ISBN 978-3-596-90187-6

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Bewertung: 6 von 5.

2 Kommentare zu „Mary Shelley: Frankenstein [Rezension]

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